Johannes 4,5–26
Das heilige, alltägliche Waser | 2. Sonntag nach Epiphanias | 18. Januar 2026 | Joh 4,5–26 | Christiane Gammeltoft-Hansen |
Das heilige, alltägliche Waser
Er war ein elender Mensch. So meinte er selbst. Er war ein elender Mensch, obwohl das Leben nicht ohne Liebe gewesen war. Doch gerade die Liebe hatte bewirkt, dass das Glückliche und das Unglückliche nicht voneinander zu trennen waren. Er hatte eine Frau, die er liebte und mit ihr eine Tochter, die er liebte. Dann fand er eine andere Frau, die er liebte, und mit ihr bekam er einen Sohn, den er liebte. Dann liebte er die erste Frau wieder, während er die andere abgewiesen hat, als sie ihn Jahre später aufsuchte. Er schrieb auch über die Liebe, denn das war es, was er in seinem Leben tat. Er war auch ein Schreibender. Er schrieb darüber, geliebt zu werden – geliebt, nicht weil man ist, wer man ist, sondern trotzdem, dass man ist, wer man ist – geliebt zu sein ohne jede Begründung, weder negative noch positive. Er schrieb über Freude, Schmerz und Trauer, und obwohl er bezweifelte, dass man die Geschichte des eigenen Lebens schreiben könne, so klang es mit, dass alles durch die Liebe in sein Leben gekommen sei, sowohl das Glück als auch das Unglück. Und was Letzteres betraf, hatte er selbst dazu beigetragen. Ein elender Mensch. So würde Gott ihn auch sehen, dachte er. Und vielleicht weil er einer der grossen dänischen Theologen des 20. Jahrhunderts war – namens Johannes Sløk [1916-2001 Anm. d. Üb.]: fiel es den Freunden schwer, ihm zu widersprechen, wenn er sich darauf berief, was Gott über ihn meinen musste.
Doch trotz des Elends, trotz des Unglücklichen und der Trauer, die ihm auch Teil seines Lebens wurde, war er zugleich unbesorgt und fühlte sich sogar geborgen. Er schrieb: „Ich bin zärtlich zu ihr (meine Lebensgeschichte); sie gehört mir; sie hat so furchtbar teuer gekostet, sie hat buchstäblich das Leben gekostet, darum will ich sie nicht hergeben; ich will sie mit mir nehmen – denn das ist, was man mitnehmen kann, seine Lebensgeschichte – ich will sie mit hinübernehmen in die Ewigkeit, sie auf den Tisch der Unendlichkeit legen und dabeibleiben, dass hier, das bin also ich. Nicht weil ich stolz auf diese Geschichte bin. Ha! Sondern weil ich bei ihr geborgen bin, denn ich bin ja Christ.“ (zit. nach Niels Grønkjær: Det nye menneske (2017), 28-29)
In einer anderen Zeit und an anderem Ort hätte eine Frau vielleicht auch von sich selbst gesagt, sie sei ein elender Mensch. Sie hatte einen Mann geliebt, dann einen zweiten, dann einen dritten und noch einen und noch einen, und nun liebte sie einen, der gar nicht ihr Mann war. Hätte die Moral das Wort bekommen dürfen, hätte sie ganz gewiss viel dazu zu sagen gehabt. Die Zeit damals war natürlich anders, aber die Moral hat’s nun mal an sich, in erstarrten Formen zu überwintern. Sie meldet sich selbst in Zeiten, die wir für fortschrittlich halten, mit spitzen Worten und säuerlicher Stimme. Kann man so viel und so viele lieben, ohne dass etwas von seiner Gottebenbildlichkeit verloren geht? So würde die Moral gewiss sich selbst und andere fragen. Kann die Liebe nicht so unordentlich werden, dass sie einen Menschen herunterzieht und immer kleiner macht? Solche Überlegungen würde die Moral machen.
Die Frau, ob nun elend oder nicht, tritt im Johannesevangelium hervor. Obwohl sie im Leben viele Männer um sich gehabt hat, kommt sie allein. Sie ist auf dem Weg, Wasser zu holen, eine durstige Frau in der Mittagshitze. Am Brunnen begegnet sie Jesus, und das Merkwürdige ist, dass Jesus ihre Lebensgeschichte bereits kennt, obwohl sie nicht weiss, wer er ist. Und er sagt es laut, sodass kein schweigendes Wissen zwischen ihnen ist: Es waren fünf Männer und nun ein sechster. An diesem Punkt hätte die Moral wohl gehofft, das Wort zu ergreifen. Doch sie wird abgewiesen. Die Fakten werden genannt, es gibt aber keinen verurteilenden Satz.
