Johannes 15,1–8

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Auf die Verbindung kommt es an! | Jubilate | 26.04.2026 | Joh 15,1–8 | Winfried Klotz |

Jesus spricht:

1 Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. 2 Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich euch gesagt habe. 4 Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich heraus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, wird weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt, und es wird euch zuteil werden. 8 Dadurch wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.

 

Auf die Verbindung kommt es an!

Überdeutlich redet unser Predigtwort zu uns von der Beziehung der an Jesus Christus Gläubigen zu ihm. „Ich bin der wahre Weinstock…“ Es scheint noch andere Weinstöcke zu geben, die sich als stark, nährend, Lebenserfüllung versprechend ausrufen; aber sie täuschen, sie geben etwas vor, was sie nicht halten können. Jesus allein ist der Weinstock, seine Lebenskraft dringt vor zu den Reben und ermöglicht ihnen Frucht zu bringen.

„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt.“

Ich muss etwas ausholen: Warum gehören Sie zur Kirche und bezeichnen sich als Christ? Manche sagen: Meine Eltern haben mich taufen lassen. Ich bin in der christlichen Tradition aufgewachsen. Wäre ich in einem anderen Land aufgewachsen, wäre ich vielleicht Muslim, Hindu, Buddhist. Andere sagen: die Kirche ist ein Träger wichtiger sozialer Aufgaben; deshalb unterstütze ich sie und zahle meine Kirchensteuer. Wieder andere sagen: Ich habe gemerkt, dass ich einen Sinn für mein Leben brauche; den finde ich in der christlichen Religion. Deshalb gehöre ich zur Kirche. Dann: Ich habe in einer Lebenskrise den Glauben entdeckt und bin deshalb zur christlichen Kirche gekommen.

Es gibt bestimmt noch mehr Beweggründe, zur christlichen Kirche zu gehören. Entscheidend aber ist, dass wir – welche Gründe uns auch immer zu Glauben und Kirche geführt haben – in echter Verbindung mit Jesus Christus leben und „Frucht bringen“. Darauf legt unser Wort großen Wert! Das ist nicht einfach damit gegeben, dass wir getaufte Mitglieder der Kirche sind. Das Johannesevangelium müsste nicht so betont von Jesus als dem Weinstock – oder anders, dem Quellgrund – des Glaubens reden, wenn es sich mit der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde selbstverständlich ergäbe. Ich habe eher den Eindruck vom Gegenteil: hineingeboren in christliche Tradition, getauft, durch eine/n vorbildlichen Pfarrer/in konfirmiert, beheimatet in kirchlicher Jugendarbeit und trotz Kirchensteuerabzug und säkular denkender und lebender Gesellschaft dabei geblieben, bedeutet noch nicht, dass jemand aus dem Quellgrund des Glaubens, aus Jesus lebt. Christsein ist dann ein Lebensgerüst, Kirche ein Ort von Gemeinschaft und Identität. Der stolze Eigenwille regiert weiter das Leben. Gott ist für mich da, muss für mich da sein! Ich selbst mache mein Ding – er segnet mich doch, aber reinreden darf er mir nur sehr begrenzt. Und Jesus bleibt mir weitgehend ein Rätsel. Von Gott gesandt, für mich am Kreuz gestorben, auferweckt von den Toten, ER hat seinen Geist gesandt! Das sind dogmatische Formeln aus der christlichen Tradition, deren Gehalt ich nicht in mein Leben integrieren kann und die das säkulare Denken der Zeit grundsätzlich in Frage stellt. Christsein sei, mit Jesus verbunden sein wie eine Rebe am Weinstock, das sei Gottes Wille, wie geht das? Und ist das überhaupt zeitgemäß? Passt das in heutiges Denken?

