Johannes 9, 1-7
Blind waschen muss er sich | 8. Sonntag nach Trinitatis | 26.07.2026 | Johannes 9, 1-7 | Manfred Mielke|
Liebe Gemeinde,
mir ist folgendes passiert. Ich unterhalte mich mit einem Blinden. Er trägt eine getönte Brille, was mir hilft, mit ihm auf Augenhöhe zu reden. Der Raum um uns herum ist halbdunkel, nur ein Seitenfenster lässt Licht hinein. Als der Blinde sein Handgelenk hebt, um die Uhrzeit nachzuschauen, bewege ich mich kurz zur Seite. Doch er sagt lachend: „Brauchst Du nicht, ich fühle die Zeit!“ – wobei er seine Blindenuhr betastet. Ich bin kurz irritiert, mein Verhalten ist wohl ein wenig zuviel und zudem leicht daneben. – Als Jesus von Nazareth einem Blinden begegnet, geht die Episode anders aus. Der Evangelist Johannes schreibt im Nachhinein davon so: „Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Da fragten ihn seine Jünger: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.“
Legen wir Frage und Antwort vorerst beiseite, dann lautet der Kurzbericht: Jesus sieht einen Blinden. Er rührt aus Spucke und Staub eine Paste an, die er ihm auf die Augen streicht. Sein Befehl: „Geh dich bei den Teichen waschen!“ setzt der Mensch in die Tat um und kommt sehend wieder. – Wenn wir einem Blinden begegnen, sehen wir ihm nicht an, seit wann er diese Beeinträchtigung hat. Von diesem konkreten Menschen berichtet der Evangelist Johannes, dass er sie von Geburt an hat. Er beschreibt ihn als einen „Menschen“ – ob Mann oder Frau – bleibt offen. Ich versuche mal, mich in deren oder dessen Geschichte hineinzuversetzen. Als Baby fehlt ihnen die Entdeckerfreude der Gesichter ihrer Eltern. Als Kind bleibt ihnen die Vielfarbigkeit der Pflanzen und Tiere fremd. Während der Pubertät erfahren sie nur durchs Hörensagen, dass es betörende Blicke gibt. Als Erwachsene müssen sie anders als durch ihre Augen eine Zustimmung oder Ablehnung ausdrücken.
Aber dass ihnen das seit ihrer Geburt nicht zur Verfügung steht, betrifft ja nur einen Teil ihres Wesens; sozusagen nur einen Teilschatten. Denn sie können Tasten, Spüren, Riechen und Hören, vermutlich deutlicher als wir Sehende. So ist der Mensch in dieser Geschichte ein normal begabter Mensch, Mann oder Frau, mit einer speziellen Beeinträchtigung. Er gehört nicht zu denen, die Jesus herbeizuschreien versuchen. Er bleibt bei sich, auch wenn er und seine Familie unter der damals üblichen Ausgrenzung leiden.
Nun lohnt sich doch ein erstes Hineinhören in die Jünger-Frage und die Jesus-Antwort. Mit den Ohren des Betroffenen hören wir: „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ Ihre Frage ist reflexartig, angesichts eines konkreten Menschen doch sehr unbeteiligt und verletzend. Für den Betroffenen und seine Eltern ist diese Alternative „pillepalle“. Denn für seinen Geburtsfehler empfinden die Eltern zu 100% die Schuld bei sich und der Betroffene zu 100% sein eigenes Versagen. Das fragt sich so keck und salopp, blockiert aber alles. – Zur Schuldfrage „Eltern-oder-Embryo?“ lautet die Standardantwort in der Antike: „Sowohl – als auch.“ Aber Jesus sagt: „Weder – noch! Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern Gottes Handeln wird sich an ihm zeigen.“ Seine klare Aussage trifft den Blindgeborenen elementar. Die Schuldwegnahme durchflutet heilsam sein Nervensystem. Die Sündenaufhebung entlastet ihn von aller Schwarzseherei. Auf die rückwärts tackernde Schuldfrage antwortet Jesus mit Gottes offenen Möglichkeiten. Ihm selbst und seinen Eltern nimmt er somit einen Mühlstein vom Hals. – Was Jesus dann noch erklärt, legt der Blinde erstmal beiseite, aber er hört noch, wie Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt!“ In diesem „Licht-der-Welt“ kommen Jesu Berufung und seine Sehnsucht als Blinder überein. Sehnsucht und Berufung verknüpfen sich hier, werden kompatibel, drängen auf tatfreudige Herzen, Münder und Hände. Und nun?