Wer behauptet, selber elend zu sein, sagt dies im Bewusstsein, zum Schmerzhaften beigetragen zu haben. Man hätte festhalten können, wo man losliess. Man hätte loslassen können, wo man festhielt. Es gibt niemanden, der harmonisch ins Leben hineinwächst. Die Liebe läuft nicht auf wohlgeordneten Bahnen und ist keine Rechnung, die aufgeht. Freude und Schmerz sind verflochten. Unabhängig von der Moral haftet es im Selbstverständnis, wer man ist und welche Spuren von Scheitern und Verlust man hinterlassen hat.
Dort, wo Jesus und die Frau einander begegnen, ist ein Ort alltäglicher Begebenheiten. Hierher kommen alle, um den Durst zu löschen. Es gibt nichts Ungewöhnliches, es ist nur Wasser in aller Gewöhnlichkeit. Wasser, wie es in einem tiefen Brunnen strömt, und Wasser, wie es durch die Kehle strömt. Doch bei dieser besonderen Begegnung zeigt sich, dass Wasser auch mehr und anderes sein kann. Dieses Mehr offenbart Jesus der Frau.
Für sich betrachtet erscheint unsere Lebensgeschichte bruchstückhaft und ohne Zusammenhang. Wir haben selten lineare Lebensverläufe. Es zeichnet sich mehr als ein etwas chaotisches System von Abwegen, Irrwegen und Unterbrechungen. Doch nun stehen die Frau und Jesus dort am Brunnen. Jesus weist darauf hin, dass es eine Beständigkeit selbst in einem unordentlichen Lebensverlauf gibt. Die Beständigkeit ist das Wasser, das lebendige Wasser, das mit einer eigenen lebenspendenden Kraft strömt und das mehr ist als das Wasser, das aus Wasserhähnen strömt. Es gibt eine Quelle, in der alles Leben zusammenläuft. Diese Quelle hat ihren Ursprung in den Tagen der Schöpfung und bewegt sich hin auf die äusserste Zeit. Es ist eine Quelle, die war, die ist und die kommt, und als solche fliesst sie durch jedes Menschenleben – fliesst über Scheitern und Schmerz hinweg, fliesst in Freude und Glücksmomente hinein, fliesst hinab in Taufbecken. Es ist eine Quelle, die mit Wasser zum ewigen Leben quillt.
„Alle meine Quellen sollen bei dir sein“, dichtet Grundtvig über diese Quelle, als ein Refrain, der durch die Geschichte der Welt und unsere eigene emporsteigt. „Alle meine Quellen sollen bei dir sein“, die Worte sind in Gottes eigenen Mund gelegt [das dän. Kirchenlied entspricht Psalm 87,7: „Alle meine Quellen sind in dir“, Anm. d. Üb.]. Es ist Gott in flüssiger Form, der uns mit lebendigem Wasser eine Neugeburt schenkt. Wir sind nicht allein mit unserer eigenen Geschichte. Die Quelle strömt unter dem Ganzen, strömt immer weiter und wird uns tragen mit unserem Sammelsurium an Lebensgeschichte.
„Ich bin geborgen“, sagte der alte Theologe. Er war nicht stolz auf seine eigene Lebensgeschichte. Es war keine Ablehnung der Verantwortung. Er nahm ja alles in Blick, was daraus geworden war, und stand dazu. Und doch wusste er sich geborgen, denn er lebte auf jener Verheissung, die erklingt, wo die Quelle strömt. Die Verheissung, dass Gott mit uns ist alle Tage bis an das Ende der Welt. „Ich bin ja Christ“, sagte der Theologe, als Antwort darauf, warum er unbesorgt war. Wäre Gott unbekannt, ohne Namen und Antlitz, hätte die Furcht gewiss die Obermacht. Ein unbekannter Gott kann im Bewusstsein eines Menschen viele Gestalten annehmen. Doch die Quelle strömt hinab ins Taufbecken, über welches Gottes Name laut gesagt wird, und sie strömt in Gebete hinein, wo wir Gott Vater nennen.
Als die Frau und Jesus nach der Begegnung den Brunnen wieder aufbrechen, ist Gott für die Frau nicht länger unbekannt. Jesus hat sich offenbart. Es ist wie ein neuer Aussichtspunkt. Von hier aus ist es zu wenig, eine Lebensgeschichte als Zusammenfassung und Aufzählen von Fakten und Verhältnissen wiederzugeben. Die Quelle strömt, und Gott erzählt mit. Es ist nicht die Stimme der Moral, sondern die der Barmherzigkeit, die spricht. Liebe, flüstert die Quelle tief unten – liebe, wie ich dich geliebt habe. Liebe auch nach dem Scheitern. Erhebe dich am Brunnen, lass dich von ihm nähren. Und wenn es zu Ende ist, dann sei geborgen. Die Quelle strömt durch den Tod hindurch in die Ewigkeit. Es ist möglich, elend und gesegnet zugleich zu sein, sowohl schuldig als auch frei. Alles sammelt sich in der Quelle mit lebendigem Wasser. Es läuft zusammen in Gottes Barmherzigkeit.
Amen.
Christiane Gammeltoft-Hansen
Pastorin in Lindevang
cgh(a)km.dk