Joh 20,1–18

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Die Osternarzisse | Ostermontag | 06.04.2026 | Joh 20,1–18 | Christiane Gammeltoft-Hansen |

 

Die Osternarzisse

Das Jahr ist 1817. Grundtvig ist gerade über dreißig, mitten in einer seiner dunklen Zeiten, und er soll predigen – am Ostersonntag predigen.

Wie kann es passieren, dass etwas in einem Menschen Widerhall findet, so dass die Worte eines anderen nicht nur zu den eigenen werden, sondern zu etwas, das man gemeinsam sagen und singen kann? Ich glaube, es beginnt mit der Aufrichtigkeit. Dem ehrlichen Bekenntnis zum Menschlichen. Wer selbstsicher nach vorn tritt, sicher in seiner Sache und sicher in seinem Glauben, kann andere leicht draußen stehen lassen. So wie die zwei Jünger, die am Ostermorgen zum Grab laufen. Sie laufen, kommen an, sehen – und wissen es einfach: Er ist auferstanden. Es hat eine eigentümliche Selbstverständlichkeit. Und gerade das ist eigentümlich, denn die wenigsten gehen froh von einem Grab fort. Die wenigsten lesen aus einer Abwesenheit eine Fülle heraus. Die meisten bleiben trauernd stehen und wissen, was es heißt, vom Zweifel erfasst zu werden.

Grundtvig kennt den Zweifel und gibt ihm Ausdruck. Und für die, denen an der Auferstehung nichts selbstverständlich ist, kann darin eine einladende Mitmenschlichkeit liegen. Grundtvig soll die Auferstehung predigen, ist aber selbst nicht dabei. Er befindet sich eher in einem Karsamstags-Zwischenleben. Dort, wo wir sehen, dass vieles noch aussteht, und doch vieles auch vorbei ist und der Tod das Seine genommen hat. Dieses Zwischenleben, in dem die Welt sich noch dreht und wir ein wenig Glück erfahren, das aber zerbrechlich ist und eine Unsicherheit hinterlässt. Das Zwischenleben, das nicht ohne Vertrauen ist, aber auch nicht ohne Enttäuschung. Wie das Wetter im April – ein unmittelbares Bild für die Wandelbarkeit des Zwischenlebens. Dieses Zwischenleben lässt mehr Fragen offen, als es Antworten gibt. Fragen wie: Was haben wir zu bedeuten? Steht hinter dem, was wir Hoffnung und Zukunft nennen, eine Wirklichkeit? Gibt es ein Leben, das weitergeht, wenn wir sterben? Gibt es so etwas wie einen neuen Anfang?

Jemand hat Grundtvig eine Narzisse auf den Schreibtisch gestellt. Grundtvig wundert sich. Was soll das? Sie duftet nicht, ist zu gelb und zu gewöhnlich. Ein schlichtes Unkrautgewächs. Ja, so betrachtete man Narzissen damals. Sie waren wie die Löwenzähne, die wir nie willkommen heißen, aber immer jäten. Dichter wollen kein Unkraut. Sie wollen Rosen, die rot sind. Rot wie das Blut, das rinnt, und das Herz, das schlägt. Über Rosen kann man Lieder schreiben. Über die Dornen, die kratzen und nagen. Oder umgekehrt: Man kann für einen Augenblick vergessen, dass so vieles widrig ist, und sich stattdessen der Schönheit hingeben. Dass es so etwas gibt wie ein samtweiches rotes Blütenblatt.

Aber jetzt steht die Narzisse da und drängt sich neongelb auf. Einem Dichter kann so ein gelbes Gewächs ganz schön in die Augen stechen. Aber genau diese Art von Aufdringlichkeit kann einen Zweifler zum Reden bringen. Und so geschieht es: Der Dichter und die Blume beginnen miteinander zu sprechen. Und das eigentlich Merkwürdige daran, wie sich zeigt, ist nicht, dass eine Blume und ein Mann miteinander sprechen. Das Merkwürdige ist, dass das lästige Unkraut zu Grundtvig spricht. Es erzählt ihm, was er zu bedeuten hat.

