Johannes 17,20-26

· by predigten · in 04) Johannes / John, Aktuelle (de), Archiv, Auffahrt / Himmelfahrt, Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 17 / Chapter 17, Kasus, Neues Testament, Paul Wellauer, Predigten / Sermons

Einheit schenkt Einsicht | Christi Himmelfahrt | 14. Mai 2026 | Joh 17,20-26 | Paul Wellauer |

| Psalmgebet im Wechsel | Psalm 148 I Gottes Lob im Himmel und auf Erden | Lutherbibel 2017*
I  1 Halleluja! Lobet im Himmel den HERRN, lobet ihn in der Höhe!
II 2 Lobet ihn, alle seine Engel, lobet ihn, all sein Heer!
I  3 Lobet ihn, Sonne und Mond, lobet ihn, alle leuchtenden Sterne!
II 4 Lobet ihn, ihr Himmel aller Himmel und ihr Wasser über dem Himmel!
I  5 Die sollen loben den Namen des HERRN; denn er gebot, da wurden sie geschaffen.
II 6 Er lässt sie bestehen für immer und ewig; er gab eine Ordnung, die dürfen sie nicht überschreiten.
I  7 Lobet den HERRN auf Erden, ihr grossen Fische und alle Tiefen des Meeres,
II 8 Feuer, Hagel, Schnee und Nebel, Sturmwinde, die sein Wort ausrichten,
9 ihr Berge und alle Hügel, ihr Fruchtbäume und alle Zedern,
10 ihr Tiere und alles Vieh, Gewürm und Vögel,
I  11 ihr Könige auf Erden und alle Völker, Fürsten und alle Richter auf Erden,
12 Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen!
II 13 Die sollen loben den Namen des HERRN; denn sein Name allein ist hoch,
seine Herrlichkeit reicht, so weit Himmel und Erde ist.
I 14 Er erhöht das Horn seines Volkes.
Alle seine Heiligen sollen loben, die Israeliten, das Volk, das ihm nahe ist. Halleluja!
I+II Amen!

| Lesung Predigttext | Johannes 17,20-26 | Jesu Hinwendung zum Vater | © Die Zürcher Bibel, 2007**
20 Doch nicht nur für diese hier bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben: 21 dass sie alle eins seien, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, damit auch sie in uns seien, und so die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. 22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, so wie wir eins sind: 23 ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, so wie du mich geliebt hast.
24 Vater, ich will, dass dort, wo ich bin, auch all jene sind, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt. 25 Die Welt, gerechter Vater, hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und diese hier haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.
Selig ist jeder Mensch, der Gottes Wort hört, in seinem Herzen bewahrt und danach lebt. Amen

