Lukas 15,11–32
Das grosse Willkommen | 3. So. n. Trinitatis | 21. juni 2026 | Lk 15,11–32 | Tine Illum
Das große Willkommen
Vor etwa einem Monat hatten wir Konfirmationen. Die Handwerkslehrlinge schließen ihre Ausbildung ab. In diesen Tagen bestehen die Abiturienten ihre Prüfungen. Wir halten Reden und wünschen den jungen Leuten alles Gute.
Noch bis vor wenigen Jahren – und vielleicht hört man es hier und da noch immer – hieß es: jetzt steht dir die Welt offen. Alle Möglichkeiten. Du musst nur deinen eigenen Weg wählen – das ist der Weg zum Glück. Du sollst der Star in deinem eigenen Leben sein. Steht dir irgendjemand oder irgendetwas im Weg zu deiner ultimativen Selbstverwirklichung, so mach dich frei davon. Es geht um dich! Das ist keine originelle Aussage – vielleicht hat man das auch zu dir gesagt.
Und das klingt ganz genau wie eine Rede an den jungen Mann, der in die Fremde zog. Nur dass man damals so etwas einfach NICHT sagte. Es war eher so etwas wie: „Bleib bei deinem Leisten“ … „Flieg nicht höher, als deine Flügel tragen“ … „Tu, was dein Vater sagt – und tu, was dein Vater tut“ … – vielleicht hat man das auch zu dir gesagt.
Keine der beiden Reden würden wir wohl heute halten.
Wie dem auch sei: Wir denken uns den jungen Mann leicht als einen Teenager auf Bildungsreise. Hätte es Handys gegeben, hätte er jeden zweiten Tag zuhause angerufen und um Geld gebettelt. Und hätte es Internet gegeben, könnten wir ihn auf Instagram in den unmöglichsten Situationen bewundern – damit die Daheimgebliebenen sehen könnten, dass er sein Potenzial wirklich voll ausschöpft.
Zurück zu dem Gleichnis, das wir gerade von Jesus gehört haben. Wir verfehlen den Kern der Geschichte, wenn wir meinen, er sei wohl einfach ein charmant-wilder Kerl gewesen. In dieser Erzählung ist er ein völliger Egoist. Er hat nur sich selbst gewollt – das Leben anderer war ihm gleichgültig. Er kannte die Geschichte vom Paradies, vom Sündenfall, vom Weg-ohne-Umkehr und von den Cherubim mit den Flammenschwertern. Jetzt spürte er die Flammenschwerter in seinem Rücken.
Und er steht da – so, wie auch wir an dem einen oder anderen Punkt gestanden haben. Dort, wo es kein Zurück gibt – und keinen Weg nach vorn. Man ist wirklich verloren. Das ist die Nacht oder der Tag, an dem es dir vollkommen klar wurde: Es ist meine eigene Schuld! Und noch schlimmer: Die Entscheidung, von der du geglaubt hattest, sie betreffe nur dich – den eigenen Weg zu gehen –, und die sich nun als vollständig verfehlt erwiesen hat – die hatte auch mit anderen zu tun. Sie hatte ihren Weg versperrt und sie gezwungen, stillzustehen oder Wege zu gehen, die sie nicht tragen konnten.
Plötzlich wird es klar: Es gibt keinen Weg nach vorn, alles ist zum Erliegen gekommen. Du bist vollkommen verloren. Du hast dich selbst verloren und du hast die anderen verloren. Er spürt das Elend: Erst als er sein Leben zu retten sucht, dämmert ihm, wie sehr er anderen Schmerz zugefügt hat. Warum hat er es nicht früher gesehen? Und da man nie mit anderen zu tun hat, ohne mit Gott zu tun zu haben, weiß er genau, wie die Dinge stehen, und was er sagen wird, wenn er nach Hause kommt: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“ (Lk 15,21). Nach Hause gehen … ja, das ist ja nicht mehr wirklich „nach Hause“ … und auch nicht mehr wirklich „Vater“ – denn er hat seinen Vater totgesprochen, um das Erbe zu bekommen.
Aber er hat nur die eine Möglichkeit – die vielleicht sogar nur eine schwache Möglichkeit ist: nach Hause zu fahren. Zu seinem Vater. Also tut er es.
