Johannes 14,15–21

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Nicht Gottesbeweise brauchen wir – sondern Gotteserfahrungen! | Pfingstsonntag | 24. Mai 2026 | Joh 14,15–21 | Anna Jensen |

 

Nicht Gottesbeweise brauchen wir – sondern Gotteserfahrungen!

„Es war so bestimmt!“ So beschrieb mir eine zukünftige Braut ihre erste Begegnung mit ihrem Mann. Beide hatten gescheiterte Beziehungen hinter sich, doch eines Tages stand er vor ihr – ein besonderes Licht umgab ihn, und sie wusste: Er ist es. Es gab viele Hindernisse: Sie lebten weit entfernt, und er hatte Kinder aus einer früheren Beziehung – und dennoch gehörten sie zusammen. Das spürte sie, das fühlte sie, und es wurde ihr mit den Jahren immer klarer. Gott hatte in ihr Leben eingegriffen und die beiden zusammengeführt – zum Segen für sie und für all die Menschen in ihrem Leben.

Am Pfingsttag empfingen die Jünger den Heiligen Geist. Ein himmlisches Brausen fuhr durch das Haus und brachte Leben und Bewegung mit sich. Die Jünger sprangen auf und strömten hinaus, ihre Herzen flossen über. Sie teilten das Große, das sie erlebt hatten, mit den Menschen, die sie zufällig in Jerusalem trafen. So lebendig und begeistert erzählten sie von Jesus, von seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung, dass an jenem Tag fast dreitausend Menschen getauft wurden. Die Jünger hatten erfahren: Gott greift in unser Leben ein.

Im Laufe der Zeit ist die Glaubwürdigkeit der Bibel oft in Frage gestellt worden. Gibt es überhaupt einen Gott? Viele Theologen haben sich mit dem Gedanken der Gottesexistenz befasst. Erzbischof Anselm von Canterbury gelangte im elften Jahrhundert zu der Erkenntnis: Wenn Gott als dasjenige ist, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, dann muss Gott existieren, denn wirkliches Dasein ist größer als bloßes Gedachtsein. In den 1990er Jahren wurde unter Theologen verbreitet die Überzeugung vertreten, Gott müsse als Urheber unserer wunderbaren Welt existieren. Als Gegenerzählung zu Darwins Evolutionstheorie wuchs der Gedanke, ein intelligenter Designer müsse die Welt in all ihrer Komplexität entworfen haben, von der Unendlichkeit des Weltraums bis zur kleinsten Zelle. Solche „Beweise“ sollen erklären, wie wir Gottes Existenz in unserer aufgeklärten Welt einen Platz einräumen können. Heute bestätigen wir einander gerne: „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir auf den ersten Blick sehen!“ Damit geben moderne Menschen dem Geistlichen Raum. Wir haben erkannt: das Geistige gehört zur menschlichen Existenz.

Wenn der christliche Glaube heute für uns Bedeutung haben soll, reicht es nicht, Gottes Existenz zu erklären oder ihm einen Platz einzuräumen. Nein: wir wollen das Geistliche spüren, wir wollen das Göttliche erfahren. Nicht Gottesbeweise brauchen wir, sondern Gotteserfahrungen.

Unsere Kirche wird von manchen beschuldigt, blutleer zu sein. Es fehle ihr an Geist, denn es gibt kaum charismatische Prediger oder Heilungen. Aber irrt Euch nicht: Der Heilige Geist ist hier in der Kirche. Der Heilige Geist kann auch still sein; er macht kein Aufhebens von sich, sucht nicht das Seine. Viele Menschen kommen im Laufe des Jahres und im Laufe ihres Lebens in diesen Raum, denn hier erfahren wir den Geist. Er flüstert unter den Gewölben, zwischen den Mauern. Er ist in den Worten des Altarbuches und in den Gebeten; er ist im Atemzug, wenn wir gemeinsam Atem holen, um einen Kirchenlied zu singen; er ist im Brot und im Wein und im Wasser des Taufbeckens. Der Geist ist nicht sichtbar, er zeigt sich nicht auf Familienfotos – und dennoch werden wir bewegt, wenn wir hinter Worten und Zeichen einen Schimmer der Ewigkeit erahnen.

Gottes Geist kann im Verborgenen wirken, kaum wahrzunmehmen. Denkt nur an euer eigenes Leben: Wann seid ihr vom Geist ergriffen und getragen worden? Vielleicht war es groß und überwältigend, vielleicht war es fast unmerklich. Vielleicht wurden wir erst im Nachhinein auf das Eingreifen des Geistes aufmerksam.

