Johannes 5,1–15
Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis (Erntedankgottesdienst) | 6. September 2026 | Joh 5,1–15 | von Rasmus Nøjgaard
Die Verwandlung des Alltags
Im vergangenen Jahr besuchte ich Israel und wohnte in Jerusalem, und da führte mich mein Weg auch am Teich Betesda vorbei, von dem wir im Evangelium hören. Oder genauer: an dem Ort, von dem wir glauben, dass es die Stelle sein könnte, an der Jesus den kranken Mann heilte. Bei den Ausgrabungen hat man mehrere Becken gefunden, und die meisten Überreste stammen aus den Jahrhunderten danach und liegen heute zwölf Meter tief unter der Erde, unter einer zweitausendjährigen Kulturschicht. Ich wohnte gleich außerhalb des Damaskustors, eines von mehreren Durchgängen durch die Stadtmauer in die Altstadt, die vor Spannungen, Magie und Hokuspokus vibriert. Die Altstadt ist in jüdische, christliche und muslimische Viertel aufgeteilt und vor allem in konservative und orthodoxe Strömungen innerhalb jeder der Religionen. Das baut eine gewisse Spannung auf, da jede von ihnen für sich beansprucht, die rechtmäßige Erbin zu sein. Zuletzt war ich vor mehr als zwanzig Jahren dort; auch damals war es beunruhigend, in der Stadt zu sein, mit schwer bewaffneter Polizei überall. Alles in allem war es diesmal einigermaßen friedlich, vermutlich weil der Staat Israel buchstäblich einen eisernen Ring um die Stadt gelegt hat. Hier drinnen kannst du die Via Dolorosa entlanggehen, den Tempelberg besuchen und den wahnsinnig schönen Felsendom und all die anderen Pilgerstätten. Ich kann nicht umhin, darüber nachzudenken, was das für eine Religiosität ist, die eine solche Spannung schafft. Mein erster Gedanke fängt sich an der Erzählung vom Teich Betesda, wo Jesus das Wunderbare gewissermaßen zurückweist – als etwas, das wir aus eigener Kraft bewirken könnten. Er verweist uns auf das wirkliche Wunder, das genau hier ist, mitten im Leben, wenn wir uns mit unseren Bedingungen versöhnen, das Urteil verwerfen und einander stattdessen aus Liebe vergeben und so lernen, mit unserer je eigenen Geschichte zu leben. Das ist es, was ich höre, wenn Jesus sagt: Nimm dein Bett und geh!
Der Glaube an Gott ist eine vielschichtige Größe. Er umfasst zugleich das Abstrakte – dass Gott ist, dass es einen Gott gibt, der Vertrauen und Liebe zu uns als Gottes Kindern hat – und das Konkrete: dass Gott uns seinen Willen in seinem Sohn zeigte, Christus Jesus: der Gekreuzigte, der litt und starb, um unsere Schuld zu sühnen und sich vor allem mit uns zu versöhnen. Diese Vergebung macht uns frei zu leben, das heißt: dass wir leben können, ohne uns von all unseren eigenen und all den Fehltritten der anderen beschweren zu lassen. Wir können freimütig leben. Uns wird vergeben. Wir lernen, anderen zu vergeben. Vielleicht ist es die größte Herausforderung unseres Lebens heute, sich nicht ständig zu entrüsten und selbst zu wählen, das Leben eines anderen Menschen zu verurteilen. Denn das bindet uns selbst als Richter und Wächter der Gerechtigkeit und lässt nicht viel übrig von Jesu Wort über Vergebung und den Willen zur Versöhnung. Wir wissen, was Gott mit uns will, weil er seinen Willen im Menschen Jesus offenbarte, dem Sohn Gottes.
Der Glaube an Gott ist vielschichtig, weil er vor allem auf einem Vertrauen darauf beruht, dass Gott unmittelbar zu uns spricht und einem jeden von uns begegnet. Die Bedingung des Glaubens ist, dass Gott sein Geschöpf liebt, so wie eine Mutter ihr Kind liebt. Bedingungslose Liebe, trotz Bruch, Auflehnung und Schweigen. Hinter allem ruhen wir in der Liebe. Das ist auch das Wunder der Taufe: dass Gott uns annimmt, wie wir sind, und sich auf Zeit und Ewigkeit mit uns verbindet, sodass wir eins sind in ihm. Es lässt sich nicht mit dem Verstand begreifen, sondern muss im Geist ergriffen werden. Es ist ein Geheimnis.
