Lukas 19,1-10
Dank statt Missgunst: Verschränkung blockiert, Lichtlauf justiert! | Lukas 19,1-10 | 14. S. n. T. | 06.09.26 | Markus Kreis |
Sanft hebt sein Weg abwärts an. Unter graubraunen Felsriesen wandert der junge Mann in die Ebene des Jordan hinein zur nächsten großen Stadt. Viele Kehren bremsen den Ausgriff seiner Füße und Beine, zeichnen den Weg seines Lebens vor.
Betrachten wir Jesu Spurverlauf aus der Perspektive eines Vogels. Also von oben her – so, als ob er seinen Weg von oben nach unten mit Tinte gezogen auf der Ebene eines Blatt Papiers gegangen wäre: Das geht so schön hin und her, seine Spur sieht fast aus wie das Torkeln eines Trunkenen, von links nach rechts und von rechts nach links. Und je tiefer nach unten, desto mehr fast wie auf der Stelle tretend, zum Schluss auf dem Papier ein tiefdunkler Klecks. Schlimmer geht immer, tiefer geht nimmer, vom Gebirge hinab an einen der tiefsten Orte der Erdlande, Jericho, 250 m unter dem Spiegel der Meere. Mit Tiefen kennt Jesus sich aus. Zur Welt gekommen in einer Unterkunft für verarmte Reisende, genauer gesagt, weil deren Wohnraum gerammelt voll war, geboren in deren Stall für Tragtiere, zwischen Futter, Mist und Staub. Da bedeutet es kaum was, wenn Jesus das Licht der Welt 1000 m höher als jetzt in Bethlehem erblickt hatte. Nun sind eh Jahre vergangen. Schnurstracks geht’s nach Jericho, Gott befohlen. Aus dem verwinkelten Niedergang wird ein Marsch, eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier, im Gleichschritt mit Gott. Eine Prozession im Auftrag des Herrn. Der Welt wird gezeigt, was in Wahrheit am Laufen ist.
Jesus ahnt: Da steht mir ein harter Tag bevor. Denn die alte Megacity bedeckt einiges an Boden, das ist von hier schön zu sehen. Das braucht seine Zeit, bis man ihre Viertel und Gassen durchmessen hat. Nicht gerade ein Kinderspiel, aber doch machbar – wenn man so eine Distanz in seinem Leben schon hinter sich gebracht hat. Der Sprung ins Leben ist härter als jeder Subway oder Boulevard gewesen. Also frisch ans Werk!
1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Jesus ist in Jericho von Anfang an erfolgreich. Er kommt seinem Auftrag nach und sein Ruf trägt Frucht wie ein Obstbaum im Sommer. Die Rede von ihm verbreitet sich wie der Blitz überall in Stadt. Als ob es damals schon Handys und das weltweite Netz gegeben hätte. Auch Zachäus hatte von ihm schon einiges gehört und möchte einen Blick erhaschen. Da kann Jesus froh sein, dass Zachäus lediglich das von ihm will. Sonst fordert der von den Leuten nämlich etwas anderes und zwar viel mehr. Denn der macht von Berufs wegen auf römisch Inkasso. Er treibt also Steuern, Zoll und Gebühren ein, die Mensch der Verwaltung zu zahlen hat. Um den Zahlungsfluss am Laufen zu halten, hat die Behörde sich was ganz Schlaues ausgedacht und gemacht: Sie hat die Geldmenge geschätzt, die sie in einer bestimmten Frist bei so und so viel Leuten und deren Handel und Wandel einnehmen müsste. Dann hat sie für diese Summe das Recht an einen verkauft, bei den Leuten die Gelder zu kassieren. So hatte das Amt das Geld sicher. Und der Eintreiber das Problem mit denen, die zahlen mussten – und nur mehr oder weniger wollten oder konnten. Wenn einer schlau und kalt und hart genug war, dann konnte römisch Inkasso reich machen – umso mehr, wenn die Einnahme nach Frist größer war als die Summe, die er der Behörde gezahlt hatte. Eine Art Pacht in Sachen Steuern.