Er geht und überlegt, was er sagen will. Er kann nicht um Heilung des Zerbrochenen bitten, darum, dass die Flammenschwerter gesenkt werden … nein, das Paradies liegt für immer hinter ihm … er kann nur darum bitten, Arbeit zu bekommen wie die anderen. Vielleicht erinnert er sich daran: Bevor Eva und Adam aus dem Paradies vertrieben werden, näht Gott ihnen Kleidung aus Fellen[, damit sie wenigstens eine Chance haben, in der Welt zu überleben. Vielleicht würde sein Vater dasselbe tun. Vielleicht würde er ihm wenigstens die Chance geben zu überleben und ihm Arbeit geben. Denn zur Familie zu gehören – diese Möglichkeit hat er sich selbst verbaut. Selbstwertgefühl und Anerkennung liegen weit hinter ihm … Es ist nichts mehr übrig. Er geht und überlegt, was er wohl sagen soll.
Kennt Ihr das nicht? Ich schon.
Es ist ein weiter Weg nach Hause. Zum Freund, zum Kind, zu den Eltern, zu jenen Menschen, denen er Schmerz zugefügt hatte. Es ist ein weiter Weg … dort, wo man so verloren und plötzlich so klar sehend ist … wo man bereut und Angst hat …
Vielleicht werde ich auf eine verschlossene Tür treffen. Vielleicht wird er mich nicht einmal ansehen wollen. Vielleicht wird er mit verschränkten Armen dastehen und mich wieder gehen lassen. Verloren.
Im besten Fall wird er jemanden bitten, mir Arbeitskleidung zu geben.
Wir können beinahe mitfühlen mit ihm und ihn auf dem Weg nach Hause begleiten.
Und dann … Er trifft nicht auf verschränkte Arme, sondern auf offene Arme. Er bekommt nicht Arbeitskleidung – er bekommt Festkleidung. Er kommt gar nicht dazu, die Entschuldigung vorzubringen, die er sich zurechtgelegt hat. Alles am Vater – Mund und Körper und Leben – sagt und strahlt aus: willkommen!
Das ist bedingungslose, einseitige Versöhnung. Das ist Heilung alles Zerbrochenen. Das ist Gnade. So unverdient und beglückend und lebenserneuend. Der Verlorene ist gefunden, der Tote ist lebendig geworden. Da ist Auferstehung in allem eingegangen.
Wir hören oft, dass Anerkennung wichtig ist. Und das ist sie. Aber hier ist die Geschichte von den Tagen, an denen ich weiß, dass es überhaupt nichts zu anerkennen gibt. Wo alles verloren und zerbrochen ist. Es ist nichts mehr übrig. Nichts zu geben. Kein einziges anerkennendes Wort, das wahr wäre. Denn ich weiß ja selbst, wenn ich weit jenseits der Grenze zur Anerkennung bin. Wie der Sohn.
Ich habe nur eine einzige Möglichkeit: umzukehren … zurückzugehen … und zu hoffen, dass ein „Willkommen“ in Versöhnungsfarben über die ganze Welt geschrieben steht. Das ist das Einzige, worauf zu hoffen bleibt.
Hannah Arendt, eine deutsche Philosophin, hat sehr klug geschrieben: „Wenn es gut ist, anerkannt zu werden, ist es besser, willkommen geheißen zu werden.“ Wir wiederholen das: „Wenn es gut ist, anerkannt zu werden, ist es besser, willkommen geheißen zu werden.“ Und warum das? Nun, das Willkommen-Heißen, sagt sie, „ist weder etwas, das wir ansparen noch womit wir uns verdient machen können.“
Wenn wir einander willkommen heißen, treten wir aus der Sphäre der Anerkennung heraus, nehmen den anderen an, bekennen uns zu ihm als Teil einer Gemeinschaft, die nicht auf Anerkennung beruht, sondern schlicht darauf, dass wir hier und jetzt ins Leben des anderen eintreten. Du bist mir nicht gestorben. Wir sind lebendig – miteinander.
Was tut der Vater? Er heißt willkommen. Er läuft seinem Sohn entgegen. Willkommen zuhause, sagt er. Und er geht zum ältesten Bruder hinaus und lädt ihn ein zum Fest. Er setzt sich über ihr Bedürfnis nach Anerkennung hinweg und schenkt ihnen die Gemeinschaft mit sich, die beide suchen – ohne dass sie sich darum verdient machen müssen. Dass sie miteinander lebendig sind. Das ist eine sehr schöne Geste: willkommen zu heißen.
