Johannes 8,28–36

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Die beiden Steinfiguren | Kantate (dän. fjerde søndag efter påske)| 3. Mai 2026 | Joh 8,28–36 | Jan Asmussen |

Unter den Hunderten von gemeißelten Steinfiguren auf der Fassade einer gotischen Kathedrale sah ich zwei Frauen, die sich zu beiden Seiten des Hauptportals gegenüberstanden. Die eine steht kerzengerade wie eine Königin: Es ist Ecclesia, die christliche Kirche, die den Blick zum Horizont richtet. Die andere steht gebeugt und gelähmt, mit verbundenen Augen, tastet sich unsicher voran: Es ist Synagoga, der jüdische Glaube, dargestellt und verurteilt als blind und taub dafür, dass Jesus der Christus ist. Das ist antijüdische Propaganda, in Sandstein gehauen. Ich kann nicht vor diesen beiden Frauen stehen, ohne daran zu denken, wozu diese Verurteilung in der Geschichte geführt hat.

Im achten Kapitel des Johannesevangeliums ist es Jesus selbst, der zu den Juden spricht und sie blind und taub nennt. Ein Quelltext für nahezu alle Formen christlichen Antisemitismus. Es ist Johannes, der die Auffassung kolportiert, die Juden seien im Bunde mit dem Bösen selbst, ja seien seine Kinder. Es ist Johannes, der hier weissagt, dass die Zeit der Juden als Gottes auserwählte Lieblinge bald enden wird. Es ist wieder Johannes, der die Juden als blind und unfrei bezeichnet – im Unterschied zu denen, die Christus bekennen: „die Wahrheit wird euch frei machen“.

Wir verstehen, dass diese Polemik gegen die Juden ihren Platz in der Gemeinde hatte, in der das Johannesevangelium entstand. Es war eine Enttäuschung, dass der Christusglaube sich nicht in der Synagoge verbreitete, sondern als Minderheit in der damaligen Welt verblieb – als eine eigenartige Jesus-Sekte. Wir lesen aus dem Text heraus, dass die Christusgläubigen sogar von der umgebenden jüdischen Gesellschaft verfolgt wurden. Doch später in der Geschichte kehrten sich diese Machtverhältnisse um. Und damit wurde Johannes 8 – über die Blindheit der Synagoge und die siegreiche Kirche – zu einer gefährlichen Waffe des christlichen Antisemitismus. Davon erzählen die beiden Figuren auf der Fassade der Kathedrale.

Kein Jude wird selbstverständlich dem Blick des Johannesevangeliums zustimmen können. Kein Jude wird sich selbstverständlich als blind und unfrei bezeichnen. Im Gegenteil: Freiheit und Einsicht entstehen gerade im beständigen Studium der Tora. „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen …, sondern seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz nachsinnt Tag und Nacht“ – mit diesem Programmsatz beginnt der Psalter. Im Gesetz Gottes Freude und Freiheit zu finden, bedeutet zu wissen, dass man den Rahmen des eigenen Lebens weder selbst erfinden noch selbst setzen muss. Diesen Rahmen hat Gott gesetzt, so wie Eltern den Rahmen für das Leben ihrer Kinder setzen. In dieser geborgenen Position, in diesem väterlichen Haus, bedarf es keiner Sorge um die äußeren Grenzen der Freiheit. Man kann innerhalb des Rahmens leben. Die Freiheit ist bereits gestiftet. Sie ist eine Geborgenheit, in der man gehorsam verweilen kann. Der freieste Mensch der Welt ist derjenige, der im Gehorsam in dem Rahmen lebt, den Gott ihm gesetzt hat.

Darum tut die tastende Frau mit verbundenen Augen, so wie sie dort an der Steinfassade der Kirche steht, dem jüdischen Glauben großes Unrecht. Und entsprechend leuchtet die aufrechte Kirchenkönigin allzu strahlend. Beide werden getragen vom achten Kapitel des Johannesevangeliums. Von hier holte sich das Christentum die Gleichung „Christus ist Freiheit“. Und es fand dieses Programm wieder in den vielen Erzählungen von Jesus, der ethnische Grenzen, Sabbatgrenzen, soziale Grenzen überschreitet – alles auf der Grundlage der unmittelbaren Deutung, dass das jüdische Gesetz und die christliche Freiheit Gegensätze seien. Ja, mehr noch: dass das Christentum sich das Recht herausnimmt, sich selbst über sogenannte „Gesetzesreligionen“ wie das Judentum – und später den Islam – zu stellen.

Die beiden Steinfiguren stehen getrennt, jede auf ihrer Seite des Hauptportals. Allzu getrennt – denn sie führen zu einem völlig verfehlten Verständnis davon, wie es sich mit Freiheit und Gebundenheit, Wahrheit und Verblendung verhält. Die strahlende Freiheit – das war nicht, was Jesus verkündete. Die Lebensform, in die Jesus seine Jünger einzutreten lehrte, ist gewiss nicht ohne Bindungen. Im Gegenteil: Das Gesetz ist sehr scharf: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Das gilt auch, wenn Sabbat ist und dein Nächster kultisch unrein ist. Jesus verschärft das Gesetz: Es gibt keinen neutralen Bereich, in dem man auf Gnade sündigen und die Freiheit nutzen kann, um der Verantwortung zu entfliehen.

Freiheit erlangt man, indem man das Gesetz Tag und Nacht studiert, heißt es in der Synagoge. „Die Wahrheit wird euch frei machen“, lauten Jesu Worte an die, die Jesus als Retter bekennen. Jesus hätte auch sagen können: „Die Wahrheit wird euch binden“ – nämlich daran, Gottes Willen zu tun, also die Liebe um euch herum wachsen zu lassen. „Ein Christenmensch ist aller Welt Knecht und jedermann untertan“, sagt Luther über diese gebundene Freiheit. Der Unterschied zwischen den beiden Sandsteinfiguren verwischt sich: Wie sollen die beiden Frauen in der Welt leben, in dem Rahmen, den Gott ihnen zum Leben gesetzt hat? Ich träume davon, dass sie nachts, wenn die Kathedrale in Stille und Dunkel daliegt, miteinander zu sprechen beginnen. Über den Hochmut der christlichen Kirche und all das Unheil, das er mit sich gebracht hat. Über die Freude daran, „über sein Gesetz nachzusinnen Tag und Nacht“ und gehorsam zu sein. Und über das, was sie verbindet – jede auf ihrer Seite des Eingangs zu Gottes Haus.
Amen.


Jan Sievert Asmussen
Pastor in Farum
jsas@km.dk