Joh 1,35–51

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Elf fantastische Tanten zu Besuch | 19. So. n. Trinitatis | 11. Oktober 2026 | Joh 1,35–51 | Laura Lundager Jensen | 

 

Elf fantastische Tanten zu Besuch

Gestern hörte ich, wie jemand ein Familientreffen beschrieb: Elf Tanten kamen zu Besuch – wohlgemerkt nicht alle auf einmal, sondern eine nach der anderen schneiten sie herein. Daraus entstand ein wunderbar rollendes Gespräch. Denn jedes Mal, wenn eine neue Tante hereinkam, stockte das Gespräch und begann von vorn.

Und doch nicht ganz von vorn. Denn nun war eine weitere Person dabei, mit all ihren Neuigkeiten über Enkelkinder und Krankheiten und den gestrigen Tag, mit „Jetzt hört euch das an!“ und „Nein, wisst ihr was?“ Und alle anderen steuerten etwas bei, fügten etwas hinzu und sagten: „Das kenne ich von mir selbst.“

Das kommt uns sehr bekannt vor. So reden wir miteinander, und so verstehen wir miteinander – durch Erzählungen und Bilder und Deutungen, die dem Gespräch, das wir gemeinsam führen, immer wieder etwas hinzufügen. Manchmal ist es kaum auszuhalten, und wir müssen uns beschränken: ein Enkelkind und eine Krankheit pro Kopf. Und doch würden wir etwas verlieren, ja beinahe alles, wenn wir die Gespräche nicht so zwischen uns rollen ließen. Denn so wächst das Leben; es nimmt hinzu und lässt weg, je nachdem, wohin wir in unserem Verständnis unterwegs sind. Und so verstehen wir das Leben: vor dem Hintergrund all dessen, was wir mitbringen – zusammen –, gesammelt in einer gemeinsamen Erzählung, einem gemeinsamen Verständnis von Liebe und Glaube und Hoffnung.

Als ich im Johannesevangelium den Text las, wie Jesus seine Jünger beruft, hatte ich dasselbe rollende Gefühl. Hier erzählen zwar keine Tanten, hier sammeln sich Jünger. Aber wenn wir genau hinhören, klingen zugleich eine ganze Reihe von Erzählungen an, die dann zusammenfließen in die eine Erzählung: zur Erzählung des Johannesevangeliums, zur Erzählung von Jesus und damit zu unserer Erzählung.

Dazu braucht es wohl ein wenig Vorgeschichte.

Johannes ist ja einer der vier Evangelisten. Aber sein Evangelium ist in vielerlei Hinsicht anders als die anderen. Seine Form ist anders, seine Sprache auf andere Weise fließend, und seine Erzählungen sind anders. Und doch erzählt er dieselbe Geschichte: von Jesus und von der Begegnung des Christentums mit dem Menschenleben.

Der Abschnitt, den wir hören, stammt aus dem ersten Kapitel des Evangeliums. Er folgt auf die Erzählung von der Taufe Jesu, in der Johannes der Täufer beim Evangelisten Johannes eine ganz andere Rolle spielt als bei den anderen Evangelisten. Er ist nicht nur der Erste, der im Evangelium beim Namen genannt wird; es zeigt sich auch, dass er mehr weiß, als ein Mensch eigentlich wissen kann. Er ist „die Menschenstimme“ in der Wüste, die von dem spricht, „den kein Mensch gesehen hat“ – dem er nicht einmal wert ist, die Schuhriemen zu lösen, wie er zu den Pharisäern sagt.

Und als er dann Jesus begegnet, findet er noch mehr Worte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! Dieser ist’s, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen zu taufen mit Wasser.“ (Joh 1,29–31)

Er tauft, aber seine Taufe ist nur eine Wassertaufe. Er bereitet dem den Weg, der kommt, und weiß, dass dieser vor ihm war – aber er kennt ihn nicht.

So wird durch Johannes ausgesprochen, was nach Jesu Tod und Auferstehung zum Glauben der Gemeinden wurde: dass der Sohn beim Vater war, bevor er auf die Erde herabstieg und Mensch wurde.

Die Worte, die später, im 4. Jahrhundert, zum gemeinsamen Bekenntnis der Kirche wurden – im Nizänischen Glaubensbekenntnis: „Wir glauben … an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott …“ –, diese Worte werden hier Johannes in den Mund gelegt. Er kennt Jesus nicht, aber er hat den Auftrag, Israel zu offenbaren, dass er der ist, der war und ist und sein wird – das Wort, das Leben, das Licht.

Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.

Es ist der Mensch Johannes, der Gottes Erzählung als Erster versteht.

Er erkennt in seinem Herzen die Geschichte wieder, die noch nicht geschehen ist, die er aber in der Begegnung mit dem Gottessohn intuitiv erahnt.

Aber er ist auch der Erste, der Zeuge wird, wie der Heilige Geist kommt – als sich der Geist mit der Wassertaufe Jesu verbindet.

Nun ist die Bühne bereitet – und von hier aus kann das Evangelium seine eigentliche Erzählung beginnen, hin zu Jesu Tod und Auferstehung.

Und hier stehen wir heute und gehen mit hinein in ein langes Staunen darüber, wer dieser Jesus ist, der als Gottes Sohn Gottes Lamm ist und die Sünden aller Welt trägt.

All dieses Staunen haben Christen seither bekannt und auf sich genommen, um zu verstehen, was Jesu Verkündigung in der Welt um des Menschenlebens willen bedeutet.

Und es beginnt mit der Erzählung, die wir eben gehört haben.

Am Tag nach der Taufe begegnet Johannes Jesus wieder, nennt ihn Gottes Sohn und schickt seine Jünger weiter zu Jesus – seine Rolle ist ausgespielt. Nun muss er abnehmen und Jesus wachsen.

Und Jesu Rolle wächst, schon mit der Berufung der Jünger. Denn indem er nach und nach erkannt wird – „als Gottes Sohn, als Messias, als der, von dem Mose geschrieben hat, als König von Israel“ –, begreifen wir, dass er all das ist, wovon zuvor die Rede war. Der, auf den die Juden gewartet haben und der nun verheißt, dass sich Jakobs Traum erfüllt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“ (Joh 1,51)

Die Erzählung, die wir hören, ist so gesehen das Wiedererleben von Jakobs Traum durch die Jünger: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“ (1. Mose 28,16)

Aber das hat doch nichts mit dem Familientreffen von elf fantastischen Tanten zu tun?

Doch, gerade! Denn von nun an handelt das Evangelium davon, den Gemeinden der Zukunft zu zeigen, wie Engel über dem Menschensohn hinauf- und herabfahren.

Zuerst den ersten Jüngern, die Jesus tantenhaft, fragend und staunend empfingen, obwohl er aus Nazareth kam. Und danach den ersten Gemeinden, die zusammenkamen, um die Erzählungen und Deutungen zu hören, wie sie durch die Kirchengeschichte hindurch erzählt und gedeutet wurden. Um sie weiterzuerzählen, ihnen etwas hinzuzufügen und sie genau an der Stätte zu verwurzeln, an der sie waren. Und um zu zeigen: Der Herr ist an der Stätte, wo Menschen zusammenkommen und über Gottes Wort staunen.

So ist das Christentum eine lange Erkenntniserzählung, in der wir langsam mehr und mehr verstehen, während wir gestützt und getragen werden – in Gottes Laufgeschirr oder Leitband, wie Grundtvig im Lied schreibt:

Wir werden gehoben, getragen
am Leitband
vom Geist des Lebens
und von des Vaters Engelschar.
(Aus Grundtvigs Kirchenlied “Der er en vej, som verden ikke kender”, A.d.Ü.)

Und so ist es mit dem Glauben.

Er ist nicht als fertige Lösung vom Himmel gefallen, als Gott Mensch wurde. Er ist im Lauf der Zeit gewachsen, und er wird deutlicher, jedes Mal wenn wir uns in staunenden Gesprächen über Gottes Wort und Willen begegnen. Getragen, gehoben und erhoben vom Geist des Lebens.

Das haben die Jünger erfahren, als Jesus ihnen begegnete und sie rief, ihm nachzufolgen.

So wie wir es erfahren können, wenn der Heilige Geist uns sammelt, uns die Himmelsleiter zeigt und uns froh werden lässt wie elf fantastische Tanten, die mit liebevollen Gesprächen die Engel anziehen und uns hineinrufen in die Erzählung unseres Herrgotts – genau hier, an unserer Stätte.

Amen.


Laura Lundager Jensen
Pastorin in Osted
luje@kp.dk


Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten, A.d.Ü.