Johannes 15,1-11
Predigt zum 18. Sonntag nach Trinitatis | 4. Oktober 2026 | Johannes 15,1-11 | von Sofie Vestergaard Eriksen
Durch Leben und Tod hindurch ins Leben.
„Ich wünschte, alle könnten reich und berühmt werden und alles bekommen, wovon sie je geträumt haben – um dann zu begreifen, dass das nicht die Antwort ist.“ So soll es der Schauspieler Jim Carrey gesagt haben. Er beschreibt die Jagd danach, in dieser Welt etwas zu werden – eine Jagd, die wir alle kennen. Wir wollen etwas Besonderes werden. Wir wollen groß und stark werden, erobern, Gebiete gewinnen, Ansehen oder Beifall. Aber, so sagt Jim Carrey aus eigener bitterer Erfahrung: Wenn das alles gelingt, dann entdeckt man, dass es nicht die Antwort war und dass man genauso klug ist wie zuvor. Genauso ausgesetzt und unsicher.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh 15,5), sagt Jesus. Wir können uns selbst überlassen fühlen in einer Zeit, in der sich alles zu verändern scheint. Aber das Evangelium erzählt: Wir sind Reben am Weinstock, und der Weinstock ist Jesus Christus.
Das waren seine Worte an die Jünger, bevor er sterben und sie verlassen sollte. Und er sagt: „Bleibt in mir … denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,4–5). Wenn wir an der Schwelle des Todes voneinander Abschied nehmen, klingen die Zusicherungen sonst eher so: „Ihr werdet sehen, ihr kommt gut ohne mich zurecht.“ Nicht so Jesus. Er sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Denn die Verbundenheit, die im Bild vom Weinstock und von uns als seinen Reben zum Ausdruck kommt, ist keine Verbundenheit, die der Tod zerbricht. Nein, der Weinstock wächst durch die Zeiten. Durch Leben und Tod und wieder ins Leben.
Wir leben aus Christus. In Christus finden wir unsere Nahrung. Mit Gott verbunden, wachsen wir weiter und weiter hinaus, und was an uns abstirbt und verdorrt, wird sorgsam weggeschnitten, damit neues Leben hervorsprießen kann. Das ist keine Erzählung davon, wie es einmal werden könnte oder wie es einmal war. Es ist auch keine Frage, ob wir wollen. Es ist die Verkündigung: So IST es! Wir sind Reben am Weinstock, der über alle Grenzen hinauswächst.
Wenn wir ängstlich werden – und das kann man in der Welt von heute wahrhaftig werden –, dann glauben wir, wir seien allein, wir müssten allein zurechtkommen, für uns selbst kämpfen. Erobern und etwas werden. Aber wir sind schon etwas: Reben im Laubwerk des Weinstocks. Wir haben Raum, und wir leben von der Nahrung, die Ewigkeit in sich trägt.
Wie Jim Carrey können wir erfahren, dass wir an ganz falscher Stelle nach der „Antwort“ gesucht haben. Dass wir auf dem Holzweg waren. Aber zum Glück glaube ich nicht, dass man erst Reichtum und Ruhm erlangen oder alles bekommen muss, was man sich zu wünschen meint, um zu entdecken, dass man auf dem Holzweg ist. Das Leben erteilt uns manchmal Korrekturen, die uns zurückschicken zu dem, wovon wir leben. Zurück zur Nahrung, damit wir entdecken, wohin wir gehören. Wir werden heimgeschickt.
Meine Schwester hat mir neulich eine Erinnerung erzählt, die ich vergessen hatte. Sie erzählte von einem Heiligabend bei unseren Eltern vor vielen Jahren. Außer meinen Eltern und uns Geschwistern waren auch meine Großmutter da, meine alte Tante und mein Onkel, der sein Leben lang behindert war, an Leib und Seele. Es gab also viele verschiedene Bedürfnisse und viele verschiedene Tempi, auf die man Rücksicht nehmen musste. Meine Schwester erinnerte sich, wie sehr sie damals mit sich selbst beschäftigt war. Doch dann verzögerte sich die Weihnachtsfeier, denn wir mussten warten, bis unsere alte Tante ins Pflegeheim zurückgefahren wurde – sie hielt nicht mehr durch, obwohl es noch gar nicht spät war. Der Abend hatte kaum begonnen.
So entstand ein Intermezzo, in dem wir einfach dasaßen und warteten. Und da begann unser Onkel, von seinem Rollstuhl aus „Peters Jul“ aufzusagen, auswendig. Das alte, lange Gedicht von einem Kind, das voller Spannung alles erlebt, was vor Weihnachten geschieht: die Vorbereitungen, die Geheimnisse, den Zauber. Und niemand kann „Peters Jul“ so aufsagen wie ein Kind, das alles mit reinem Herzen fühlt. Unser Onkel war damals den Jahren nach längst erwachsen. Aber durch seine Hirnschädigung war und blieb er immer wie ein Achtjähriger. Einer, der Weihnachten für Weihnachten mit der Freude und der Erwartung eines Kindes erlebte – und mit der Enttäuschung, wenn ein anderer die Mandel im Milchreis fand und das Mandelgeschenk bekam.
