Johannes 17,20–26

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Die Welt hat dich nicht gekannt! | Exaudi | 17. Mai 2026 | Joh 17,20–26 | Rasmus Nøjgaard |

 

Die Welt hat dich nicht gekannt!

Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt! – Das muss wie eine Enttäuschung klingen, wenn man hört, wie Jesus das sagt, gerade für den, der Gott unablässig gesucht hat, Jahr für Jahr. Haben wir überhaupt einen Begriff davon, wer Gott ist?  Oder wer er nicht ist? Ist es nicht zutiefst menschlich, Gott auf unserer Seite zu wähnen und als selbstverständlich vorauszusetzen, dass unsere Entscheidungen uns selbst und die Welt, in der wir leben, verändern können? Benutzen wir unseren Glauben und unser christliches Menschenbild nicht, um unsere Handlungen zu rechtfertigen? Aber Jesus sagt: Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt!

Und dennoch beten und meditieren wir, weil wir glauben, ihn kennenlernen zu können. Vielleicht sogar, um Erlösung zu erlangen, vielleicht damit die Seele wandert, um einen Zustand der Leere zu erreichen oder einfach, um in uns selbst zu versinken; vielleicht, um Gott zu verstehen, vielleicht sogar, um mit ihm eins zu werden. Versuchen wir nicht alle ein wenig eitel, Gott ein bisschen zurecht zu rücken? Aber können wir Gott wirklich wie eine Spielfigur auf dem Brett bewegen? Oder könnte das genau das sein, was für Jesus als ein Fehlgriff steht? Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt!

Ich habe öfters mit diesem Text des Johannes gerungen. Es scheint, als hätte Johannes etwas Ernstes im Sinn. Im Johannesevangelium redet Jesus nicht ins Blaue hinein; alles, was er sagt, ist in strenge Formen gefasst, mit wesentlichen Aussagen. Wer behauptet, Gott zu kennen, ist nach Johannes entweder ein Gotteslästerer oder ein Scharlatan. Das passt erstaunlich gut in unsere Zeit, wo wir Religion und Politik in unseliger Verbindung miteinander vermengen – als ob unser Gott, oder meinetwegen Jahwe oder Allah, nach Unfrieden und unschuldiges Blut trachtet, als ob Gott hinter der einen oder der anderen Politik oder politischen Ideologie stände. An denjenigen, der Politik betreibt mit dem Gesetz in der einen und der Bibel in der anderen Hand, ergeht Jesu Ruf: Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt.

An anderer Stelle schreibt Johannes, dass Finsternis und Unfrieden nicht Gottes Wille sind. Sie sind vielmehr Ausdruck von Gottes Abwesenheit. Jesu Sendung ist, dass er gekommen ist, um Gott bekannt zu machen. Wie Jesus es etwas rätselhaft formuliert: Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt. Aber ich habe dich erkannt, und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan. Das ganze Ziel von Jesu Leben schlicht formuliert: Die Liebe, mit der du mich geliebt hast, soll in ihnen sein, und ich in ihnen. Die Gotteserkenntnis ist also nichts Weltfernes und Spekulatives. Der Weg zu Gott führt immer durch das Leben:

Wenn wir erkennen, dass Gott uns liebt und sein Sohn sich für uns geopfert hat. Wenn wir begreifen, dass der Glaube niemals erfunden werden kann, niemals eine Idee, niemals bloßes Gerede ist, sondern einzig und allein Liebe. Die Liebe, die darin liegt, von unserer Mutter geboren zu sein, von unserer Familie und unseren Versorgern genährt zu werden, von unseren Freunden geschätzt und von unseren Liebsten geliebt zu werden. Wenn wir verstehen, dass Jesus derjenige ist, der uns wiedergeboren hat, der uns nährt und versorgt, uns achtet, dass er derjenige ist, der uns liebt. Dann begreifen wir, dass die Zuwendung, nach der wir uns sehnen, bereits für uns da ist. Diese Gotteserkenntnis lässt sich nicht erdenken; wir können ihr auch nicht durch einsames Versinken in uns selbst meditierend nahekommen – aber wir können sie erlernen, indem wir sie tun. Indem wir unserer Welt Schöpferfreude zeigen, indem wir zu Tischgemeinschaften einladen, indem wir anderen unseren Respekt erweisen und unsere Mitmenschen mit Liebe umhüllen. Nicht durch klügelnde Gedankenexperimente, sondern durch das Üben des Glaubens sollen wir die Wahrheit des Glaubens finden.