Dieses Gleichnis gehört zu den bekanntesten im Neuen Testament. Und dennoch können wir jedes Mal, wenn wir es hören, etwas Neues hören. Vielleicht nur in wenigen schlichten Worten:
„Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater …“. Warum müssen wir das wissen? Weil es uns mehr als so vieles andere erzählt, wie der Vater ist, von dem Jesus in diesem Gleichnis ein Bild Gottes zeichnet. Er ist derjenige, der niemals aufgibt. Er hat das Getuschel der Nachbarn gehört und ihre mitleidsvollen oder schadenfrohen Blicke gesehen. Aber er gibt niemals auf. Jeden Tag schaut er zum Horizont hinüber … ob wohl … Und als er dann – endlich, endlich – eine Gestalt in der Ferne erblickt und seinen geliebten Sohn erkennt, von weitem, obwohl der sich mit schleppenden Schritten nähert statt mit dem ehemals so selbstsicheren Gang – mitten in allem Schmutz und Gestank – da hat der alte Mann nur einen einzigen Gedanken: bei dem Sohn zu sein, den er für tot gehalten hatte. Je eher desto besser.
„Und er wurde von Mitleid bewegt, lief hin und fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15,20). Er ist überschwenglich froh. „Freut euch mit mir“, sagt er (Lk 15,6).
Wir können uns vielleicht kaum vorstellen, wie provozierend dieses Gleichnis war, als Jesus es zum ersten Mal erzählte. Um die Schärfe herauszuarbeite, versucht man es beständig in die Gegenwart zu übertragen, damit wir verstehen, dass es um uns geht: „Die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sagten: ’Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen’“ – also all die Außenseiter, die sich zu Jesus gesellten, um ihn zu hören. Und weiter über Jesus: „Dieser Mensch nimmt Sünder an und isst mit ihnen.“
Als könnten wir das nicht heute: alle, von denen wir meinen, sie bedrohten unsere scheinbar gesicherte Existenz. Sie sollen keinen Anteil haben an der Freude, an der Gemeinschaft, am Reich Gottes. Der alte P. G. Lindhardt {dän.Theologe, 1910-1988, A.d.Ü.}, der so zu Unrecht dafür in Anspruch genommen wurde, er glaube nicht ans ewige Leben – von ihm wird erzählt, er sei einmal gefragt worden, ob er denn nicht glaube, dass wir eines Tages unsere Lieben im Reich Gottes wiedersehen würden. Worauf er antwortete: „Ja gewiss – und auch alle, die wir nicht lieben!“ Und das, sehen Sie, das kann uns provozieren: Wer nicht mit all den anderen zusammen sein will, wer Gott für sich allein haben will – so wie der älteste Sohn den Vater für sich allein haben will –, der schließt sich selbst aus der Freude des Himmelreichs aus.
Wir empören uns über Gottes alles-umfangende Annahme – bis zu dem Tag, an dem uns aufgeht, dass eben diese Annahme unsere Rettung ist: Wenn er nur die Sündlosen und Makellosen aufnähme, kämen wir niemals hinein. Dass Jesus bei „notorischen Sündern und kompromittierten Personen“ ist, dass der Vater den heimgekehrten Sohn empfängt – das ist genau die Freude; die Befreiung, das Heil auch für uns.
Das Gleichnis wird zur Geschichte meines Lebens an dem Tag, wo ich sehe, dass ich Gott gegenüber keine Forderungen habe … keinen Anspruch geltend zu machen; es ist nichts, das sich einfach von selbst versteht – ich kann nur hoffen, das Leben geschenkt zu bekommen – andere Möglichkeiten haben wir nicht.
Und dann geschieht es – da leuchtet Gottes WILLKOMMEN über alles … es klingt vom Himmel.
Sie werden es gleich hören – dieses Brot ist für Sie gebrochen … dieser Wein – er ist für Sie – er ist Leben, Vergebung, Befreiung, Hoffnung.
Amen.
Tine Illum
Pastorin in Sdr. Bjert
ti@km.dk
Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten, A.d.Ü.