Johannes 20,19-23

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Zu einem „Global Enterprise“ gehörig | Pfingstmontag | 25.05.2026 | Johannes 20,19-23 | Uland Spahlinger |

19 Es war am Abend eben jenes ersten Wochentages – die Jünger hatten dort, wo sie waren, die Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen -, da kam Jesus und trat in ihre Mitte, und er sagt zu ihnen: Friede sei mit euch!

20 Und nachdem er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite; da freuten sich die Jünger, weil sie den Herrn sahen. 21 Da sagte Jesus noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und nachdem er dies gesagt hatte, hauchte er sie an, und er sagt zu ihnen: Heiligen Geist sollt ihr empfangen! 23 Wem immer ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie festhaltet, dem sind sie festgehalten. (Zürcher Bibel)

Liebe Gemeinde,

dass hier in Unterampfrach[1] ausgerechnet am Pfingstmontag Kirchweih gefeiert wird, setzt mich immer noch ein wenig in Erstaunen. Normalerweise ist Kirchweih ja mit einem festen Datum verbunden – nämlich, wie das Wort nahelegt, mit dem Tag der Kirchweihe. Pfingsten aber wandert im Kalender. Königlich bayerischer Ordnungswille hat sich auch an dem Thema abgearbeitet; bei Wikipedia können wir nachlesen: „In Altbayern wurde bis zum Jahr 1866 in den Städten und Dörfern die Kirchweih am Sonntag vor oder nach dem Patrozinium (Namenstag des Kirchenheiligen) der Kirche gefeiert. Da die Bevölkerung sich gerne an den jeweiligen Feierlichkeiten der Nachbargemeinden beteiligte, nahm (in den Augen der Obrigkeit) die Anzahl der Vergnügungsveranstaltungen und der damit verbundene Alkoholkonsum überhand. Deshalb wurde die traditionelle „Dorfkirchweih“ durch einen zentralen Termin für alle Kirchen im Herbst – den dritten Sonntag im Oktober – ersetzt“[2].

Protestantischer Widerspruchsgeist gegen den katholischen König in München? Immerhin gilt hier, was auch Wikipedia erkannt hat: „Jedoch hat sich dieser Termin nicht in ganz Bayern durchgesetzt“[3].

Die Sache mit dem Alkoholkonsum will ich hier jetzt mal nicht vertiefen; wie die Kirchweih als Volksfest mit dem ursprünglichen Anlass zusammengeht, mag jede und jeder für sich selbst entscheiden – und auf die Promillegrenze achtet gegebenenfalls die Polizei. Ich habe gar nichts gegen Geselligkeit, gutes Essen, eine Halbe Bier – aber als Pfarrer, als Theologe, als Christ liegt mir doch daran, den eigentlichen Anlass, den ursprünglichen Sinn dieses Festes nicht aus dem Blick zu verlieren.

Jedenfalls: ich finde zwar schade, dass unser Kirchweihfest mit dem bayerischen Kirchentag auf dem Hesselberg[4]zusammenrumpelt. Dass es aber mit Pfingsten zusammenfällt, das halte ich für einen Glücksfall für Glauben und Leben. Es kann uns nämlich ein paar zentrale Glaubenszusammenhänge in Erinnerung rufen.

Schauen wir dazu auf den Abschnitt aus dem Johannesevangelium, den wir gehört haben. Da treffen wir die Jünger, abgeschottet in einem verriegelten Raum – „aus Angst vor den Juden“, wie Johannes schreibt. Damit hat Johannes den Juden nichts Gutes getan – er gehört zu denen, auf die sich nach dem Siegeszug des Christentums der um sich greifende Antisemitismus beruft, mit schlimmsten Folgen durch die Jahrhunderte. Er hätte ja auch schreiben können: „aus Angst vor den römischen Soldaten“ – die waren schließlich damals die brutale Ordnungsmacht in Jerusalem.

Was mag also vor sich gegangen sein, als Johannes schrieb? Einiges können wir nur vermuten oder erschließen: ganz im Anfang waren die Jesusanhänger eine jüdische Splittergruppe. Ihr Messias Jesus galt der Mehrheit der Juden als ein Abtrünniger – und so kam es immer wieder zu massiven Konflikten, wohl vor dem Hintergrund, dass beide, die Mehrheit wie die Splittergruppe, von den römischen Herren verfolgt wurden. Der Tempel in Jerusalem war zerstört, der Messias Jesus war viele Jahre schon tot, gekreuzigt als Aufrührer, ausgelöscht. Da ging es um zweierlei zugleich: Um die Existenz und um die Sinnhaftigkeit des eigenen Glaubens: konnte man daran noch festhalten? Machte das überhaupt noch Sinn angesichts der drohenden Auslöschung? Und: wer konnte die Wahrheit für sich behaupten? Die einen oder die anderen? Silke Niemeyer fasst das so zusammen: „Das Tragische: Sie können in ihrem Überlebenskampf einander nicht gelten lassen. Zu groß das Trauma. Zu groß die äußere Bedrohung“[5].

