Johannes 17,20-26

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Sichtbar werden | Christi Himmelfahrt | 14. Mai 2026 | Joh 17,20-26 | Barbara Signer |

Predigt

Liebe Schwestern, liebe Brüder

Wir feiern heute die Himmelfahrt Christi. Es ist ein Feiertag, der zwiespältige Gefühle auslösen kann. Einerseits ist er natürlich Grund zur Freude, denn Christus kehrt zum Vater zurück. Mission erfüllt. Andererseits haftet bei manchen auch ein Hauch des Zweifels an. Wie hat man sich diese Himmelfahrt vorzustellen? Das berühmte „Beam me up, Scotty“ aus StarTrek kommt mir da in den Sinn und ich verliere mich in Spekulationen darüber, was da wohl tatsächlich passiert sein könnte.

Es gibt aber noch einen dritten Punkt, auf den wir uns heute einlassen wollen: Die Himmelfahrt Christi bedeutet für die Jünger den definitiven Abschied von ihrem Freund und Lehrer. Ich stelle mir vor, wie das für sie gewesen sein muss. Erst der Schock von Karfreitag: Jesus wurde grausam hingerichtet und die ganze schöne neue Welt, die er den Menschen versprochen hat, scheint verloren. Danach der Schrecken und die Freude von Ostern. Der Totgeglaubte lebt, er kommt zu seinen Jüngern, sie können ihn sogar berühren und mit ihm reden. Alles ist wieder gut. Vierzig Tage des Glücks. Und dann die Trennung, der Abschied, endgültig.Also ich wäre in diesem Moment sehr deprimiert gewesen.

Und deshalb ist unser heutiger Predigttext relevant für Himmelfahrt, obwohl er auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben scheint. Jesus betet für seinen Jünger. Und zwar eben ganz ausdrücklich nicht nur für diejenigen, die ihm als Zeitgenossen auf seinem Weg gefolgt sind, sondern eben auch für jene, die erst kommen werden; für jene, die durch das Zeugnis der Menschen, die Jesus persönlich kennenlernen durften, zum Glauben an ihn kommen werden, ohne ihm je physisch begegnet zu sein. Wenn wir das Gebet Jesu lesen, merken wir, dass er sich des Problems bewusst ist. Was bleibt denn nach der Trennung? Was verbindet die Jünger noch miteinander? Die damals Lebenden konnten wenigstens von der Erinnerung zehren und weitererzählen, was sie mit Jesus erlebt hatten, was er sie alles gelehrt hatte. Doch was verbindet sie mit denen, die später kommen, mit jenen, die nicht mehr sehen und doch glauben? (Joh 20,29). Was verbindet also uns heutige Christ:innen mit diesen Menschen, die vor so langer Zeit von ihrem Freund und Lehrer Abschied nehmen mussten?

Hier setzt unser Predigttext an. Jesus bittet den Vater darum, dass alle untrennbar miteinander verbunden sein sollen: alle, die Jünger von damals und alle Christen, durch die Geschichte hindurch bis heute. Diese Verbundenheit ist extrem wichtig und hat ihr Vorbild in der Verbundenheit des Sohnes mit dem Vater. Nicht nur das: Diese Verbundenheit zwischen Vater und Sohn, dieses Eins-Sein hat einen Zweck, nämlich dass alle, die Jesus nachfolgen, untereinander und mit Christus und dem Vater eins sind. Ich finde das eine grossartige Vorstellung: Wir alle sind eingeladen, einzutauchen in diese Verbindung von vollendeter Liebe zwischen Vater und Sohn.[1] Und doch muss ich mich fragen: Fühle ich mich eins mit Gott oder mit Christus? Fühle ich mich eins mit Ihnen, meinen Mitchrist:innen? Wenn wir ehrlich sind, empfinden sich die meisten von uns doch eher als getrennte Einheiten. Ich bin ich und du bist du. Bis zu einem gewissen Grad lebt doch jeder in seiner eigenen Welt. Ich bemerke das bei mir selber besonders dann, wenn ich viel Arbeit habe und an vieles denken muss, damit ich nicht die Hälfte vergesse. In diesen Fällen bekomme ich häufig einen Tunnelblick, bin so auf mich und meine Aufgaben fokussiert, dass ich die Bedürfnisse und Ängste anderer kaum noch wahrnehme. Ich habe das auch bei meiner Mutter im Alter beobachtet: Wenn sie ausnahmsweise einmal zum Einkaufen mitgekommen ist, hat sie sich im Laden seltsam verhalten. Wenn sie ein bestimmtes Produkt suchte, hat sie alles, was sich ihr in den Weg stellte, rigoros zur Seite geschubst, ob das nun Einkaufswagen oder Menschen waren. Und ich bin hinterher und habe mich links und rechts entschuldigt. Ja, diese Vorstellung vom Eins-Sein mit Gott und den Mitmenschen ist eine schöne Idee und doch scheint sie unerreichbar oder macht vielleicht sogar Angst.