Wir müssen immer dort beginnen, wo wir nun einmal sind. Für einen Zweifler bedeutet das, dass man seine Ostern nicht in einem verklärten Schein beginnen kann, der weiß leuchtet wie eines Engels Gewand. Aber vielleicht mit etwas Gelbem. Einer schlichten Blume, die in Dorfgärten wächst. Das Besondere an Narzissen ist, dass sie pünktlich kommen. Sie brechen unter Wintersturm und Regen hervor und brechen genau ins Zwischenleben. Genau dort, wo man leicht unsicher wird, ob es nur kälter und kälter wird. Denn es ist fast so, als geschehe das in einer Welt, die den Ehrgeiz nach einer gemeinsamen Zukunft verloren zu haben scheint. Wo es sich abschließt, Nation für Nation, Mensch für Mensch, und die Zukunft als angstgefüllter Ort heruntergeredet wird. Aber die Narzisse kommt an. Sie weiß Bescheid. Auch wenn es kalt ist, wird es nicht so bleiben. Es ist dunkel, wenn sie sich ihren Weg bahnt. Aber sie bricht durch, weil sie von einem lichtgefüllten Ort weiß.

Eine Narzisse ist nichts. Ein flacher, kantiger Stängel mit einer gezackten Krone und einem nach unten geneigten Kopf. Eine Gewöhnlichkeit. Und doch ist sie auch ein Gewächs mit einer Erfahrung. Nämlich der Erfahrung, dass aus dem Sterben neues Leben werden kann. Dass das, was tot in der Erde lag, so gelb durchbrechen kann,. Sie durchsticht das Graue des Grabsteins. So gelb, dass es ein Versprechen auf ein Leben ist, das weitergeht. Wenn es keine Auferstehungskraft gäbe, wäre die Narzisse längst vergessen. Sie würde der Vergangenheit angehören. Aber hier ist sie, und jemand hat sie auf einen Schreibtisch gestellt, damit ein Dichter sie nicht übersehen kann. Mit seinem Dichtersinn bekommt Grundtvig plötzlich wirklich Augen für sie. Er sieht: Hier ist nicht nur eine gezackte Krone. Hier ist ein Kelch, aus dem man trinken kann – eine Abfüllung ihrer Auferstehungskraft.

Anderswo in der Welt sitzen andere Dichter, denen die Augen für andere Gewöhnlichkeiten aufgegangen sind, die die Auferstehung mitten in ihrer Wirklichkeit verankert haben. Bei uns wurde es eine Narzisse. Oder es wurde das, was Johannes als den Augenblick der Auferstehung für eine Frau beschreibt: Dass sie bei ihrem Namen gerufen wurde. So unendlich einfach, beinahe nichts. Dass jemand unseren Namen sagt, ist das Alleralltäglichste. Und doch reicht es, eine Frau aus ihrer einsamen Trauer herauszurufen. Wenn jemand unseren Namen sagt, ist es ein Zeichen dafür, dass wir Bedeutung haben. Dass wir nicht irgendwer sind, sondern genau diese Bestimmten. Der Name ist der Faden um unsere Existenz. Alles Innere – das sind wir. Und wenn jemand unseren Namen sagt, ist es zugleich ein Zeugnis dafür, dass wir nicht allein sind. Wir sind die, die wir sind, weil jemand uns hervorruft. „Maria“ sagt Christus. Und das Weinen hört auf. Es ist nicht vorbei. Sie ist noch immer die, die sie ist. Ein Mensch, der Gott gehört.

Eine Narzisse und ein Name – darin liegt kein sicherer Beweis. Aber es ist ein Ausgangspunkt. Eine Narzisse und ein Name sind ein Zeugnis dafür, dass die Auferstehung Teil unserer Wirklichkeit ist. Was haben wir zu bedeuten? Wir sind die, die im Licht des Blickes des Auferstandenen leben. Wir sind die, die nicht allein in einer öden Welt zurückgelassen sind, sondern zwischen gelben Narzissen gehen. Wo endet es? Vielleicht an einem Morgen mit Sonne in den Augen und jemandem, der unseren Namen sagt. Bis dahin singen wir. Wir singen ein Loblied darauf, dass das Lebendige vorauswartet, wie das Lebendige schon jetzt hier ist. Wir singen mit Grundtvig:

Ja, wir wissen, du sagst die Wahrheit:
Der Heiland ist auferstanden von den Toten.

Amen.

[Diese Predigt ist eine Liedpredigt über ein populäres dän. Kirchenlied von N.F.S. Grundtvig: „Påskeblomst, hvad vil du her?“ (1817). Eine singbare deutsche Fassung gibt es im „Dansk-tysk Kirkesangbog“ Nr. 236: „Sag mir doch, was willst du hier, Osterglocke, dorfgeboren, ohne Duft und Pracht und Zier“, A.d.Ü.]


Christiane Gammeltoft-Hansen
Pastor in Lindevang, Kopenhagen
cgh@km.dk