Lukas 18,31–43

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Die Checkpoints auf Jesu “Jericho-Trail” | Estomihi | 15.02.2026 | Lukas 18,31–43 | Manfred Mielke

Liebe Gemeinde,

Jesus ist gewarnt. In seiner Heimat sagen Pharisäer zu ihm: “Geh weg; denn Herodes will dich töten.“ Doch Jesus erwidert: „Sagt diesem Fuchs: Ich treibe böse Geister aus und mache gesund heute und morgen. Ich muss diesen Weg gehen, denn kein Prophet sollte außerhalb von Jerusalem sein Ende finden.“

Jesus „kriecht nicht zu Kreuze“, er geht seinen Weg aufrecht und ist dabei hilfsbereit. Der führt ihn vom nördlichen Galiläa durchs Jordantal, mit einem Zwischenstopp in Jericho, und weiter den Bergweg hoch nach Jerusalem. Heute lädt uns der Evangelist Lukas ein, einige Viertelstunden mit ihm mitzupilgern. Dabei werden wir spüren: Er findet seinen Weg, und mit uns die Wahrheit und das Leben.

Wir haben Trinkschläuche dabei und gute Sandalen an den Füßen. Wir gehen Jesus und seiner Gruppe entgegen und treffen sie nahe der Stelle, an der er sich hatte taufen lassen. Von den verdeckten Drohungen gegen ihn wissen wir nichts, wir hoffen vielmehr, dass er auf dem Zionsberg Großes bewirken wird. Wir sind eine bunt gemischte Gruppe, viele kommen aus seiner Heimatregion, Männer und Frauen, einige sprechen fremde Dialekte. In der Ferne sehen wir auf einem Hügel die Trümmer eines Palastes.[1] Da stoppt Jesus und empfiehlt uns eine kurze Rast. Er selbst ruft seine 12 Jünger herbei, wie Schüler, die ihren Rabbi umringen. Doch sie reden zu weit entfernt, als dass wir Genaues hören könnten.

Aber der Evangelist Lukas, der nicht dabei war, hat das Gespräch Jahrzehnte später festgehalten. Er schrieb: “Jesus nahm zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: “Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem. Dort wird alles geschehen, was die Propheten von dem Menschensohn prophezeit haben. Er wird von Heiden verspottet, misshandelt und angespien werden. Sie werden ihn foltern und töten. Doch am dritten Tag wird er auferstehen.” Allerdings  begriffen sie nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.”

Nun bringt Jesus seine Schüler zurück. Uns Pilgern bleiben die tragischen Voraussagen seiner Rede unbekannt, bei den Jüngern bemerken wir jedoch eine Veränderung. Sie sehen so aus, als ob ihnen eine Hoffnung zertrümmert wurde. Ihr Gang ist bemüht, ihre Blicke gehen ins Leere. Sie mischen sich wortlos unter uns. Uns aber fasziniert vielmehr die sagenhafte Silhouette des Neuen Jericho. Wir raffen unsre Sachen und brechen auf.[2]

Die Straße ist jetzt besser befestigt, wir weichen schwerbeladenen Eseln aus. Rechts und links stehen Zeltstände mit Obst; Herbergen machen laute Werbung. Bettler sitzen geduckt und halten ihre Hände offen hin, aber selbst hier vor dem Stadttor lohnt es sich nicht wirklich. – Doch einer der Bettler hebt den Kopf. Er ist blind. Er lauscht. Er spürt viele enge Schritte und fragt und fragt, was los ist. Stolz sagen wir ihm: “Jesus von Nazareth ist mit uns unterwegs!” Plötzlich ruft er laut: “Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!” Wir schauen ihn fragend an. Wieso nennt er ihn nicht bei seinem Namen `Jesus von Nazareth´, sondern: “Du Sohn Davids”? Sieht er etwas in Jesus, was eigentlich unsichtbar ist?

Nun drehen sich die um, die sich um Jesus drängeln, und schüchtern den Bittsteller ein. Er soll seine Schreierei sofort ersterben lassen. Sie wollen ungestört mit ihrem Jesus einen schönen Einzug in Jericho erleben. Doch der Blinde steigert seine kratzige Stimme: “Sohn Davids, erbarme dich meiner!” Da bleibt Jesus stehen und ruft ihn zu sich. Bei seinen unsicheren Schritten helfen wir ihm. Noch auf Armlänge fragt ihn Jesus: “Was willst du, dass ich für dich tun soll?” Darauf antwortet der Blinde in gesunder Stimmlage: “Herr, dass ich wieder sehen kann!” Dann entsteht eine Stille, in die hinein Jesus anordnet: “Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen!”