Die Anhänger Jesu in der Defensive. Unser Abschnitt bildet das ab. Eingeschlossen, verängstigt, in die Enge getrieben. Bloß nicht sichtbar werden – zu gefährlich. Und andererseits – wer könnte das nicht irgendwie verstehen – getrieben von einem „wir oder die?“! Da kann die Verzweiflung schon auch harsche Polemik hervorbringen.

Ich erinnere mich aus meiner Zeit in der Ukraine an Erzählungen alter Frauen aus der lutherischen Gemeinde – die Männer waren zumeist verschleppt und umgebracht worden -, die davon sprachen, wie sie sich abends in kleinen Gruppen trafen, in ihren deutschen Bibeln und Andachtsbüchern lasen und leise sangen, damit es die Spitzel nicht hörten. Das war unter Umständen lebensgefährlich. Da können schon Fragen aufkommen: Sind wir denn ganz und gar verlassen? Warum werden wir so drangsaliert? Hört Gott unsere Gebete nicht? Haben wir vielleicht -so wurde ihnen von der sowjetischen Propaganda ja eingehämmert – den falschen Glauben? Verzichten wollten sie aber keinesfalls – das Singen und Beten, das Hören auf die Schrift gehörte zu ihrem Leben unabdingbar dazu. Aber zu Freundinnen der KPdSU wurden sie nicht.

Dass der Glaube, dass die Gemeinschaft, dass die Orte und Räume nicht geschont bleiben, das hat es immer gegeben. Auch wir heute – bei weitem nicht so bedrohlich und existenzgefährdend wie zu anderen Zeiten und an anderen Orten – müssen uns neben berechtigter Kritik an Fehlverhalten und Versagen ja mancherlei Spott, Hetze und Infragestellung anhören im Kampf der Meinungen und Weltanschauungen. (Schauen wir nur auf die Pläne der AfD im Falle einer Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt zum Beispiel: da wird den Kirchen massiv der Kampf angesagt.) Und an wie vielen Orten auf der Welt werden christliche Gemeinden drangsaliert, verfolgt, ihre Mitglieder an Leib und Leben bedroht!

Und wir hier, im ländlichen Raum Westmittelfrankens? Wir sind eine kleine Schar. Selbst zu Kirchweih ist die Zahl derer im Bierzelt größer als die der Kirchenbesucher. Obwohl hier gut leben ist, will sich keine Pfarrperson für die ausgeschriebene Stelle finden. Sind wir verlassen und verloren? Geht es selbst uns, in unserer immer noch ganz gut abgesicherten Lebenswelt, nicht irgendwie auch ein bisschen so wie den Jüngern? Dass wir uns nicht wahrgenommen fühlen, abgehängt? Dass wir mit unserem Glauben nicht vorkommen? Dass die Verächter Oberwasser haben? Dass die Aussichten uns düster erscheinen?

Johannes dreht die Sache um. Die Jünger trauen sich nicht heraus aus ihrem Versteck – also erzählt er vom auferstandenen Jesus, der zu ihnen hereinkommt. Sie mögen erschrocken sein, schnell aber erwacht überraschte Freude unter ihnen. Denn sie erkennen ihn an seinem Gruß: „Friede sei mit euch“. Shalom, heute wie damals: das ist ja nicht nur die Abwesenheit von Krieg oder Gewalt, sondern meint: Es ist gut zwischen dir und mir und unserer Lebenswelt und Gott. Umfassend gut.

Und dann gibt in dieser Szene Jesus seinen Freunden noch eine Stärkung mit auf den Weg, eine Ermutigung: Er haucht sie an (für Hygieniker nach Corona wäre das eher eine fragwürdige Zeichenhandlung, aber sie macht den Vorgang sinnfällig) und sagt: „Heiligen Geist sollt ihr empfangen! Wem immer ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie festhaltet, dem sind sie festgehalten“ (Vv. 22b.23).

