Jesaja 61,1-3(4.9)10.11
Wenn Löwenzahn auf Asphalt wächst | 2. Sonntag nach dem Christfest | 4. Januar 2026 | Jes 61,1-3(4.9)10.11 | Barbara Signer |
Predigt: Predigttext: Jes 61,1-3(4.9)10.11
Liebe Brüder und liebe Schwestern
Ich schaue am Sonntagabend immer gerne den Weltspiegel. Anfang Dezember gab es da eine Reportage über eine syrische Familie zu sehen, die nach 10 Jahren Aufenthalt in Deutschland in ihre syrische Heimatstadt zurückkehrte. Der Vater versuchte, seine beiden Mädchen in einer Schule anzumelden. Dies erwies sich schwieriger als erwartet. Die erste, völlig überfüllte Schule lehnte ab, weil die Kinder Arabisch weder lesen noch schreiben konnten. Bei der zweiten Schule werden die Mädchen wohl aufgenommen. Negativpunkt hier: Die Schulzimmer sind leer: Es gibt keine Tafel, keine Stühle, keine Tische. Der Kommentar des älteren Mädchens war: „Ich find’s in Deutschland viel besser, aber es ist schon ok hier.“ und blickt dabei zweifelnd im leeren Schulzimmer herum. Mir ist beim Zuschauen fast das Herz gebrochen, als ich mir vorstellte, was diese Rückkehr in die Heimat für die beiden Mädchen bedeutet, welchen Kulturschock sie erleiden. Der arbeitsloser Vater ist überglücklich, wieder zuhause zu sein, und träumt davon, eine Fahrradwerkstatt zu eröffnen, doch die Familie wohnt in einem Haus, bei dem noch Fenster und Türen fehlen. Die Kinder streifen auf der Suche nach Spielkameraden durch die Trümmerwüste ihres Wohnquartiers. Der jüngere Bruder ist todunglücklich: Er war in Deutschland begeisterter Angler, ein Hobby, das er im syrischen Klima wohl kaum noch ausüben kann. Die Mutter der Familie meint nur tapfer, am Anfang sei alles schwer, aber es werde schon ok sein.
Warum erzähle ich Ihnen das? Ich glaube, es hilft uns zu verstehen, in welche Situation hinein unser Predigttext spricht. Nachdem der persische König Kyros II. das babylonische Reich erobert hatte, durften alle, die von den Babyloniern verschleppt worden waren, wieder in ihre Heimat zurückkehren. Ein Teil der Juden ergriff diese Gelegenheit, um nach Hause zu gelangen. Aber das Leben in Jerusalem entsprach nicht den Vorstellungen der Exiljuden: Es war kärglich, Stadt und Tempel lag noch in Trümmern. Die Menschen, die vor gut drei Generationen im Land verblieben waren, waren meistens einfache Menschen, die die Last der Tributzahlungen getragen hatten. Sie empfanden die Rückkehrer, ursprünglich Angehörige der politischen und gesellschaftlichen Elite, als Fremde, die sich nun quasi in ihrer inneren Angelegenheiten einmischten. Politische und soziale Auseinandersetzungen waren die Folge und die politischen Führung wurde ihrer Aufgabe nicht gerecht.
In diese Situation hinein spricht Jesaja, wenn er sagt: Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir. Denn der HERR hat mich gesalbt, um den Elenden frohe Botschaft zu bringen, er hat mich gesandt. Als Erstes müssen wir uns fragen, wer dieses ich ist. Darüber streitet sich allerdings die Forschung. Im ersten Moment denkt man natürlich an den Propheten selbst, denn er ist ja gekommen, um eine Botschaft zu bringen. Es scheint nun aber eine ganz spezielle Person zu sein, die hier spricht, denn sie sagt über sich selbst, dass sie den Geist Gottes besitze und gesalbt worden sei. Das sind zwei Eigenschaften, die wir auch aus anderen Stellen der hebräischen Bibel kennen. Die Geistbegabung war ursprünglich mit den Rettergestalten im Richterbuch verbunden, die quasi temporär von Gott auserkoren wurden, um mit seiner Hilfe eine akute Krise zu meistern. In späterer Zeit wurde die Geistbegabung zu einer Eigenschaft des Königs. Ebenso hatte die Salbung ihren Ursprung im Königtum. Nicht nur der König selbst wurde gesalbt, sondern auch Gesandten und Boten, die er auf diplomatische Mission schickte. Die Salbung eines Boten, des Maschiach, bewirkte, dass er an Stelle seines Herrn sprechen konnte. Was er sagte, war auch des Königs Wort. Wir sehen also, dass sich in diesem ich sowohl prophetische als auch messianische Züge vereinen.
