Lukas 18,9–14

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fromm und frei | 11. So. n. Trinitatis | 16.08.2026 | Lukas 18,9–14 | Verena Salvisberg |

 

Liebe Gemeinde

Zwei persönliche Beispiele führen mich zur Auseinandersetzung mit dem heutigen Gleichnis aus dem Evangelium nach Lukas, betitelt mit «Der Pharisäer und der Zöllner».

Das erste Beispiel: Vor vielen Jahren hatte ich engen Kontakt mit einem Gemeindeglied meiner damaligen Gemeinde, eine fromme Frau, eine vorbildliche Christin könnte man sagen. Sie hatte viele Fragen zu der Art und Weise, wie die Menschen in der Kirchgemeinde ihren Glauben lebten und zum Ausdruck brachten. Für sie war zu wenig Überzeugung zu spüren, der Glaube zu lau und zu zufällig, ein klares und sichtbares Bekenntnis fehlte ihr. Es war eben eine ganz «normale» Gemeinde mit Menschen, die zum so genannten Kern gehörten, aber auch mit vielen, die ab und zu in den Gottesdienst kamen oder nur zu den Frauenmorgen mit gesundheitsbezogenen oder psychologischen Themen oder solche, die zwar an Heiligabend in der Kirche auftauchten, die sich aber mit dem Gesangbuch nicht auskannten und sichtlich unsicher waren.

Meine Bekannte war eine treue Gottesdienstbesucherin und sie gab mir oft Feedback. Zum Beispiel waren ihr meine Predigten immer zu kurz und zu wenig klar. Das entsprach allerdings durchaus meinem Selbstverständnis. Biblische Texte sind für mich selten eindeutig. Aus vielen Geschichten lässt sich meiner Meinung nach keine einfache und klare Botschaft und schon gar keine Handlungsanweisung herauskristallisieren. So liebte ich es, Varianten zu eröffnen, aus der Auslegung eine Auslegeordnung zu machen, die Zuhörer:innen einzuladen, selber zu wählen und ihre Schlüsse zu ziehen. Trotzdem ging mir die Kritik der engagierten Christin zu Herzen. Ich wollte ja auch, dass der Glaube wahr und lebendig und begeisternd daherkam. Mir war es auch Ernst mit dem Evangelium.

Meine Bekannte zog es dann immer mehr in eine Freikirche der Region, wo sie eher fand, was ihr entsprach. Trotzdem blieb sie ihrer Wohnkirchgemeinde treu und pflegte weiterhin den Kontakt zu mir. Einmal sagte sie zu mir: «Weisst du, wenn ich bei denen in den Gottesdienstraum hineinkomme, da sitzen da hundertfünfzig Leute, und alles richtige Christen.»

«Woher weiss sie das?», dachte ich. «Wie kann sie in die Herzen der Menschen hineinschauen? Wie kann sie wissen, dass die Besucher:innen in unserer Gemeinde keine richtige Christ:innen sind. Wie kann man das von aussen sehen?»

Ihr Urteil schien mir ungerecht und nicht gerechtfertigt. Und trotzdem: Ich wollte ja auch, dass der Glaube sichtbar ist, die Menschen der Gemeinde von einer Freude und einer Zuversicht bewegt, die für andere attraktiv sein mochte.

Das zweite Beispiel ist eine Erfahrung, die ich kürzlich gemacht habe während meines Studienurlaubs in der ökumenischen Gemeinschaft auf Iona[1], einer kleinen Hebrideninsel in Schottland. Während fünf Monaten habe ich als Freiwillige in der Küche gearbeitet und das Gemeinschaftsleben mit den Angestellten, weiteren Freiwilligen und den wöchentlich wechselnden Gästen geteilt.

Wichtig sind in dieser Gemeinschaft die täglichen Gottesdienste und Gebete. Alles ist auf Partizipation angelegt, so wird zum Beispiel die Leitung der Gottesdienste ganz unkompliziert untereinander aufgeteilt. Die Liturgien sind vorgegeben, so dass jedermann und jedefrau übernehmen kann. Es braucht keine theologische Vorbildung, es braucht keine Pfarrer:innen. Diese Gebete, in denen auf einmal der Koch oder die Gärtnerin am Rednerpult stand, haben mich angesprochen. Viele Freiwillige haben zum ersten Mal die Leitung eines Gottesdienstes übernommen. Dass ihnen das so viel bedeutet hat, hat mich berührt. Die Abendgottesdienste waren allwöchentlich den Themen gewidmet, die das besondere soziale und politische Engagement der Iona-Community zum Ausdruck brachten: Gerechtigkeit und Frieden, Gebet um Heilung, Schöpfung, Bekenntnis. Da wurde dann ganz konkret über das Leben gesprochen, über den Umgang mit Geld, über vielfältige Möglichkeiten, sich für die Umwelt zu engagieren, über aussterbende Tierarten, Klimawandel, Recycling, LGBTQplus, Friedensarbeit usw.