Und trotzdem wünschen sich viele Menschen, dass sie in einer liebenden Beziehung aufgehoben sein können. Für Jesus ist es das höchste Ziel, dass wir als Christ:innen in die liebenden Beziehung zwischen Vater und Sohn eingebunden sind und aus derselben Liebe heraus eine Gemeinschaft bilden. Deshalb ist es doppelt traurig, dass wir einander immer wieder einmal das Leben schwer machen, auch und besonders in einer Kirchgemeinde. Denn es geht Jesus in seinem Gebet ja gerade darum, dass die Welt anhand der Beziehung und des Handelns von uns Jünger:innen untereinander erkennt: Du hast mich gesandt, und du liebst sie, so wie du mich liebst. (Joh 17,23) Das Einssein in der Liebe muss für alle sichtbar und erkennbar werden, die sich ausserhalb dieser Gemeinschaft bewegen.

Ich glaube, wir sind uns alle bewusst, dass dies in unserer Realität leider nicht so ganz funktioniert. Ich denke, wir alle wissen, dass wir uns auch in der Gemeinde und in der Familie immer wieder einmal gegenseitig auf die Zehen treten, oft gar nicht einer Meinung sind und uns gegenseitig kritisieren, häufig sogar in unnötig harschem Ton. Dieser Umstand wird von der Welt um uns herum wahrgenommen, mitunter sehr kritisch und nicht selten mit einem gewissen Mass an Enttäuschung. Ich denke öfters darüber nach, warum dem so ist. Was hält uns davon ab, eins zu sein, untereinander und mit dem Vater und dem Sohn? Ich denke, dass es damit zusammenhängt, dass dieses Einssein und Verbundensein nicht bedeutet, dass wir wesensgleich sind oder sein müssen. Im Gegenteil: Wir sind nun einmal verschieden und in diesem Sinn getrennte Wesen, untereinander und von Gott. Aber wir leben in Beziehung zueinander und indem wir versuchen, diese Beziehung so zu gestalten wie die Beziehung zwischen Vater und Sohn,[2] können wir uns dem Ideal annähern, das Jesus in seiner Bitte an den Vater formuliert, wenn er sagt: sie sollen eins sein, so wie wir eins sind. Ich bin mit ihnen verbunden und du mit mir, damit sie untrennbar eins sind. (Joh 17,22-23)

Wir sind also als Christ:innen und auch als Gemeinde eingeladen, auf dieses Ideal hinzuarbeiten. Und wenn ich arbeiten sage, meine ich das auch so. Die moderne Psychologie hat uns ja schon längstens gelehrt, dass Beziehung eben Arbeit ist. Sie ist nicht einfach da, sondern ändert sich und kann gestaltet werden. Eben und gerade auch dann, wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause komme und mich nur noch aufs Sofa vor den Fernseher schwingen möchte, während andere zuhause ungeduldig darauf warten, dass sie mir endlich erzählen können, was sie an diesem Tag alles erlebt haben oder was sie gerade bewegt. Oder auf die Gemeinde übertragen: Da gibt es Menschen, die alles gerne so machen würden, wie man es in den letzten 30 Jahren gemacht hat – oder zumindest das Gefühl hat, man habe es so gemacht – und dann sind eben jene, die merken, dass gewisse Sachen einfach nicht so ablaufen wie früher. Jüngst sollte ich bei einer Versammlung, die sich Christliche Jugend nennt, einen geistlichen Input geben. Ich war angesichts meines fortgeschritteneren Alters leicht überfordert mit dieser Aufgabe. Als ich mich dann vor die Versammelten stellte, war ich doch einigermassen erstaunt, denn der grösste Teil des Publikums war bereits deutlich ergraut. Für mich ist das ein ganz klares Zeichen, dass wir Gemeinde und Kirche neu denken müssen, um die Menschen zu erreichen, die in der Welt da draussen leben. Just bei dieser Aufgabe will uns Christus helfen, wenn er in unserem Predigttext für uns betet. Wenn wir mit ihm verbunden bleiben und uns an seiner Liebe und an seinem Wort orientieren, haben wir eine gute Chance, dass wir uns als Christ:innen und als Gemeinde weiterentwickeln hin zum Ziel, dass wir untrennbar eins werden mit dem Vater und dem Sohn. Sein Wort soll uns auf diesem Weg begleiten und uns Mut machen: Ich habe dich erkannt, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe dich bei ihnen bekannt gemacht und werde es weiter tun. Dann bleibt die Liebe, mit der du mich geliebt hast, auch bei ihnen. Und so bleibe ich mit ihnen verbunden. (Joh 17,25-26) Amen


Barbara Signer

St. Gallen

E-Mail: barbara.m.signer@gmx.ch

geb. 1963, Pfarrerin zu je 50% in der Kirchgemeinde Walzenhausen, Kanton Appenzell Ausserrhoden, und der Kirchgemeinde Unteres Rheintal, Standort Rheineck, Kanton St. Gallen.

[1] Zumstein, Johannesevangelium, S.652.

[2] Zumstein, Johannesevangelium, S 652-3, besonders Fussnote 162.