Johannes 1,1-14
Christfest | 25.12.2025 | Joh 1,1-14 | Rasmus H.C. Dreyer |
Die neue Musik der Weihnacht
… [die Orgel spielt die ersten zweieinhalb Takte von Strawinskys Sacre du Printemps].
Hat sich Unsicherheit ausgebreitet – Unruhe über das Ungewohnte? Denn ja, dieser Einbruch von der Orgel war beabsichtigt. Aber welch legendäre Töne.
Es war dieses Fagottensolo, das das bahnbrechende und skandalumwitterte Musik- und Ballettwerk des russischen Komponisten Igor Strawinsky Le Sacre du Printemps – auf Deutsch: Das Frühlingsopfer – einleitete. Es war einer der größten Skandale der Musikgeschichte, der 1913 bei der Uraufführung Paris elektrisierte und Schockwellen über die westliche Welt sandte.
Ich werde noch viel mehr darüber erklären. Denn es soll eine wesentliche Einsicht über Weihnachten veranschaulichen. Die Geburt Jesu ist ebenfalls ein solcher unwiderruflicher Aufbruch in der Weltgeschichte. Etwas, hinter das wir niemals zurückkehren können – und das daher immer bei uns ist als ein Zeugnis dafür, dass Gott mit uns ist. Dahinter können wir nie wieder zurück. Es ist geschehen.
Zurück zu Strawinsky und der Musik.
„Es war eine neue Art wilder Unkunst und zugleich Kunst“, erklärte einer der Augenzeugen, Harry Graf Kessler, bei der Premiere. Es wurde der musikalische Beginn des 20. Jahrhunderts genannt. Der Augenzeuge fuhr fort: „Alle Form wird zerstört, aber etwas Neues taucht plötzlich aus dem Chaos auf.“
Doch wie wir wissen: Strawinskys Frühlingsopfer wurde auch der Auftakt zum grausamsten Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit. Sehr passend ist der Höhepunkt des Balletts und der Musik selbst grausam: Ein heidnisches Menschenopfer – passend als Ouvertüre zum Großen Krieg, dem Ersten Weltkrieg, der kurze Zeit später folgte.
Wir sind jedoch ein wenig taub dafür geworden. Denn der neue Ausdruck der Musik wirkt heute nicht mehr besonders revolutionär auf uns. Aber damals war etwas Neues in die Welt gekommen: Die rhythmische, barbarische, auf das Wesentliche reduzierte Musik. Es war ein Abschied von der Schönheit, der Romantik, der Beseeltheit, der Ästhetik und der christlich inspirierten Musik.
Wir sind dabei aufzubauen, hört ihr: Sind wir auch taub geworden für das, was die Weihnachtsbotschaft ist?
Bereits bei den ersten Takten der Premiere des Frühlingsopfers entstand Unruhe auf den Rängen. Prustende Lacher, Spottrufe, Pfiffe, als das Fagott einsetzte – das Unbehagen am völlig Neuen und Anderen zerstörte die Formen. Überall wurde das Publikum zum Leben und zur Stellungnahme erweckt. Der Tumult nahm so sehr zu, als die Pariser entdeckten, dass dies Ernst war, dass die Leute ihre Unzufriedenheit herausschrien.
Die Tänzer konnten die Musik nicht hören, der Choreograph rief ihnen die Schritte zu, und gerade bei der Einleitung zum „Ritual der Ahnen“, der Opferung selbst, wurde es so grell, dass das Licht ausgeschaltet wurde. Und als das Licht kurz darauf wieder anging, hatte das Publikum das beunruhigende Gefühl, dass sie selbst zur Bühne geworden waren – und die Tänzer zum Publikum.
Die Welt und die Musik, die zuvor existiert hatte, konnte niemals zurückkehren ohne das Bewusstsein, dass es einen anderen Klang gab, ein anderes Angebot, wie Musik sein konnte.
Als der Tag nach dem skandalösen Premierenabend in Paris 1913 anbrach, war alle Musik, die sich nicht zu diesem Neuen verhielt, in einem alten Bund gefangen. Die alten Tage waren zu Ende. Die neue Zeit begonnen. Eine neue Musik hatte Gestalt angenommen und Platz in der Welt gefunden.
Hört ihr, worauf ich anspiele?
Das eigentümliche Weihnachtsevangelium von Johannes. Wo steht, dass das Wort in die Welt kommt, Fleisch wird und unter uns wohnt. Und dass damit alles verändert ist – und dass wir niemals hinter dieses Weihnachtswunder zurückkehren können.
Das Alte ist zu Ende. Das Neue beginnt.
Es klingt schön und beinahe philosophisch mit den Worten des Evangelisten Johannes über Gottes Wort, das Fleisch wird. Dass Gott sich inkarnieren lässt. Aber wir verstehen es besser, wenn wir vom Vertrauten hören, von der Krippe in Betlehem. Jener Krippe, in die Maria Jesus legte. Denn er ist es, der Gottes Wort als Mensch ist.
