Johannes 21,15–19
Sei ein Hirte | Quasimodogeniti | 12.04.2026 | Joh 21,15–19 | Eva Holmegaard Larsen |
Sei ein Hirte
Es ist still geworden nach Ostern. Der Alltag ist zurück. Ostern ist eine grosse Zumutung, von Anfang bis Ende. Kreuz und Tod. Ein leeres Grab. Gerüchte, die niemand einordnen kann – und die unglaubliche Behauptung, Jesus sei auferstanden.
Wir haben das hochdramatische Geschehen hinter uns gelassen und begegnen dem Auferstandenen in aller Stille, am See Tiberias, wo er mit seinen Jüngern gebratenen Fisch isst.
Das Leben geht weiter. Es ist Zeit zur Besinnung geworden. Und Jesus hat noch etwas zu sagen, bevor er zu seinem himmlischen Vater aufbricht. Das Johannesevangelium zeichnet uns ein friedvolles Bild, wie Gott dem Tod überlegen ist. Es gibt noch etwas hinzuzufügen.
Was würden unsere Verstorbenen uns sagen, wenn sie noch einmal sprechen könnten? Jesus hat dem Petrus etwas Wichtiges zu sagen. Denn wie war das noch mit ihm?
Er war der treue Jünger Jesu. Er war es, der am letzten Abend – beim letzten Abendmahl – feierlich beteuerte, er denke im Gegensatz zum Verräter Judas nicht daran, seinen Freund Jesus zu verraten.
Aber genau das tat er. Das taten sie ja alle. Natürlich taten sie es. Als alles zusammenbrach – Verhaftung, Verhör, Folter und Hinrichtung – bekamen sie Angst.
Sie liefen davon. Auch Simon Petrus. Er leugnete schlechthin, Jesus jemals gekannt zu haben. «Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen», hatte Jesus zu Petrus gesagt. Und obwohl Petrus dies leidenschaftlich verneinte, kam es genau so: Dreimal Nein – er kenne diesen Jesus von Nazaret nicht und habe nichts mit ihm zu tun.
Er bereute es in demselben Augenblick, als der Hahn zum zweiten Mal krähte – aber da war es zu spät. In jener Nacht verlor er nicht nur Jesus, seinen Freund und Meister – er verlor sich selbst.
Denn wer war er noch, wenn er dem nicht treu geblieben war, was er liebte – und woran er glaubte?
Nun sitzen sie hier um das Feuer am Ufer, und Jesus fragt ihn: Liebst du mich? Er fragt ihn nicht nur einmal, sondern gleich dreimal. Jesus hat guten Grund zu fragen. Aber wir spüren geradezu, wie peinlich diese Fragen für Petrus sind.
Und Petrus antwortet leise. Als wolle er diesmal nicht zu viel versprechen. Als hätte er gelernt, vorsichtiger mit grossen Worten umzugehen.
Denn er hatte seine Selbstachtung und seine Identität verloren, als er das letzte Mal etwas versprach, ohne es halten zu können. Darum kommt es sehr sachte von Petrus: «Ja, ich hab dich lieb. Das weisst du doch!»
Jesus muss wissen, wie schwer und beschämend es für Petrus ist. Warum tut er es dann? Ist er wirklich aus dem Reich der Toten zurückgekehrt, nur um in unserem schlechten Gewissen zu bohren – wegen all der Male, da wir die Menschen, die wir lieben, enttäuscht und unsere Ideale verraten haben?
Stellt Jesus Simon Petrus mit seiner inquisitorischen Forderung nach Liebesbeteuerungen auf die Folterbank? Liebst du mich, liebst du mich, liebst du mich? Dreimal fragt er ihn. Einmal für jede Verleugnung an jenem schrecklichen Abend, als Petrus den Mut verlor.
Liebst du mich, liebst du mich? Man kann an dieser Frage fast irre werden. Wenn Freunde und Geliebte einander unaufhörlich Rechenschaft über ihre Liebe abverlangen, kommt man erst recht in Zweifel.
Ehe wir anfangen zu spekulieren – „was steckt dahinter? Was bedeutet das?“, sollten wir innehalten. Und einfach einen Menschen hören, der nach der Liebe eines anderen fragt.
Es ist nämlich sehr menschlich, sich nach Bestätigung zu sehnen – und die Menschlichkeit Jesu ist entscheidend dafür, ob das Göttliche hier in der Welt zur Entfaltung kommt.
Das Menschliche an Jesus ist entscheidend dafür, ob wir begreifen, dass Gott nicht einfach etwas ist, das grösser ist als wir selbst – denn das kann ja alles Mögliche sein! Was ist das, das grösser ist als wir selbst? Es ist die Liebe, die nach uns ausgreift.
Es ist die Liebe, die auf uns zukommt und uns ruft und uns etwas bedeutet. Und das können wir durch Jesus Christus verstehen und spüren – denn in ihm tritt Gott ganz in unser Leben ein. Er war ganz Mensch als das Kind in der Krippe. Und er war ganz Mensch am Kreuz.
Und nun am Ufer des Sees Tiberias sehen wir abermals sein Menschsein in voller Gestalt. Wir sehen einen Menschen, der demütig sein Herz nach einem anderen Menschen ausstreckt.
