Jesaja 66,10-13
Gott tröstet beziehungsreich | Laetare | 15.03.2026 | Jes 66,10-13 | Manfred Mielke |
Liebe Gemeinde,
ich bekomme einen Plastikbecher mit einer Kerze geschenkt. So eine Fürbitte-Kerze kaufe ich manchmal als Tourist, heute schenkt sie mir ein Tippelbruder. Er kam damals in großen Abständen, bat um Unterstützung und einen Schlafplatz. Zur Begrüßung schenkte er mir jedes Mal etwas; heute eine kleine Kerze. Dabei erzählt er, dass er die Nacht im Freien verbracht hat. Es ist Anfang Dezember, er hustet. Während er um Hilfe bittet, drehe ich den Becher um und lese auf der Unterseite: „Schmerzhafte Gottesmutter von Drolshagen“. (1) „Kompliment!“ sage ich: „35 km Fußmarsch!“ und male mir aus, wie er tags zuvor in der Kirche dort die Kerze in seinen Rucksack steckt, die er mir jetzt erwartungsvoll schenkt. Mich amüsiert sein Trick, eine Diakoniespende zu erlangen, aber noch mehr berührt mich, dass mir ein Obdachloser einen Wohnungsnachweis der Mutter Gottes schenkt. Maria hat also ganz in der Nähe ein Dach über dem Kopf und Licht und Wärme. Das ist für einen Obdachlosen eine ideale Oase. –
Dem Mann wird geholfen; mit gebrauchten Schuhen, Essen, Trinken und einem trockenen Platz im Geräteschuppen der Küsterin. Er wünscht sich zum Abschied etwas Lesbares, wir schenken ihm ein Heftchen mit dem Aufdruck: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (2) Denn im Laufe der Jahre hatte er uns auch von seiner Kindheit erzählt.
Irgendwann zünde ich das Gebets-Licht doch noch an. Ich denke an meine Eltern, an deren Entbehrungen zu meinen Gunsten, die Traurigkeiten meiner Mutter und die schönen Beispiele ihrer Mutterliebe. Die ungewöhnliche Kerze stimmt mich dankbar, doch was sagt der Bibelvers dem Obdachlosen? Als der alttestamentliche Prophet Jesaja von Gott sagte: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ – welche Erinnerungen rief er damit wach? Wie haben Frauen und Mütter der Bibel getröstet und wie wurden sie selbst getröstet? Und wie öffnen deren Leistungen unsern Blick für Gottes Trost?
Eva, die Urmutter des Lebens, muss wie gelähmt erleben, dass ihr Sohn Kain seinen Bruder Abel erschlägt. Mit welchem Trost ging Eva dann auf ihren Problem-Sohn zu? Oder hat sie sich selbst mitsamt ihres Mannes Adam getröstet mit ihrem dritten Kind, dem Seth?
Dann Hagar. Sie ist Sklavin des Erzvater Abraham. Weil seine Frau Sara kinderlos blieb, schickt die ihren Abraham zur Sklavin Hagar, damit er mit ihr einen Erben zeuge. Jahre später erzwingt Sara, dass er die Mutter mit Kind zum Verdursten in die Wüste jagt. Doch Gott rettet beide, und Hagar kann ihr dehydriertes Kind Ismael wieder zurück ins Leben trösten.
Dann Bathseba. Sie ist eine außereheliche Geliebte des Königs David. Als sie von ihm schwanger wird, lässt er ihren Ehemann töten. Der Prophet Nathan entlarvt ihn. Der namenlose Säugling stirbt noch im Wochenbett, David ist wochenlang untröstlich. Dass er dann Bathseba zu seiner achten Ehefrau machte, war ihr wohl nur ein schwacher Trost.
Dann Gomer – eine unbekannte Mutter in der Bibel. Sie arbeitet als Tempelprostituierte, als der Prophet Hosea sie heiratet – auf Gottes Befehl. Ihren drei Kindern muss sie himmelschreiende Namen geben, doch auch dadurch wird das Volk Israel nicht gottesfürchtiger. Welche inneren Kräfte bleiben einer Mutter, wenn ihre Mutterschaft zu fremden Zwecken benutzt wird?
Und die Mutter Jesu? Maria opfert sich auf, erträgt die barsche Art ihres Sohnes und erleidet seine Kreuzigung. Da Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, bekommt sie den Ehrentitel einer Gottesmutter. Als „Mater Dolorosa“, als Mutter der Schmerzen, betrauert sie den geschändeten Leichnam ihres Sohnes – auf ihren Knien. So wird sie in Holz geschnitzt zur „Pieta“ – in Drolshagen, Tschenstochau, in Lourdes und anderswo. Maria ist die Ungetröstete, die ihren Trost bereithält für jeden, der vorbeikommt.