Wir starren alle wie gebannt auf sein Gesicht. Erst ein Blinzeln, dann öffnen sich seine Lider, dann weiten sich seine Augen wie frische Blumen. Genauso öffnet sich sein Mund, erst die Lippen, dann seine Mundwinkel, dann purzeln mit voller Stimme dankbare Satzfetzen aus ihm heraus. Zitate aus den Psalmen, die wir alle kennen. Einige murmeln sie mit, bis wir alle unsre Stimmen erheben zu einem ansteckenden Lobpreis Gottes. Dabei hoffen wir insgeheim: Jesus soll noch Größeres tun. Er will doch nach Jerusalem, um auch den Römern die Augen zu öffnen für Gottes Schalom. Wir wollen schon weitergehen, da bemerken wir, dass der Geheilte nicht auf seinen Platz zurückkehrt, sondern sich zu Jesus gesellt, der resolut vorangeht.

Durch das Stadttor Jerichos zu schreiten, ist ein erhebendes Gefühl. Hinter uns die Trümmer, vor uns das Paradies. Unsre Augen und Nasen saugen alles auf. Wir bestaunen den Winterpalast des Herodes, die römischen Bäder und die breiten Alleen. Alles ist grün und bewässert, alles glänzt und ist groß, alles ist römisch korrekt und vermutlich korrupt. – Was macht eigentlich unser Jesus? Wir vermuten, dass er zur Hauptsynagoge gehen wird. Aber wieder bleibt er abrupt stehen und schaut in einen dieser Kriechbäume hinein, von denen die Esel sich Feigen herunterschütteln. Jesus entdeckt dort etwas, und unsre Augen folgen seinen. Ein Mann klemmt in einer Astgabel und schaut herab. Wohl auch einer, der Jesus sehen wollte und “wer er sei”.

Wir zischeln sofort einander zu: “Das ist doch Zachäus, dieser schwerreiche Lump! Alle Pilger kennen ihn, alle Händler fürchten ihn. Menschlich ein Zwerg, aber als Oberzöllner eine Krake!” Wir sind uns sofort einig: Jesus sollte ihn – pardauz – herunterschütteln. Doch er ordnet an: “Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren!“ Gesagt, getan, der Millionär rutscht am Stamm herab wie ein Äffchen und geht stolz-verlegen mit Jesus in seine Prachtvilla hinein mit ihren angebauten Lagerhallen. Wir bleiben außen vor, langsam kocht der Skandal in uns hoch. Jesus kann doch nicht seine Augen verschließen vor der verrotteten Moral dieses Kerls!

Jedoch – was dann im Hause geschieht – entzieht sich unsern Ohren. Aber der Evangelist Lukas, der nicht dabei war, hat das Gespräch Jahrzehnte später festgehalten. Er schreibt: “Zachäus hat sich nach dem Gastmahl dem Jesus gestellt und versprochen: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, dem erstatte ich es vierfach.“ Daraufhin habe der ihm versichert: „Heute ist deiner Familie komplettes Heil widerfahren.“

Als Zachäus uns dann auf dem Vorplatz köstlich bewirtet, nippen wir zuerst mit schlechtem Gewissen, aber dann schlagen wir zu. Zu Beginn ruft Jesus noch in unsre Runde: „Wie ihr seht, bin ich gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist!“ Dann stimmen wir Lieder an, Psalmenverse, Pilgerlieder, Trinklieder; eins lautet: „Auf, trinken wir Bruderschaft mit Jesus!”[3]  Und alle singen mit.

Was für ein Abend, denken wir. Doch Jesus will weiter, durchs andere Stadttor Richtung Jerusalem. Er will noch ein Gleichnis erzählen – in Sichtweite des gigantischen Palastes. Vater Herodes war ein Menschenschinder, sein Sohn Archelaus übertraf ihn grausam. So beginnt Jesus von einem Herrscher zu erzählen, der nach einer langen Abwesenheit den Gewinn bei seinen Beamten abschöpft, einen von ihnen jedoch “niederstrecken” läßt.[4]

Wir Pilger fragen uns, ob Jesus da schon ganz offen von seinem Risiko erzählt. Deswegen entscheiden sich einige von uns, zurück nach Jericho zu gehen. Jesus mag mit seiner Pilgergruppe weiterziehen, vermutlich bis zur nächsten großen Herberge. Gewiss wird er seinen Weg finden, und mit uns die Wahrheit und das Leben.

 

Liebe Gemeinde,

Nun bin ich nicht der Einzige, der sich in den Blinden hineinversetzt hat. Erich Kästner dichtete 1931 über ihn[5]: “Ohne Hoffnung, ohne Trauer hält er seinen Kopf gesenkt. Müde hockt er auf der Mauer. Müde sitzt er da und denkt: Wunder werden nicht geschehen. Alles bleibt so, wie es war. Wer nichts sieht, bleibt ungesehen. Wer nichts sieht, ist unsichtbar. Schritte kommen, Schritte gehen. Was das wohl für Menschen sind? Warum bleibt denn niemand stehen? Ich bin blind, und ihr seid blind. Euer Herz schickt keine Grüße aus der Seele ins Gesicht. Hörte ich nicht eure Füße, dächte ich, es gibt euch nicht. Tretet näher! Laßt euch nieder, bis ihr ahnt, was Blindheit ist. Senkt den Kopf, und senkt die Lider, bis ihr, was euch fremd war, wißt. Und nun geht! Ihr habt ja Eile! Tut, als wäre nichts geschehn. Aber merkt euch diese Zeile: Wer nichts sieht, wird nicht gesehn.” – Erich Kästner traut sich nicht, die Heilung des Blinden mitzuerzählen, aber er beobachtet uns, die Passanten, schonungslos.

