Lukas 12,13–21

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Die beste Zeit ist jetzt | 1. So. n. Trinitatis | Lukas 12,13–21 | Thomas Reinholdt  Rasmussen |

 

Die beste Zeit ist jetzt

Gelegentlich sind kritische Stimmen zu hören, die meinen, die dänische Volkskirche verfüge über zu viel Geld. Wer sie jedoch von innen kennt, bekommt oft den gegenteiligen Eindruck: Es muss gespart und gehaushaltet werden. Das Dach der einen Kirche kann nicht saniert werden, weil die andere Kirche dran ist – oder es kann keine Pfarrstelle in einet bestimmten Gegend besetzt werden, weil andernorts ebenfalls Bedarf besteht. So verschieden sind die Perspektiven.

Und doch dürfte es in Dänemark die eine oder andere Person geben, die findet, die Kirche habe genug Geld – und baue und baue in einem fort. Als würde sie Scheunen errichten für ihr Vermögen. Und oft heißt es dann verwundert: „Das ist doch merkwürdig, denn es kommt ja keiner mehr.“ Nicht nur bauen sie – sie bauen auch ins Leere.

Wer aber am Leben der Kirche teilhat, und besonders wer in der kirchlichen Verwaltung tätig ist, weiß: Die Mittel sind nicht unbegrenzt. Man wartet auf ein neues Dach oder auf ein Gemeindehaus, das Raum für die Aktivitäten bietet.

Denn Aktivitäten gibt es. Es kommen tatsächlich Menschen in die Volkskirche. Im Bistum Aalborg haben wir zehn Jahre lang alle Veranstaltungen gezählt – und das Ergebnis zeigt: Es kommen wirklich viele, und es geschieht wirklich viel. Mit ihren Gottesdiensten, Vorträgen, Konzerten, Bibelkreisen, Kinderarbeit, sozialen Diensten – und ich könnte weiter aufzählen – ist die Volkskirche wohl der größte Kulturanbieter der jeweiligen Region. So ist es auch in den anderen Bistümern.

Wir dürfen ruhig den Rücken geradehalten und sagen: Wir sind ein Körper, der auf beste Weise das Land prägt – durch Volksbildung, Musik und Geist, und vor allem durch das Wort der Vergebung. Dieses Wort brauchen wir so dringend in einer Zeit, in der alles von der eigenen Leistung und Kraft abzuhängen scheint. Wir brauchen das Wort der Vergebung wirklich – und wir sollen es nicht verstecken. Hier dürfen wir laut in die Welt hinaussprechen, zu Menschen, die es so sehr brauchen zu hören: Auch wenn du unvollkommen bist – du gehörst dazu. Das Christentum handelt stets davon, sich solidarisch zu machen mit denen, die draußen stehen. So wie Christus am Kreuz sich solidarisch gemacht hat mit uns allen, die wir sterben müssen.

Darum sind die vollen Scheunen des reichen Mannes ein Problem. Er fängt nicht nur damit an abzureißen – er baut auch so, dass er Grenzen zieht. Er hat. Die anderen haben nicht. Sein Blick ist fest auf das gerichtet, was er besitzt, und so wird er immer in die Vergangenheit schauen, die ihm die vollen Scheunen beschert hat.

Und darin liegt stets eine Gefahr: dass man den Blick auf eine glorreiche Vergangenheit richtet und meint, man müsse diese Vergangenheit hinter verschlossenen Toren und großen Scheunen bewahren. Genau das tut der reiche Bauer: Er konserviert die Gaben der Vergangenheit.

Auch die Kirche kann der Versuchung erliegen zu glauben, es gehe darum, die Vergangenheit zu bewahren – oder sich sogar zu wünschen, man hätte doch bloß in jener Zeit gelebt, als die Menschen noch zur Kirche gingen, dass es eine Freude war, obwohl alle Untersuchungen zeigen: Das war nie so.