Deshalb wird dieser Vers auch sehr oft mit dem ersten Gottesknechtlied in Kapitel 42 in Verbindung gebracht, das in christlicher Tradition auf Jesus bezogen wird. Wenn dieses ich davon spricht, dass er gesandt wurde, um den Elenden die frohe Botschaft zu bringen, denken wir als Christen sofort an Jesus und seine Botschaft. Mit diesen Elenden sind aber nicht nur materiell Arme gemeint, sondern auch jene, die die in religiöser Hinsicht Not leiden und alles nur noch auf Gott setzen, so wie wir es aus der ersten Seligpreisung der Bergpredigt kennen: Selig die Armen im Geist – ihnen gehört das Himmelreich. (Mt 5,3).[1]
Was ist nun aber der Auftrag des Gesandten in Jesaja? Sieben Dinge sind ihm aufgetragen worden, wobei die Sieben als Zahl die Vollendung symbolisiert: Er soll den Elenden nicht nur die frohe Botschaft bringen, sondern auch gebrochene Herzen heilen. Dabei geht es wohl eher nicht um Liebeskummer als um Verlust und Zerstörung, um die Art Kummer, welche die Menschen Kalifornier vor gut einem Jahr empfanden, als sie die rauchenden Trümmer ihrer abgebrannten Häuser standen. Oder ukrainische Zivilisten, die nach einer Bombennacht in ihr Heim zurückkehren und nur noch rauchende Ruinen vorfinden. Das Kaffeeservice von der Urgrossmutter ist zerstört, der Teddybär verschwunden und alle Fotos verbrannt. Nichts ist mehr so, wie es war. Empfindsamen Seelen kann das durchaus das Herz brechen.
Diese unglücklichen Menschen zu heilen, gehört zur Aufgabe des Gesandten in unserem Predigttext, aber es gibt noch mehr. Er soll die Gefesselten befreien und ein Jahr des Wohlwollens ausrufen. Bei Ersterem denken wir wohl als Erstes an die Befreiung aus dem Exil, was auch durchaus eine Bedeutung sein kann. Das Jahr des Wohlwollens weckt Erinnerungen an das Jobeljahr (Lev 25,10-13), das alle 50 Jahre ausgerufen werden soll, damit sich alle, die sich in Schuldsklaverei geben mussten, wieder freigelassen werden und nach Hause zurückkehren können. Es geht dabei also darum, die ursprünglichen Verhältnisse wieder herzustellen. Man kann sich das vielleicht als Reset-Taste vorstellen oder wie es bei den elektronischen Geräten manchmal auch heisst: auf Werkseinstellungen zurücksetzen. Alle Menschen soll wieder die gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten erhalten, ihr Leben zu meistern. Vielleicht nicken Sie jetzt zustimmend, denn das ist ja nur gerecht. Was würde das denn für uns bedeuten? Wenn die ganzen Ressourcen und Eigentumsverhältnisse wieder auf Null zurückgesetzt würden? Ich glaube, wir in der sogenannten Ersten Welt würden ziemlich auf die Welt kommen, wie man so schön sagt. Wenn wir auf einmal nicht mehr freien Zugriff auf die Ressourcen dieser Welt hätten, würde unser Wirtschafts- und Sozialsystem doch ordentlich durchgeschüttelt werden. Die Lieferengpässe während der Pandemie haben uns das vor Augen geführt. Und so drehen sich die meisten aktuellen kriegerischen Auseinandersetzung im Grunde ja nur um den Zugang zu Ressourcen, sei es nun in der Ukraine oder in Venezuela oder in afrikanischen Ländern. Leider geht es dabei nicht um eine gerechte Verteilung, sondern um die Vorherrschaft.
