Jesaja 7,10–14
Eine Fiktion und ein Zeichen der Hoffnung | Mariae Verkündigung | 25.03.2026 | Jes 7,10–14 | Rudolf Rengstorf |
In jenen Tagen sprach der Herr zu Ahas – dem König von Juda – und sagte: Erbitte dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott,
tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin!
Ahas antwortete: Ich werde um nichts bitten und den Herrn nicht versuchen.
Da sagte Jesaja: Hört doch, Haus Davids!
Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden,
dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet?
Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben:
Siehe, die Jungfrau hat empfangen,
sie gebiert einen Sohn, den wird sie heißen Immanuel.
Eine Fiktion und ein Zeichen der Hoffnung
Liebe Leserin, lieber Leser!
Der Bibeltext für diesen Tag versetzt uns zurück in das ausgehende achte Jahrhundert vor Christus. Er zeigt den König Ahas von Juda, der sich in einer schier aussichtslosen Lage befindet. Die damalige Weltmacht Assyrien ist im Begriff ihre Herrschaft auf Palästina auszudehnen. Die Könige der beiden Nachbarländer Judas setzen ihren Kollegen Ahas militärisch unter Druck, sich ihrem Abwehrkampf gegen die Assyrer anzuschließen. Was soll er tun? Wie auch immer er sich entscheidet, eine Niederlage ist unumgänglich. Da tritt ihm der Prophet Jesaja in den Weg: Verlass dich auf Gott, und sag, wie er dir seine Treue zeigen soll. Ahas weicht aus, will sich nicht festlegen. Da entgegnet Jesaja: Glaub nicht, dass Gott sich von dir hinhalten lässt. Er selbst wird dir ein Zeichen geben: Eine junge Frau ist schwanger geworden. Ihr Kind wird sie „Immanuel“ – auf deutsch: Gott mit uns! – nennen.
Im ursprünglichen hebräischen Text ist von einer Jungfrau keine Rede. Da steht Alma, und das ist eine junge Frau, die noch kein Kind geboren hat. Gemeint war vermutlich die Frau des Königs Ahas. Zur Jungfrau ist es erst gekommen, als die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt wurde. Da wurde aus der alma eine parthenon, eine Jungfrau. Die Übersetzer lebten im ägyptischen Einflussbereich, in dem es üblich war, die Pharaonen als Söhne einer Jungfrau anzusehen. Diese Ehre wollten die Übersetzer auch dem heiß ersehnten Messias erweisen. Denn mit ihrer Übersetzung verschoben sie die Geburt in die Zukunft bis dahin, wenn tatsächlich eine Jungfrau in Israel ein Kind zur Welt bringen würde. Und die griechisch sprechenden und schreibenden Evangelisten kannten die hebräische Bibel nur in der griechischen Übersetzung.
Bekannt geworden war Jesus von Nazareth ja wegen seiner aufsehenerregenden Worte und Taten. Die haben ihn in den Augen seiner Anhängerschaft ausgewiesen als den Mann, der uns Gott als liebevollen Vater nahegebracht und Menschen in aussichtloser Situation aufgerichtet und gerettet hat. Damit ist er seinem Namen Jesus – auf deutsch: Gott rettet – gerecht geworden und hat sich als den Messias erwiesen. Über seine Herkunft und Kindheit hat man sich erst sehr viel später Gedanken gemacht. Bei Paulus, der als erster über Jesus geschrieben hat, erfahren wir nichts darüber. Und Markus, der das erste Evangelium geschrieben hat, beginnt auch erst mit dem erwachsenen Jesus, seiner Taufe durch Johannes den Täufer. Erst Lukas und Matthäus haben von Jesu Geburt erzählt, und dabei haben sie sich strikt an das gehalten, was in ihrer Bibel über den kommenden Messias gesagt worden war und was zu dem erwachsenen Jesus passte: Aus dem Hause Davids soll er stammen. Also wurde bei beiden ein Stammbaum entworfen, der über David auf Jesu Vater Joseph zuläuft. Und Joseph musste natürlich mit Bethlehem, der Stadt Davids, in Verbindung gebracht und die Geburt des Jesus von Nazareth nach Bethlehem verlegt werden. Und da der Wanderprediger Jesus keinen festen Wohnort hatte, durfte auch schon für seine Geburt keine Herberge zur Verfügung stehen. Und die ersten, die davon hörten, mussten Leute gewesen sein, die typisch waren für die Gefolgschaft des Wanderpredigers, Leute, die am Rande der Gesellschaft standen wie die Hirten von Bethlehem. Und dann entdeckten Matthäus und Lukas die Stelle im 7. Kapitel des Jesajabuches, die dank der griechischen Übersetzer zu einer Verheißung des Immanuel oder auch Jesus durch eine Jungfrau geworden war. So ist die Mutter Jesu zur Jungfrau geworden, und Joseph war trotz seines Stammbaumes seiner biologischen Vaterschaft beraubt.
Die gesamte Geburtsgeschichte ist eine einzige Fiktion, die die Bedeutung Jesu und sein besonderes Gottesverhältnis von Anfang an hervorheben soll.
Doch leider hat die Fiktion sich in der Marienverehrung und dem Kult um die unbefleckte Empfängnis verselbständigt und ist weithin nicht nur im katholischen Raum in Konkurrenz getreten zu dem, um dessentwillen diese Geschichten erdacht wurden. Denn wenn Jesus wirklich Sohn einer Jungfrau war, der der Heilige Geist zur Schwangerschaft verholfen hätte, dann hätten wir es nicht mit einem Menschen wie du und ich, mit einem Menschenbruder, sondern mit einem Halbgott zu tun, mit dem wir letztlich nichts zu tun hätten.
In den Evangelien erscheint er bisweilen tatsächlich in überirdischem Glanz. Doch das hat nichts mit seiner übernatürlichen Geburt zu tun, sondern das ist immer ein Vorschein des Auferstandenen, als den seine Gemeinde ihn ja tatsächlich erlebt hat.
Was bleibt nach diesen Erkenntnissen vom Tag der Verkündigung Marias? Die Jungfrau ist das Ergebnis einer gutgemeinten aber in ihren Konsequenzen fatalen Fiktion. Doch dass die junge Frau Maria mit ihrem Mann Joseph ihrem ersten Kind den Namen Jesus – gleichbedeutend mit Immanuel – gegeben haben, das ist in der Tat ein Zeichen der Hoffnung, das weit hinausgeht über das Zeichen das vor Jahrhunderten dem König Ahas gegeben wurde. In einer Zeit, in der das jüdische Volk unter der Herrschaft der Römer litt und nicht weniger Juden sich für den gewaltsamen Widerstand entschieden, um ihr Volk zu retten, da setzen Maria und Joseph mit der Namensgebung ihres Kindes ganz darauf, dass Gott sein Volk retten wird. In dieser Hoffnung haben sie ihren Sohn auch herangezogen und dazu beigetragen, dass er sich selbst als Träger dieser Hoffnung verstand und sich ihr mit Leib und Leben verschrieb. Da haben wir den beiden viel zu verdanken! Amen.
verfasst von Rudolf Rengstorf