Lukas 10,38–42
Das eine, worauf es ankommt | 15. So. n. Trinitatis | 13. September 2026 | Lukas 10,38–42 | Marianne Frank Larsen
Das eine, worauf es ankommt
In einem seiner Bücher erzählt Karl Ove Knausgård von dem Sommer, in dem seine Frau mit dem vierten Kind schwanger ist und in eine schwere Depression fällt. Tag für Tag liegt sie hinter heruntergelassenen Jalousien im Schlafzimmer, während er sich um ihre drei Kinder kümmert. Er muss seine Tochter zu ihrer Freundin fahren und seinen Sohn bei dessen Freund abholen. Er muss Frikadellen braten und Spaghetti kochen fürs Abendessen. Er muss den Abwasch machen, er muss die Katze füttern, den Trockner leeren, Wäsche in die Maschine füllen, das Programm wählen und sie anstellen. Er muss die Wäsche zusammenlegen, und eigentlich müsste er auch das Spielzeug und die Bücher wegräumen, die überall im oberen Stock herumliegen, aber er will seine Frau nicht wecken, also geht er stattdessen hinunter und räumt den Kühlschrank aus, wirft weg, wischt ab, und danach macht er sich über die Küchenschränke her. Er muss mit den Kindern baden gehen, und er muss einkaufen und abends Gäste bewirten, und vielleicht müsste er seine Frau nun doch bald wecken. Er muss nachsehen, ob er sie nicht wieder zum Leben erwecken kann. Das kann er nicht. Soll er einen Krankenwagen rufen? Ja, am Ende ist es genau das, was er an diesem Tag tun muss. Einen Krankenwagen rufen.
So vieles ist nötig, wenn man nicht nur sich selbst gehört, und Knausgård schreibt so detailliert von den ganz gewöhnlichen Verrichtungen, die wir sonst übersehen, dass man auf einmal alles bemerkt. Wenn man eine Frau hat, die tief deprimiert ist, und drei Kinder in den Sommerferien, und eine Katze und eine Küche und ein Haus, das ein einziges großes Durcheinander ist, und einen langen Tag, der Gestalt und Inhalt bekommen soll, dann stimmt es einfach nicht, was Jesus sagt: dass nur eins nötig ist. Dann gibt es tausend Dinge, die in hohem Maße nötig sind, wenn die Kinder des Schriftstellers gedeihen sollen, und sein Haus bewohnbar sein soll, und seine Frau Hilfe braucht, ja, im Letzten sogar, wenn sie überleben soll. So ist es ja in unserem Leben. Wenn es Menschen gibt, mit denen wir verbunden sind, Menschen, von deren Leben wir etwas in unserer Hand halten, wie Løgstrup es ausgedrückt hätte (“Die Ethische Forderung”), dann ist wirklich sehr viel nötig. Dann können wir nicht einfach die Hände in den Schoß legen.
Wichtig ist zu verstehen, dass ein Mensch in Jesu Augen in zwei Beziehungen steht. Die eine ist die Beziehung zu den Menschen, mit denen wir verbunden sind, in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft und in den Zusammenhängen, denen wir angehören. Die andere ist die Beziehung zu Gott und seinem Sohn. Und genau von dieser Beziehung spricht Jesus im heutigen Evangelium. Er weiß genau, dass es in den Beziehungen zwischen uns und denen, die von uns abhängig sind, gerade nötig ist, die Waschmaschine anzustellen und Spaghetti zu kochen und 117 andere Dinge zu tun. Das sind in den Augen des himmlischen Vaters keine Handlungen zweiter Klasse, im Gegenteil, sie sind lebensnotwendig, und sie sind unsere Pflicht. Aber in der Beziehung zu ihm selbst, zu Gott und seinem Sohn, gibt es nur eine einzige Sache, die jetzt zählt, und das ist, es wie Maria zu machen: sich hinzusetzen, die Ruhe auf sich fallen zu lassen und zuzuhören, was er sagt. Sich auf genau das und nichts anderes zu sammeln, solange es währt, damit die Worte eine Chance bekommen, sich in unseren Herzen niederzulassen.