| Predigt | Einheit schenkt Einsicht |
Liebe Gemeinde, liebe christliche Geschwister
Wer von euch weiss, was «CEVI-Spaghetti» sind? Mit CEVI-Spaghetti sind völlig verklebte Teigwaren gemeint, die zu einem einzigen grossen Teigklumpen zusammengepappt sind. Das kann vorkommen, wenn man sie z.B. in einem Jungscharlager über offenem Feuer kocht und zu wenig umrührt. Weshalb aber «CEVI-Spaghetti»? Der Weltbund des «Christlichen Vereins junger Menschen» (CVJM, engl. YMCA, in der Schweiz «CEVI») hat als Leitvers die Worte aus Johannes 17,21 gewählt: «Auf dass sie alle eins seien!» Verklebte Spaghetti sind «alle eins», wie das Leitwort des CVJM / CEVI dies von Menschen erwartet, deshalb «CEVI-Spaghetti».
Was bei den Spaghetti eher weniger willkommen ist, dass alle «eins seien», wünscht sich Jesus von Herzen für jene, die an ihn glauben. Mehr noch: Jesus betet dafür, dass jene Menschen, die Jesus von Gott anvertraut wurden, «vollendet seien in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt und so geliebt hast, so wie du mich geliebt hast.» (Vers 23)
In mir hat dies die Frage geweckt: Wo erlebe ich christliche Gemeinschaft, geschwisterliche Einheit, die mich in dieser Weise fasziniert, herausfordert und auf die Einheit und Liebe zwischen Jesus und dem himmlischen Vater hinweist? – Gerne möchte ich diese Frage auch euch, liebe Mitchristinnen und -christen richten: Wo erlebst du eine Form von «vollendeter Einheit» unter christlichen Geschwistern, in einer Weise, dass «die Welt», die Menschen ausserhalb der aktiven christlichen Gemeinschaft aufmerksam werden, staunen und neugierig nachfragen? Gerne können wir uns beim anschliessenden Kirchenkaffee über beispielhafte und bewegende Einheits-Erfahrungen austauschen.
Mir persönlich sind unter anderem CVJM-Lagerwochen in Erinnerung, in denen eine tiefe Gemeinschaft wachsen durfte: Wir konnten über alles reden, philosophieren, diskutieren, wir sangen, lachten und beteten miteinander, gemeinsam haben wir Abenteuer erlebt, Herausforderungen bewältigt und wir sind einander mit grosser Wertschätzung begegnet. Mich haben solche Lagerwochen in meinem Glauben nachhaltig gestärkt und geprägt. Später waren es theologische Diskussionsgruppen und Hauskreise, Bibel- und Gebetsgruppen, in denen auch eine grosse Offenheit und Vertrautheit herrschte, ein lebendiger Austausch über Lebens- und Glaubensfragen, eine tiefe Verbundenheit auch in gemeinsam durchgestandenen Krisenzeiten.
Und eine ganz aktuelle Erfahrung: Der Generationen-Gottesdienst der «Godi-Conference» am Sonntag vor einer Woche. (Vgl. Sonntag | Godi Conference) Über 1’000 Christinnen und Christen aus 20 Landes- und Freikirchengemeinden haben gemeinsam Gottesdienst gefeiert, miteinander gesungen, gebetet und der Predigt gelauscht. Ich habe mit einigen Gottesdienstbesucher/-innen und Beteiligten gesprochen: Die gelebte Einheit unter Christ/-innen aus so vielen verschiedenen kirchlichen Hintergründen hinterlässt einen tiefen Eindruck. Es bleibt allerdings auch der Schmerz, dass diese 1’000 Christ/-innen an «regulären» Sonntagen an 20 verschiedenen Orten Gottesdienst feiern.
Einheit über Gemeindegrenzen hinaus kann ganz im Kleinen beginnen: Eine neue Seelsorgemitarbeiterin in unserer katholischen Schwesterkirche fragte mich, wie ich die Andachten im örtlichen Heim für Menschen mit Demenz gestalte und ob sie dabei sein dürfe beim nächsten Mal. Sie hätte noch keine Erfahrung damit und Respekt vor der neuen Aufgabe. Selbstverständlich darf sie dabei sein und mitfeiern. Ich freue mich, wenn wir gemeinsam Erfahrungen sammeln können, denn diese Feiern sind jedes Mal voller Überraschungen für alle Beteiligten.
Liebe Gemeinde, liebe christliche Geschwister
Möglicherweise liegt dem einen oder der anderen von euch ein «Aber» auf der Zunge oder dem Herzen. Aber: Das sind doch alles Momentaufnahmen; aber der Alltag zwischen Konfessionen und Denominationen ist doch mehrheitlich von Spannungen und unterschiedlichen theologischen Auffassungen geprägt; aber es gibt auch Zwist und Meinungsverschiedenheiten in Jugendlagern, aber auch in Kleingruppen gibt es Spannungen und Spaltungen, usw.
Ja, diese «aber» sind alle berechtigt und realistisch. In der Welt herrschen Streit, Uneinigkeit und Querelen wohl vor und Einheit ist eher eine Randerscheinung. Umso eindrücklicher erscheint mir, dass und wie Jesus für die Einheit betet und sie sich für seine Nachfolger/-innen wünscht. Jesus kennt alle diese weltlichen «Aber» auch. Er erlebt die Zerrissenheit und Kämpfe von religiösen und weltlichen Gruppen am eigenen Leib. Er bereitet sich und seine Jünger mit diesen Gebeten für seinen Weg in die Passion und zum Kreuzestod vor. Jesus ist alles andere als blauäugig, was Zerrissenheit und Kämpfe betrifft. Trotzdem oder erst recht betet er um Einheit. Denn Einheit schenkt Einsicht. Einheit fasziniert, Einheit bewegt und öffnet Herzen, Einheit spiegelt etwas von der Liebe Gottes, Einheit weckt den Hunger nach mehr, die Sehnsucht nach Heil und Heilung.
