Johannes 17,20-26
„Und alle Menschen werden Brüder“ | Christi Himmelfahrt | 14.05.2026 | Joh 17,20-26 | Martina Janßen |
Liebe Gemeinde, Jesu Worte rühren mich an. „…dass sie alle eins seien“ (17,21) Wie schön wäre das. Danach sehne ich mich in all dem Streit und Leid unserer Zeit, die ich manchmal nur eingekuschelt in meiner eigenen Bubble ertrage. Die gibt mir wenigstens ein wenig Sicherheit in einer Welt, in der nicht vieles sicher scheint. Aber es muss doch mehr geben als das Sich-Verkriechen, Abschotten und Einigeln. „Eins-sein“ als Gesellschaft, als Kirche, als Welt. Das würde so vieles leichter machen, mit vereinten Kräften könnte man stark sein, Konflikte lösen und Verantwortung teilen. Für mich bedeutet Eins-sein aber nicht Gleich-sein und in allem einig sein. Es geht nicht darum, dass alle den gleichen Geschmack und die gleiche Meinung haben. Gerade Vielfalt ist lebendig, macht kreativ und frei. „Eins-sein“ – das heißt für mich: bei allen Unterschieden zwischen uns Menschen gibt es einen gemeinsamen Nenner, der uns eint, in unserer Verschiedenheit versöhnt und uns leben hilft.
Mein Wunsch ist eine uralte Sehnsucht. „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Früher hat mich diese Zeile unserer Nationalhymne nicht ganz so beeindruckt, die Worte wirkten auf mich eher wie eine Formel, die fast schon banale Selbstverständlichkeiten ausspricht. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ – ja sicher, was denn sonst? Heute wirkt das auf mich aktueller denn je, weil ich so viel Streit erlebe, weil ich so viel Recht des Stärkeren und Rechtlosigkeit sehen muss, weil ich an so viele Grenzen und Mauern stoße. Ich denke an die politischen Polarisierungen, die oft so aufgeladene Stimmung, die gegenseitigen Schuldzuweisungen, die allzu oft an die Stelle gegenseitiger Hilfe treten. „Eins sein“ – diese alte und immer neue Sehnsucht schläft und schlummert nicht, sondern sie schleicht sich subversiv immer wieder in meine Stunden und Fragen. Friedrich Schillers „Ode an die Freude“, die Hymne einer gleichberechtigen und in Freundschaft verbundenen Gesellschaft, vertont von Ludwig van Beethoven, klingt in mir seit dem ersten Hören nach, heute lauter den je.
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.
„Eins-sein, alle Menschen werden Brüder.“ Himmlisch schön wäre das. Aber in uns wohnen noch andere Instinkte als diese Sehnsucht. Angst, Neid und Gier, Besserwisserei, auch Hass auf die anderen, die man nicht versteht, und auf die, die einen selbst nicht verstehen. Das ist menschlich, allzu menschlich. Vielleicht reicht es bei uns Menschen einfach nicht, dass wir einander den Himmel auf Erden bereiten, aber uns gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen, kann es doch auch nicht sein. Es muss doch mehr geben.
„Dass sie alle eins seien.“ (17,21) Die Worte Jesu sind keine pädagogische Ermahnung, kein gut gemeinter Rat, kein schulmeisterlicher Wunsch. „Nun vertragt euch mal, nun einigt euch mal.“ Jesu Worte sind ein Gebet. Das scheint mir wichtig zu sein. Wenn ich mir etwas im Gebet wünsche, ist es ernst. Das ist nicht nur so dahingesagt, das ist mit Leib und Seele vor Gott gebracht. Es ist Jesu letztes großes Gebet vor seinem Tod, sein letzter Wille. Das macht es noch ernster. Mehr geht nicht, mehr Wünschen, mehr Drängen, mehr Hoffen geht nicht. „Dass sie alle eins seien.“ So betet Jesus. Er meint es ernst, er meint wirklich alle. Dass sie alle eins seien. „Alle“ sind alle, nicht mehr und nicht weniger, nicht nur die Jünger und Jüngerinnen Jesu, die sich als verschworene Gesellschaft in ihrer Bubble einschließen, heilsam miteinander umgehen in ihrer kleinen heilen Welt, während die große Welt um sie herum im Chaos versinkt. So einfach ist es nicht. Jesus betet um mehr, es geht ihm um mehr. Jesus schließt alle ein, über allen soll der Himmel aufgehen, auch über denen, die sich selbst, den anderen oder Gott nicht verstehen.
