Johannes 10,22-30

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Die Stimme hören | Misericordias Domini (dänisch: anden søndag efter påske) | 19. April 2026 | Joh 10,22-30 | Thomas Reinholdt Rasmussen |

Der dänische Kunsthistoriker Hans Edvard Nørregaard-Nielsen beschreibt an einer Stelle ein Gespräch aus seiner Kindheit. Es geht um seinen selbstbewussten Grossvater mütterlicherseits, der Bauer und Landwirt war und sehr wohl wusste, was er wert war.

Er erzählt, dass es seinem Grossvater Freude bereitete, dass viele der Bilder, die in der Bibel und besonders im Neuen Testament verwendet werden, aus seinem eigenen Beruf stammen: der Landwirtschaft. Es waren Bilder vom Säen und Ernten und vom Hüten der Herde.

Elementare Bilder des Lebens und des Wachstums. Elementare Bilder von den Bedingungen und Voraussetzungen des Lebens. Durch diese gewöhnlichen Verrichtungen und Aufgaben wird das Evangelium ausgelegt. Durch alltägliche Verhältnisse findet Gott seinen Platz in seiner Geschichte.

Nun ist Hans Edvard Nørregaard-Nielsen gestorben, und dasselbe gilt für seinen Grossvater. Die Zeiten haben sich verändert, und wie Nørregaard-Nielsen ebenfalls schreibt, haben sich die Verhältnisse so sehr gewandelt, dass ein Bauer aus dem 17. Jahrhundert, der in den Stall des Grossvaters käme, sich noch gut mit ihm über die Arbeit und den Betrieb hätte unterhalten können – Käme derselbe Bauer aber in einen Stall des Jahres 2026, stünde er vor einem Rätsel. So viel kann sich in etwa fünfzig Jahren verändern, und so sehr kann die Zeit eine Generation oder zwei fast auseinanderreissen.

Dennoch begegnen wir den landwirtschaftlichen Bildern im Neuen Testament. Und obwohl wir uns zweifellos von ihnen entfernt haben und kein sinnvolles Gespräch mehr mit einem Bauern aus dem 17. Jahrhundert führen könnten, wissen wir dennoch, worum es geht. Es geht um das Elementare im Leben. Es geht um die Dinge, die wir kennen, auch wenn unser Leben sich in vielerlei Hinsicht so grundlegend verändert hat – schon seit nur einer oder zwei Generationen.

Und im heutigen Evangelium begegnen wir dem Hirtenbild.

Das Hirtenbild ist die Erzählung davon, dass wir behütet werden. So tief ist dieses Bild in uns verwurzelt, dass wir keine Mühe haben, es zu verstehen, auch wenn die wenigsten von uns wohl je einem wirklichen Hirten begegnet sind. Was ein Hirte ist, wissen wir dennoch. Wir kennen den Hirten. Wir wissen, dass es die Aufgabe des Hirten ist, für den zu sorgen, der ihm anvertraut ist.

Aber das heutige Evangelium vollzieht eine merkwürdige Bewegung, denn die Gegner – oder dürfen wir das Wort Angreifer verwenden – schliessen Jesus ein, wie es heisst. Sie schliessen den Hirten ein. In jedem anderen Zusammenhang würde man die Herde angreifen, aber hier ist es der Hirte, der angegriffen und umzingelt wird. Es ist der Hirte, der den Angriff auf sich nimmt, nicht die schwächere Herde. Sie schliessen den Hirten ein.

Das ist bedenkenswert – und vielleicht mehr als das. Es sagt vielleicht etwas Entscheidendes über das Evangelium aus. Dass es der Hirte ist, der geopfert wird.

Denn es ist ja auch der Hirte, der in der Passion den Angriff auf sich nimmt. Es ist der Hirte, der verhört wird. Der gegeisselt wird. Der ans Kreuz geschlagen wird. Am Kreuz wird der Hirte auf entscheidende Weise eingeschlossen.

Es ist der Hirte, der umzingelt wird – nicht die Herde.

Und mitten darin, dass er eingeschlossen wird, antwortet der Hirte – Jesus –, dass niemand die Herde aus seiner Hand reissen kann. Es sind die Worte vom Kreuz, die erklingen. Die Herde gehört ihm. Das Wort ergeht aus dem geschlossenen, umstellten Kreis hinaus in die Welt.

Und die Schafe hören seine Stimme und gehören zu ihm. Das Wort, das man hört, bedeutet, dass man dazugehört – und im Hören gehört man zusammen. Herde und Hirte gehören zusammen in der Stimme des Hirten.

Vor vielen Jahren waren wir mit den Kindern in einem Freizeitpark. Das mittlere der Kinder, vier Jahre alt, war eine Abenteurerin ohnegleichen und ging oft ihre eigenen Wege. Mitten im Park kam ihr die Idee, auf eigene Faust herumzuwandern. Ich folgte ihr unauffällig, während sie munter durch den Park lief – ohne einen Gedanken daran, dass sie allein war. Aber dann geschah es ihr. Plötzlich konnte ich an ihr sehen, dass der Gedanke sie traf: „Ich bin allein – wo sind die anderen?” Ich eilte zu ihr, nannte ihren Namen – und sah, wie ihre Schultern sanken. Allein ihr Name hatte genügt.

An dieses Erlebnis habe ich immer gedacht, wenn ich die Worte höre, dass sie meine Stimme hören und nichts uns aus Gottes Hand reissen soll. So muss es sein, wenn Gott uns mitten in unserer Verlorenheit beim Namen ruft. Dass wir seine Stimme hören, die unseren Namen spricht, dass er uns beim Namen ruft und uns kennt. Wenn wir meinen, auf uns allein gestellt zu sein, und das plötzlich bemerken – dann sind wir dennoch in des Vaters Hand.

So gehören wir zusammen. In Gottes Stimme. In Gottes Wort.

Und das Grosse am heutigen Evangelium ist, dass all dies geschieht und gesagt wird, während sie ihn einschliessen. Und das steht in vollständiger Entsprechung zum Kreuz. Auch dort wird er wahrhaftig eingeschlossen. Und sowohl hier als auch am Kreuz spricht Gott sein Wort. Im heutigen Evangelium in einer tröstenden Auslegung. Am Kreuz in einer tröstenden, versöhnenden und rettenden Tat.

So wird die heutige Erzählung zur Auslegung des Kreuzes. Und die grossen Worte erklingen aus dem Umzingelten heraus: Niemand kann es meinem Vater aus der Hand reissen. Ich und der Vater sind eins.

Amen.


Thomas Reinholdt Rasmussen
Bischof in Aalborg
trr@km.dk