Lukas 24,36–45

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„Christus ist auferstanden!“ | Ostermontag | 06.04.2026 | Lukas 24,36–45 | zugleich für: Bodelschwingh-Haus, Erlangen | Rainer Stahl

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit Euch allen!“

Liebe Leserin, lieber Leser!
Liebe Schwestern und Brüder!

An den Anfang stelle ich das Bibelwort aus Lukas 24, das der Predigt zugrunde liegen soll – im Wesentlichen entsprechend der Fassung der Lutherübersetzung:

V. 36a „Als sie aber davon redeten, trat Jesus[i] selbst mitten unter sie
V. 36b und sprach zu ihnen: »Friede sei mit euch!«[ii]
V. 37a Sie erschraken aber und fürchteten sich
V. 37b und meinten, sie sähen einen Geist[iii].
V. 38a Und er sprach zu ihnen:
V. 38b »Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz[iv]?
V. 39a Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber.
V. 39b Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.«
V. 40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße.
V. 41a Da sie es aber noch nicht glauben konnte vor Freude und sich verwunderten,
V. 41b sprach er zu ihnen: »Habt ihr etwas zu essen?«
V. 42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor.
V. 43 Und er nahm’s und aß vor ihnen.
V. 44a Er sprach aber zu ihnen:
  »Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war:
V. 44b ‘Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose
  und in den Propheten und Psalmen‘.«
V. 45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.“

Gleich zu Beginn muss ich zugeben, dass mich angesichts dieses biblischen Wortes eine Unsicherheit und eine Frage bestimmt hatten: Wieso war es als Grundlage für eine Predigt ausgesucht worden?

Zuerst aber halte ich fest: Wir haben eine wichtige Szene gehört. Wir sind hineingenommen worden in die Begeisterung und in die Zweifel, die die Jüngerinnen und Jünger Jesu erfüllt hatten: Der Beerdigte steht als Auferstandener in ihrer Mitte! Dieses Erlebnis war so grundstürzend, dass sie vor allem eine Empfindung erlebt hatten:

„Sie erschraken aber und fürchteten sich
und meinten, sie sähen einen Geist / ein Trugbild / ein Gespenst“ (V. 37).

Deshalb musste ihnen der Auferstandene die wahre Wahrheit deutlich machen, ihnen einen Weg des Nachempfindens und letztlich des Verstehens aus der eigenen religiösen Tradition eröffnen:

„»Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.«

Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden“ (V. 44b-45).

Was aber kann von all‘ dem gepredigt werden? Was kann unseren eigenen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen nahegebracht werden? Das ist die große Frage!

Denn wir leben in einer grundlegend anderen Zeitsituation: Wir leben in der Zeit nach der „Himmelfahrt“ des Auferstandenen. Wir leben in der Zeit, in der der Auferstandene wirklich in der Dimension Gottes existiert und von dieser Dimension aus auf uns wirkt – uns aber nie wie ein anderer Mensch begegnen wird. Wir können nicht erwarten zu erleben, dass wir mit ihm direkt beraten könnten, dass wir zusammen mit ihm über alttestamentliche Aussagen nachdenken könnten, dass wir – man stelle sich das vor! – mit ihm essen könnten.

Auch wir sind herausgefordert, die Auferstehung Jesu Christi wirklich zu glauben. Aber eine wie hier vorgestellte Gesprächssituation mit ihm wird nicht möglich sein. Nur Gesprächssituationen mit den Nachfolgerinnen und Nachfolgern der Jüngerinnen und Jüngern werden für uns möglich sein. Dafür und darauf hin und von daher wird Predigen möglich werden!

Die zu erwartenden Fragestellungen und Herausforderungen möchte ich zuerst allgemein benennen, aber immer auch den Bezug zu meinem Leben und für Sie den Bezug zu Ihrem Leben andeuten: Wie war bei mir / wie war bei Ihnen der Glaube an die Auferweckung Christi entstanden? Wer waren die Zeuginnen und Zeugen, denen ich vertraut hatte / denen Sie vertraut hatten? Welche Zweifel musste ich durchstehen und überwinden / mussten Sie durchstehen und überwinden? – Dies alles aber in völlig anderen Situationen als der Situation, die in unserem biblischen Wort skizziert wird!

Stelle sich jede und jeder diese Fragen! Versuche sich jede und jeder an die Kämpfe um den Glauben zu erinnern, die Widersprüche zu erinnern, die überstanden werden mussten!

