Johannes 6,44-51

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Predigt zum Pfingstmontag
25. Mai 2026
Johannes 6,44-51
von Jan Sievert Asmussen

Kirche neben der Autobahn

Irgendwo zwischen Sorø und Slagelse nimmt die Autobahn über Seeland, Richtung auf eine weiß getünchte Dorfkirche. Doch kurz bevor die Kirche überfahren wird, biegt die überlastete vierspurige Verkehrsader gleichsam ehrerbietig zur Seite ab und lässt die Kirche links liegen – mit ihrem Giebel und der rotweissen Fahne. Es mag bei der Kirche in Kindertofte schrecklich laut sein, aber sie liegt dort auf ihrem grünen Hügel wie ein kleiner weißer Sieg.

Für Ausländer ist es schlicht unglaublich zu sehen, wie viele solcher Kirchen es gibt. Kaum ist eine Kirche passiert, taucht der nächste Turm auf. Und befände man sich nicht im schallisolierten Inneren eines Autos, sondern draußen im Land – morgens, abends oder an einem schlichten Sonntagmorgen –, so fände man nirgendwo, ohne die Stimme der Kirchenglocke zu hören. Nichts im Land, ob lebendig oder tot, entgeht diesen Schall – nicht einmal die E20.

Die Landschaft erzählt von menschlicher Gegenwart in allen Winkeln. Von Generationen, die sich zunächst auf windgeschützten und fruchtbaren Flecken niederließen und sich dann jeden einzelnen Quadratkilometer zu eigen machten. Von einem Land, das sich von einer sesshaften Bevölkerung in eine mobile Stadtbevölkerung verändert hat. Das Land erzählt von einer Effizienz, die sich kaum noch steigern lässt. Jeder nutzbare Hektar ist entweder bebaut oder asphaltiert. Wir fahren durch ein Hochleistungsland.

Aber dann sind da all die Kirchen. Wir meinen, sie gehören zur Landschaft. Doch bedenken wir für einen Moment: Im Grunde sind sie Fremdkörper. Eingeklemmt zwischen Autobahn und Landstraße, beengt von Siedlungsvierteln, überschattet von einem Schornstein. Dort stehen die Kirchen und kommentieren alles um sich. Diesen Kommentar hört man, wenn man die Abfahrt nimmt und auf den Schotterparkplatz fährt: Mitten in menschlicher Effizienz spricht die Kirche vom Übermenschlichen und von der Ewigkeit. Dieser Kommentar ist in der Landschaft allein der Kirche vorbehalten. Vielleicht gibt es eine Inschrift, vielleicht dringen Kirchenlieder nach draußen, vielleicht ist es nur das Glockengeläut – ein Klang, der keinem anderen gleicht: Hier wird gesagt, woher du kommst und wohin du gehst. Du kommst von deiner Geburt und bist unterwegs zu deinem Tod. Und dazwischen lebst du, bewegst dich fort, verfolgst deine Ambitionen, suchst Anerkennung, begehrst neue materielle Güter, tust, was andere dich als das Notwenedige gelehrt haben. Aber wenn du den Fuß vom Gaspedal nimmst und dich fragst: „Warum tue ich das alles?“ – dann kannst du leicht sprachlos werden. Die bloße Notwendigkeit kann nämlich kein Menschenleben tragen – allenfalls ein Sklavenleben, aber kein Leben in Freiheit und Sinn. Es muss eine andere Begründung geben, einen tieferen Sinn. Es gibt Leute, die im letzten Augenblick einen Selbstmordversuch beim Klang einer Kirchenglocke abgebrochen haben. So lautet nämlich die Aussage von jedem einzelnen weißen Kirchenturm, von jeder allgegenwärtigen Kirchenglocke: Wir sind nicht bloß Rädchen im Getriebe der Gesellschaft. Unser Bürgerrecht ist, wie wir im Choral singen, „in Gottes Reich“. Darum stehen die Kirchen so dicht beieinander: Es soll kein einziges gottverlassenes Dorf geben, wo dieses nicht morgens und abends erklingt.