Dass dabei für meinen (reformierten Pfarrerinnengeschmack) die theologische Auseinandersetzung mit der Bibel zu kurz kam, dass es oft sofort um die Frage ging: Was heisst das konkret, wenn ich eine Christin, ein Christ bin?, das habe ich hingenommen und habe mich ganz auf diesen Rhythmus des «Ora et Labora» oder «Work and Worship», wie es da hiess, eingelassen.

Als ich dann mit der Zeit entdeckte, dass es anscheinend doch «richtigere» Christ:innen gab, nämlich die Mitglieder der Community, die sich in einem mehrjährigen Programm einer bestimmten Lebenshaltung verpflichteten und die durch eine Art Weihe als vollwertige Mitglieder aufgenommen worden waren, war ich zunächst irritiert. Auf Schritt und Tritt liessen diese Menschen uns andern ihre Ernsthaftigkeit und ihr Engagement spüren. Sahen sie ein bisschen auf uns «Normale» hinab oder bilde ich mir das nur ein?

Auf diese Spielchen wollte ich mich jedenfalls nicht einlassen. Ich liess weiterhin im Gottesdienst meinen Blick schweifen über die zusammengewürfelte Gesellschaft, die sich in der Kirche versammelt hatte und freute mich über die Momente der Gemeinschaft mit diesen Menschen. Für mich war klar: Was auch immer sie hergeführt hatte, Zweifel oder Eifer, Fragen oder fester Glauben, man kann nicht in sie hineinsehen. Und wer wäre ich, diese Menschen zu beurteilen?

Trotzdem regten die Community-Mitglieder mich gerade dadurch an über vieles nachzudenken, dass sie von ihrer Überzeugung und ihrem Engagement sprachen, Sie erinnerten mich wieder und wieder an die ganz konkreten praktischen Auswirkungen des christlichen Glaubens und beeindruckten mich mit ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer weltweiten Vernetzung. Was mich irritierte, war ihr spürbares Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein, ernsthafter gläubig, bekennender. Ihr «besseres» Christentum.

Aber eben auch hier: Man sieht nicht in die Menschen hinein.

Ganz anders das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner, unser heutiger Predigttext: Es gewährt uns Einblick in die intimste Gedanken- und Gebetswelt zweier sehr unterschiedlicher Menschen.

Jesus erzählt einigen, die überzeugt waren, gerecht zu sein, und die anderen verachteten, das folgende Gleichnis:
Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und betete, in sich gekehrt, so: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, wie Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ganz abseits und wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und sagte: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging befreit in sein Haus zurück, jener nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden (Lk 18, 9-14).

Der eine, der Pharisäer, ist ziemlich perfekt. Er macht Ernst mit seinem Glauben und richtet seinen Lebenswandel danach aus. Ich finde das sehr beeindruckend. Es ist ihm auch bewusst und er listet seine Guttaten im Gebet auf. Der andere, als Zöllner der Inbegriff eines Sünders, wagt sich kaum in den Tempel hinein, möglicherweise, weil er nichts dergleichen vorzuweisen hat. Er bezeichnet sich als Sünder und bittet Gott, gnädig zu sein.

Der eine geht gerechtfertigt (befreit) nach Hause, der andere nicht.

Es wäre leicht, dieses Gleichnis moralisch zu verstehen, aber ich möchte dieser Versuchung widerstehen. Es wäre zu einfach. Es leuchtet ja sofort ein, dass der Pharisäer nicht befreit nach Hause gehen kann. Er brüstet sich mit seinen Taten. Er vergleicht sich mit anderen, fühlt sich als etwas Besseres. «Danke, dass ich nicht so bin wie die.» Der Pharisäer erinnert mich an die «echten Christen». Sie sind nicht frei. Ihre Gedanken kreisen darum, besser zu sein als die anderen und besser zu werden. Etwas Besonderes zu sein. Das ist unsympathisch, lässt andere zurück mit dem schalen Gefühl zurück, weniger gut zu sein. Aber werden sie deswegen verurteilt? Oder ist es an mir, sie aufgrund des Gleichnisses zu verurteilen. Mitnichten!

Ich bleibe dabei, es ist nicht an mir zu urteilen. Ich lasse meinen Blick im Tempel schweifen und geniesse die Gemeinschaft all dieser Menschen, die den Weg hierher gefunden haben. Muss ich mich vergleichen? Nein. Muss ich mich vergleichen lassen? Nein.

Frei bin ich, wenn ich das Urteilen Gott überlasse.

Und er sei mir gnädig, falls diese Predigt zu wenig klar oder zu kurz geraten ist.

Amen


Pfrn. Verena Salvisberg Lantsch, Merligen
E-Mail: verenasalvisberg@bluewin.ch

Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Gemeindepfarrerin in Laufenburg, Frick und Roggwil BE, seit 2022 Regionalpfarrin der Berner Kirche im Kreis Berner Oberland/Oberes Emmental


Fussnote

[1] https://iona.org.uk