Lukas 1,46-55
Gesang vor der Morgendämmerung | Judika (dän. Mariæ Bebudelse) | Lk 1,46-55 | Marianne Christiansen |
Wie Vogelgesang vor dem Morgengrauen, während es noch dunkel ist. So ist das Loblied Marias. Ein Lied von dem, was einst war, und von dem, was einst kommen wird – ein Lobgesang auf das Licht in der Finsternis.
Dieser kurze Gesang hat hungernden und unterdrückten Menschen über Jahrtausende hinweg Hoffnung und Mut geschenkt. Er ist eine Ankündigung des Wandels, ein Lied von Gott, der alles auf den Kopf stellt, der die Reichen und Mächtigen stürzt und die Kleinen und Armen erhöht, der Licht entzündet in der Dunkelheit.
Heute ist Mariä Verkündigung. Es ist auch der Geburtstag mancher Menschen, und an diesem Tag werden manche Häuser von Bomben getroffen, manche werden geboren und andere sterben. Es ist ein Tag, der niemals wiederkehrt. Manche werden ihn in Trümmern und Schutzräumen zerbombter Städte verbringen müssen, und andere begehen ihn mit Familienfesten und Frühlingsspaziergängen. Aber mitten in alledem ist es auch Mariä Verkündigung – ein Teil jener Erzählung, mit der das Kirchenjahr mit seinen Sonntagen unsere gewöhnliche Zeit überlagert. Sonntag für Sonntag wird uns das Evangelium verkündet, die frohe Botschaft, ein Lied der Hoffnung in unsere kummervolle, erschreckte und sorgenvolle Zeit. Verkündigung bedeutet: eine Botschaft empfangen. Diese Botschaft kommt von außen – und was sie sagt, kann man sich nicht selbst sagen.
„Wer auf nüchternen Magen singt, wird noch vor dem Abend weinen“, behauptete oft meine Großmutter. Der unausgesprochene Sinn: Man sollte den Tag nicht mit Zeichen der Freude beginnen, denn man weiß ja nicht, was noch kommen mag. „Niemand kennt den Tag, ehe die Sonne niedergeht“ {Zitat aus dän. Kirchenlied „Lyksalig, lyksalig“, A.d.Ü.} – „Flieg nicht höher, als deine Flügel tragen” {dän. Sprichwort, deutsch eher „Wer hoch steigt, kann tief fallen“, A.d.Ü.} – und viele andere Sprichwörter, die uns sagen wollen. Sei vorsichtig mit der Freude und der Vermessenheit – denn sie rächt sich.
Doch das Loblied Marias und der Gesang der Amsel stehen dem entgegen. Gesang in der Dunkelheit vor dem Morgengrauen. Maria singt noch bevor der Grund dafür erkennbar wird, weil sie eine Botschaft der Hoffnung empfangen hat.
Maria, das junge Mädchen, schwanger außerhalb der Ehe in einer Zeit und in einer Kultur, wo ihr dies das Leben kosten konnte. Sie ist aus dem Dorf fortgegangen, hinauf in die Berge zu ihrer alten Verwandten Elisabeth. Über das kommende Kind liegt keine Festlichkeit und Erwartungsfreude, sondern Furcht, Unsicherheit und Verurteilung.
Aber ihre Verwandte empfängt sie mit den Worten: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes; und selig ist sie, die geglaubt hat, denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist von dem Herrn.“
Es ist, als gäbe die Umarmung Elisabeths Maria den Mut, darauf zu hoffen und zu vertrauen, was der Engel ihr gesagt hat, obwohl die Welt völlig anders aussieht.
Und dann bricht Maria in den Lobgesang aus. Ein kleines, ängstliches Mädchen singt Lobgesang. Sie dankt Gott für das Leben, das ihr geschenkt wurde: „Denn der Mächtige hat große Dinge an mir getan.“ Im Singen über die Vergangenheit singt sie sich Mut und Hoffnung für die Zukunft herbei.