Wäre es irgendein anderer Gast gewesen, hätte Marta vollkommen recht gehabt, dass Maria ihr in der Küche helfen sollte, damit das Essen auf den Tisch kommt. Aber nicht, wenn es unser Herr ist, der zu Besuch kommt. Da ist es Maria, die das gute Teil erwählt, weil sie sich in ihren Gewohnheiten stören lässt und loslässt, was sie in den Händen hat, weil sie instinktiv spürt, dass genau das und nichts anderes es ist, was sie in diesem Augenblick tun soll. Hier ist ein Mann, der zu ihr von Gott spricht, nicht, als wäre sie nur eine Frau, die in die Küche gehört, sondern als wäre sie ein Mensch, mit dem er etwas vorhat. In einer Stunde, wenn er gegangen ist oder mit seiner Rede fertig ist, wird sie schon wieder auf die Beine kommen, denn dann gibt es alles Mögliche andere, das nötig ist, aber jetzt nicht. Jetzt kommt es nur darauf an, kein einziges Wort zu verpassen.
Marta hingegen ist so sehr in das vertieft, was sie selbst bewältigen muss, dass sie nicht bemerkt, dass dieser Gast nicht ist wie alle anderen Gäste, und dass er deshalb nicht dasselbe von ihr erwartet wie von allen anderen Gästen. Vielleicht beginnt sie es zu ahnen, als er ihr antwortet: Marta, Marta – es klingt fast, als riefe er nach ihr, als wolle er auch sie aus den Gewohnheiten wecken, in denen sie gefangen ist: du hast viel Sorge und Mühe, gemeint ist damit – das musst du nicht sein, ich bin ja gerade hier, ich verlange nichts von dir, es gibt nichts, was du erreichen musst, du sollst dich einfach hinsetzen und dich auf das konzentrieren, was ich sage, statt auf deine eigene Tagesordnung – und die Ruhe soll sich einstellen.
Lukas erzählt nicht, wie die Geschichte endet. Wir können nur hoffen, dass Marta nicht trotzig zurück in die Küche stapft, sondern hört, wer nach ihr ruft, und sich hinsetzt, solange noch Zeit dazu ist. Denn ein Leben wird viel zu schwer zu leben, wenn es nur aus Betriebsamkeit und Aktivität besteht, aus Projekten und Leistungen und Aufgaben, die erledigt werden müssen, Wäsche, Katzenfutter, Küchenschränke, Abendgäste und all den tausend anderen Dingen, die notwendig sind, damit wir unsere Häuser und unsere Arbeit in Ordnung halten und, zuallererst und zuletzt, aufeinander achtgeben können. Wir brauchen in hohem Maße jene besondere Beziehung, in der nicht wir es sind, die geben müssen – sondern wir es sind, die empfangen, was ein anderer schenkt. Die besonderen Augenblicke, in denen unser Leistenmüssen etwas anderes und Größeres findet, worin es ruhen kann.
Es gibt ein Haus, und in dieses Haus kommt unser Herr zu Besuch und ruft die Menschen, die darin sind, aus ihren täglichen Gewohnheiten heraus, damit sie auf sein Wort hören. Und das ist dann das eine, worauf es ankommt. Ich denke, Martas und Marias Haus ist ein Bild für das Haus, in dem wir heute versammelt sind, denn genau aus demselben Grund sind wir es ja: weil wir glauben, dass er auch zu uns hereinkommt, verborgen in den Worten, die wir hören und singen, und uns aus unseren täglichen Gewohnheiten herausruft. Nehmt und esst, trinket alle daraus, sagt er, das ist mein Leib und das ist mein Blut, und jetzt ist es dein. Und der Friede sei mit dir. Solange er spricht, ist es die eine Sache, die jetzt zählt: zuzuhören und die Worte sich niederlassen zu lassen. Gleich, wenn er schweigt, geht es für uns hinaus zu all den tausend anderen Dingen, die in unserem Leben miteinander nötig sind. Aber dann können wir all die tausend Dinge tun, die wir tun müssen, mit Marias Ruhe im Herzen – und Martas Unruhe in den Händen.
Amen.
Marianne Frank Larsen
Pastorin, Vor Frue Kirke, Aarhus
mfl@km.dk
Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten, A.d.Ü.