Johannes 9, 1-7

· by predigten · in 04) Johannes / John, 8. So. n. Trinitatis, Aktuelle (de), Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 09 / Chapter 09, Kasus, Markus Kreis, Neues Testament, Predigten / Sermons

Deja Vu: Unbeugsam ver- und beharrlich aufgeschlossen | 8. S. n. T. | 26.07.26 | Joh. 9, 1-7 | Markus Kreis |

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist;[1] es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Leute mit Augenlicht erweisen sich als wahrhaft Blinde und Leute ohne Blickkraft werden sehend. Das Leben im Glauben zeigt viele Serpentinen. Ein Azubi von mir, ein Elektroinstallateur, hat in der Klasse einmal von einem Ereignis berichtet. An irgendeinem Werktag war er für den Austausch von Neonröhren vorgesehen. Und das Besondere daran war, dass die neuen Teile auch für seinen Betrieb neu waren. Neuer Hersteller, neue Technologie darin verbaut, neues Design – samt anderer Art, die Stifte in die Aufnahme einzuhängen und so weiter. Die Dinger sind gerade schön verpackt angeliefert geworden, als er in den Betrieb gekommen war, und er war an diesem Morgen der allererste, der sich damit zu befassen hatte. Und als er so beim Kunden auf der Leiter stand und die neuen Teile einklickte, da kam es ihm so vor, als ob er die Röhren doch schon gekannt hätte! Obwohl das unmöglich sein konnte! Er ist doch der allererste im Betrieb und am Morgen sind sie zum allerersten Mal geliefert worden. Er war baff. Wie kann das denn sein?

Eine Erklärung für ein Deja Vu besteht darin: Der Azubi hatte die Röhren doch schon mal gesehen, nur hat er es damals überhaupt nicht gecheckt. Die Frage ist nur: wo? Haben Sie eine Idee? Vielleicht als der Chef die neuen Röhren auf dem Monitor hatte, sie sich anschaute und überlegte, ob die was taugen. Oder als der Chef beim Bestellen war? Da ist der Azubi vielleicht dran vorbeigelaufen. Und sein Gehirn hatte ein Foto vom Bildschirm gemacht. Unbewusst. Könnte ja sein, dass das mal wichtig wird. Gerade wenn der Azubi mit anderem Wichtigem beschäftigt ist. Dass wir manche Sachen nur unbewusst abspeichern, das dient einem guten Zweck. So was verhindert, dass ein Speichersee überfließt, wenn die Menge Wasser, die zusätzlich reinschiesst, viel zu groß ist. Will sagen, wenn unser Bewusstsein überlastet ist, zu viel zu tun kriegt, dann würde es runterfahren, die Arbeit verweigern, seinen Zweck verfehlen – gefährlich, sehr gefährlich das. Besser also, wenn nur das im Blick bleibt, was in der Lage grad im Vordergrund steht. Das andere weniger wichtige kommt in einen Puffer und ruht erst mal dort, bis auf weiteres.

Und noch etwas zeigt sich an diesem Deja Vu. Wenn einem Menschen so ein Sinnriss klar wird, dann sucht er eine Erklärung. Er will die Lücke zu überbrückt wissen. Mein Azubi fragte sich: Wie kann ich die Röhren kennen, wenn ich die nicht kennen kann? Das hat ihn so umgetrieben, dass er sogar im Unterricht davon erzählte, von mir einen Lückenfüller erhoffte. Wie kann sein, was nicht sein kann? So etwas zu erleben ist beunruhigend. Manche solcher Risse lassen sich mit den Standards erklären, die man im Leben gelernt hat. Und solche Lückenfüller wirken oft sogar unbewusst statt nur bewusst, das spart auch wieder Energie. Sich was bewusst machen und erklären, das kostet schließlich Zeit und Kraft. Aber wenn es denn sein und muss und hilft, dann machen wir das schon auch bewusst; eine Erklärung suchen und finden. Wenn das Unbewusste aber zu schwach wirkt oder gute Erklärungen zum Riss füllen ausbleiben, dann passiert folgendes. Viele neigen dann dazu, einfach zu glauben, was sie wollen, sie phantasieren also mit aller Gewalt eine Erklärung herbei, Hauptsache a Ruah is! So schlimm wirkt es, wenn uns etwas unverbunden und voll klaffender Abgründe vorkommt. Wenn mir die Realität nicht passt, mach ich sie mir, wie ich sie will. Kann gut gehen, geht oft vielleicht auch gut. Aber manchmal klappt das weniger gut. In Technik und Physik erhält Mensch relativ schnell eine Meldung, ob eine Erklärung zutrifft und so Unwissen in Erkenntnis verwandelt. Außerhalb davon, im Sozialen oder im eigenen Leben zum Beispiel, da wird es schwieriger: auf ein falsches Moltofill aufmerksam zu werden und dann davon abzusehen. Da kann eine falsche Überbrückung leider lange und gut funktionieren, so gut, dass Mensch völlig aus dem Sinn kriegt, dass sie überhaupt falsch sein könnte.

Dann geht es Mensch wie jenem Eigentümer, der aus Geldnot unbedingt sein Ferienhaus im Süden verkaufen muss. Einerseits möchte er seine Geldnot vor den Interessenten verbergen – das würde ja den Preis drücken, wenn die das schnallen. Dazu kommt, dass der Glanz der frisch heraus geputzten Bude schon etwas angestaubt ist für die Kaufsumme, die er erzielen möchte. Hat also ganz schön Druck, der Gute. Bei einer Führung geht es zunächst von der Haustür aus zuerst durch das Erdgeschoß, dann über die Glastür der Terrasse in den schön großen Garten mit Pool, darauf zurück ins Haus über die Terrassentür ins Obergeschoß, das wars. Die Interessenten laufen oben umher und schauen sich lange und besonders intensiv um. Vielleicht wollen sie etwas unter sich besprechen und ohne ihn sein? Der Eigentümer beschließt, sich kurz in den Garten zu verabschieden und läuft die Stufen zur Terrassentür hinunter und mit den Gedanken noch oben bewegt er seinen Körper über die Türschwelle hinaus ins Freie. Dabei zieht er sich eine ordentliche Platzwunde an der Stirn zu, denn er rammt mit dem Kopf gegen die Türverglasung. Er hatte die Glastür für geöffnet gehalten, obwohl sie geschlossen gewesen war. Und er fragt sich natürlich unbeugsam, welcher Idiot denn die Tür geschlossen habe. Statt auf die Idee zu kommen, dass er das vielleicht selbst gewesen war. Lieber sucht er bei jemand anderem die Schuld.

Mensch hält etwas für offen, was in Wahrheit geschlossen ist. Das kann ihm zum Problem werden. Insbesondere dann, wenn einer sich selbst für offen und beweglich erachtet, in Wahrheit aber unbeugsam verschlossen ist und stur. So wie unser Eigentümer, der komplett ignoriert, dass er selbst der Türschließer hätte sein können. Oder umgekehrt. Mensch sieht etwas als beharrlich und kaum zu erschüttern an, was in Wahrheit jedoch offen ist und Spielraum hat. In komischen Filmen aus der Frühzeit des Kinos wurde so was gerne mittels folgender Szene angespielt: Um zum Beispiel nach einer Verfolgung zu verschnaufen, lehnt sich einer an eine gemauerte Hauswand – und die fällt dann plötzlich um.

Beharrlich aufgeschlossen, diese Dopplung zeigt sich auch im Text des Johannes: Die Jünger wähnen sich unbeugsam als nah bei Gott und so der gottlosen Welt entzogen und unzugänglich – schließlich sind sie doch mit Jesus unterwegs! Zum anderen sehen sie sich als unbedingt offen für Gott und sein Tun: Fangen sie doch anhand eines von Geburt an Blinden mit Jesus das Fachsimpeln über Gott und die Welt an. Stellen eifrig vermeintlich kluge Fragen und freuen sich schon auf Jesu Zustimmung und Lob. Dessen Antwort und Reaktion holt sie auf den Boden von Gottes Tatsachen. Ein Sinnriss tut sich auf   – und Jesus verbindet ihn gleich wieder wirksam mit viel Spucke und Trostpflaster. Jesu Zeugnis stellt und weist ihnen lauter Lücken aus: Ohne Sinn für Gottes Wirken in der Welt. Stur auf uralten Mustern der Erklärung beharrend. Nur indirekt kriegen die Jünger das so hart gesagt, denn Jesus wählt seine Worte sanft, lenkt sie von ihrem blöden Ansinnen ab. Nur um sie auf Gottes Ansinnen hin zu führen – das einzig wahre und wichtige hier und für immer. Die Geschichte endet mit einem ein Herz für jeden Nullchecker ohne Durchblick, sei er nun mit Augenlicht versehen oder nicht. Das ist das Trostpflaster für uns Erdenwesen. Dank Jesus birgt sich das tief in unseren Herzen und Gemütern. So tief, dass es unserem Sinnen und Denken oft verborgen bleibt. Und doch so beharrlich, dass es mindestens als Deja Vu öfter in unserem Sinnen und Denken auftaucht und anhebt.

Beharrlich aufgeschlossen, das zeigt sich auch bei dem von Geburt an Blinden. Beharrlich fern von Gott erscheint er. Und so unbeugsam dem argen Treiben der gottlosen Welt und ihrer Menschen ausgesetzt: ohne jede Hoffnung, ohne rechte Chance auf Glück und Freude im Leben. Er werden ja immer weniger – aber es gibt immer noch vor Kraft und Gesundheit strotzende Leute, die sagen: Ich würde mich umbringen, wenn ich so oder anders eingeschränkt und trist mein Leben fristen müsste, sei es von Geburt an oder durch einen Unfall. Und in Folge dabei von sich auf andere kurzschließen: Jeder mit so einer Einschränkung müsse wenn möglich von Anfang an verhindert werden. Und wenn er denn schon in der Welt sei, habe er sich am besten selbst zu entleiben – ok, das traut sich kaum jemand laut zu äußern – oder gefälligst nur minimale Ansprüche ans Leben zu stellen. Wer eingeschränkt ist, der verliert das Recht auf Spielraum, der muss halt Baden gehen. Gut, dass Jesus zeigt: Wer mit Gott baden geht, der kriegt auch wieder seinen Frei- und Fahrtenschwimmer fürs Leben. Schluss ist dann mit Babybecken und Planschen und Sitzen und Umfallen in dessen trübem Wasser vor lauter Erdendreck und Sonnenmilch. Gott schwemmt den Dreck weg, der einen einschränkt und Augen und Raum und Bewegung verschließt. Welcher Mensch ist denn nur einmal völlig frei von jeglicher Einschränkung gewesen? Und welcher Mensch ist seines müden Leibes nicht schon einmal ledig geworden? Durch eine Diät, oder durch Training, oder durch ein Medikament? Oder indem er in einer Notlage Beistand von Mitmenschen erhielt, den Eltern, den Enkeln, von Fremden gar? Wer seine Schranken an Leib und Seele kennt, der kann sie überwinden, ohne sein Gesicht zu verlieren und dabei auf die Schnauze zu fallen. Manchmal aus eigener Kraft, manchmal mit Beistand. Die verschlossen unbeugsame Welt wird samt den Menschen beharrlich aufgeschlossen. Gott sei Dank in Jesus. Amen mit vielen Deja Vu.

Markus Kreis

Hirschkopfstrasse 9

D-69469 Weinheim

eMail: markus_kreis@web.de