Und noch jemand ist rund um Jericho mitgepilgert. Es ist Munib Younan, Palästinenser und ehemaliger lutherischer Bischof in Jordanien und Israel. Ich zitiere aus seiner Gastpredigt 2013 in Berlin[6]: “Ich komme zu Ihnen aus Jerusalem, und dennoch bin auch ich aufgefordert, nach Jerusalem zu gehen. Dort – wie um Jericho herum – finden sich viele Kontrollposten. Anders als die „checkpoints“, unter denen mein Volk tagtäglich leidet, dienen die „checkpoints“ im Evangelium nicht dazu, Menschen zu demütigen. Auf Jesu Kreuzweg dienen die Kontrollstationen dazu, dass Menschen hören und geheilt werden – beispielsweise der Blinde.”

Ich übernehme dankbar die Sicht, dass Jesu Stationen auf dem “Jericho-Trail” gute “Checkpoints” für ihn und für uns sind. Wir kennen in unserem Leben mehrere Checkpoints der Heilung und des Mitleids. Unsre Taufe, unsre blinden Phasen und die Nachfolge-Versuche, unser Sehen-lernen, unsern Frust über schlechte Politik und die Wende unsers Lebensstils. Vieles gelang uns im Halbdunkel, aber wir dürfen anders weitermachen, so, wie die Emmausjünger. Bei der Brotgeste des Auferstandenen, so berichtet Lukas, “wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn.“ In diese neue Sehfähigkeit hinein fragt uns der Jerusalemer Bischof:

“Sind wir bereits eine heilende Kirche geworden, die die Schreie der Menschen in der Welt hört? Oder werden wir nur von denen, die nach Heilung fragen, durcheinandergebracht und fühlen uns angegriffen? Herrschen wir sie an, dass jetzt nicht der richtige Moment ist? Heute ist es an der Zeit, dass wir darum beten, dass Gott all denen, die gegenüber der Gerechtigkeit blind sind, Sehkraft verleiht. Bei uns im Nahen Osten bilden diejenigen die „stille Mehrheit“, die rufen: „Herr, ich will sehen!“ Wir sehen uns nach der liebevollen Antwort unseres Herrn: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“ – Jedes Mal also, wenn du hinauf nach Jerusalem ziehst und dabei das Kreuz trägst, begegnest du den Kontrollpunkten der Heilung und des Mitleids. Vielleicht magst du sie blind passieren, aber du trägst das Kreuz. Und das Kreuz trägt in sich die heilsame Liebe Gottes in Christus Jesus, die jeden von uns verändert. Die uns zu Menschen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung macht.” Soweit das Zitat, und ich füge an: Lasst uns gehen, denn er findet seinen Weg, und mit uns die Wahrheit und das Leben. Amen


Verwendete Kommentare: F. Bovon/EKK und W. Eckey/Neukirchener sowie EfP der Deutschen Bibelgesellschaft

Lieder:
Herr, du hast mich angerührt (EG 383)
Geh mit uns auf diesem Weg durch das Tal der Plagen
Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn
Wir setzen auf die Liebe (Text: H.D. Hüsch)
Zeige und Herr, deine Allmacht und Güte


Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geboren 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit beim Christival und Deutschen Kirchentagen. Partnerschaftsprojekte in Ungarn (1988-2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur.

Fussnoten:
[1] Der Palast des Hischam, 743 erbaut, von einem Erdbeben zerstört, ca 5 km nördlich von Jericho

[2] “Jesus war ungefähr eine halbe Stunde unterwegs, als er das Neue Jericho erreichte, das von der Dynastie der Herodes-Prinzen erbaut wurde.” EKK S. 257

[3] “Adios Amigos – der letzte määt et Leech us – Adios Amigos – drink Bröderschaff met Jesus” Lied der Kölsch-Rocker “Kasalla” zur Session 2026

[4] “schneidet ihnen (seinen Feinden) in meiner Gegenwart die Kehle durch” EKK S. 282

[5] Kästners Gedicht “Monolog des Blinden” erschien am 20.09.1931 in der “Neuen Leipziger Zeitung”

[6] Predigt zum 161. Jahresfest des Jerusalemsvereins im Berliner Missionswerk; Bischof Dr. Munib A. Younan war 1998 -2017 Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land und von 2010-2017 Präsident des Lutherischen Weltbundes