So einer nämlich ist Zachäus. In Jericho dreht er am ganz großen Rad, ja, er kann die Schmutzarbeit sogar andere machen lassen. Die Leute von Jericho wissen trotzdem Bescheid über ihn. Der da sagt in Wahrheit Stopp! Und hält die Hand auf und die Schranke zu. Und öffnet die Schranke erst dann, wenn seine Fäuste und Säckel die Münzen umschließen. Mindestens missliebig ist er, wird schief angesehen und geschnitten. Mit ihm zu tun haben will Mensch nur, wenn es unbedingt sein muss. Was weiter und umgekehrt heißt: Die Menschen zahlen es ihm bei Gelegenheit gerne heim, am besten in Überzahl und hinten rum und heimlich. So auch hier und heute. Zachäus möchte gern in der Hauptstraße mitschauen und wie bei einem Rave auch rumtänzeln, rufen und feiern. Und die Leute machen ihm auch bereitwillig Platz am Straßenrand. Allerdings nur in der hintersten Reihe, da Durchgang verschlossen. Nach vorne bleibt es zu, so eng rücken die Leute zusammen, wenn er Anlauf nimmt. Das raubt ihm jede Sicht. Und schließt ihn auch sonst aus, da er eher klein und schmächtig ist. Zack, da hast Du es, elende Schlange! Aber Zachäus wäre nicht so gut bei Inkasso, wenn er sich das einfach gefallen ließe. Er weiß sich zu helfen, der Schlauberger. Statt zu Drohung und Gewalt zu greifen, macht er was anderes. Er rennt hinter dem Rücken des Walls menschlicher Leiber die Straße in Jesu Gehrichtung vor. Und als er bei genügend Vorsprung einen Maulbeerbaum sieht, klettert er flugs hinauf und lässt sich auf einem dicken Ast nieder. Dort kann er die Sache von oben besehen und auf Jesus draufschauen. Schönes oder Schlimmes anglotzen, ohne davon betroffen oder gar beschädigt zu werden – diesem Vergnügen gehen Menschen immer noch nach. Heute muss dazu ein Mensch sogar nur auf einen Lümmelplatz klettern und den Bildschirm anknipsen. Wie dem auch sei: Ich, Zachäus, oben! Und Jesus und die Leute unten, davor die Laubwand als eine Schranke, so gefällt das!
Sich hinter Laub verbergen, das hat ja schon bei Adam und Eva schlecht geklappt. Und hier wie damals spürt die göttliche Lichtschranke eine Unterbrechung. Also Abriss des Kontakts mit dem Gegenpart, hier und heute bei Zachäus. Alle Maschinen und Geräte auf Null! Und gleich dagegen gesteuert. Jesus räuspert sich kurz vor dem Maulbeerbaum, schaut kurz umher und dann zu Zachäus hinauf, hält vor der Brust die Handflächen nach oben auf und bittet: „Steig eilend herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Und zack hat er ihn im Sack, denn der Kleine mit der erhob´nen Nase steigt hinunter und bringt freudig erregt den Gast in sein Haus, um ihn dort zu bewirten. Jesus hat Zachäus mit dessen eigenen Waffen geschlagen. Ein Zollpächter unterbricht ja Weg und Lauf des Menschen, indem er dessen Leib per Schranke stoppt und die Hand aufhält. Und erst weiter seiner Wege ziehen lässt, wenn der seinen Obolus entrichtet hat. Ähnlich Jesus, der unterbricht den Lebenslauf des Zachäus. Er hält wie durch eine Art Lichtschranke Kontakt mit ihm. Und die erfüllt ihren Kontrollzweck: Als nämlich Lichtweg und Kontakt durch die Laubwand abreißen, geht es anders weiter als vom Baumgast ausgedacht und gewünscht. Jesus bemerkt nämlich den Abbruch, öffnet seine Hände nach oben und verstellt mit einem Zuruf Zachäus den Weg. Und sein Text kann sowohl als Bitte wie auch als Befehl gehört und verstanden werden. So oder anders oder beides, der Zuruf verdrängt und stoppt erfolgreich die alten Gedanken und Absichten von Zachäus und lässt ganz andere auftauchen. Der Laufstrahl der Lichtschranke funktioniert wieder. Zu den großen Rätseln des Glaubens gehört hier der Faktor Zeit. Denn es kann ganz anders laufen als hier. Das war letztes Wochenende in der Schweiz leider zu sehen. Wann wird der Himmel des Abbruchs von Licht und Kontakt seitens eines Menschen gewahr? Wann justiert er den Laufstrahl seiner Lichtschranke neu, um das Böse zu bremsen und Mensch und Welt wieder auf seinen guten Weg zu bringen? Was bedeutet da rechtzeitig? Da bleibt einem nur der Glaube, dass Jesu Kreuz und Auferstehung das Licht der Welt ist. Und damit das Vertrauen, dass Gott letztlich jede blockierte Verschränkung beendet, so dass der Laufstrahl seiner Lichtschranke sich ins Leben neu justiert.
Und noch eine Spitzkehre obenauf. Statt diesem Wunder Lob und Dank zu zollen, droht Missgunst und Neid. Den Bürgern von Jericho hat der Sinneswandel des Zachäus die Laune verhagelt. Reue, die zurecht so spät kommt, die kam ihnen wohl kaum in den Sinn. Obwohl Gott allein über der Zeit steht. Und Gott allein überblickt, was tatsächlich zu spät kommt und vergeblich ist. Und was noch rechtzeitig auftritt und gut Wirkung entfaltet, auch wenn Menschen es für zu spät halten. Die Leute machen sich selbst zu Gott und denken nur an Reue, die zu spät kommt. So gefangen sind sie in dem Thema. Kein Wunder, fast jeder weiß ja, was vergebliche Reue anrichtet! Was die mit einem Leben machen kann. Manch Geschiedener weiß davon zu berichten, manch erklommene Karrierestufe, manches Krankheitsstadium, manch Verhältnis zu den Kindern. Es gibt so viele Kurven, aus denen man fliegen kann, wenn man zu spät bremst. Zu späte Reue ist vergeblich, späte Reue, die Vergebung bringt, ist doch zeitig genug gewesen, mindestens in Gottes Augen.
Die Leute von Jericho, blind für Gottes Tun und Wirken in Jesus? Ob hier etwas sanft beginnt, böse zu eskalieren? Aus lauter Wut immer mehr auf der Stelle tretend? Ein Niedergang voller Spitzkehren, also voll verkehrter Wendungen und Gedanken. Moralische Empörung. Wachsendes Schmollen und Gekränkt sein. Und ganz, ganz oben Überheblichkeit. Die fährt sich so leicht hoch. Und kann darin doch nur verkennen, an welch´ großem Gewicht sie sich grad übernimmt. Dass ihr Schmollen gerecht ist, dessen sind die Leute immer ganz gewiss. Gleiches gehört mit Gleichem vergolten! Wo kommen wir denn da hin?! So falsch stellen sie sich Gott vor und damit über ihn. Als wüssten sie es besser als der. Blind, weil sie von gleich zu gleich Bilanz ziehen, statt den Neuzuwachs mit zu berechnen. Lichtscheu und blind dafür, dass der Sinneswandel des Zachäus echt ist. Blind für Gottes zahllos gute Möglichkeiten. Die da entspringen seiner Macht und Übersicht. Immer wieder Ansprache mit Vergebung und tiefe Reue samt echtem Neuzuwachs. Und dessen Benefit wird dann unter die Leute verteilt.
Egal, sollen die Leute murren und denken, was sie wollen. Jesu Zuruf verdrängt und stoppt die Gedanken und Absichten von Zachäus. Sein Bittbefehl setzt diesen auf einen neuen Weg ins Leben. 8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Er wird danach immer noch über einiges Vermögen verfügt haben, und das ist auch recht so. Was brächte es denn, einen Sozialfall zu produzieren, nur damit gerecht vergolten wird? Was brächte denn Vergeltung um jeden Preis? Freuen wir uns lieber dankbar über Jesus. Statt Missgunst, freuen wir uns lieber dankbar über das gute Werk Gottes in ihm für die Welt. Selbst wenn manche mehr Gutes und weniger Schlechtes abkriegen als wir. Das wird sich schon finden, dem göttlichen Lichtzuwachs sei Dank. Amen.
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