Manche finden, es gehe uns zu gut, deshalb frage die Mehrheit der Menschen kaum nach Gott. «Not lehrt beten», wird als Satz zitiert, der Menschen in schwierigen Situationen zu Gott und zur Kirche (zurück-)bringen soll. Aber Not lehrt auch fluchen, Not macht verbittert und hart, teilnahmslos und ablehnend. Not entfremdet, vereinsamt und verkrümmt Menschen.
Doch wenn Menschen sich in ihrer Not an heilsame, in gewisser Weise heilige Momente erinnern können, in denen die Einheit unter Menschen als Hinweis auf die Einheit mit Gott erlebt wurde, dann können sie in ihren Gebeten an diese Erfahrungen anknüpfen. Es reicht auf keinen Fall und wäre zutiefst zynisch, Menschen notvolle Situationen zu wünschen, damit sie beten lernen. Vielmehr sind wir dazu aufgerufen, wie Jesus für Einheit zu beten und alles in unser Macht Stehende zu tun, dass Einheit möglich und erlebbar wird.
Wir sollten im Sinne von Jesu Gebet in Johannes 17 fragen: Wie gestalten wir christliche Einheit, die einladend und «überführend» wirkt, so dass Menschen mehr von Gottes Liebe wissen möchten?
Auch diese Frage wäre ein Thema, dass beim Kirchenkaffee diskutiert, aber wohl kaum erschöpfend behandelt werden könnte.
Ich sehe eine Handvoll Schritte und Anregungen, die uns zu mehr Einheit verhelfen können:
1. Beständig für die Einheit beten: Jesus gibt uns sein Beispiel in Johannes 17. Wie die meisten Kapitel der Bibel ist dieses prädestiniert, dass wir Christinnen und Christen es betend lesen. D.h. jeden Satz, den wir lesen, zugleich als Gebet formulieren, die Gedanken und Anliegen von Jesus zu unseren eigenen Gebetsanliegen machen. Mich ermutigt, dass wir sowohl mit den katholischen Geschwistern wie mit denen aus freien Gemeinden gemeinsam beten und Gottesdienst feiern.
2. Aufhören, schlecht über andere Gemeinden und Frömmigkeitsstile zu lästern und zu richten. Sogar die engsten Vertrauten von Jesus, die Jünger, wollten unter sich eine Rangordnung sehen und bestimmen, wer unter ihnen der Grösste sei. [Lukas 9,46-48; 22,24-30 Rangstreit der Jünger] Das Problem, sich mit anderen zu vergleichen und diese tiefer zu achten, ist demnach nicht neu. Ich bin dankbar, dass ich in den unterschiedlichsten Gemeinden und Frömmigkeitsstilen liebe Glaubensgeschwister persönlich kenne, auf die ich zu sprechen kommen kann, wenn jemand sich bei mir über diese oder jene Kirche oder Denomination beklagen will.
3. Klärende Gespräche führen: Als mündige Christinnen und Christen sollten wir Möglichkeiten schaffen, um auf Augenhöhe und fair über unterschiedliche Ansichten und Streitpunkte zu sprechen. Theologische Fragen und Meinungsverschiedenheiten klärt man besser im Gespräch mit der betreffenden Person oder Gruppe als hinter ihrem Rücken. Im Lied singen wir: «Herr, gib mir Mut zum Brücken bauen. Gib mir den Mut zum ersten Schritt. Lass mich auf deine Brücken trauen, und wenn ich gehe, geh du mit.» Ich bin überzeugt: Gebete wie diese erhört Gott noch so gerne!
4. Vielfalt als Reichtum wertschätzen: Ich stelle mir manchmal vor, wie wir wohl im Himmel gemeinsam Gott loben und singen werden. Wir werden dazu wohl keine Gesangbücher oder PowerPoint-Präsentationen benötigen, sondern frei aus den «neuen Herzen», die Gott uns schenkt, singen und jubilieren. Aus den vielen Stimmen wird ein Chor, aus vielen Instrumenten ein Symphonieorchester. Himmel auf Erden kann aufleuchten, wenn wir auch hier schon die Vielstimmigkeit der christlichen Traditionen als gemeinsamen Chor zur Ehre Gottes wahrnehmen und mit unseren «Instrumenten» im gemeinsamen Orchester zur Ehre Gottes musizieren.
5. Momente der Einheit feiern: Solange wir in dieser Welt unterwegs sind, wird es immer Unterschiede zwischen christlichen Auffassungen und Stilformen geben. Wo immer möglich sollten wir im Sinne der Einheit, für die Jesus betet, das Gemeinsame betonen und feiern, sei es bei ökumenischen Gottesdiensten oder Anlässen mit der Evangelischen Allianz. Viele Ehen in unseren Gemeinden sind Mischehen, viele Kleingruppen und Hauskreise haben Mitglieder aus verschiedenen Gemeinden: Im Alltag gelebte Einheit.
Ich wiederhole mich: Denn Einheit schenkt Einsicht. Einheit fasziniert, Einheit bewegt und öffnet Herzen, Einheit spiegelt etwas von der Liebe Gottes, Einheit weckt den Hunger nach mehr, die Sehnsucht nach Heil und Heilung.
Amen