In unserer Kirche wird stets über eines der vier Evangelien gepredigt. Um das Pfingswunder zu begegnen, müssen wir jedoch zur Apostelgeschichte gehen. Hier gibt es eine lebendige Beschreibung. Es ist fast so, als wären wir selbst auf dem Platz in Jerusalem zugegen, wenn ein Brausen wie von einem gewaltigen Wind ertönt und sich Zungen wie von Feuer auf die Jünger niederlassen. Man könnte sagen, Pfingsten füge dem Evangelium nichts Neues hinzu. Die Geschichte von Jesus Christus ist in den Evangelien abgeschlossen – aber das Pfingstwunder beleuchtet das Evangelium so, dass die Geschichte Jesu nicht nur ein schönes Märchen bleibt, sondern eine Wirklichkeit, die auch uns angeht.

Der Geist ist bereits in den Evangelien gegenwärtig. Am Gründonnerstagabend bereitete Jesus seine Jünger auf seinen Abschied und das Kommende vor. „Ich werde den Vater bitten“, sagte er, „und er wird euch einen anderen Beistand geben, der bei euch bleibt in Ewigkeit.“ Ein Beistand spricht im Namen eines anderen. Der Heilige Geist wird zu den Jüngern und zu uns im Namen Jesu sprechen; er wird in unseren Herzen wohnen und uns leiten und führen. Den Heiligen Geist, Jesu Beistand, tragen wir stets mit uns. Dieser Geist wird auch der Geist der Wahrheit genannt. Unser Leben soll im Licht des Geistes der Wahrheit gesehen werden – auch wenn die Welt den Geist nicht sieht und nicht kennt, so kennen wir ihn doch, denn wir haben ihn in unserer Taufe empfangen.

Nicht Gottesbeweise brauchen wir – sondern Gotteserfahrungen. Der Geist wohnt in unseren Herzen, und dennoch fällt es uns manchmal schwer zu sehen und anzuerkennen, dass der Geist in unserem Leben handelt. Wir schätzen unsere Unabhängigkeit; wir nehmen selbst den Ruhm für das Gute in unserem Leben in Anspruch. Aber wenn das Gegenteil eintritt, entschuldigen und erklären wir das Schlechte und Böse weg. Denn: Wenn ich krank werde – liegt es dann daran, dass ich nicht fit genug bin? Wenn mein Partner mich verlässt – liegt es dann daran, dass ich nicht liebenswert genug bin? Wenn ich meine Arbeit verliere – liegt es dann daran, dass ich nicht tüchtig genug bin? Der Gedanke der Werkgerechtigkeit [6] ist beunruhigend – denn können wir uns wirklich selbst aus uns selbst erlösen?

Ich bin überzeugt: Gott ist in unserem Leben gegenwärtig. Wir Menschen sind zum Glück nicht uns selbst überlassen, nicht unserer eigenen Unzulänglichkeit ausgeliefert. Das Evangelium von Jesus zeigt, dass Gott seinen Sohn zu uns gesandt hat, nicht damit wir uns selbst überlassen bleiben, sondern weil er uns Gutes will. Er trägt mit uns; er vergibt uns, wenn wir scheitern; er liebt uns, auch wenn wir nicht liebenswert sind.

Der Heilige Geist wohnt in unseren Herzen, aber wir hören nicht immer auf ihn. Ich glaube an, was man die „Eingebung des Geistes“ nennen könnte. Manchmal bekommt man eine Eingebung – oft weiß man nicht, woher sie kommt. Aber ich glaube: Wenn man eine Eingebung spürt, soll man ihr folgen. Denn es könnte der Geist sein, der uns zuflüstert, dass unsere Kräfte irgendwo gebraucht werden. Ich glaube, dass der Geist mich durch das Leben führt. Manchmal fällt das Licht und lenkt meine Aufmerksamkeit auf einen Menschen, mit dem ich zu tun haben soll. Es könnte jemand sein, der meine Kräfte braucht – aber es könnte auch umgekehrt sein: dass ich Hilfe brauche. Es könnte ein Gespräch sein, das uns beide bereichert. Es könnte eine Situation, ein Konflikt sein, den ich nicht zu bewältigen weiß; eine Lebenslage, in der ich ratlos dastehe und den Weg nicht kenne. Je älter ich werde, desto klarer sehe ich, wie der Heilige Geist immer wieder in mein Leben eingegriffen hat. Meist nicht mit Donnergetöse und Feuerzungen, sondern mit einer diskreten Bewegung, einem Traum, einem Licht, einer Eingebung.

Manche werden sagen: Das sei Unsinn. Niemand kann es beweisen. Ich glaube jedoch, dass es der Geist ist, der das Christentum lebendig hält. Das Evangelium ist keine moralische Geschichte aus alten Tagen darüber, dass wir nett zueinander sein sollen. Nein: der Heilige Geist verkündigt durch die Worte der Bibel, dass Gott unser Vater ist, dass wir schon immer, für immer seine geliebten Kinder sind, dass er uns fest bei sich hält. An Pfingsten empfingen die Jünger den Heiligen Geist. Der Geist haucht Leben ein und erneuert die alten Worte – sodass Jesus auch heute lebendig unter uns ist. Fröhliches Pfingstfest!

Amen.


Anna Jensen
Pastorin in Thomas Kingos Kirke, Odense
ansj@km.dk


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