Das Loblied Marias – das Magnificat – ist in gewisser Weise ein Echo des Lobgesangs ihrer alttestamentlichen Namensschwester Mirjam, der Schwester des Mose. In der Erzählung, wie die Israeliten durch das Rote Meer gerettet werden, gefangen in einer völlig ausweglosen Lage zwischen dem Meer und den Feinden, geschah das Unmögliche: Das Meer öffnete sich, und es entstand ein Weg, wo es keinen gegeben hatte. Die Israeliten flohen durch das Meer, das zu beiden Seiten wie eine Mauer stand; als sie aber hindurchgekommen waren, schloss es sich über dem Heer des Pharao, das ihnen nachsetzte. Da heißt es, Mirjam ergriff eine Pauke und begann zu tanzen, und sie führte alle Frauen im Tanz und Gesang: „Singet dem HERRN, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Reiter warf er ins Meer.“
Doch in gewisser Weise hatte es Mirjam leichter. Sie sang nach dem Gang durch das Rote Meer als Ausdruck der Erleichterung und Freude. Sie sang gemeinsam, in der Gemeinschaft mit allen anderen. Maria hingegen singt vor ihrem Roten Meer von Geburt und Schmerz, von Furcht und ungewisser Zukunft. Maria singt allein. Sie singt von einer Freude, die noch bevorsteht.
Das Magnificat hat in der ganzen Welt ein Echo hervorgerufen und tut es immer noch. Es ist ein Lied davon, wie Gott das Machtverhältnis zwischen Starken und Schwachen umkehrt. Nicht nur für Marias eigenes Volk. Denn erwählt ist für Gott jedes unterdrückte Volk. Erwählt ist jeder unterdrückte und leidende Mensch. Denn Gott ist derjenige, der die Niedrigen erhöht. Gottes Gerechtigkeit stellt die Welt auf den Kopf. Im Magnificat lebt Mut und Aufbegehren. Gott schafft Wandel, Verwandlung und Umbruch, singt Maria.
Wenn man selbst wie die Made im Speck lebt und mit der Ordnung der Dinge zufrieden ist, ist dies keine angenehme Botschaft. Es ist ein Lied der Drohung: „Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Es ist eine Drohung für diejenigen, die zu den Mächtigen auf dem Thron gehören oder es zu werden erhoffen. Am leichtesten hören wir es als Drohung gegen andere, gegen den Feind, gegen die mächtigen Tyrannen. Und auch hier gilt: Dieses Lied kann den Menschen in den Trümmern und in den Gefängnissen Mut geben, und denen, die jetzt vom Hunger betroffen sind. Es kann den Menschen Mut geben, die jetzt mit leeren Händen aus dem Iran und aus den Krisenherden der Welt in die Welt strömen. Das Lied kann daran erinnern, dass es bedeutet, dass sie Hilfe und Schutz finden sollen – und werden.
Das Magnificat kann nie dazu verwendet werden, nur für andere und nicht für uns selbst zu gelten. Es kann nicht dazu benutzt werden, andere zu unterwerfen, denn das Lied hält stets zur Seite der Verlierer. Wenn wir selbst priviligiert sind, fühlt es sich an wie eine Bedrohung: Wir könnten unsere Macht verlieren. Wir könnten zu denen werden, die nichts haben und ohnmächtig sind. Wir müssen uns fürchten, selbst Opfer zu werden. Deshalb ist das Magnificat provokativ, denn es ist ein Lied davon, dass die Kleinsten die Größten sind. Dort, wo wir alles verloren haben, stehen wir einander gleich – und dort ist Gott.
Das Magnificat ist die Stimme der Niedrigen und der Übersehenen. Sein Klang weckt Hoffnung. Sein Klang weckt unseren Mut, sodass wir es wagen, Teil jener göttlichen Bewegung zu sein, die die Schwachen erhebt, uns erhebt – und die Mächtigen – uns – vom Thron stößt. Das Lied öffnet unsere Augen und Ohren auf neue Weise für die Wirklichkeit. Wir bekommen Blick und Gehör für diejenigen, die gerade unterdrückt, niedergehalten, ausgeschlossen werden – auch durch uns selbst. Auch bei uns.
So trägt der Tag der Verkündigung Marias die Hoffnung in unsere Gegenwart und lässt uns den Blick in die Zukunft erheben. Er steht wie ein Tor hin zu Ostern und erinnert uns daran, dass Jesus der Sohn Marias ist: Ein Mensch wie seine Mutter mit Leib und Seele, mit Freude und Furcht und mit der Verletzlichkeit gegenüber Schmerz und Tod. Wie Maria, wie wir. Ein Mensch, der mit den Kleinen gemeinsame Sache macht und in den Tod geht mit den Ausgestoßenen und schließlich den Allermächtigsten vom Thron stürzt: den Tod selbst. Diese Botschaft und diese Hoffnung will das Fest in unsere Zeit hineintragen – wie auch immer diese Zeit sein möge.
Amen.
Marianne Christiansen
Bischöfin in Hadersleben
mch(a)km.dk