Gleichzeitig mit dem Jobeljahr soll laut Jesaja aber auch ein Jahr der Vergeltung ausgerufen werden. Der hebräische Begriff für Vergeltung, der im Original verwendet wird, bedeutet nicht unkontrolliertes Wüten gegen andere, sondern das Wiederherstellen von gerechten Zuständen, damit Leben wieder aufblühen kann, damit das Leben für uns Menschen wieder lebenswert ist. [2] Es geht also nicht um Rache, sondern noch einmal um Gerechtigkeit.
Der messianische Propheten hat aber noch weitere Aufgaben. Die letzten drei Aufgaben dienen dazu, die Trauer der Bewohner Jerusalems zu beenden. Er ist gesandt, um alle Trauernden zu trösten, um dies bereitzustellen für die, die um Zion trauern: um ihnen einen Kopfschmuck zu geben statt Asche, Freudenöl statt Trauer, ein Gewand des Ruhms statt trüben Geists. Wir können hören, dass sich die Lebensumstände dramatisch ändern sollen! Asche als äusserliches Zeichen von Trauer und Erniedrigung soll durch einen Kopfschmuck ersetzt werden, worunter man sich eine Kopfbinde oder einen Turban vorzustellen hat, der während der Trauerzeit eben gerade nicht getragen wurde. Das Freudenöl könnte eine Anspielung auf den Brauch sein, nicht nur Könige und Priester zu salben, sondern auch einem Gast durch die Salbung mit wohlriechendem Öl eine besondere Ehrung zukommen zu lassen.[3] In einem Wort: Die Aufgabe des messianischen Propheten ist die grundlegende Verwandlung von Trauer zur Freude, einer Freude so gross, dass ich mich manchmal frage, ob wir das heute in der Schweiz überhaupt noch nachvollziehen können. Wenn ich manchmal auf Partys oder Feste gehe, sehe ich oft Menschen um mich, die übermässig essen oder trinken, aber Freude sehe ich nicht wirklich. Oft lesen wir ja auch in der Zeitung, dass es bei sogenannten Volksfesten zu Verwüstungen oder gar Verletzten gekommen ist.
Nun, die Freude in Jerusalem wird eine ganz andere sein. Ich fühle mich daran erinnert, dass uns die Evangelien berichten, wie Jesus mit Sündern isst und trinkt, also feiert. Es wird ihm und seinen Jüngern auch vorgeworfen, dass sie statt fasten Feste feiern. Auch das Fasten kann ja ein Ausdruck der Trauer sein. Jesus reagiert deutlich auf solche Vorwürfe, indem er sagt: Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? (Mt 9,15) Diese Aussage zeigt, dass Jesu Wirken als Zeit des Festes und der Freude gesehen wird. Deshalb können wir den messianischen Propheten aus unserem Predigttext aus christlicher Perspektive mit Jesus identifizieren.