Wir können so vergangenheitsfixiert werden wie der reiche Mann, dass wir vergessen, was das Evangelium ist – sodass es uns schließlich zugerufen werden muss, wie es dem reichen Mann im Gleichnis zugerufen wird.

Denn wenn wir glauben und verkündigen, dass jedes Mal, wenn ein kleines Kind zur Taufe gebracht wird, und jedes Mal, wenn Brot und Wein beim Abendmahl gereicht werden, Gott wahrhaftig gegenwärtig ist – dann ist Gott keine ferne Vergangenheit und keine ruhmreiche Geschichte, die man in großen Scheunen aufbewahren könnte. Dann ist Gott hier. Dann ist die Geschichte mit all ihren großen Taten und schmerzlichen Niederlagen nur Zeugnis davon, dass Menschen auch in ihrer Geschichte Gott begegnet sind.

Wenn Gott nicht in der Vergangenheit ist, sondern immer jetzt und hier in unserer Zeit – dann ist die beste Zeit der Kirche keine versunkene Zeit. Dann ist die beste Zeit der Kirche immer jetzt.

Die beste Zeit der Kirche ist immer jetzt. Jetzt. Hier. In diesem Augenblick. Jetzt besucht der Herr sein Volk.

Das sollen wir im Gedächtnis behalten, wenn wir unsere Bedrängnisse durchleben und wenn wir Freude erfahren, wenn Haushalte gekürzt werden und wenn Schlimmeres uns trifft – auch dann sind wir in der besten Zeit der Kirche, denn der Herr besucht sein Volk immer jetzt.

Das sieht und versteht der reiche Mann im Gleichnis nicht: dass die beste Zeit jetzt ist. Mitten in Verwirrung und Chaos, mitten im Kreuz und in der Niederlage, ist es die beste Zeit der Kirche – denn jetzt besucht der Herr sein Volk. Mitten im Kreuz war es auch die beste Zeit der Kirche, denn auch dort war Gott gegenwärtig.

Wir können schnell der Vergangenheitsverklärung verfallen – aber die Menschen der Vergangenheit hatten wahrlich auch ihre Kämpfe. Und doch lebten auch sie in der besten Zeit, denn es war die Zeit, in der das Wort der Vergebung gesprochen und die Gnade Groß und Klein gereicht wurde.

Wenn wir daran festhalten – ja, wenn wir beständig glauben, dass die beste Zeit der Kirche genau jetzt ist –, dann kann das Wort mit größerer Kraft und Fülle in die Welt hinausgehen. Dann packen wir es nicht in volle Scheunen, als könnten wir die Vergangenheit dort einlagern und konservieren. Und dann werden wir nicht am Ende angerufen werden müssen, so wie es dem reichen Mann zugerufen wurde.

Genau das schreibt Grundtvig in dem bekannten Lied, das wir gleich singen werden: „Denn mein Land, spricht der Herr, ist Himmel und Erde, wo Liebe wohnt“ [Zit. aus einem Kirchenlied von Grundtvig, „Kirken den er et gammelt hus“, A.d.Ü.]. Es ist jetzt. Es geschieht jetzt. Jetzt soll das Wort der Vergebung klingen – das wir und unsere Zeit so dringend brauchen zu hören, damit wir befreit werden von der ständigen Vorstellung, wir schuldeten uns selbst das Leben.

Du bist vergeben. Du gehörst dazu. Jetzt ist die beste Zeit. Das ist der Glaube, unter dem wir wirken sollen: dass Gott in seinem Wort ist, in der Taufe und im Abendmahl – und deshalb ist die beste Zeit der Kirche immer jetzt.

So öffnet die Tore und lasst das Evangelium erklingen – hier und jetzt – für uns alle – für jeden Einzelnen. Mit dem Wort der Vergebung über das schuldige Leben, das wir alle leben.

Amen


Thomas Reinholdt Rasmussen
Bischof in Aalborg
trr@km.dk


A.d.Ü.: Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten.