Lukas 2,1-14

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Predigt zum Heiligen Abend | 24. Dezember 2025 | Luk 2,1-14 | Tine Illum |

Weihnachten öffnen

 Bitte beachten Sie das beigefügte Bild.

„Schau mal“, sagte er… und zeigte seinem Enkelkind die winzige kleine Weihnachtskrippe im Fenster. In ihm hatte er etwas geöffnet. Es sah aus wie eine kleine rote Samtkiste, und dort war die Weihnachtskrippe. Sie war wirklich unglaublich klein. Um sie zu sehen, musste man die Nase ganz hineinstecken. „Schau mal… sieh, da ist Jesus, er liegt in so einer Krippe, aus der die Tiere fressen… und da ist seine Mutter, Maria, – und dort ist Josef… und schau nur… dort hinten sind ein Esel und ein Ochse… denn Jesus wurde in einem Stall geboren“. Das ist es, worum es bei Weihnachten geht. Das ist Weihnachten“.

Nun wusste das Enkelkind natürlich, dass Kinder – seine kleine Schwester zum Beispiel – im Krankenhaus geboren werden und nicht in einem Stall. Das Kind wunderte sich sehr darüber, dass Jesus an solch einen Ort geboren wurde. Aber das war nicht das Schlimmste. Er schaute lange auf die Krippe und sagte: So klein ist kein Baby. Dann gab es eine kleine Pause… „und er hat auch die falsche Farbe“.

So viel gesunder Menschenverstand in einem Fünfjährigen. Als aber nach ein paar Stunden ein herzzerreissendes Geheul ertönte, war die Nüchternheit weg. Denn was wie eine kleine Kiste aussah, war tatsächlich eine kleine Weihnachtsmannfigur. Sie liess sich öffnen, und man sah die kleine Krippe darin. Der Grossvater hatte sie geschlossen und wieder auf die Fensterbank gestellt. Das Enkelkind schrieh: „Der Weihnachtsmann hat Weihnachten aufgegessen!  Weihnachten ist verschwunden. Schau, schau. Der Weihnachtsmann hat Weihnachten aufgegessen!“ „Nein“, sagte der Grossvater, „komm her, jetzt wirst du sehen, jetzt öffnen wir Weihnachten wieder“. Und die Erleichterung, die in den Augen des Jungen zu sehen war, war fast so gross wie die Freude für das ganze Volk, von der die Engel sangen.

Jedes Jahr hören wir Menschen über Plastikweihnachtsschmuck und Weihnachtspop schimpfen. Leute sind gestresst von allem, was sie schaffen müssen. Sie finden, Weihnachten ist völlig im Schnickschnack und Jinglebells verloren. Sie sagen eigentlich wie der kleine Junge: der Weihnachtsmann hat Weihnachten aufgegessen. Es gibt so viel Drumherum und Glitzer. Es gibt keinen Raum, um mit stillem Gemüt zur Krippe zu gehen {Zitat eines dän. Kirchenlieds}. Es gibt keinen Raum für die Freude über den Engelsgesang. Keine Zeit für Nachdenken und Glauben. Etwas ist gewiss daran.

Andere behaupten, Weihnachten sei mitten in der Bosheit der Welt nur Oberflächlichkeit und Opium für das Volk und ein Versuch, die Wirklichkeit zu vergessen. Wir lassen gerne den Weihnachtsmann Weihnachten aufessen, sodass das Einzige, was wir haben, ein gemütlicher Weihnachtsmannbart ist. Wir vergessen, das Kind ist im Nahen Osten geboren von Eltern, die in einer Tyrannei lebten, ähnlich jenem, in der auch heute noch viele leben. Wir vergessen, dass Jesus in den ersten Jahren seines Lebens ein Flüchtlingskind in Ägypten war, und dass er ein Leben in Verletzlichkeit und Verachtung lebte. Etwas ist gewiss daran. Wir kommen schnell zum Schluss, dass der Weihnachtsmann Weihnachten aufgegessen hat, und dass die Welt im Argen liegt, und dass die Welt falsch und hohl ist {Zit. eines dänischen weihn. Kinderlieds}. Viele stimmen in die Lieder der Hoffnungslosigkeit ein und erzählen die mutlosen Geschichten. Wir brauchen jemanden wie der Grossvater, der eine Anderes erzählt. Wir brauchen jemanden, der Weihnachten öffnet Wir brauchen Hoffnung.

Und Hoffnung ist genau, was Weihnachten zur Welt kommt. Es gibt Hoffnung für die Welt, für dich und mich. Wir sind nicht wertlos und vergessen, egal wie herzlos es in der Welt und in uns selbst hergeht.

Wir vergessen so leicht, dass es tatsächlich genau unsere Welt ist, in die Jesus kommt. Es ist diese Welt, die Gott über alles liebt. Er kommt in unsere Ängstlichkeit, zu Weihnachten nicht perfekt zu sein.

Er kommt in unseren viel zu kleinen Glauben und unsere viel zu versteckte Hoffnung. Er kommt zu uns, die wir so leicht oberflächlich werden in unseren Gedanken und Worten, und so leicht gefühlskalt gegenüber der Not anderer. Er kommt zu uns, die wir viel zu wenig glauben und hoffen und lieben.

Jesus kam weder damals noch heute in eine perfekte Welt, sondern in eine Welt mit Unterdrückung, Hass und Krieg. Eine Welt, in der es alles andere als Frieden und Barmherzigkeit gab. Er kommt mit seiner Liebe und wohnt bei uns und sieht die Welt mit den Augen eines Kindes. Er will zerbrechlich und machtlos sein und unser Leben von innen kennen.

Gott wird ein Mensch aus Fleisch und Blut. Nicht ein Zuschauer unseres Lebens, der mit Verachtung den schiefen Gang der Welt beobachtet. Er geht hinein und bekommt die schmutzige Finger und Sand zwischen die Zehen. Er kennt uns. Und weicht niemals von uns, egal wie sehr wir unser Leben verfehlen. Er bleibt bei uns und gibt uns mehr Leben, als wir verstehen. Gibt uns eine Liebe grösser, als wir ahnen. Lässt sein Weihnachten und seinen Himmel und sein Herz sperrangelweit offen für uns.

Wenn wir Weihnachten mit Girlanden und Weihnachtsmännern feiern, dann gibt es auch eine andere Möglichkeit, als dass der Weihnachtsmann Weihnachten aufisst. Wir können ihn Weihnachten öffnen lassen. Wir können alles, was in den Weihnachtstagen geschieht, für eine tiefere Bedeutung öffnen. Wir können mit der Weihnachtsmusik Weihnachten öffnen. Dann erkennen wir, was die Engel über Frieden singen und was das in unserem Leben bedeutet. Wir können vom kleinen Himmelskönig hören und zuhören und mitsingen. Die Lieder in uns singen lassen, auch nach dem Gottesdienst. Trost in uns hineinsingen, falls wir gerade in diesem Weihnachten geliebte Menschen vermissen. Freude ins Herz singen, wenn es schwer fällt, Sinn und Zusammenhang zu finden. Glauben und Hoffnung und Liebe in unsere Seele. Mut und Kraft in unser Tun singen.

Alle unsere Weihnachtstraditionen können Weihnachten für uns öffnen. Ein Dichter schrieb vor einigen Jahren: „I tell you this to break your heart, by which I mean only that it break open and never close again to the rest of the world.“ {Zit. der Dichterin Mary Oliver, „Lead“ (2014), hier in der Originalsprache}. So eine Erzählung ist das Weihnachtsevangelium. Es öffnet uns. Es öffnet meinen Verstand und meine Seele und mein Herz.

Aber was ist dann am Zweiten Weihnachtstag und wenn die Schule wieder anfängt? Verschliesse ich dann ganz langsam wieder mein Herz? Lasse ich Weihnachten durch den Weihnachtsmann ganz aufgegessen sein? Verschliesse ich mein Herz für das Wunder im Kind in der Krippe und in meinem täglichen Leben? Oder hat Weihnachten mich wirklich geöffnet? Ist es das, was am heutigen Abend geschieht? Vielleicht nur in einem Aufblitzen, in einem Ton. Das ist genug. Mögen unsere Herzen geöffnet werden, sodass sie sich nicht mehr für den Rest der Welt verschliessen. Mögen unsere Weihnachtsherzen sperrangelweit offen stehen, sodass das Weihnachtsevangelium das ganze Jahr über in uns wohnen kann. Sodass es sich in unserem Blick spiegelt, unserem offenen weihnachtlich-neugeborenen Blick.

Amen.

Tine Illum

Pastorin Sdr. Bjert

ti(a)km.dk

Übers. Jan Asmussen