Joh 14,1–6
Unser irdisches Leben darf verknüpft sein mit der Zukunft bei Gott | Neujahr | 01.01.2026 | Joh 14,1–6 | Winfried Klotz
Silvester- Neujahr, Jahreswende; wir wissen, seit dem 21.12. werden die Tage wieder länger. Die Wintersonnenwende war nach dem, was das Internet sagt, für Deutschland genau am Sonntag, 21.12.2025 um 16.03 MEZ. Soweit die astronomischen Daten. Die Sonnenwenden bilden sich ab in der Natur, in den Jahreszeiten.
Das neue Kirchenjahr hat schon am 1. Advent begonnen; es orientiert sich an der Heilsgeschichte, also daran, was Gott durch Jesus getan hat und was durch ihn uns und dieser Welt zugesagt ist.
In all dem spiegelt sich, dass wir in die Zeit gestellt sind, in ein Werden und Vergehen, in einen Anfang und ein Ende. Klar ist dabei, der Termin der Jahreswende, Neujahr, ist eine menschliche Festlegung. Rosch Ha-Shana, das jüdische Neujahrsfest war schon am 23.09.2025; das chinesische Neujahrsfest wird am 17.02.2026 gefeiert.
Kalender richten sich meist nach dem Lauf des Mondes, wobei es dann Ausgleichtage braucht, wenn die Monate und damit auch Neujahr nicht durch das Jahr wandern sollen, wie es im Islam ist.
Weil wir in die Zeit gestellt sind, ist der Jahreswechsel Anlass, zurück und nach vorne zu schauen. Dazu soll uns ein Wort der Hl. Schrift helfen.
Ich lese den Predigttext aus Johannes 14,1–6:
1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2 Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wäre es nicht so, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um euch eine Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich gegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. 4 Und wohin ich gehe – ihr wisst den Weg. 5 Thomas sagt zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir da den Weg kennen? 6 Jesus sagt zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich.
„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Wir könnten verstehen: Fürchtet euch nicht vor dem, was im neuen Jahr auf euch zukommt! Aber das ist zu kurz gegriffen; denn Jesus redet davon, dass er weggeht – wir wissen, es geht um seinen Tod am Kreuz – und seine Gemeinde nun verlassen ist. Gerade in dieser Situation fordert er sie zum Glauben auf: Glaubet an Gott und glaubet an mich! Also bleibt im Vertrauen auf Gott fest, haltet daran fest, dass ER mich gesandt hat. In euren Augen ist es eine Katastrophe, was nun geschieht; aber Gott handelt dadurch zu eurem Heil. Gott bahnt euch durch mein Weggehen, durch meine Erhöhung ans Kreuz, den Weg zur Heimat bei ihm. „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wäre es nicht so, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um euch eine Stätte zu bereiten?“
Was Jesus vermittelt durch den Evangelisten Johannes hier lehrt, stellt die Vorstellungen und Erwartungen der mit Jesus verbundenen auf den Kopf. Es ist eine Perspektive, die auch uns schwindeln lässt; es ist ähnlich, wie wenn wir am steilen Abbruch eines hohen Berges stehen und über ein weites, schönes Land schauen. Es scheint unerreichbar, aber der Bergführer sagt uns, da führe ich euch hin, ich gehe euch voran den Weg durch den Abgrund. Dort findet ihr Heimat und es wird überwältigend schön sein.
„Und wenn ich gegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“
Meint Jesus: statt irdischem Heil himmlische Wohnungen? Da möchten wir schon hin, aber noch nicht so schnell. Und eigentlich erwarten wir zur Jahreswende – Silvester-Neujahr – Ermutigung zu unseren kleinen Schritten durchs Leben auf manchmal ungebahnten Wegen. Die große Perspektive macht uns schwindelig und unsicher.