Am Anfang meines Theologiestudiums meinte der Studienleiter im Theologischen Konvikt zu mir: So wie Du kann man heute nicht mehr glauben. Und ich weiß noch gut, wie ich mich in endlosen nächtlichen Diskussionen aufgerieben habe für meine Sicht des Glaubens. Das führte schließlich dazu, dass ich mir sagte: die müssen recht haben! Ich muss der Wahrheit die Ehre geben! In mein Tagebuch schrieb ich einen Satz, der im Kern widersprüchlich ist: „Ich leugne Gott, dass du bist!“ Dann geschah etwas Überraschendes: ich spürte Gottes Gegenwart ganz stark, es war unmöglich IHN zu leugnen. Damit war für mein Leben und Denken ein Pflock fest eingerammt: Gott ist nicht zu leugnen! Dass ich nachher damit zu ringen hatte, ob Gott mir diese Schuld vergibt, gehört auch zur Geschichte.

Warum erzähle ich das? Weil heutiges Denken im Kern atheistisch ist und dies auch in die Theologie ausstrahlt. Ein Professor meinte bei einer Vorlesung zur Apostelgeschichte zur Stelle Apg. 16,7: „Kurz vor Mysien versuchten sie, nach Bithynien weiterzuziehen, doch der Geist Jesu ließ es nicht zu.“ Das mit der direkten Leitung durch den Geist hat Lukas sich so vorgestellt. Genau das war und ist das Problem in der Theologie: Was nicht in säkulares Denken passt, wird auf eine Vorstellung oder Bedeutung reduziert. Es ist nur ein Vorgang im Bereich des Denkens.

(Aber lehrt uns nicht die Schöpfungsgeschichte, dass Gott als der Schöpfer kein Teil dieser Welt ist? Ist es deshalb nicht nötig, die Welt a-theistisch zu betrachten? A-theistisch heißt hier nicht Gott leugnend, sondern meint, Gott ist kein Bestandteil unserer Rechnung; er entzieht sich, obwohl er wahrzunehmen ist aus seinen Werken. Wir werden seiner nicht gewärtig, außer im Vertrauen auf ihn.)

Eine Fabel erzählt: Eines schönen Morgens glitt vom hohen Baum am festen Faden die Spinne herab. Unten im Gebüsch baute sie ihr Netz, das sie im Laufe des Tages immer großartiger entwickelte und mit dem sie reiche Beute fing. Als es Abend geworden war, lief sie ihr Netz noch einmal ab, um es auszubessern. Da entdeckte sie auch wieder den Faden nach oben, an dem sie heruntergestiegen war. Sie hatte ihn in ihrer betriebsamen Geschäftigkeit ganz vergessen. Da sie schlecht gelaunt war und auch nicht mehr wusste, wozu er diene, hielt sie ihn für überflüssig und biß ihn kurzerhand ab. Sofort fiel das Netz mit ihr in die Tiefe, wickelte sich um sie wie ein nasser Lappen und erstickte sie.[1]

Das klingt dramatisch; viele werden das nicht nachsprechen. Der moderne Mensch in den Industriestaaten kann fast alles ohne Bindung nach oben – ohne Vertrauen auf Gott. Dass er aber in einer vergänglichen Welt und unter der Last von Versagen und Schuld ein rundes erfülltes Leben haben kann, dazu scheint mir ein Glaube erforderlich, der nur möglich ist, wenn man Augen, Ohren und alle Sinne verbarrikadiert und das klagende Herz betäubt.

Wir sind nach Gottes Bild geschaffen, was doch bedeutet, ins Gegenüber zu IHM gestellt als Menschen, die auf ihn hören und ihm antworten sollen und können. Aber zu leben im Gegenüber zu Gott ist tief gestört, wie die Sündenfallgeschichte im Bild beschreibt. Der Mensch will sein wie Gott, was zu krasser Gottlosigkeit führt. Das wird im nächsten Kapitel, 1. Mose 4, noch zugespitzt: Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Schließlich heißt es im Vorwort zur Sintflutgeschichte: „Der HERR aber sah, dass die Bosheit des Menschen groß war auf Erden und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens allezeit nur böse war. Da reute es den HERRN, dass er den Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.“ (1. Mose 6, 5f.) Es folgt der Untergang in der Sintflut.