Liedvorschläge
ERG 700 Weit wie das Meer
ERG 793 Herz und Herz vereint zusammen
ERG 795 Sonne der Gerechtigkeit
ERG 797 Wach auf, du Geist der ersten Zeugen
ERG 798 So jemand spricht ich liebe Gott
ERG 813 Ubi caritas et amor
ERG 829 Herr, gib mir Mut zum Brücken bauen
ERG 834 Für die Heilung aller Völker
RW 73 Ins Wasser fällt ein Stein
RW 87 Wenn einer alleine träumt
RW 93 Lass die Worte, die ich sag
RW 94 Meine engen Grenzen
RW 97 Sein wie du
RW 101 Aufstehn, aufeinander zugehn
RW 122 This little light of mine

Literatur
*) Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
**) Die Zürcher Bibel, Ausgabe 2007, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich
ERG = Gesangbuch Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich 1998
RW = Rückenwind, Lieder für den Gottesdienst, Hrsg. Evang Landeskirche des Kantons Thurgau, Theologischer Verlag, Zürich2017


Pfr. Paul Wellauer, Bischofszell, Schweiz | Mail: paul.wellauer@internetkirche.ch
www.internetkirche.ch | www.internetkirche.ch/livestream | www.evang-tg.ch | @paulwellauerweber
Geb. 1967, Pfarrer und Mitglied im Kirchenrat der evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau, Schweiz. Seit 2009 in Bischofszell-Hauptwil, 1996-2009 in Zürich-Altstetten, davor 1993-1996 Seelsorger und Projektleiter im Sozialwerk Pfarrer Sieber, Zürich, www.swsieber.ch