Aber brauchen wir nicht die große Perspektive, um für unsere kleinen Schritte durchs Leben nicht Richtung und Ziel zu verlieren? Die große Perspektive ist: wir sollen dort sein, wo Jesus ist! Missverstehen wir das nicht, als ginge es nur um eine Vorbereitung darauf, dass unser Leben begrenzt ist! Ja, wir leben in einem engen Zeithorizont; mit Psalm 90 gesprochen: „Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre“ (V. 10). Nein es geht um mehr als eine Vorbereitung aufs Sterben. Es geht um eine Ausrichtung für unser Leben im Heute, also 2026 und all die Jahre, die uns Gott noch schenken wird. Unsere Ausrichtung auf Gott beginnt dann, wenn wir uns ihm anvertrauen. Wenn wir die Botschaft des Weihnachtsevangeliums ernst nehmen: „Euch – Dir – wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr“ (Lk. 2, 11). Eine kleine Geschichte macht mir deutlich, was es heißt, Jesus ist mein Retter:
‚Ein Mann wollte seinen Schatten loswerden. Aber vergebens. Was er auch anstellte, es gelang ihm nicht. Er lief vor dem Schatten davon, aber er konnte ihn nicht abschütteln. Er wälzte sich auf dem Boden, der Schatten blieb. Er versuchte, über seinen Schatten zu springen. Alles vergeblich. Da meinte ein weiser Mann, der von ihm hörte: „Das wäre doch ganz einfach gewesen, den Schatten loszuwerden!” – „Wieso einfach?”, fragten die Umstehenden neugierig. „Was hätte er denn machen sollen, um seinen Schatten loszuwerden?” Der weise Mann gab zur Antwort: „Er hätte sich nur in den Schatten eines starken Baumes stellen müssen. Da wäre sein Schatten aufgehoben!”‘ (Das große Axel Kühner Textarchiv-294)
Jesus, erhöht ans Kreuz; er geht diesen Weg nach Gottes Willen, damit uns der Weg zu Gott gebahnt ist. Sein Kreuz wird für uns zum Ort der Versöhnung mit Gott; im Schatten des Kreuzes ist unsere Dunkelheit aufgehoben. Schuld, Not und Angst erdrücken uns nicht mehr, wir wälzen sie ab auf Jesus. Der Apostel Paulus sagt: „Ihn – Jesus – hat Gott dazu bestellt, Sühne zu schaffen – die durch den Glauben wirksam wird – durch die Hingabe seines Lebens“ (Röm 3,25). Im Schatten des Kreuzes Jesu zu leben ist unsere Rettung! Bei Jesus werden wir befreit zur Ehrlichkeit, zur Liebe, zur Freude, zum Mut, zur Hoffnung. Unser Leben gestaltet sich völlig anders: wir lernen, nicht mehr ängstlich und voller Sorgen um uns zu kreisen, sondern im Vertrauen auf Jesus voranzugehen.
Jetzt schon durch den Glauben mit Jesus verbunden ist das Ziel unseres Lebensweges bei Gott zu sein für immer. Jesus ist der Weg zu diesem Ziel. Darum geht es im 2. Teil unseres Predigtwortes:
„Und wohin ich gehe – ihr wisst den Weg. Thomas sagt zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir da den Weg kennen? Jesus sagt zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich.“ (V. 4-6)
Keine Antwort ohne Frage; aber ist die Frage hier nur ein Mittel, um die Antwort zu provozieren? Ist sie nötig? Der Anfang des Predigtwortes zeigt, dass die Jüngergemeinde verunsichert ist: „Euer Herz erschrecke nicht!“ Jesus geht weg; wir, aber auch die damals vom Evangelisten angeredete Gemeinde, wissen, er muss am Kreuz sterben. Die Verunsicherung ist groß: die Gemeinde ist klein, der Druck und die Anfeindungen von außen groß. Es geht ihnen wie Christen in Nordindien, die bedrängt, geschlagen, eingesperrt und deren Kirchen verbrannt werden.[1] Müssen Christen sich nicht an die aktuellen gesellschaftlichen Normen und Erwartungen anpassen? Wie kann man so stur sein und aus Treue zu Jesus das Lebensglück aufs Spiel setzen? Erst recht, wenn Jesus weggeht, nicht mehr leiblich da ist? Der Weg in die Zukunft ist ungewiss.
Geht es uns auch so? Vielen scheint nur der Tod gewiss, die Risiken des täglichen Lebens verdrängen sie. Solange die Kasse stimmt, und ein wenig Lebensglück und Abwechslung gegeben sind. Aber es gibt Menschen, die schauen besonders an der Jahreswende sorgenvoll in die Zukunft. Unser Predigtwort aber möchte uns den Blick dafür öffnen, dass durch Jesus unser irdisches Leben verknüpft sein darf mit der Zukunft bei Gott. Nicht im landläufigen Sinne, dass unsere unsterbliche Seele zu Gott aufsteigt und also himmlisch weiterlebt, sondern in dem Sinne, dass das, was uns Menschen unmöglich ist, nämlich ewige Gemeinschaft mit Gott, durch Jesus uns im Glauben geschenkt wird. Wir überbrücken den Abgrund nicht, der uns von Gott trennt; wir waschen uns nicht rein von unseren Verfehlungen. Gott aber hat Jesus durch seinen Weg ans Kreuz zum Brückenbauer gemacht; ER trägt unsere Sünde. Deshalb gilt das Wort Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich.“
Amen
Winfried Klotz, Pfr. i. R., Bad König/ Odenwald Email: Winfried.klotz@web.de
Jg. 1952, verh. 3 Kinder, ein Enkelkind, Mitglied im Pfarrgebetsbund
[1] siehe https://www.gossner-mission.de/ueber-uns/aktuelles/meldung/indien-christen-im-land-in-sorge- Bericht nicht ganz aktuell, aber auch heute zutreffend.