Die Mütter der Bibel tragen ihre seelischen Verletzungen wie schwere Rucksäcke. Wenn sie trösten, dann tun sie es schon in ihrer eigenen Genesungszeit. Dabei geben sie ihr Können selbstbewusst weiter – von Gott als Quelle zum notleidenden Mitmenschen. Paulus sagt es für uns mit: „Gelobt sei Gott, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir andere trösten können mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“ (2Kor 1,3f)
Hinter den schmerzensreichen und troststarken Müttern und Vätern steht Gott. „Wenn Trost und Hilf ermangeln muss, die alle Welt erzeiget, so kommt, so hilft der Überfluss, der Schöpfer selbst, und neiget sich“ den Trostlosen zu. (3) Im Prophetenspruch „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ beschreibt Gott seine eigene Art, in Beziehung zu trösten. Dazu lässt er den Propheten Jesaja ausrufen: „Freut euch mit Jerusalem! … Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum! Denn so spricht der Herr: Seht her: … Ihre Kinder wird man auf den Armen tragen und auf den Knien schaukeln. Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost.“ (Jes 66, 10-13) – Trost und Freude, Hoffnung und Zuversicht – so vielfältig kündigt Gott seine Hilfe an, wobei doch die damaligen Zuhörerinnen und Zuhörer inmitten einer Ruinenlandschaft stehen. Ihre Stadt Jerusalem sieht aus wie Gaza und Damaskus heute. 40 Jahre zuvor hatten die Babylonier fast alles zerstört, seitdem heulen die Schakale und Eulen in den trostlosen Trümmern.
Und nun klopft Gott an und hat ein kleines Geschenk mit einer großen Wirkung. Er wird den Berg Zion mit Stadt und Tempel wieder einsetzen als Glaubensmutter. Seine Gegenwart im Tempelkult wird den Glauben stärken wie die Brustnahrung ein Neugeborenes. Obwohl viele Familien durch Krieg und Vertreibung erstarrt sind, ermutigt Gott sie körperlich spürbar mit „Mutterhänden und Vateraugen“. (4) Gott tröstet strukturell und politisch durch Wiederaufbau, spirituell durch seine neue Tempelpräsenz und empathisch wie beseelte Eltern. Der heutige Sonntag „Lätare“ ruft zur Freude über Gottes Trost auf: „Tochter Zion, freue dich! Jauchze laut, Jerusalem! Denn wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost.“ Auch der heutige Nationalstaat Israel soll Licht und Trost spenden und nicht Verwüstung in unmittelbarer Nachbarschaft.
Ich sehe einen Mehrwert im Trost Gottes gegenüber dem Trost einer Mutter. Dich und mich hat eine Mutter entbunden – das war ein einmaliges Schöpfungsgeschehen. „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder“. Jedes Mal aber, wenn Gott dich und mich tröstet, erneuert er unsern ursprünglichen Schöpfungszustand. Wir sagen dann dankbar, dass wir uns „wie neugeboren“ fühlen, was er gerne wiederholt.
Gott stellt dir in der Wüste nachts einen Krug mit Wasser hin. Er stoppt die Wassermassen, bis Du hindurchgegangen bist. Er wartet ab, bis Du dich ausgeklagt hast. Er spricht dich gerecht, wenn Du unter Gewalt leidest. Er tröstet dich mit seiner Ewigkeit, wenn Du dich bei den Toten betten willst. Er erweitert seinen Trost auch zu einem Mehr-Generationen-Trost. Als wir unserer Großmutter unser erstes Kind auf den Schoß setzten, leuchteten ihre Augen – etwas verlegen, aber strahlend. Offensichtlich konnte ihr Urenkel ihr eine Sehnsucht stillen. – Nun besteht ja keine Verwechselungsgefahr zur biblischen Ursprungsszene. Jesus wurde als Säugling nach mosaischer Sitte im Tempel „dargebracht“. Zufällig kam ein Greis vorbei namens Simeon. Als er Jesus im Arm hielt, staunte er: „Jetzt kann ich abtreten, denn meine Augen haben den Heiland gesehen.“ Gott tröstet, wie nur eine Mutter trösten kann, aber auch, wie es nur ein Neugeborenes kann.