Mit neuer Kraft rüstet er sie aus, mit neuem Mut, mit einem Auftrag: sich der Sünde zu stellen, der Gottferne. Ängste zu überwinden, hinauszutreten in die Öffentlichkeit (das wird ja auch an anderer Stelle erzählt). Die Sünde zu stellen, damit umzugehen und sie, wo möglich, zu überwinden. Dass daraus in späteren Zeiten ein Machtinstrument wurde, ist eine schreckliche Fehlentwicklung und ganz gewiss nicht im Sinne Jesu, der allen eine zweite Chance gegeben hat und sich besonders den Schwachen verbunden wusste. Sünden festzuschreiben oder zu vergeben: das ist eine hohe Verantwortung und erfordert Weisheit, Menschenkenntnis und ein weites Herz. Aber gewiss keinen engen Geist oder fanatische Glaubensgewissheit….

Sie sollten nicht eingeschlossen bleiben in ihrem verrammelten Zimmer. Hinausgehen sollten sie, ausgestattet mit Gottes Geist, dem Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit, wie es an anderer Stelle heißt. „Friede sei mit euch“, das sollte ihre Botschaft sein. Das soll unsere Botschaft sein, in unseren Gottesdiensten, in unserer Gemeinschaft, in unseren Predigten und in unserem Handeln für andere. Und wir müssen uns darin nicht klein machen.

Vor ein paar Wochen bin ich im Netz auf einen kurzen Film gestoßen. Ein englischer Pfarrer, Evangelist, Prediger – gar nicht so leicht zu beschreiben, was genau er ist. Er nennt sich JJohn, gehört zur anglikanischen Kirche, füllt im englischsprachigen Raum große Hallen, ist im Netz sehr präsent und spricht die Menschen mit einem fröhlichen, an Jesus orientierten Selbstbewusstsein an. Was ich da von ihm gesehen habe, hat mir so gefallen, dass ich es mir rausgeschrieben und übersetzt habe. Es geht so:

„Wenn ich sage, dass ich ein Geistlicher bin, was ich ja bin, dann beschwört das gewisse Bilder bei den Leuten herauf, was ich wohl für einer sein mag. Daher bin ich gern ein wenig kreativ, wenn ich Leuten erzähle, was ich tue.

Neulich saß ich neben einer Dame am Flughafen Heathrow. Ich sage: „Hallo“! Und sie: „Ja, hallo“! Ich fragte: „Wohin fliegen Sie?“ Sie sagt: „Nach Singapur.“ Dann fragt sie mich: „Wohin fliegen Sie?“ Ich sagte: „Nach Australien.“ Dann fragte ich nach ihrem Beruf, und sie sagte ihn mir. Und dann fragte sie: „Und was machen Sie?“ und ich sagte: „Tja (lange Pause) ich arbeite für ein weltweites Unternehmen.“ Sie: „Tatsächlich?“ Ich: „Tatsächlich.“ Und ich sagte: „Wir haben Filialen in fast jedem Land der Erde.“ Sie: „Wirklich?“ Ich: „Ja wirklich. Wir haben Krankenhäuser und Hospize und Obdachlosenunterkünfte.“ Ich sagte: „Wir betreiben Eheberatung und Kinderheime, wir haben Ernährungsprogramme und Bildungseinrichtungen. Bei uns laufen alle Arten von Gerechtigkeits- und Versöhnungsinitiativen. Genaugenommen kümmern wir uns um die Leute von der Geburt bis zum Tod – und wir arbeiten im Bereich der Verhaltensverbesserung.“ Sie darauf: „Whoaao!“ und ihr Wow war so laut, dass haufenweise Leute sich umdrehten und uns anstarrten. Sie fragte: „Wie heißt die Firma?“ Ich sagte: Sie heißt Kirche. Haben Sie schon davon gehört?“

Und das ist es doch, oder nicht? Wenn wir Jesus nachfolgen, dann sind wir Teil eines Weltunternehmens. Und genaugenommen: nicht nur global, sondern intergalaktisch, denn alle, die vor uns waren, sind eingeschlossen“[6].

Ja warum denn nicht auch mal so? Es stimmt ja: Wir sind nicht klein. Wir müssen nur hinschauen – und die Zusammenhänge erkennen. Denn ja: wir gehören zu einem weltweiten „Unternehmen“. Wir können sogar sagen: wir sind intergalaktisch. Das mag ein bisschen verwegen klingen, aber mir hat der Gedanke gefallen. Er weitet den Blick[7].