Meine Schwester dagegen, ein Teenager, entdeckte in diesem Augenblick, dass sie an einem ganz anderen Ort war als in der kindlichen Erwartung. Als wir vor ein paar Tagen darüber sprachen, sagte sie: „Ich habe verstanden, dass es etwas gibt, das ewig und tief ist und das immer so bleiben wird, ganz gleich, was geschieht. Ganz gleich, womit ich gerade beschäftigt war.“ Diese Erfahrung schickte sie zurück – und sei es nur für einen Augenblick – weg von den Oberflächen und von der Jagd nach etwas Unbestimmbarem, die die Jugendzeit prägt. Und es war mein kindlicher, sabbernder, hirngeschädigter, innig geliebter Onkel, der ihr das öffnete. Das Tor zurück zu dem, was Ewigkeit in sich trägt.
Es war weder die Nostalgie von „Peters Jul“ noch eine plötzliche, selbstgefällige Rührung über sein unbeholfenes Aufsagen, die den Ausschlag gab. Es war die Begegnung des Ewigen und Tiefen mit dem Oberflächlichen, die das Oberflächliche Risse bekommen und zu Asche zerfallen ließ.
Es war eine Korrektur, die sie heimwärts wies. Nicht heim wie beim „Mensch ärgere dich nicht“, wo man zurück ins Haus muss und von vorn beginnt, sondern heim zu dem, wovon allein wir wirklich leben können. Heim zur Erfahrung des Weinstocks, der Wurzeln, der Quelle in der Tiefe. Zur Nahrung, die Ewigkeit in sich trägt.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Wir sind mit Gott verbunden, und was uns leben lässt, strömt aus den Wurzeln in ihm und fließt in uns hinein. Es ist schon in uns. Wir sind schon Reben am Weinstock, und wir spüren Zeiten mit neuen Trieben und guten Früchten. Und wir spüren Zeiten, in denen die Zweige absterben, verdorren, abbrechen und zu nichts werden. Tag für Tag fließt die Nahrung aus den tiefen Wurzeln in Gott in uns hinein.
Trotzdem verirren wir uns und meinen, wir hingen mit nichts und niemandem zusammen. Wir seien allein und müssten für uns selbst kämpfen. Wir seien unser eigenes kleines Gewächs, müssten die lebenspendenden Quellen selbst finden und erfinden und uns zugleich hoch zur Sonne recken, um nicht von den anderen, fremden Gewächsen überschattet zu werden.
In meinem Pfarramt darf ich mit Menschen sprechen, die wirklich mit ihrem Leben ringen. Das klingt vielleicht eitel, als läge es an meiner Person, als wäre ich besonders vertrauenswürdig oder hätte besondere Gaben. Aber daran liegt es nicht. Es liegt allein daran, dass ich das Evangelium im Gepäck habe. Geistliche tragen es schon durch so viele Generationen, dass Menschen manchmal Hilfe bei „Geistlichen“ suchen – in der Hoffnung, eine andere Wirklichkeit zu sehen. So habe ich mit Menschen gesprochen, die verzweifelt daran festzuhalten versuchen, dass sie etwas Besonderes sind, trotz allem, was andere über sie sagen. Oder sie versuchen daran festzuhalten, dass sie gute, anständige Menschen sind, obwohl vieles in eine ganz andere Richtung weist. Und ich habe mit Menschen gesprochen, die das Gefühl völliger Ohnmacht getroffen hat, die wahrhaftig alles verloren haben. Und was ich sehe – und darauf habe ich nicht den geringsten Einfluss –, ist dies: Wo man für sich selbst kämpft, da wächst nichts. Da ist Wüstenland, und die Einsamkeit ist überwältigend. Aber wo alles aufgegeben ist und man weiß, dass man auf nichts einen Anspruch hat, da offenbart sich die Liebe manchmal in ganzer Fülle, größer, als man begreifen kann.
Und dann geht einem auf: Das Einzige, woran man reich sein kann, ist das, was man sich nicht selbst geben kann!
Sind wir auf dem Holzweg, braucht es Korrekturen. Vielleicht erlebt man, was Jim Carrey allen wünscht: den riesigen Lottogewinn, mit dem man alles kaufen kann – und entdeckt dann, dass man noch genauso bettelarm ist wie vorher. Dass das nicht die Antwort war, die man suchte.
Oder man hört an einem Heiligabend plötzlich ein Kind „Peters Jul“ aufsagen, entdeckt, dass man eine Rebe am Weinstock ist, und findet den Weg nach Hause.
Man entdeckt, dass die Verbundenheit mit dem Ewigen nicht etwas ist, das einmal war. Es ist nicht so, dass es einmal so sein wird. So IST es JETZT. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“
Wenn Kinder getauft werden, erklingen die Worte des uralten Psalms, der zum heutigen Sonntag gehört: „Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang“ (Ps 121,8). Mit Gott verbunden, gehen wir hinaus in die Welt, hinaus ins Leben. Das ist unser Ausgang. Und einmal, nach diesem Leben, kehren wir zurück und gehen wieder ein zu Gott. Das ist unser Eingang. Durch all das hindurch sind wir Reben am Weinstock und leben von der Nahrung, die Ewigkeit in sich trägt. Durch Leben und Tod hindurch ins Leben.
Amen.
Sofie Vestergaard Eriksen
Pastorin am Dom i Haderslev/Hadersleben
sve@km.dk
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