Gott erneuert lebenslang unsre Geburtlichkeit (5) und er tröstet uns, wenn diese in Todesgefahr gerät. Darüber hat Daniel, ein junger Mann, ein Lied als „Rap“ geschrieben. Er sang es bei seinem Auftritt im Benefizkonzert der Weseler Hospizhilfe vor 5 Wochen. Bei ihm wurde vor Jahren eine Fehlbildung in seinem Kopf festgestellt, die notoperiert werden mußte. Über seine Genesung singt er: „Weißt du, wie es ist? Wenn man nicht mehr lange hat. Und weißt du, wie es ist, wenn das Leben sagt: „schachmatt“? Wenn die Ärzte dir erzählen: „Man soll nicht groß dran glauben.“ Und dir damit den letzten Funken Hoffnung auch noch rauben. Ich habe es selbst erlebt. Ja, ich weiß wie es läuft, und ich habe keinen Tag in meinem Leben bereut. Seit über acht Jahren kämpfe ich mich jetzt zurück. Ich hatte diesen Willen und ich hatte großes Glück. Meine Eltern waren immer da. Sie gaben mir die Kraft, haben daran geglaubt, dass ihr Sohn das auch noch schafft. Ihr haltet mich fest in jeder schlechten Stunde, ich bleibe bei euch bis zur letzten Sekunde! Du hieltest meine Hand, Mama, als es ernst wurde. Ein Kuss von dir heilte meine Wunden. Papa – auch dich werde ich auf ewig lieben! Für euch beide habe ich diesen Text hier geschrieben.“ (6)
Ich habe Daniel zugehört und habe mitgeschwungen, so, wie die vielen Hospizhelfer im Saal. Als dann seine Mutter zum Kuss zur Bühnenkante kam, dachte ich: Diese Eltern haben aus vollem Herzen zu ihren „Beistandspflichten“ gestanden, nachdem ein Angriff auf ein Kind die gemeinsame Gegenwehr aller Familienmitglieder auslöst. Der Evangelist Matthäus schreibt dazu: „Es ist nicht der Wille eures Vaters im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.“ (Mt 18,14) Was in der Rapper-Sprache der „Volxbibel“ so klingt: „Genauso ist euer Papa im Himmel drauf: er will nicht, dass ihm auch nur ein Einziger durch die Lappen geht, er liebt sie alle!“ Amen
1. Bei der Restaurierung der „Pieta von Drolshagen“ wurde 2009 durch eine Tomographie im Kopf der Marienfigur eine Reliquienkapsel entdeckt, die ungeöffnet dort verblieben ist; 2. Der Vers war die Jahreslosung 2016; 3. EG 326; BWV 117; 4. ebd, Text von Johann Jakob Schütz; 5. Hannah Arendt in „Vita active“ 1958, gegen Martin Heideggers „Geworfenheit“; 6. Daniel Berlin („Leviel“) hatte eine „Arnold Chiari Mal Formation“; sein Videoclip „Wiedergekehrt“ (2023) ist aufrufbar unter: https://youtu.be/yYNTXKjkCNo?si=2pg9Gp12_AjeehBO.
Lieder:
Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut
Laß uns den Weg der Gerechtigkeit gehen
Ich gehöre dazu, zu den Dränglern
An Knotenpunkten des Lebens
Nun ziehen wir die Straße
Idee für eine Meditation:
- Dort, wo alles sinnlos aussieht, was wir auf der Erde haben, wird des Herzens Schrei Gebet. Gott, wir rufen: wenn du da bist, find uns, dass wir nicht versinken in der Nacht der eignen Leere.
- Sammle das versprengte Leben. Lass uns in Bedrängnis wissen: Unter allen Tiefen – Du! Lass uns dein Versprechen fassen: Keine Macht wird uns mehr scheiden von der Allmacht deiner Liebe.
- Selbst wenn ohne jede Antwort ein Warum im Herzen zittert, bitten wir: Gib Glauben, Herr! Glaube, dass du selbst uns beispringst, wenn wir Aug in Auge kämpfen mit der Gegenmacht des Bösen.
- Ob wir siegen oder sinken, immer werden wir getragen durch das Leben, durch den Tod. Gott, wir rufen: Weil du da bist, find uns, rett uns, deine Nähe sei uns Licht in Nacht und Zweifel.
(Liedtext von Sven Elligsen, dt.: Jürgen Henkys)
Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geboren 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit beim Christival und DEKT. Partnerschaftsprojekte und -besuche in Ungarn (1988-2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur. (Manfred.Mielke@ekir.de)