Wenn das verkehrt klingt – als sollten wir das Geld ausgeben, bevor wir es verdient haben –, dann ist das genau Jesu Pointe. Ganz unverdient hat Gott uns geliebt und seinen Sohn zu uns gesandt, damit wir uns von seiner Liebe umhüllt fühlen. Das ist kein verdienter Lohn, sondern ein kostenloses Geschenk der kostbarsten Art. Ein Geschenk, das wir selbst üben sollen, in die Welt weiterzureichen. Auch um der Welt willen – aber ebenso sehr um unseretwillen: damit wir Christus kennenlernen. Damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast. Wir sind eins, du in mir, ich in ihnen!

Jeden Sonntag erleben wir den Ostertag neu. Die Bosheit, die Jesus getötet hat, wird an jedem Herrentag besiegt. Bei jedem Gottesdienst erinnern wir einander daran, dass wir Anteil an seiner Gemeinschaft haben und dieselbe Kraft besitzen. Im Glauben werden wir Teil der Geschichte und empfangen Anteil an dieser Lebenskraft. Weil Gott es gut mit uns meint. Weil das Böse, das uns trifft, etwas ist, das uns von außen trifft. Weil wir hier, in der Gemeinschaft mit Christus und unseren Mitchristen, lernen, mit dem Leben als unserer Bedingung zu leben. Lernen, ihm ins Gesicht zu sehen und es auf uns zu nehmen – damit wir in Gemeinschaft die Freuden teilen und die Lasten tragen können.

Die Kraft zu leben liegt darin, dass Gott uns liebt – auch dich, der du dich nicht besonders liebenswert fühlst. Die Befreiung liegt darin, dass nicht mein Urteil oder das Urteil der Welt der Maßstab ist, sondern Gottes Urteil. Und diese Liebe bemisst sich wie die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, wie Jesus sagt: Die Liebe, mit der du mich geliebt hast, soll in ihnen sein, und ich soll in ihnen sein. Das ist die Botschaft, die uns jeden Sonntag zugerufen wird, damit wir nicht den Kopf beugen und den Blick senken müssen, sondern uns erheben und den Blick heben auf die Welt, der wir zugeteilt sind, um uns an ihr zu erfreuen, und die nur wir zum Blühen bringen können. Weil wir es uns selbst schulden, unseren Schwestern und Brüdern schulden, weil wir es Gott schulden.

An diesem Sonntag zwischen dem Fest der Himmelfahrt Christi und der tanzenden Pfingstsonne {Anspielung auf den dän. Volksglauben, dass die Sonne am Pfingstmorgen tanzt, A.d.Ü.}entfaltet Jesus das rechte Verhältnis zwischen Gott und Mensch: Es führt durch Christus, wahren Menschen und wahren Gott. In dieser Verwandtschaft kommen wir zusammen – mit unserer ganzen Person aus Fleisch und Geist. Jesus betet für uns, für jeden von uns, so bedeutungslos wir uns auch vorkommen mögen. Wir dürfen aus dem Glauben leben, dass unser Leben nicht nur einen göttlichen Keim in sich trägt, sondern dass dieser Keim sich auch entfalten und Spuren hinterlassen soll. Damit wir Gott kennenlernen durch das gute Leben. Denn wie die Feuerzungen auf den Häuptern der Apostel glühten, so sollen sie auch in unserem Leben glühen.

Amen.


Rasmus Nøjgaard
Skt. Jakobs Kirke, Kopenhagen
rn@km.dk


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