Und natürlich liegt auch eine Anklage in der Frage an Petrus – denn jeder weiss, dass man nur um Bestätigung der Liebe bittet, wenn man sich nicht sicher ist, wie man beieinandersteht. Ein Zittern der Unsicherheit liegt hinter allem. Es ist also zugleich eine Entblössung und eine Anklage. Eine verletzliche Frage, die gleichzeitig einen inquisitorischen Unterton hat: Liebst du mich?
Ihr alle kennt diese Frage. Jeder von uns war schon dort. Liebst du mich, fragen wir ängstlich und bittend zugleich. Es sind die allermenschlichsten Worte, die es gibt. Aber es sind auch Schöpfungsworte. Die Frage ruft den anderen und ruft vielleicht etwas hervor. Ruft die Liebe im Antworten hervor: Ja, ich liebe dich.
Es ist wie beim Taufbecken. GLAUBST DU? werden wir gefragt. JA, antworten wir – wenn du es bist, der fragt. Denn wir wissen wohl, dass derjenige, der fragt, es gut mit uns meint. Wir wissen wohl, dass die Frage aus einem Ort kommt, wo die Decke hoch ist.
Unser JA zu Gott in der Taufe – auch wenn es stellvertretend für unsere Kinder gesprochen wird – ist, ähnlich wie Petrus‘ Antwort an Jesus ist kein makelloses Ja. Kein Ja ohne Risse. Petrus ist noch immer derselbe alte Petrus wie in jener Nacht, als er im Glauben wankte und immer wieder sagte: NEIN, ich kenne diesen Jesus nicht – ich kenne diesen Menschen nicht und habe nichts mit ihm zu schaffen!
Warum kann er dann jetzt JA sagen? Und es sogar so meinen? Er kann es, weil jemand nach ihm ausgreift und ihn ruft.
Darum ist es so wichtig, dass wir gefragt werden. So wie wir in der Taufe gefragt werden und Ja antworten – auch wenn wir gewiss viele Vorbehalte und Zweifel und unbeantwortete Fragen an Gott haben.
Die meisten Menschen sagen von sich, dass sie nicht sonderlich gläubig sind – aber dennoch ein bisschen. Aber warum dann dennoch dieses schallende JA bei der Taufe? Weil jemand nach uns ausgreift und uns ruft. Die Taufe ist ein Herz, das einem anderen Herzen antwortet.
Die Fragen des Glaubensbekenntnisses sind Worte, die einst von gläubigen Menschen geformt wurden – und sie klingen sehr formelhaft. Aber hinter den Worten erklingt Gottes Stimme. Glaubst du an dies und das und jenes? So klingt es, wenn wir mit JA auf die Worte des Glaubensbekenntnisses antworten. Das ist aber keine Prüfung im Glauben – man soll nicht vergessen, dass dahinter ein Herz steckt.
Wir legen keinen Eid am Taufstein ab, und auch nicht, wenn wir gemeinsam das Glaubensbekenntnis im Gottesdienst sprechen. Wir antworten auf einen Ruf. Wir empfangen jemanden, der nach uns ausgreift.
Und dann erhalten wir eine Aufgabe. Getauft zu werden bedeutet auch, eine Aufgabe zu bekommen. Genau so, wie Jesus dem Petrus eine gibt.
Weide meine Schafe! Das ist die Aufgabe. Sorge für meine Schafe. Sei an meiner Stelle, Petrus – sorgt füreinander. Sorgt für meine Brüder und Schwestern. Steht füreinander ein – das ist Gottes Auftrag. Sorgt füreinander – das ist die Aufgabe. Und das ist eine Vertrauenserklärung. Ganz gleich, wie viel Angst wir haben können, wie Petrus in jener Nacht, als er seinen Freund verriet.
Wir sind ja alle nur Menschen, und unsere Liebesbeteuerungen und Glaubensversprechen sind angreifbar und zerbrechlich. Das gilt überall, wo wir Ja sagen – zu Gott und zueinander.
Aber dann sollen wir einander rufen. Liebst du mich? Wir sollen ausgreifen. Und antworten – immer wieder. Wir werden hier in der Kirche gerufen, und jetzt gerade, da wir hier sind, ist es nicht so schwer, Ja zu sagen. Wenn wir beten und singen und niederknien.
Erst wenn wir hinausgehen in den Alltag, wird es schwerer, dazu zu stehen. Aber die kleine Szene zwischen Jesus und Petrus, der wir heute Zeuge werden, löst unseren Zweifel, ob wir uns überhaupt Glaubende nennen dürfen.
Natürlich dürfen wir das. Gott weiss wohl, dass unser JA ein zerbrechliches, zögerndes Ja ist. Ein «gebrochenes Hallelujah». Aber Gott fragt dennoch und greift immer wieder nach uns aus. Denn es gibt eine Aufgabe! Und diese Aufgabe ist viel wichtiger als unsere Standhaftigkeit im Glauben.
Und vielleicht ist Glaube in Wirklichkeit, dass wir alle Überlegungen darüber vergessen, wie viel oder wie wenig wir glauben, und einfach anfangen. Es gibt ein göttliches Leben, das gelebt werden soll. Es gibt Menschen, die uns brauchen. Es gibt eine Welt, die wartet. Es gibt so viel Bedarf an Liebe in der Welt, dass sie nicht warten kann, bis du ganz bereit bist. So geh denn frei, ein jeder an seinen Ort, und vertrau auf Gottes Gnade [Zit. eines dän. Kirchenlieds, A.d.Ü.]. Sei ein Hirte.
Amen.
Eva Holmegaard Larsen
Pastorin in Nødebo/Gadevang
ehl@km.dk