Johannes 14,1–11

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Würde der Dankbarkeit | Jubilate | 26.04.2026 | Joh 14,1–11 | Elof Westergaard |

 

Würde der Dankbarkeit

 „Du bist ein guter Mensch, aber wenn du die Rechnung bezahlt hättest, wäre ich dir mein Leben lang zu Dank verpflichtet gewesen. Welche Würde hat ein Mann, der ewig dankbar sein muss?“ (Lea Ypi: Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme (2025), A.d.Ü.)

Ein junger albanischer Mann stellt einem anderen jungen Mann diese rhetorische Frage. Die Replik findet sich in Lea Ypis neuem Buch Unwürdig, einer Mischung aus Roman und dem Versuch, die eigene Familiengeschichte und Herkunft der Autorin zu erhärten.

Die rhetorische Frage nach der Würde fällt in einem Gespräch zwischen dem Großvater der Autorin, Asslan Ypi, und Enver Hoxha – dem späteren Begründer der albanischen Kommunistischen Partei und Diktator Albaniens über Jahrzehnte, bis zu seinem Tod 1985. Es ist der junge Enver Hoxha, der die Worte spricht: „Welche Würde hat ein Mann, der ewig dankbar sein muss?“

Die Frage ist, wie gesagt, rhetorisch. Und die Antwort des späteren Diktators Enver Hoxha lautet: keine. Er ist ein Mensch, dem es unwürdig erscheint, jemandem gegenüber dankbar sein zu müssen – der es nicht erträgt, in Schuld, in Abhängigkeit zu stehen.

Das Evangelium sagt etwas anderes. Und in meinen Augen liegt große Würde darin, dankbar sein zu dürfen und zu erkennen, dass man Schuldner ist.

Ein Lebensverständnis, das meint, niemandem Dank zu schulden, ist zugleich ärmlich und gefährlich – für einen selbst wie für die Mitmenschen. Das Leben wird ärmer und die Beziehungen werden öde. Denn wer geht durchs Leben, ohne Fehler zu begehen und die Hilfe anderer zu benötigen? Was bin ich ohne die anderen und ohne ihre Hilfe?

Mein Leben entsteht ja durch das, was wir miteinander teilen. Der Tag erhält seinen Sinn von denen, die ihn mit uns teilen – und deshalb ist es entscheidend, dass wir als Menschen einem anderen gegenüber Dank ausdrücken können und uns einer Schuld gegenüber anderen bewusst sein dürfen.

Die Vorstellung, es sei unwürdig, bei anderen in der Schuld zu stehen und dankbar zu sein, ist – so behaupte ich – geradezu gefährlich für das Handeln in der Welt.

Wer nicht zu seiner Schuld steht, wer in einem grundlegenden Sinne leugnet, jemandem etwas zu schulden, dessen Würde kann leicht darin bestehen, nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein und anderen gegenüber so zu handeln, wie es die eigene Machtstellung gerade erlaubt. Man schuldet ja niemandem etwas.

Andere Menschen können dann auf Marionetten reduziert werden, auf gleichgültige Passanten oder im schlimmsten Fall auf Fremde und eine gleichgültige Masse, mit der man verfahren kann, wie es einem beliebt.

Dass Lea Ypi die Worte über die Unwürde der Dankbarkeit ausgerechnet dem inzwischen verstorbenen albanischen Diktator Enver Hoxha in den Mund legt, weckt Assoziationen zu anderen autoritären und despotischen Machthabern – aus der Geschichte wie aus der Gegenwart. Aber es geht auch um uns jeden Einzelnen.

Jesus sagt im heutigen Evangelium – Worten aus dem Johannesevangelium – von sich selbst, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und er fügt hinzu, dass niemand zum Vater, das heißt zu Gott dem Vater, kommt außer durch ihn.

Hier hören wir sowohl von Jesu Abhängigkeit von Gott dem Vater als auch von unserer Abhängigkeit von Jesus. Würde bedeutet hier nicht die Selbstgenügsamkeit und Freiheit des Menschen, sondern das Dürfen, in Beziehung zu dem Gott zu stehen, dem wir alles schulden. Es geht nicht darum, im eigenen Recht zu stehen und die eigene Würde zu feiern, sondern darum, als Schuldner, denen alles geschenkt ist, im Licht Gottes füreinander die Hand auszustrecken – eines Gottes, der uns mit seinem Glauben, seiner Hoffnung und seiner Liebe begegnet.

Amen.


Elof Westergaard
Bischof in Ribe
eve@km.dk