Wenn wir hier in unserer Gemeinde Kirchweih feiern, dann tun wir das, weil schon Generationen vor uns hier zusammengekommen sind. Sie haben grundgelegt, worauf wir heute aufbauen können, am Ort, in der Region. Und wir sind damit gleichzeitig verbunden mit allen Christinnen und Christen, wo auch immer auf dem Globus sie sein mögen, in der großen weltweiten Ökumene. Alter, Geschlecht, Herkunft, persönliche Prägungen, Sprache, Kultur oder Herkunft: das soll alles nicht die entscheidende Rolle spielen. Es ist nicht einmal nötig, dass sie von uns wissen oder wir von ihnen – die Verbindung ist da. „Nehmt hin den Heiligen Geist!“ Wir sind schließlich getauft und so mit dem dreieinigen Gott verbunden. So viel Selbstbewusstsein – bei allen Fehlern, die wir auch machen – darf schon sein. Wir gehören zu denen, denen der Gruß Jesu als Aufgaben und Zusage anvertraut ist: „Friede sei mit euch!“ Das macht unser weltumspannendes Unternehmen aus. Das ist unser Auftrag. Unsere Würde. Hier in dieser Kirche, hier an diesem Ort und überall. Heute und bis ans Ende der Zeiten. Lasse Gott uns die Kraft seines Geistes erfahren. Shalom für Stadt und Land. Amen.

Dekan i.R. Uland Spahlinger, Dinkelsbühl

Email: uland.spahlinger@elkb.de

Biographische Anmerkungen:

Seit Eintritt in den Ruhestand zum 1.1.25 habe ich eine Vakanzvertretung für drei kleine Dorf-Kirchengemeinden übernommen, eine davon das genannte Unterampfrach. So wohl sich die Menschen in ihrem ländlichen Lebensraum fühlen, das Gefühl, an vielen Stellen abgehängt zu sein (Schulen, Ausbildung, Einkaufsmöglichkeiten, kulturelles Leben, ÖPNV, medizinische Versorgung, Kirche als Teil der Lebenswelt usw.) ist deutlich wahrzunehmen. Vor allem wird vieles an anderen Orten „über uns“ entschieden. Da sind die örtlichen Feste von hoher identitätsbestärkender Bedeutung. Kirchenleitungen täten gut daran, diese kleinen Einheiten nach Kräften zu fördern.

Zusätzlich sei noch erwähnt, dass ich von 2009 bis 2014 das Bischofsamt der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine innehatte; von dort habe ich die Erzählungen über die verbotenen Zusammenkünfte der versprengten deutschen Gemeindeglieder während der Sowjetzeit mitgebracht.

Zur Predigt selbst: Statt Kirchweih, dem Kasus, der hier greift, kann jederzeit das ganz „normale“ Gemeindeleben mit seinen Facetten beschrieben werden – das erfüllt denselben Zweck und führt zum selben Ziel.

[1] Zu Unterampfrach und der evangelischen Dorfkirche St. Sebastian und St. Veit vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Unterampfrach;

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchweih;

[3] Ebd.

[4] Der bayerische Kirchentag auf dem Hesselberg ist das jährlich am Pfingstmontag stattfindende bayerische Protestantentreffen auf der höchsten Erhebung Mittelfrankens mit – je nach Witterung – zwischen 10.000 und 15.000 Teilnehmenden.

[5] Silke Niemeyer zur Stelle, in: GPM, 80. Jg. Heft 2 S.299.

[6] Ein fast wortgleicher Reel von JJohn zu dem, den ich seinerzeit gesehen habe, findet sich unter https://www.instagram.com/p/DMCi6sroBd0/; über JJohn im englischen Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/J.John.

[7] Das entspricht durchaus dem Gedanken, den ich z.B. in einem Vorlesungsscript von Prof. Dr. Michael Herbst, Uni Greifswald, SS 2016, über „Missionarische Kirchen- und Gemeindeentwicklung“ gefunden habe: „Gemeinde ist zugleich auf das Größere, auf Kirche bezogen. Jede Gemeinde ist ganz Kirche, aber sie ist nicht die ganze Kirche.“ https://theologie.uni-greifswald.de/storages/uni-greifswald/fakultaet/theologie/ls-pt/2016_VL_Gemeindeentwicklung/HGW_SS_2016_-_Vorlesung_-_02_-_Kirche_und_Gemeinde_definieren_-_AB_02.pdf, dort S.4.