Das Wunderbare ist ebenso eine vielschichtige Größe, denn natürlich geschehen Wunder. Davon zeugen uns die Bienen, die Blumen und die Kinder. Die ganze Welt und die Wirklichkeit, mit der wir uns umgeben, ist so reich an Farben und Verwandlungen, an Gefühlen und Ausdruck, an Grundstoff und Fantasiereichtum, dass jeder Tag sein eigenes Wunder ist. Zugleich gehören auch der Verfall und der Tod zum Horizont, und wir wissen, dass es eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben gibt. Das Wunderbare ist die Ewigkeit, Gottes Sein, das auf unerklärliche Weise sowohl das Leben als auch den Tod umfasst und im Tod das Leben in eine neue Wirklichkeit verwandelt – das Himmelreich, sagen wir, in Ermangelung enthüllenderer Worte.
Die Erzählungen von Jesus haben eine besondere Funktion: Sie sollen die Menschen in Zweifel bringen: Soll ich mein Urteil fällen und ein Leben verwüsten, oder soll ich die Nächstenliebe wagen und den Weg der Versöhnung versuchen? Ehe ich mich für das Urteil entschieden habe, werde ich im Licht des Evangeliums zu einem Zweifelnden, der die Möglichkeit der Versöhnung ahnt. Der sich der Verwandlung öffnet.
Die Erzählung vom kranken Mann am Teich Betesda ist aus vielen guten Gründen eine archetypische Erzählung, weil sie die Doppelheit des Glaubens in sich trägt. Zuerst der übernatürliche und magische Augenblick, in dem ein Engel plötzlich den Teich aufpeitscht und ein Chaos schafft im Wettstreit, als Erster ins Wasser zu gelangen – denn nur der Erste wird geheilt. Jesus kehrt dem Teich den Rücken, er weist den Aberglauben und die Erwartung zurück, dass alles Gute von außen kommen müsse. Er wendet sich dem Kranken zu, der dort scheinbar seit Jahren gelegen hat, ohne die Chance, der Erste zu werden – und wer hat die im Übrigen schon?! Manche von uns sind niemals die Ersten. Jesus ignoriert dieses übernatürliche Spektakel und wendet sich stattdessen direkt an den Mann und fragt ihn: Willst du gesund werden? Und noch ehe der Mann mit einem JA antworten kann, heilt Jesus ihn. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, kein Engel und kein aufgewühlter Teich. Und der Mann wird ins Leben hinausgeschickt, von dem er so lange abgeschnitten gewesen ist, mit den einfachen Worten: Nimm dein Bett und geh! Sein altes Leben – versinnbildlicht durch das Bett – soll er mitnehmen und im Leben, das ihn erwartet, wieder auf eigene Beine kommen, aber mit seiner ganzen Geschichte, nicht ohne sein altes Leben. Es ist ein neues, verwandeltes Leben, und zugleich ist es eine neue Möglichkeit, das alte Leben zurückzugewinnen – trotz Trauer und Schmerz.
Diese Erzählung ist ein Klassiker. Weil sie das alles umstürzende Wunder als Betrug zurückweist. Das wahre Wunder ist das, welches unser Leben genau hier, mitten unter uns, verwandelt, wenn Jesu Wort unsere Herzen erreicht und uns zweifeln lässt – noch ehe wir das Leben eines anderen Menschen zerstört haben. Vielleicht vermögen wir selbst eines Tages, die Hand auszustrecken und die befreienden Worte zu sagen:
Nimm dein Bett und geh.
Wir haben die Trauer und den Schmerz nicht vergessen und all das, was zwischen uns geschehen ist, aber wir sind weitergekommen und haben uns mit der Wirklichkeit versöhnt. Wir versöhnen uns mit unserer Geschichte, mit denen, die wir verloren haben, mit denen, von denen wir Abschied genommen haben, mit denen, die wir verlassen haben, und mit denen, mit denen wir weiterhin zusammenleben sollen. Nicht in blinder Güte, sondern in einer Liebe, die nicht allein uns selbst aufrichtet und Anstand, Stolz und Stärke schafft, sondern die auch andere befreit und zu dem Wort wird, das sie erlöst mitten in ihrer Blindheit und Unbeweglichkeit. Vielleicht ist es geradezu eine Versöhnung mit Gott, wenn wir hören und gehorchen:
Nimm dein Bett und geh!
Amen.
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Rasmus Nøjgaard
Skt. Jakobs Kirke, Kopenhagen
rn@km.dk
Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten (A.d.Ü.)