Lukas 18,36-43
Der Schrei | Estomihi | 15.2.2026 | Lukas 18,36-43 | Eberhard Busch |
Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre, und verkündigte sie ihm, Jesus von Nazareth. Und er schrie: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner. Die vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner. Jesus blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er näher kam, fragte er ihn: Was willst du, das ich für dich tun soll? Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen, und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach, und alles Volk, das er sah, lobte Gott.
Von dem norwegischen Maler Edvard Munch stammt ein Gemälde, das den Titel trägt „Der Schrei“. Man hat gemeint, dass das doch gar nicht geht, so etwas darzustellen. Doch er hat es vermocht, und das so eindringlich, dass es einem schon beim bloßen Anblick durch Mark und Bein geht. Ist es eine Frau? Ist es ein Mann? Ein Mensch. Der Mensch. Der schreit. Er ist so dran, dass er nur noch schreien kann. Er selbst ist der Schrei. So schrecklich, dass er sich selbst die Ohren davor zuhalten muss. Wird sein Schrei gehört?
Unser heutiger Predigttext redet auch von einem, der schreit, lauthals schreit. Er gleicht jenem Menschen, den Edvard Munch gemalt hat. Er schreit so schrill, dass sich die Mehrheit der Andren gestört findet. Auch sie hält sich die Ohren zu. Deshalb! Auf anderes hört sie gern. Das, was gerade en vogue ist. Das füllt die Ohren. So dass man sich wundert, dass diese Mehrheit nicht davon Kopfweh bekommt. Allein solches Krakeele mag sie nicht leiden. Das ist Lärmbelästigung. Da kann man nicht weiterschlafen. Dagegen muss man einschreiten. Gibt es dazu nicht einen Paragraphen im Bürgerlichen Gesetzbuch?
Der Schrei kommt aus der Not. Eine schreiende Not. Beim Blick aus dem Fenster mag man sie wohl zur Kenntnis nehmen, den Kopf schütteln: Nein, so etwas! Wenn es nur nicht so ein Getöse darum gäbe! Aber das lässt sich nicht stillsetzen. Je mehr man sich dagegen sträubt, desto lauter wird der Schrei. Und wenn man taub dafür ist, und wenn man auf andere Töne geeicht ist, es lässt sich nicht ändern: der Mensch schreit und schreit viel lauter, als dass unsereins das ertragen könnte. Wie gesagt, auf jenem Bild muss sich der oder die Arme selbst die Ohren zu halten. Ist denn keiner da, der die Ursache des Geschreis beseitigen kann?
Doch, Einer ist auf alle Fälle da. An den wendet sich der Schreihals in der biblischen Geschichte. Das ist der Unterschied zu jenem Bild von Edvard Munch: Er kennt einen, den kann er ansprechen. „Wenn gar Einziger auf Erden, dessen Treue du kannst traun, / alsdann will er dein Treuster werden und zu deinem Besten schaun“ (Paul Gerhardt). Den kennt er bei Namen. Wenn alle Stricke reißen, an den kann er sich wenden. Auf den ist Verlass. Und wenn Viele verstopfte Ohren haben, der da kommt, hat ein offenes Ohr. Das weiß unser Mann, im Unterschied zu Anderen: „Wer den Armen verachtet, der verhöhnt dessen Schöpfer“ (Sprüche 17,5). Er hält sich vielmehr an Gottes Einladung: „Rufe mich an in der Not.“ (Ps 50,15) So steht es auch in seinem Katechismus. Und es ist nicht übel, wenn er daran denkt, er anders als Andere.
Doch nein, und nochmal nein, es gibt trotzdem keinen Unterschied zwischen den beiden Schreihälsen, dem in unserer biblischen Geschichte und dem auf dem Bild des norwegischen Malers. Zu beiden spricht der Eine mit dem offenen Ohr: „Her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ (Mt.11,28). Ja, alle, die ihr geplagt seid und fast erdrückt werdet unter dem, was euch zugemutet ist, er ist da, dass er daran teilnimmt. Das hilft. Das richtet auf. Von dem amerikanischen Dichter Mark Twain stammt der schöne Satz: „Freundlichkeit ist eine Sprache, die Taube hören und Blinde lesen können.“ Jesus spricht diese Sprache.
Und hier ist Einer, der blind ist. Er ist hilflos. „Denn das ist die größte Plage, / wenn am Tage / man das Licht nicht sehen kann.“ Der Blinde ist darauf angewiesen, dass er durch Bettelei sich so gerade noch über Wasser hält. Er hat nichts gelernt, um sich selbst durchzubringen. Doppelt arm. Er existiert unter der Armutsgrenze, „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“. So sind die dran, die mit Blindheit geschlagen sind. Solche Gestalten sieht man nicht so gerne. Oder haben wir einem von denen schon mal ins Gesicht geschaut? Betteln ist in der Schweiz an vielen Orten überhaupt verboten. In Deutschland ist das so genannte „stumme Betteln“ erlaubt. Der hier aber schreit.
Und der ist namentlich blind dafür, dass es Jesus ist, der soeben in Sichtweite vorbeikommt. Er, der die Freundlichkeit selber ist – Er kommt. Nur sieht der Blinde ihn nicht. Aber als er es erfährt, wer da am Kommen ist, da gibt es kein Halten mehr. Da zeigt er, dass er nicht auf den Mund gefallen ist. Er ist nicht mundtot. Da tut er, was er kann: schreien. „Davids Sohn“ nennt er ihn. Das heißt so viel wie: der von Gott Gesandte, dazu geschickt, dass er Licht ins Dunkel bringt. Der wird ihm ins Gesicht schauen, so wie ein Arzt, der mit einer Leuchte in die Augen blickt, um den Schaden festzustellen.
Kaum hört Jesus den Schrei, bleibt er stehen. Er geht nicht weiter, hat keine dringenderen Termine. Er hat Zeit. Er lässt sich aufhalten. Und hält den Betrieb auf. So als wäre er schon am Ziel seines Weges: Dort bei dem Hilfsbedürftigen. Der bedarf mehr als eine Spende zur Fortsetzung seines miesen Daseins. Jesus weiß, „dem Manne kann geholfen werden“. Und er gibt ihm, was der Arme vor allem Weiteren braucht. Er gibt ihm Liebe. Nicht eine kleine Prise davon, sondern Liebe in Vollkost. Oder sagen wir: die heilsame, reichhaltige Rundum-Liebe. Liebe macht blind, sagt ein Sprichwort. Seine Liebe macht sehend. Sie öffnet verschlossene Augen.
Genauer noch, Jesus sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Damit ist nicht eine Art von Selbsthilfe gemeint. So empfehlenswert es auch ist, für seine eigene Gesundheit zu sorgen. Doch genau das kann der Blinde ja nicht. Was er kann, ist, sich dem anvertrauen, der ihm jetzt begegnet, seine Hoffnung auf ihn setzen, sich von ihm lieben lassen, ihn anbetteln. Das kann er. Das tut er. Sein Schrei – das ist sein Glaube. Der, an den er sich wendet, erhört seinen Schrei. Und was sieht der Blinde jetzt? Er sieht zuallererst den, der ihn geheilt hat: den Heiland der Menschen. Er macht ihn doppelt reich. Ihn sehen und aufgestellt werden, auf ihn blicken und unter seinem Geleit aufbrechen, an ihn glauben und ihm nachfolgen, das ist nicht zweierlei. Beides gehört zusammen. Das tun die von ihrer Blindheit Geheilten.
Und nicht zu vergessen: die Zuschauer dieser Geschichte sind nicht blöde Gaffer. Sie sind nicht stark im Glauben und sind doch beteiligt. Sie sind wohl dieselben, unter denen die Parole galt: Halte dich still! Damit man weiterschlafen kann: Die sind nun helle wach und sind munter auf den Beinen. Sie scheren sich nicht um ein Stillhalte-Abkommen. Auch sie sind geheilt. Sie rühren sich. Ihnen ist ihr Mund geöffnet. Vielleicht sind sie keine Schreihälse, vielleicht zuweilen doch. Denn darum geht es, wie es am Ende unserer Geschichte geschrieben steht: „und alles Volk lobte Gott“, den, der sich um die Hilflosen kümmert.
Verfasst von:
Eberhard Busch