Weiterhin bleibt der Blindgeborene bei sich, zu viele Quacksalber kamen und gingen. Doch dieser Wanderrabbiner redet nur wenige Sätze und geht schon in eine Bewegung. Er kniet nieder; unmittelbar vor dem Blindgeborenen, umzingelt von ratlosen Jüngern und vielen interessierten Bewohnern Jerusalems. Als Jesus auf die Erde spuckt, wird ihr Interesse kribbelig. Denn vor jemandem kräftig ausspucken bedeutet, ihn zu beleidigen. Doch Jesus lässt nur ein wenig Speichel abtropfen und verrührt diesen mit dem Straßenstaub, so lange, bis aus dem Schlamm eine Paste wird. Bei dieser Geste erinnern sich alle an die Urgeschichte, als Gott aus feuchtem Lehm und seinem Atem die ersten kompletten Menschen erschuf. Die Erinnerung lässt alle aufatmen, denn diese Heilerde wird wohl dem Blinden irgendwie helfen. Dem bleiben aber vorerst die Geräusche des Spuckens und des Verreibens rätselhaft. Doch schon durchzuckt es ihn, denn er spürt eine handwarme Creme auf seine problematischen Augen. Jesus streicht auf beide diese Paste, die zu 100% aus dem Dreck besteht, vor dem alle Angst haben. Er selbst wurde oft als warnendes Beispiel benutzt, dass man von Kindesbeinen an sein Augenlicht gegen aufwirbelnden Straßendreck schützen soll. Fast alle seiner blinden Freunde in Jerusalem haben durch Entzündungen ihr Sehvermögen verloren. Doch Jesu Handhabung verändert das alles.
Der Blindgeborene fühlt sich einerseits beschmiert und andererseits ins Vertrauen gezogen. Denn Jesus befiehlt ihm: „Geh zum Teich Siloah und wasche dich!“ Andere Wunderheiler sprechen noch kryptische Zauberformeln über ihre Heilmittelchen oder über den Kranken, aber für Jesus scheint die Sache erledigt zu sein. Sein Befehl, zu den Teichen Siloahs zu gehen, ist erfrischend konkret, denn der Blindgeborene kennt sich in den Gassen Jerusalems genau aus. Die Paste auf seinen Augen wird langsam kross. Er ahnt, wie surreal es ist, als Blinder mit zugekleisterten Augen durch sein Wohnviertel zu gehen. Er spürt den Spott aus allen Gesichtern, aber das Wasser ist kühl und so genießt er das Waschen ausführlich.
