Lukas 18,9–14

· by predigten · in 03) Lukas / Luke, 11. So. n. Trinitatis, Aktuelle (de), Andreas Schwarz, Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 18 / Chapter 18, Kasus, Neues Testament, Predigten / Sermons

„Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ | 11. So. n. Trinitatis | 16. August 2026 | Lukas 18,9–14 |  Andreas Schwarz |

9 Jesus sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden (Lk 18,9–14).

 

„Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
Das sagt Jesus Christus zu Pharisäern.
„Gottes Reich mitten unter euch“ haben Menschen gesehen und gehört.
Sie haben es erlebt.
Zehn ehemalige Aussätzige könnten davon erzählen.
Seit Jesus ihnen begegnet ist, sind sie nicht mehr aussätzig. Sie sind geheilt, sie sind rein, sie sind gesund, sie sind wieder Teil der Gemeinschaft.
Immerhin einer von ihnen dankt Jesus und lobt Gott.
Die Begegnung mit Jesus hat sein Leben verändert.
Er hat erlebt, dass das Reich Gottes da ist.
Ein Reich, das anders ist als das, was er sonst erlebt.
Ein Reich, in dem Menschen dazu gehören,
egal, wie gesund oder krank sie sind,
ob sie Einheimische oder Ausländer sind,
egal, welches Geschlecht sie haben,
wie alt oder jung sie sind,
egal, wie erfolgreich oder gescheitert,
ob sie Pharisäer oder Zöllner sind.
Urteile, Bewertungen, Ausgrenzungen –
das alles, was hier so wichtig ist, was ständig praktiziert wird, gilt da nicht mehr.
Im Reich Gottes.
Bei Jesus Christus.
Und dann bekommt sogar eine Witwe Recht – im Streit mit dem Richter.
Unvorstellbar.
Unglaublich.
Aber das erzählt Jesus.
Er erzählt es nicht nur, er lebt es.
Er lässt es Menschen erleben.
Und bringt Maßstäbe durcheinander.
Er bringt Menschen durcheinander mit ihren Kategorien,
mit ihren Sortierungen – fromm /unfromm – gut/schlecht – drinnen/draußen.
Überrascht sind am Ende alle,
die einen wie die andern.
Die sich vorn fühlten – und bei ihm gibt es kein vorne und hinten mehr;
die sich hinten fühlten – und plötzlich sind sie dicht dran.

„Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
Nichts ist mehr, wie es war.
Alles ist anders, neu, ungewohnt.
Was galt, gilt nicht mehr.
Was sicher war, ist unsicher geworden.
Ob das gut für mich ist, muss ich selbst erleben.
Die Personen im Gleichnis sagen es mir nicht.
Ich bin kein Pharisäer und ich bin kein Zöllner.
Aber was sie bewegt, das kenne ich auch.
Manchmal bin ich zufrieden mit mir; fühle mich besser als andere. Manchmal merke ich aber auch, dass ich Erwartungen nicht entspreche, weder anderen, noch eigenen.
Die Beiden gehen in den Tempel, um zu beten.
Es ist Sonntag.
Ihr seid heute Morgen hierhergekommen, um Gottesdienst zu feiern.
Also auch, um zu beten.
Gerade hat Jesus mit dem Gleichnis von der Witwe ermuntert, unablässig zu beten, nicht aufzuhören, voller Vertrauen und Hoffnung.
Also seid ihr hier.
Mitten in den Sommerferien.
An einem erneut warmen Tag, den ihr auch ganz anders verbringen könntet. Aber Ihr seid hier.
Warum, das weiß jeder nur selbst.
Die Gemeinde, die sich im Namen Jesu versammelt, steht unter seinem Wort:
„Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

 Das sollst du erleben,
Du sollst es hören und erfahren, heute auch wieder schmecken, spüren. Weil es im Reich Gottes anders zugeht, als du es täglich erlebst.
Du sollst überrascht und verwirrt werden.
Du sollst nicht bloß bestätigt werden in dem, was du schon immer wusstest, was du gelernt und angenommen hast.

Was wir erleben, ist:
Die Menschen sehen, wie du lebst und was du tust.
Und danach bilden sie ihr Urteil.
Und du weißt, wie wichtig es ist, was andere über dich denken.
Wie du wirklich bist, was dich bewegt, worunter du leidest, wovor du Angst hast, worüber du dich freust, das interessiert niemanden.
Die Beobachtungen sind scharf, die Urteile klar und fest. Und je nach dem gehörst du dazu, wirst du angesehen,
wird man gut über dich reden.

Das tut uns dann gut.
Gern sind wir gut.
Im Blick auf uns selbst.
In dem, was man über uns denkt und sagt.
Wir fühlen uns wohl dabei.
Wir richten uns darin ein.
Viele Sätze beginnen dann mit ‚ich‘.
Ich danke dir.
Ich bin nicht wie andere.
Ich faste. Ich nehme ein. Ich gebe davon.
Es muss doch stimmen, dass ich gut bin.
Alle können es sehen.
Gott auch. Ihm hab ich’s ja zu verdanken.
Er muss ihn freuen, dass ich so bin, wie ich bin.
Dass ich regelmäßig im Gottesdienst bin.
Dass ich Verantwortung übernehme, dass ich zahle.
Danke, lieber Gott, dass ich so bin.
Gut bin. Besser bin.

Oder eben nicht.
Vieles gelingt nicht im Leben.
Du hast es dir selbst anders gewünscht.
In deinen Beziehungen, in der Familie. Im Beruf.
Und dann bist du froh, wenn dich keiner sieht und keiner anspricht, und keiner fragt.
Was willst du schon sagen?
Du weißt ja selber, dass es nicht gut ist.
Dass es anders besser wäre, aber du hast es nicht geschafft. Und jetzt schämst du dich.
Und weißt: sie haben ihr Urteil gefällt.
Auch wenn niemand weiß, warum es so gekommen ist
Und wie du dich selbst damit herumplagst.
Denn natürlich weißt du genau, was Gott will.
Aber es klappt nicht, so zu leben.
Du kennst die Gebote,
aber irgendwie passen sie nicht zu deinem Leben
oder dein Leben passt nicht zu ihnen.
Ganz offensichtlich kannst du mit den Guten und Frommen nicht mithalten.
Dann bleibst du lieber weg.
Aber das ist natürlich auch nicht richtig.
Aufgeben und resignieren willst du nicht.
Also wirst du beten.
Heimlich, leise, ehrlich, aufrichtig. Schonungslos.
Lieber Gott, mein Leben ist nicht gut.
Beurteile mich nicht nach dem, was misslungen ist.
Schenk mir deine Gnade. Hilf mir, bleib bei mir.
Nur dann kann ich leben.

 „Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

 Leben im Reich Gottes.
Reich beschenkt nachhause gehen, jeder in sein Leben,
Wie der eine, der gerecht gesprochen ist,
er wird gerecht gemacht.
Seine Hoffnung ist, dass Gott ihm gnädig ist.
Darum allein bittet er, um nichts sonst.
Der andere geht nicht gerechtfertigt nachhause.
Er muss nicht gerecht gesprochen werden.
Er bittet nicht darum, weil er gar nicht meint, es nötig zu haben. Er ist es doch, so wie er lebt und handelt.
Er braucht keine Gnade, bloß Bestätigung.
Bestätigung dafür, dass er relativ gut ist.
Gut im Vergleich mit anderen Menschen.

Aber im Reich Gottes geht es nicht um Vergleiche, die doch immer hinken. Es geht nicht um besser, schlechter, frömmer, sündiger.
Jeder hat seine Geschichte, seine Erziehung, seine Erfahrungen.
Das Reich Gottes ist reich für alle.
Egal wie sauber oder misslungen ihr Leben ist,
wie erfolgreich oder scheiternd sie es führen.
Die einen wie die anderen leben davon, dass Gott ihnen gnädig ist, sie liebt, sie hört, sie beschenkt.
Das macht gerade denen Mut und Hoffnung, die so genau wissen, dass ihre Hände leer sind und sie nichts vorzuweisen haben, die im Vergleich immer nur schlecht abschneiden.
Aber im Reich Gottes wird nicht verglichen und nicht belohnt, da wird verschenkt. Was für eine Freude für die, die sich beschenken lassen!

„Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Amen.


Verfasst von:
Pfarrer in Ruhe Andreas Schwarz
Lutherkirche Pforzheim / Evangelisch-Lutherische Kirche in Baden