Ich muss zugeben, dass ich kein Schlüsselerlebnis erinnern kann. Der Glaube an Gott war in meiner Familie, zu der ich als Sohn gehörte, Voraussetzung des Denkens. Dieser Glaube musste nicht widerständig erworben werden.  Natürlich habe ich als Jugendlicher in der DDR mit der Infragestellung von sozialistischer Seite – zum Beispiel in den Fächern „Staatsbürgerkunde“ und „Marxismus-Leninismus“ – leben müssen. Aber bis an die tiefen Grundlagen meines eigenen Glaubens habe ich solche Herausforderungen nie herangelassen. Außerdem habe ich selbst diesen, meinen Glauben eigentlich nie wirklich in Frage gestellt. Teil dieses Glaubens war der Glaube an Jesus aus Nazareth als den Christus. Dafür war für mich immer wichtig, dass Jesus aus Nazareth ein Angehöriger des Judentums war, aber auch für mich als Menschen in Deutschland – damals also: in der DDR – als das sichtbare Gesicht Gottes verstanden werden konnte. Dabei waren auch Bilder wichtig: In der Stadtkirche von Meiningen, in die ich viel zu Gottesdiensten gegangen war, steht hinter dem Altar ein lebensgroßer, großartiger gekreuzigter Christus von Veit Stoß, der in Krakau und Nürnberg gewirkt hatte und 1533 in Nürnberg gestorben war.[v] Dieser Gekreuzigte war mir immer das Bild des Christus, den ich für meine Zeit und für meine Wirklichkeit als Auferstandenen, als wahren Herrn zu glauben gelernt habe:

 (Fotografiert am 23.9.2018)

Zwischen den beiden Türmen der Stadtkirche gibt es eine kleine Brücke, die ich bei Jugendstunden nach der Konfirmation auch immer wieder betreten hatte. Da entstand in mir das Bild davon, dass der Auferstandene einmal dort erscheinen und meine Heimatstadt regieren werde. Ist das nicht ein merkwürdiges Bild? Aber es war Ausdruck meiner Hoffnung, dass er wirklich der wahre Herr ist. Damals hieß das für mich vor allem: Gegenüber und an Stelle der vordergründigen Machthaber des Sozialismus der wahre Herr zu sein. Heute heißt das gewiss: Gegenüber und an Stelle der vordergründigen Machthaber in der Industrie, in den Parteien zum Beispiel der wahre Herr zu sein.

Wie der Evangelisten-Kollege Matthäus in seinem Evangelium den folgenden Satz des auferstandenen Christus als Schlusswort seines Evangeliums dokumentiert hatte:

„Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20b).

Mein Wunsch ist es, dass diese Überzeugung auch bei Ihnen gestärkt und vertieft wird. Dass diese Überzeugung auch Ihnen die Grundlage für das eigene Leben zur Verfügung stellt: Trotz aller Schwierigkeiten, trotz aller Unzulänglichkeiten und Schmerzen, trotz aller Ängste und Unsicherheiten. Auf diese Grundlage können wir uns verlassen. Sie wird uns zum diesjährigen Osterfest versichert, unterstrichen, allen anderen Gewissheiten vorgeordnet.

Bei Besuchen in Russland und in Rumänien habe ich gelernt, dass man sich in der Osterzeit nicht einfach mit „Guten Tag!“, mit „Moin! Moin!“, mit „Mahlzeit!“ – oder so – grüßt, sondern zur anderen Person, zu den anderen sagt: „Christus ist auferstanden!“. Bei einem Spaziergang oberhalb von Kronstadt / Brassov / Brassó in Rumänien im Jahr 2019 hatte mich ein mir begegnender Mann mit „Christus ist auferstanden!“ gegrüßt. Vor viel mehr Jahren – am Nachmittag des 1. Mai des Jahres 1973, damals zwei Tage nach dem orthodoxen Osterfesttermin – hatte ich das erstmals erlebt: Unsere Gruppe, die bei einem Spaziergang auf dem Roten Platz in Moskau war, kam mit zwei russischen Jugendlichen ins Gespräch. Und einer hatte uns mit diesem Gruß gegrüßt: „Christus ist auferstanden!“ Weil ich damals nicht wusste, wie man korrekt antwortet – in deutscher Sprache: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ –, hatte ich nur mit „Ja!“ „Ja!“ geantwortet. Aber die große Wahrheit war ausgesprochen worden.

In dieser Weise wollen wir uns heute grüßen:
Ich sage: „Christus ist auferstanden!“
Sie reagieren: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Amen.

„Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn!“


Verfasst von:
Rainer Stahl


Liedvorschläge:

EG 115: „Jesus lebt, mit ihm auch ich! …“
EG 118: „Der Herr ist auferstanden…“
EG 558: „Ich hör die Botschaft: Jesus lebt! …“

Fussnoten:
[i]  Viele alte Zeugen haben „des Jesus“ / „Jesu“ eingefügt. Andere – wie der Papyrus 75 und der Sinaiticus – haben den Text ohne „Jesus“, wie er auch in der Lutherbibel gefasst ist.

[ii]  Auch an dieser Passage wurde in der antiken Zeit gearbeitet. Folgende Varianten nenne ich: „Ich bin’s, fürchtet euch nicht!“ und: „Fürchtet euch nicht; ich bin’s!“

[iii]  Ein Zeuge hat hier den Begriff «Fantasma»: „Trugbild“, „Gespenst“.

[iv]  Viele Zeugen haben „in eure Herzen“.

[v]  Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Veit_Stoß (Zugriff am 4.2.2026).