An dieser Stelle wechsle ich die Perspektive und zitiere aus einer unserer Kinderbibelwochen. Als Ergebnis ihres Nachspielens trugen die Kinder vor: „Also gehe ich los, taste mich langsam… An der Tempelmauer entlang, … durch Schlaglöcher und über Stolpersteine… Mein Herz springt vor Freude: Ich bin nicht schuld! Ich bin nicht schuld! Ich bin nicht schuld! Ich spüre, wie eine tonnenschwere Last von mir abfällt… Dann bin ich am Beckenrand. Ich knie mich hin, schöpfe das kühle Nass mit den Händen und wasche mir den Schlamm von den Augen. Was jetzt geschieht ist so unfassbar, dass ich die Freude kaum ertragen kann. Ich kann sehen! Ich sehe das Wasser und ein erstauntes Gesicht, das sich darin widerspiegelt. Es muss mein Gesicht sein! Bin das wirklich ICH? Ich schaue hoch und sehe den blauen Himmel… Ich sehe Bäume … und das Spiel von Licht und Schatten. Ich sehe Menschen… Die Welt ist viel schöner, als ich sie mir je in meiner Phantasie ausgemalt habe! Gott hat mich nicht vergessen!… Mein Gott, das kann nur dieser Jesus gewesen sein! Das war Jesus! Er ist das Licht, dass mich aus meiner Finsternis befreit hat!“
Den Geheilten aus Kindermund so reden zu hören, erreicht uns heilsam und ansteckend. Die Wegestrecke, die der Mensch als Blinder hin-tappte und als Sehender zurück-tanzte, braucht eine gewisse Zeit. In dieser Zeit entbrannte bereits der Streit um Jesus. Die Pharisäer empörten sich fürchterlich, die Bevölkerung rumorte, die Eltern wurden verhört, der Geheilte wurde ausgestoßen. Doch Johannes hatte seine Kurzgeschichte mit dem Satz abgeschlossen: „Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.“
Sehend wieder zurückkommen, das ist die Möglichkeit für uns. Wir sind weder Jesus noch dieser Blindgeborene, wir sind nicht erste Jünger oder letzte Pharisäer. Wir haben andere Schlüsselsituationen mit Gott erlebt. Wir spüren, dass wir unterwegs sind vom einem Anfangs-Erlebnis hin zu einer Beziehungs-Geschichte des Glaubens. Dennoch sollten wir die Blindenheilung nicht nur auf unsere Innerlichkeit reduzieren; denn das wäre wieder eine Flucht in einen Teilschatten. Was aber kann geschehen, wenn ein Mensch mit offenen Augen wieder in die Realität zurückkehrt? Dazu zitiere ich aus einer kurzen Rede des Schauspielers Richard Gere (Sehende kennen ihn auch als „the sexiest man alive“). Er ist in Sachen Religion ein Weltbürger. Er hielt Anfang des Monats eine Rede zur Verleihung des „Vaclav-Havel-Preises für kreativen Dissens.“ Dabei sagte er: „Wir leben im dunkelsten Moment, den ich auf diesem Planeten je erlebt habe…Wir müssen die Anzeichen erkennen, diese Diktatur der Monster, wie schnell sie entsteht. Wir müssen wachsam sein.“ (lt. „Stern“ 2.7.2026)
Für den dunkelsten Moment bekommen wir eine symbolische Heilung. Gegen das dummdreiste Chaos der Monster erscheint uns Christus als Licht der Welt. Für das Wegwaschen unserer Sehbehinderung fließt uns frisches Wasser zu. Und für ein wohltuendes Zusammenleben werden wir fit gemacht durch kurze, klare Gesten des Jesus von Nazareth. Amen
Lieder
All Morgen ist ganz frisch und neu
Sehen können, was kein Auge sieht
Aus Staub sind wir genommen
Ohren gabst Du mir
Fürbitten
Großer und naher Gott
Du hebst die Blockaden auf – doch wir stehen passiv am Rand.
Sage uns neu zu die Entlastung unsrer Schuld.
Du schickst uns ins Handeln – doch wir verschränken unsre Arme.
Öffne uns neu für deine Ermutigungen.
Du weist uns den Weg – doch wir verharren im Stillstand.
Gib unsern Schritten den weiten Raum der Hoffnung.
Du berührst unsre Blindheit – doch wir senken die Köpfe.
Provoziere uns durch überraschende Gesten.
Du bist das Licht der Welt – doch wir trauen dem Zwielicht mehr zu.
Brich auf, du Glanz der Ewigkeit.
Du Sonne der Gerechtigkeit – erbarme dich des Unfriedens.
Zeige dich allen als Ewigvater und Friedefürst. Amen
—
Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geb 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit bei Christival und Kirchentagen. Partnerschaftsprojekte in Ungarn (1988- 2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur.