Johannes 9,1-7
Heilung? | 8. Sonntag nach Trinitatis | 26.7.2026 | Joh 9,1-7 | Nadja Papis
Für die Lesung wurde mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Zeitschrift aus einem Text von Toni Dedio zitiert:
Toni Dedio, Dein Glaube hat dich gesund gemacht!? – Kampfansage eine*r behinderten Christ*in, erschienen in: Fama 2022/1
Als ich den Text von Toni Dedio in der Zeitschrift FAMA zum ersten Mal gelesen habe, berührte er mich zutiefst. Ja, er bewegte etwas in mir. Ihre Worte machten sich wie ein Stachel in meinen Gedanken fest und ich musste sie zuerst eine Weile bearbeiten, meine Weltsicht ändern und wieder neu auf die Bibel zugehen.
25mal wird von Heilung erzählt in den Evangelien: von Befreiung, von Gesund-Werden, von Rettung. Heilsgeschichten waren für mich immer Symbolgeschichten: So will Gott an uns Menschen wirken, uns heil machen, uns Erfüllung bringen. Jesus wurde zu den Kranken geschickt, nicht zu den Gesunden. Er hatte für mich die besondere Gabe, Menschen zu begegnen, wie sie sind, und sie so zur Annahme von sich selbst zu führen. Das ist für mich Heil.
Auch in unserem Predigttext geht es um eine Symbolgeschichte. Und noch mehr.
Zur damaligen Zeit waren Krankheiten und auch Beeinträchtigungen Folgen von Sünde – nicht unbedingt nur der eigenen, auch der der Generation davor. Tun-Ergehen-Zusammenhang in der Fachsprache, unsere Jugendlichen heute würden sagen: «Karma». Wenn ich etwas Schlechtes tue oder mich gegen das Gesetz benehme, dann werde ich oder die nach mir durch eine Krankheit oder anderes Unheil bestraft. Der Umkehrschluss ist brutal: Wem Leid geschieht, der oder die muss schuldig sein – oder die Generation davor. Diese Haltung scheint veraltet zu sein. Und doch merke ich immer wieder, dass dieses Denken auch heute noch da ist – mehr im Sinne von: Wenn er sich mehr geschaut hätte, wenn sie gesünder gegessen hätte…
Im Predigttext ist es für die Jünger klar, dass der Grund für die Beeinträchtigung in einem Fehlverhalten liegt. Ihre Frage lautet darum: Wer war es? Der Mann selbst oder seine Familie?
Jesus antwortet entschieden dagegen: Weder der Mann noch seine Eltern. Der ganze Tun-Ergehen-Zusammenhang wird abgelehnt, zum Glück! Es wird aufgeräumt mit dieser ungerechten Auffassung. Die Beeinträchtigung ist nicht Ort der Schuld oder Strafe, sondern der Offenbarung des göttlichen Wirkens.
Wie schön! Endlich kann dieser Mensch heil werden! Endlich wird er befreit aus der Finsternis! Endlich wird sein Leben lebenswert.
Oder?
Mit Toni Dedio schaue ich genauer hin: An dem blinden Menschen, an dem Beeinträchtigten sollen Gottes Taten sichtbar werden. Was heisst denn das bitte? Muss dieser Mensch blind sein, damit an ihm ein Wunder par excellence vollzogen werden kann? Damit Jesus seine Macht und Göttlichkeit beweisen kann? Brauchte es dafür unbedingt das Ausstellen eines behinderten Menschen? Und geht Heil-Werden wirklich nur, wenn die Versehrtheit weggemacht wird?
Niemand möchte versehrt sein. Niemand möchte krank sein oder altersbedingt eingeschränkt oder seelisch verletzt oder unbegabt… Niemand will versehrt sein, aber irgendwie sind wir es alle. Und es ist nicht einfach damit zu leben, weder mit sichtbaren noch mit unsichtbaren Einschränkungen. Wir hätten sie lieber nicht oder würden sie gern wegmachen. Was aber, wenn das nicht geht? Was, wenn es weder Heilung noch Wunder dafür gibt? Kann ich auch versehrt heil sein?
Der Evangelist Johannes bedient sich gerne einer symbolischen Sprache – auch seine Erzählungen haben Symbolcharakter. Der blinde Mann steht für uns alle, ja, wir alle leben von Geburt an in der Finsternis und brauchen jemanden, der uns zum Licht führt. Dafür hat Gott den Gesandten Jesus geschickt. Und auch alle, die ihm nachfolgen und beauftragt wurden, sein Werk fortzuführen.
Die Heilung des Blinden geschieht dann recht handfest. Speichel wird mit Erde geknetet – nebenbei bemerkt verstiess Jesus damit gegen das Sabbatgebot, denn Teigkneten gehört zu den 39 verbotenen Arbeiten am Sabbat. Nach der Waschung im Teich kehrt der Mann sehend zurück. Eine neue Sicht ist ihm nun möglich.
Und mir? Und uns?
Eine neue Sicht auf unsere Versehrtheit ist bitter nötig. Denn sie betrifft uns alle. Toni Dedio schreibt: Ich bin der Meinung, dass behinderte Menschen gewollt sind. Von ihren Liebsten und von der, die Liebe ist: Gott.
Für mich ist das die Befreiung, der Weg aus der Finsternis ins Licht: die grenzenlose Annahme dessen, was ich bin und was auch nicht bin, was ich kann und was auch nicht kann. In der Begegnung mit dem Blinden ist es Jesus, der den Anstoss zum Geschehen gibt: mit seinem Blick. Er sieht den Menschen an. Und diesen Blick wünsche ich uns allen – einen liebevoll anerkennenden Blick, einen Blick, der erkennt und heil werden lässt mit aller Versehrtheit, die zu mir gehört – und dir. Da muss nichts geflickt werden. Heil sein können wir, so wie wir sind. Versehrtes darf so eine Lebensmöglichkeit sein, eine, die zur Vielfalt des Lebens beiträgt. Diesen Blick wünsche ich mir auch unter uns – von Mensch zu Mensch. Ein Staunen: Ah, so ist das bei dir! Und schau mal, so bin ich. Ein Blick, der das Gottesgeschenk in jedem Menschen sieht. Viel mehr braucht es wohl nicht für den Weg aus der Finsternis ins Licht, aus der Gefangenschaft in den Befreiungstanz, aus dem Mangel ins Heil.
Amen
—
Pfrn. Nadja Papis
Langnau am Albis/Sihltal
Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich/Schweiz. Seit 2003 tätig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal und seit 2010 Ausbildungspfarrerin.