Wir leben in zwei Welten – das ist es, was die Kirchen sagen. Was wir gerade jetzt tun, ist nicht bloß geselliges Beisammensein, nicht nur ein Sich-aneinander-Orientieren. Nein: Im Gottesdienst bekennen wir uns zu unserem doppelten Bürgerrecht in Gebet und Lobgesang. Und wenn Kinder hier in der Kirche getauft werden, ist das nicht bloß eine Namensgebung und der feierliche Auftakt zu einem Familienfrühstück. Nein: Das Kreuz, das über Stirn und Brust geschlagen wird, weiht ein in das doppelte Bürgerrecht. Das ist mehr als bloße Fortpflanzung und Weiterführung des Geschlechts. Das ist das, was wir mit dem Wort Geist meinen: den Unterschied zwischen Roboter und Mensch, zwischen einem dumpfen Dasein und dem Leben als Freigekaufte, Befreite, Vergebene, geliebte Kinder in Gottes Reich – „Wir sind Gottes Glückskinder“ [Zit. aus einem Kirchenlied von Grundtvig (DDS 164): „lykkens skødebørn er vi“, A.d.Ü.].

Das alles können kalte Köpfe nicht verstehen. Für sie steht die Kirche nur im Weg, und ihr Inhalt ist bloß absurdes Theater. Kalte Köpfe lächeln mitleidig über das, was Menschen dazu bringt, in die Kirche zu gehen. Kalte Köpfe sind arme Seelen, die erbärmlich leben und erbärmlich sterben werden – ohne Trost, ohne Hoffnung, ohne wirklich gelebt zu haben.

Der Evangelist Johannes spricht davon, wovon Menschen leben: das Manna in der Wüste, das die Menschen aßen – und dann war es vorbei. Und von Christus, der „das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“ genannt wird (Johannes 6,51). Nur das ist Speise zum ewigen Leben und zur Seligkeit – „des Paradieses Wein und Brot“ [Zit. aus einem Kirchenlied von Grundtvig (DDS 380″: „Paradisets vin og brød / trøster os i liv og død“, A.d.Ü.]. Doch das begreifen kalte Köpfe leider nicht.

Es braucht Wärme. Und der christliche Glaube beruht darauf, dass du diese Wärme nicht aus dir selbst mobilisieren kannst. Der kalte Kopf und das kalte Herz können nicht aus sich selbst heraus warm werden. Die Wärme, das Erwachen – es muss von außen kommen, damit unsere Augen aufgehen und unsere Ohren sich öffnen und wir all das verstehen, was nicht von dieser Welt ist, woran wir aber Anteil haben, weil wir eingeladen sind in ein doppeltes Bürgerrecht. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“, sagt Jesus (Matthäus 11,28). Wir sind berufen, in zwei Reichen zu leben – in dieser Welt und in Gottes Reich. Und die Einladung, die unsere Augen öffnet und das kalte Wissen warm macht – das ist das Werk des Heiligen Geistes. „Komm, Gott Heiliger Geist, komm bald, durchleuchte die dunkle Nacht“ [Zit. aus Grundtvigs Fassung des „Veni sancte Spiritus“ (DDS 305): „Kom, Gud Helligånd, kom brat“, A.d.Ü.], heißt es in einem Pfingstlied: „Mach unser kaltes Wissen warm“ [ebd., A.d.Ü. ], damit wir sehen und spüren, was wir zuvor nicht gesehen haben.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass Pfingsten mit dem Feuer als seinem Symbol verbunden ist. Nicht Feuer, das zerstört und verbrennt, sondern Feuer, das wärmt. So wie es in der Pfingstgeschichte geschieht, wo das Feuer die Zunge zum Glühen bringt – „bei Heiden wie bei Juden“ [Zit. aus Grundtvigs Kirchenlied, DDS 290, A.d.Ü.].

Das ist die Wärme, um die es an Pfingsten geht. Menschen sind durch den Heiligen Geist seit den Tagen der Jünger in ihrem kalten Wissen erwärmt worden, sodass sie sehen und hören konnten. Sodass sie für die Sache zu brennen begannen, für die sie ausgesandt waren zu verkündigen. Sodass sie plötzlich sahen und erlebten: Ja, sie mochten kleine Weltbürger am Ende der Reihe sein. Aber auch Vorhut unter denen, mit denen Gott sein Reich bevölkert.

Darum braucht es all die Kirchen in der dänischen Landschaft. Sie sind Fenster aus unserer Welt in eine andere Welt, in ein anderes Bürgerrecht. Manche Kirchen mögen teure Gemeindehäuser und ein Budget von Millionen haben, andere sind baufällige alte Halbruinen. Das alles tut nichts zur Sache – denn es hat nichts damit zu tun, wofür die Kirche steht. Sie steht nämlich in der Kraft des Heiligen Geistes, der lebendig macht, wenn wir beten und lobsingen.

Amen.

Jan Sievert Asmussen
Pastor in Farum
jsas@km.dk