Auch die Fortsetzung des Textes weist in diese Richtung: Wenn all das erledigt wurde, wozu der messianische Prophet gesandt wurde, wird Jerusalem wieder aufgebaut werden. Das ist die Prophezeiung des Verfassers dieser Zeilen: Wenn Gerechtigkeit wieder hergestellt ist, wenn alle Gefangenen und Sklaven freigelassen sind, wenn die Armen reich sind und die gebrochenen Herzen heil, wenn Trauer sich in Freude verwandelt hat, dann wird Jerusalem wieder aufgebaut werden. Und die Menschen, die dort leben, werden für alle klar erkennbar Menschen sein, die von Gott gesegnet sind. Da fühle ich mich natürlich an die Offenbarung des Johannes erinnert, wo es heisst: [Gott] wird abwischen jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein; denn was zuerst war, ist vergangen. (Off 21,4)
Die beiden letzen Verse unseres Predigttextes antworten auf die Prophezeiung. Sie sind ein Freudenhymnus, der von der Stadt Jerusalem gesungen wird, die hier als Person dargestellt wird: Wie werde ich mich freuen am HERRN! Meine Seele jauchze über meinen Gott, denn mit Gewändern des Heils hat er mich bekleidet, in den Mantel der Gerechtigkeit hüllt er mich, wie der Bräutigam nach Priesterart den Kopfschmuck trägt und wie die Braut sich schmückt mit ihrem Geschmeide. Auch hier finden wir wieder die Bilder von Braut und Bräutigam als Versinnbildlichung von Menschen, die im Zustand höchster Freude sind.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, wir stehen am Anfang eines neuen Jahres. Es legen nun fünf Jahre von Enttäuschungen hinter uns. Angefangen mit der Pandemie, an deren Folgen wir alle, Alt und Jung, noch zu knabbern haben; über den Krieg in der Ukraine, der sich praktisch zeitverzugslos an die Pandemie anschloss, und den Gazakrieg mit all seinem menschlichen Elend auf beiden Seiten. Schliesslich, was ich persönlich besonders schlimm finde, erleben wir zurzeit das Auseinanderbrechen des politischen Gefüges und unser gesellschaftlichen Werte mit. Mir scheint es, im Moment ist auf nichts und niemanden mehr Verlass. Die Welt der einen liegt materiell in Trümmern und die Welt der anderen droht ideell zu zerbrechen, was bestimmt auch materielle Folgen haben wird. In einer gewissen Weise leben auch wir gegenwärtig in einer Welt von enttäuschten Hoffnungen und zerbrochenen Träumen. Auch bei uns gibt es die Elenden, die Menschen mit gebrochenen Herzen, Menschen, die gefangen, gefesselt sind und auf Freilassung hoffen. Es ist bei uns vielleicht nicht so offensichtlich wie anderenorts, aber sie sind da, und mancheine:r unter uns zählt sich vielleicht dazu. Vertrauen wir doch darauf, dass die Prophezeiung Jesajas auch uns gilt, der messianische Prophet auch zu uns gesandt worden ist, uns zu heilen. Unser Predigttext verwendet das Bild des spriessenden Gartens als Sinnbild für diese Hoffnung. Hoffnung ist ja ein zartes Pflänzchen, aber auch ein zähes. Mir kommt bei solchen Gelegenheiten immer der Anfang einer Kindersendung in den Sinn. Da sieht man zu Beginn jeweils wie eine kleiner Löwenzahn sich durch den harten Asphalt der Strasse hindurch boxt, sich nach der Sonne reckt und immer grösser und stärker wird. Die Gartenbegeisterten unter uns wissen, wie zäh Löwenzahnpflanzen sind und wie tief ihre Wurzeln hinabreichen. Halten wir also an der Hoffnung fest, dass der messianische Prophet gekommen ist, auch uns zu befreien. Denn gekommen ist er. Wir haben in der Lesung aus dem Lukas-Evangelium gehört, wie Jesus in der Synagoge seiner Heimatstadt aus dem Buch Jesaja genau unseren Predigttext vorgelesen hat. Und danach heisst es: Und er tat das Buch zu, gab es dem Diener zurück und setzte sich. … Da begann er, zu ihnen zu sprechen: Heute ist dieses Schriftwort erfüllt – ihr habt es gehört. (Lk 4,21)
Amen!
Barbara Signer
St. Gallen
E-Mail: barbara.m.signer@gmx.ch
geb. 1963, Pfarrerin zu je 50% in der Kirchgemeinde Walzenhausen, Kanton Appenzell Ausserrhoden, und der Kirchgemeinde Unteres Rheintal Standort Rheineck, Kanton St. Gallen.
[1] Zapff, Burkhard M., Jesaja 55−66, Die neue Echter Bibel: Kommentar zum Alten Testament mit der Einheitsübersetzung, Würzburg 2006, S. 390.
[2] Zapff, S. 391.
[3] Zapff, S. 392.