Johannes 13,1–15
Ein Teil des Festes werden | Gründonnerstag | 02.04.2026 | Joh 13,1–15 | Lasse Rødsgaard Lauesen |
Ein Teil des Festes werden
Für den Gast beginnt ein Fest bereits mit den Vorbereitungen. Es fängt an mit dem Duft von Parfüm und dem Festtagsanzug, der gebügelt und zurechtgelegt wird. Man überlegt, wie man zum Fest passt: Ist man nun zu viel oder zu wenig? Passt man zur Gesellschaft? Wie kommt man weder zu spät noch zu früh?
Gut angekommen muss man alle anderen begrüssen, einen Willkommensdrink trinken, und dann sucht man seinen Namen auf der Tischkarte und findet seinen Platz. Einladung, Festtagskleid, Geschenk, Händedruck für alle, den eigenen Platz finden – habe ich etwas vergessen? Das Geschenk – ja, das habe ich abgegeben. Hat man jedoch an alles gedacht und seinen Platz gefunden, geht es nur noch darum, ein Teil des Festes zu werden.
Vor einigen Festen sass ich neben einer Tischdame, einer etwas älteren Frau, die ihr Alter hinter kräftigen Farben und viel Gold verbarg. Ich hatte mir ein paar Gesprächsthemen vorbereitet, doch sie ergriff das Wort, kaum dass ich ihr den Stuhl herausgezogen hatte: „Wenn Sie etwas wissen wollen, fragen Sie mich einfach“, sagte sie. Ich brauchte gar nicht zu fragen, denn es folgte eine durchaus unterhaltsame Erzählung über all die frisch gewaschenen und wohlgebügelten Menschen, denen ich gerade die Hand gegeben hatte.
Im Lärm des Festes erzählte meine Tischdame von Feindschaften, Untreue, Scheidungen und kleinen Vergehen – alles Menschen, die auf den ersten Blick völlig unverdächtig gewirkt hatten. Aber mit ihrer Erzählung im Hinterkopf ergab die Sitzordnung plötzlich einen guten Sinn. Sie liess sich kaum von Tischreden unterbrechen, die den Gastgeber lobten. Sie kannte die Anekdoten jedenfalls besser als die Redner selbst.
„Bordet fanger“ – sagt man auf Dänisch [wörtl. „der Tisch fängt“, sinngemäss im Kartenspiel „gespielt ist gespielt“, A.d.Ü.] – und ich war tatsächlich eingefangen, von meiner Tischdame und von Wahrheiten, auf die ich vielleicht lieber verzichtet hätte. Der Gastgeber muss doch gewusst haben, wer sich hinter den wohlriechenden und frisch gebügelten Menschen verbarg. Oder war es gerade deshalb, dass sie dabei sein sollten – weil sie ihr Leben im Alltag mit kleinen Zwistigkeiten und Scheidungen miteinander teilten?
Nun machen wir den Schritt vom Tisch zum Evangelium. So sieht ein Fest heute aus, wo der Tisch uns fangen kann – aber auch zu Jesu Zeiten, wo der Tisch ihn zusammen mit den zwölf Jüngern fing, auch wenn sie damals zu Tisch lagen.
Jesus ist der Gastgeber, der eine ganze Menge über sie alle weiss. Er weiss, dass es das letzte Fest sein wird. Er weiss, dass Judas ihn verraten und Petrus ihn verleugnen wird. Er weiss, dass sie ihn oft missverstehen oder das Falsche tun. Dennoch schürzt er sein Gewand und beginnt, ihnen vor dem Mahl die Füsse zu waschen. Er macht sie zu einem Teil des Festes – trotz allem, was er über sie weiss.
Das Fest, das Jesus und die Jünger feiern, ist das jüdische Passah – Pesach, was „Vorübergehen“ bedeutet. Der Todesengel zog an ihrer Tür vorbei, weil Blut an ihrem Türpfosten war, während die Juden in ihren Häusern sassen. Heute geht Gott nicht an unserer Tür vorbei, sondern lädt uns ein zu einem Fest, bei dem wir ein Teil von ihm werden.
Es ist eigentlich merkwürdig, dass die Jünger all ihren Schmutz mit zum Mahl geschleppt hatten, ohne sich vorher zu waschen. Und nun tut Jesus die schmutzige Arbeit für sie. Das bewegt auch Petrus, der verwundert ausruft: „Herr, du wäschst mir die Füsse?“ Vielleicht liegt es daran, dass wir uns nicht selbst reinigen können – weder Parfüm noch Bügeleisen können alle Geschichten auslöschen.
Jesus lässt sich vom Tisch fangen und bleibt. Obwohl er alles weiss, dient er den Menschen, die ihn verleugnen und verraten werden, und wäscht ihre Füsse. Und stellst du die Frage: „Herr, wäschst du mir die Füsse?“ – dann lautet die Antwort: „Ja“. Du bekommst deinen Teil und wirst ein Teil des Festes. Denn wir können uns nicht selbst reinigen – es braucht etwas von aussen, um das Fest wieder in Gang zu bringen. Im Leben miteinander reinigen Worte wie „Entschuldigung“ oder „Vergib mir“ das, was wir selbst nicht können, damit wir wieder am Fest teilnehmen können. In der Kirche bedeutet es, mit ungewaschenen Füssen zum Abendmahlstisch zu gehen und dennoch Anteil an der Vergebung zu empfangen.
Deshalb ist heute Gründonnerstag [dän. „Skærtorsdag“, d.h. „Reiner Donnerstag“, A.d.Ü.] – weil Jesus die Macht hat, uns von dem Schmutz rein zu waschen, den wir selbst nicht loswerden können. Das ist gelebte Liebe: den Menschen hinter all dem Schmutz zu lieben und an ihm festzuhalten trotz allem, was uns trennt. Er gibt uns ein Beispiel dafür, wie wir das Fest wieder in Gang bringen können an dem Tag, da er nicht mehr da ist. Wenn wir an der Reihe sind, Gastgeber zu sein, sollen wir in seinem Namen den Schmutz der Welt abwaschen. Wie er sagt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit ihr ebenso handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“
Wir sollen beim Fest miteinander am Tisch bleiben – auch trotz Verleugnung, Verrat und allem, was das Leben schwer machen kann. Das ist Vergebung, und so können wir das Fest wieder in Gang bringen. Es geht um uns. Wir werden gereinigt von allem, was wir selbst nicht loslassen können. Wenn wir vom Abendmahlstisch in unser eigenes Leben hinausgehen, bleibt die Einladung dieselbe: Du musst nicht perfekt sein, du musst nicht alles im Griff haben, du musst deine Füsse nicht vorher gewaschen haben. Jesus hat die Arbeit bereits getan. Er hat gereinigt, was wir selbst nicht loslassen konnten, und er zeigt uns, wie wir einander lieben können trotz allem. Nimm also seine Einladung an, nimm Platz am Tisch, steck die Füsse hin, nimm Anteil an der Liebe und werde ein Teil des Festes.
Amen.
Lasse Rødsgaard Lauesen
Pastor in Paarup, Odense
lrl@km.dk