Die Pointe ist dieselbe. Aber die Krippe – sie war nichts ästhetisch Schönes oder Anmutiges. Sie war ein Ärgernis.
„Dort mussten sie liegen in Gestank und schmutzigem Stroh“, predigte unser alter dänischer Reformator Hans Tausen vor fast 500 Jahren an diesem Tag zu Weihnachten. Hier lagen sie, fuhr Tausen fort, unter unvernünftigen, stummen Kreaturen, während alle Großkopferten der Welt obenan bei Tisch saßen in höchstem Behagen und aßen, tranken und schwelgten in allem, was ihre sündigen Leiber begehrten.
Ja, wer denkt an Maria? fragt Hans Tausen. Wer denkt an die junge Wöchnerin und ihre Erstgeburt? Nein – bei Tafeln mit gutem Essen und Trinken verklingt Jesus und seine elende Geburt leicht. Und nach Jahrhunderten und Jahrtausenden der Feier des in einem Stall geborenen und in eine schmutzige Krippe gelegten Kindes ist all das Beschmutzende und Erniedrigende an der Menschwerdung unseres Herrn vergessen worden.
Das Ärgernis, die Unruhe und das Unbehagen darüber, dass Gott unter diesen Bedingungen Mensch wird, fehlt beim Evangelisten Johannes. Nicht weil Johannes sich irrt – sondern weil Lukas uns hilft zu sehen, was Johannes sagt.
Deshalb solltet ihr mit Strawinskys Skandaltönen nach dem Weihnachtsevangelium nur ein wenig aus der Fassung gebracht werden. Denn an diesem Weihnachtsmorgen sollen wir auch spüren und wirklich hören, wie ein unter so geringen Umständen geborenes Kind die Welt verändert.
Niemals wurde so Geringem so viel Ehre erwiesen, wie als die Engel sangen und Gott priesen:
„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden! Friede den Menschen seines Wohlgefallens!“
So viel Musik und Lobpreis für ein so kleines Kind.
Denkt daran, wenn ihr später am Tag zu Hause sitzt und auf die Weihnachtskrippe schaut. Sie soll uns an die Geringheit erinnern – woraus das Allergrößte stammt. Und der Zweck der Weihnachtskrippe besteht
überhaupt darin, dass wir uns den Hirten auf dem Feld anschließen, nach Betlehem gehen und „sehen, was dort geschehen ist“.
Bei Johannes vermisse ich also die Weihnachtskrippe. So stellt sie euch jetzt vor. Denn die Krippe hilft uns, das Ereignis zu sehen: Dass das Wort Fleisch wurde und Wohnung unter uns nahm.
Deshalb steht die Krippe auch so stark in den Liedern. Die Lieder sind kleine Krippenspiele. Die Melodien sind die alten, den Ohren angenehm – alles stammt aus der Zeit vor Strawinsky und dem musikalischen Aufbruch. Aber die altvertrauten Töne können bisweilen den Inhalt verschleiern: Den großen Aufbruch in der Heiligen Nacht, dass Gott mit uns sein wollte, als Mensch auf schmutzigem Stroh geboren werden, um einen jeden von uns aufzurichten.
Die Welt wurde niemals mehr dieselbe, als Maria das Kind wickelte und ihn auf das Krippenstroh legte. Die Zeit ist neu. Gnade, Friede und Liebe sind in die Welt gekommen.
Um die Musik noch einmal als Beispiel zu nehmen: Egal wie hartnäckig ein heutiger Komponist darauf bestehen mag, Barockmusik, romantische Musik oder impressionistische Musik zu schreiben, Strawinskys Frühlingsopfer wird immer mitklingen. Manche Dinge sind so entscheidend neu in der Weltgeschichte, dass wir niemals hinter sie zurückkommen – jedenfalls nicht ohne es unter den Prämissen der Falschheit zu tun.
So ist es auch mit Weihnachten. Ohne das Kind in Betlehem – und was daraus folgte: Jesus, das Kreuz, der Tod und die Auferstehung – wird das Verständnis davon falsch, wer wir als Menschen sind.
Die Zeit des Menschen allein auf Erden ist vorbei. Gott ist hier.
Vielleicht fühlen wir uns uns selbst überlassen, einsam, verraten oder unzulänglich. Aber die kleinliche Abrechnung der Sünden voneinander ist zumindest vorbei. Auch im Jesuskind der Weihnacht gibt sich Gott uns hin. Hierin liegt das große Wunder.
Fragt euch selbst:
Welcher Gott würde sich auf diese Weise erniedrigen und Fleisch und Blut werden wie wir Sterblichen?
Kein anderer als ein liebender Gott.
Dass Gott Mensch wird, ist wirklich neu – und wirklich skandalös.
So lasst etwas vom Skandalösen der Weihnacht wieder hervortreten.
Dann können wir das Ganze neu hören.
Frohe Weihnacht! Amen.
Rasmus H. C. Dreyer Studielektor, Dr. phil., Hatting/Horsens
Email: rhcdreyer(at)gmail.com