Ich weiß, manche sind allergisch gegen diese Sündentheologie. Das ist da berechtigt, wo die Sünde groß und die Gnade klein gemacht wird. Bei Jesus aber lernen wir: Gottes Gnade ist über alles menschliche Maß groß! Sie reicht auch für Zöllner und Sünder, für Menschen, die sichtbar gegen Gottes Wille leben. Umkehr ist auch für sie möglich. Und Paulus schreibt: „Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden“ (Römer 5, 20b). Es gibt keinen Grund kleinzureden oder zu rechtfertigen, was an Bosheit durch Menschen geschieht. Wir alle haben daran mehr oder weniger Anteil. Allen Grund gibt es aber großzumachen, was Gott in der Sendung von Jesus zu unserem Guten getan hat.

Damit kehre ich zurück zum Predigtwort aus Johannes 15: Jesus sagt: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt.“ Fruchtbringen geschieht aus der Verbindung zum Weinstock, es ist zugleich Bedingung für das Bleiben am Weinstock. Fruchtbringen wird in den nachfolgenden Versen von Kapitel 15 vor allem als geschwisterliche Liebe benannt. Es ist klar: Wenn es in einer christlichen Gemeinde vor allem um die Machtfrage geht, wird das Miteinander gestört. Gewiss braucht es eine gute Ordnung, es braucht die die Abgrenzung von Arbeits- und Entscheidungsbereichen. Aber alles muss Hand in Hand geschehen. Keine starre Hierarchie, kein bürokratisches Blockieren, weil jemand meinen Machtbereich verletzt hat. Es geht bei der geschwisterlichen Liebe nicht um Sympathie; es geht vielmehr darum, dass wir uns dem Christus Jesus unterordnen, der uns aus Gottes Liebe die Tür zu Gott aufgestoßen hat. Wer sich Jesus unterordnet, wird nicht entmündigt, sondern erfährt aus der Verbindung mit ihm, betend, sein Wort lesend, Beauftragung und Ausrüstung. Das überwiegt weit erfahrene Demütigung. Wir bringen Frucht ganz automatisch aus der Verbindung mit dem Weinstock Jesus (Mk 4,28).

Zur geschwisterlichen Liebe gehört, dass ich meinen Stolz begrabe, die anderen ertrage, Schuld benenne und bekenne, Vergebung erbitte und schenke. Es ist normal, dass es Probleme gibt; es ist normal, dass ich schuldig werde und andere an mir. Tun wir nicht so, als wäre es etwas Besonderes, wenn jemand mich ignoriert, übergeht, ungerecht kritisiert. Das sind kleine Kreuze im Verhältnis zum Kreuz Jesu. Liebe als Frucht der Verbindung mit Jesus und der Kraft seines Geistes fließt nur, wenn ich in diesem irdischen Schlamassel weitergebe, was mir auch geschenkt wurde: Vergebung und Neuanfang. Das geht nicht leicht, das darf man nicht von mir fordern; es ist ein Geschenk der Stille vor Gott und des seelsorgerlichen Austausch. Ein/e Seelsorge- und Gebetspartner/in kann eine große Hilfe für den Weg im Glauben sein. So kann ich gestärkt werden dazu, um Vergebung zu bitten und anderen zu vergeben; das kann einen kräftigen Schub im Miteinander der Gemeinde geben. Eine solche Gemeinde ist anziehend, jedenfalls wenn dies in Ehrlichkeit geschieht, ohne Druck und ohne Heuchelei. Ich muss dabei auch an einen Vers aus dem Jakobusbrief denken: „Bekennt einander also die Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet!“ Es geht eine große Kraft aus vom Bekenntnis der Sünden und dem Gebet füreinander.

Bleiben am Weinstock – das ist doch eine Selbstverständlichkeit! Aber warum kreist unser Abschnitt so übertrieben darum? Sind wir in Gefahr, den Glauben aufzugeben? Damals lastete ein großer Druck auf denen, die Jesus vertrauten; sie waren eine kleine Minderheit, wurden aus der Synagogengemeinde ausgestoßen, manchmal auch gesteinigt (Joh. 16,2). Jesus selbst wurde bekämpft, weil er nach Meinung der Schriftgelehrten das Gesetz übertreten hat; am Sabbat zu heilen war nicht erlaubt. Die Gemeinde des Johannesevangeliums erfuhr Druck und Verfolgung wegen ihres Bekenntnis zu Jesus als Gottes Sohn und Gesandter. Auch deshalb die eindrückliche Mahnung: „Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich heraus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ Die Verbindung zu Jesus ist euch geschenkt, ihr gehört doch zu mir, also bleibt mit mir verbunden. Ein lebendiges Leben als Christ/in ist nur möglich, wenn die Verbindung stimmt. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Es geht hier nicht nur um einen Denkvorgang, darum, eine Wahrheit zu verstehen und zu bejahen. Es geht um einen Lebensvorgang. Zu ihm gehört das Bekenntnis: Jesus Christus, mein Herr und mein Gott. Damit beginnt ein Weg in der Spur Jesu. Jesus will sich verkörpern, will Gestalt gewinnen in meinem Leben. Der Glaube an sogenannte ewige Wahrheiten ist noch kein Christsein. Das ist christliche Ideologie. Die Früchte eines ideologischen Christentums sind Kreuzzüge, aber nicht das, was Paulus Frucht des Geistes nennt. Paulus schreibt im Galaterbrief: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Güte, Rechtschaffenheit, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Gegen all dies kann kein Gesetz etwas haben“ (Gal. 5, 22-23). Ein ideologisches Christentum kann fromm oder unfromm daherkommen; es kann Rechtgläubigkeit fordern oder eine billige Gnade verkünden. Es bringt keine gute Frucht!

„Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ Wir können als Christen viel ohne Jesus tun, aber es fehlt all dem die Frucht; Christus gewinnt nicht Gestalt in uns und unter uns! Es fehlt die Erneuerung und Heiligung meines Lebens, es fehlt das fröhliche Lob Gottes, es fehlt die demütige Liebe zu den Nächsten. Und es fehlt die Erfahrung: Gott erhört Gebet! Hören wir auf, Gott klein zu machen! ER hört Gebet, unser Gebet. ER braucht keine schönen Gebetsliturgien, er möchte, dass wir unser Herz vor ihm öffnen und sagen, was wirklich unser Anliegen ist. Bleiben wir dran! Und ordnen wir uns wie Jesus in Gethsemane seinem Willen unter. ER macht es gut.

Eine kleine Geschichte zum Schluss; ganz unzeitgemäß, für moderne Menschen viel zu fromm.

„Ein früherer Mitarbeiter Friedrich von Bodelschwinghs erzählt folgendes Erlebnis: Der chirurgische Chefarzt von Bethel musste Bodelschwingh in einem Fall bedauernd mitteilen, dass ein Patient nicht mehr zu retten sei. Da platzte Bodelschwingh mit der Frage an den Professor heraus: „Haben Sie schon gebetet um seine Rettung?“

Der Professor und sein Assistent lächelten diskret. Bodelschwingh übersah das und sagte nur: „Also nein! Gut, dann will ich jetzt einmal die Sache mit Gott bereden!“ Wohl eine Stunde lang lag er in seinem Zimmer auf den Knien und betete. Danach ging er wieder in das Krankenzimmer jenes Patienten. Hier empfing ihn die pflegende Schwester: „Herr Pastor, seit einer halben Stunde geht es dem Kranken plötzlich besser!“

Nach einigen Wochen war der Kranke genesen …“.[2] So muss es nicht gehen, so kann es aber gehen da, wo gebetet wird. Amen


Winfried Klotz, Pfr. i. R., Bad König/ Odenwald, Jg. 1952, verh., 3 Kinder und ein Enkelkind.

Email: winfried.klotz@web.de


Fussnoten
[1] Hoffsümmer Kurzgeschichten 99/05 – I180; nach Jörgensen, Dichter aus Dänemark
[2] aus: Hoffsümmer Kurzgeschichten 99/05 -II94