„… auf dass sie eins seien, wie wir eins sind“ (17,22) – Wir feiern heute Christi Himmelfahrt. Der Sohn kehrt zum Vater zurück, sitzt zu seiner Rechten, dass sie wieder eins seien, Vater und Sohn. Lukas erzählt davon. 40 Tage nach seiner Auferstehung ist Jesus noch bei seinen Jüngern, dann fährt er in den Himmel auf, ist leiblich weg, aber im Geist da, verleiht der Welt seinen Geist, den Heiligen Geist, den „Tröster“, wie der Evangelist Johannes ihn nennt. Das mag beim ersten Hören wie eine seltsame Geschichte klingen, irgendwo zwischen Fantasy und Science-Fiction, mit rechten Dingen oder gar mit Naturgesetzen geht es da nicht zu. Ich kann die verstehen, die Jesu Heimkehr zum Vater nicht verstehen und lieber Vatertag feiern gehen. Doch wörtlich nehme ich Christi Himmelfahrt nicht. Ich glaube nicht, dass Jesus irgendwo ins Weltall gebeamt wurde, nachdem er seine Mission auf der Erde erfüllt hat. Das wäre nach heutigen Erkenntnissen eine ziemlich unglaubwürdige Geschichte. Himmel ist für mich kein Raum über den Sternen und Jesus ist für mich nicht weg. Christi Himmelfahrt ist eine Glaubensgeschichte, eine Geschichte Gottes mit uns, eine, die bleibt in Ewigkeit. Jesu Menschsein war keine göttliche Stippvisite in unserer Welt, Gott Sohn war nicht nur Gast auf Erden, und nun ist er gegangen, heim zum Vater gegangen, und alles wird wieder, wie es immer war: die Erde verloren und Gottes Sohn oben im Himmel, aus den Augen, aus dem Sinn. Das wäre eine sinnlose Geschichte. So ist es aber nicht. „Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast.“ (17,24). Jesus nimmt etwas mit, wenn er wieder zu seinem Vater geht und mit ihm eins wird, er nimmt uns mit, zieht uns zum Vater, gibt uns Heimat in jenem Sehnsuchtsort, dem wir uns entgegensehnen. Etwas von uns Menschen wird mit dem menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Sohn in den Himmel erhoben, mit Jesus ist das Menschliche eingetreten in das Innerste Gottes, wir alle werden aus all dem Dreck und Dunkel zur Rechten Gottes erhoben, wir Menschen haben eine Heimat in Gott, schlagen mitten auf der Erde Wurzeln im Himmel. Das verändert alles. Das macht den Himmel menschlicher und die Erde himmlischer. Uns allen „steht der Himmel offen, welcher über alles Hoffen, über alles Wünschen ist.“ (EG 123, 9).
„.. dass wir alle eins seien.“ (17.21) Nicht nur miteinander, sondern auch mit Jesus und dem Vater. Das ist mehr als die Vision einer gleichberechtigen und in Freundschaft verbundenen Gesellschaft, mehr als das Streben nach Einigkeit und Recht und Freiheit, woran wir doch immer wieder scheitern, straucheln und stolpern. Christi Himmelfahrt feiern wir etwas, das meine Vorstellung übersteigt. Wir sind eins mit Gott, weil Jesus eins ist mit uns und mit Gott; „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ (17,21). Unser Schmerz. Die Opfer. Die Tränen und Träume. Unsere Narben und Farben – all das ist in Gott.
„Damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen“ (17,26). Alles ist Liebe, fließende Liebe, überfließende Liebe, die über die Grenzen zwischen Himmel und Erde hinwegfließt, sie niederreißt, uns mitreißt mitten hinein in Gottes Herrlichkeit. So wird es am Ende der Zeiten sein: Ich werde meinen Sehnsuchtsort sehen, ich habe schon jetzt einen Fuß in der Tür zum Himmel und ein Bild des Friedens in meinem Herzen. „Alsdenn so wirst du mich/ zu deiner Rechten stellen / und mir als deinem Kind / ein gnädig Urteil fällen / mich bringen zu der Lust / wo deine Herrlichkeit / ich werden schauen an / in alle Ewigkeit“ (Johann Sebastian Bach, Auf Christi Himmelfahrt allein [BWV 128]). Mit einem Fuß im Himmel kann ich sicher auf der Erde gehen, über meinen Schatten springen und meine Grenzen überwinden. Zumindest wird es leichter. Ich habe Sicherheit in dieser Welt, in der so wenig sicher scheint. Das nimmt mir Angst und macht mir Mut: Ich möchte den anderen verstehen, nicht weggehen, sondern auf ihn zugehen. Davon will ich reden, dafür will einstehen, dafür will beten – dass die Liebe, mit der Gott uns Menschen liebt, in uns sei, dass wir eins sind miteinander in Gott, dass wir es sehen und sein können, manchmal auch schon hier und jetzt mitten auf der Erde, mitten auf unserer Welt voll Leid und Streit: Freude schöner Götterfunken, Einigkeit und Recht und Freiheit, alle Menschen werden Brüder, Glanz gleißender Ewigkeit, wo dein sanfter Flügel weilt – ich gebe nicht auf, diese alte und immer neue Sehnsucht mit Leib und Seele vor Gott zu bringen.
Amen
PD Dr. Martina Janßen
Hildesheim
Martina Janßen, geb. 1971, Privatdozentin für Neues Testament (Universität Göttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers