Lukas 24,46-53

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Unsere Begegnungen | Christi Himmelfahrt | 14. Mai 2026 | Lk 24,46-53 | Lasse Rødsgaard Lauesen |

Wir leben von Begegnungen.
Es passiert nicht bloss gelegentlich. Es ist die Art, wie das Leben beschaffen ist. „Das Leben ist das, was dir passiert, während du damit beschäftigt bist, andere Pläne zu schmieden“ {John Lennon, A.d.Ü.}. Und wenn man auf ein Leben zurückblickt, erinnert man sich selten zuerst an die Pläne. Es ist, was zwischen Menschen geschah. Ein Blick, ein Gespräch, eine Gemeinschaft, die entstand und sich als entscheidend erwies. Manche Begegnungen berühren uns flüchtig und verschwinden wieder. Andere brennen sich ein. Und hinterher lässt sich kaum erklären, warum gerade dieser Mensch, gerade dieser Augenblick Bedeutung gewann. Vielleicht ist das genau, was wir wundervoll nennen müssen.

Aber jede Begegnung trägt auch etwas anderes in sich: den Abschied. Nicht als etwas, das erst am Ende kommt, sondern als Teil dessen, was es bedeutet, an einen anderen Menschen gebunden zu sein. Je tiefer die Begegnung, desto verwundbarer werden wir auch. Die Begegnung birgt beides: Abschied und Freiheit. Wären wir immer beisammen, würden wir uns vielleicht nie wirklich begegnen, und vielleicht würden wir das Kostbarste verlieren. Denn gerade in der Trennung entstehen Sehnsucht und Erwartung, und die Begegnung bekommt dadurch ihre Bedeutung. So leben auch die Jünger mit Jesus. Sie begegnen ihm, folgen ihm – und müssen immer wieder erfahren, dass er sich nicht festhalten lässt. Nicht im Leben. Nicht im Tod. Und jetzt auch nicht in der Himmelfahrt.

Wir leben von Begegnungen. Und deshalb leben wir auch mit dem Abschied. Jesus scheidet von seinen Jüngern, und sie können ihn nicht mehr sehen. Doch genau da hebt er seine Hände und segnet sie. Es sieht wie ein Lebewohl aus, aber es ist keines. Denn der Segen ist kein Schlusspunkt, sondern eine andere Art, ihnen zu begegnen. Kein Festhalten an dem, was entschwindet, sondern eine Weise, es weiterzutragen. Es ist der auferstandene Christus, der handelt. Er ist nicht an einen Ort, eine Zeit oder eine Gestalt gebunden. Deshalb kann er auf eine neue Weise gegenwärtig sein. Die Welt ist dieselbe, und doch nicht mehr dieselbe. Denn etwas ist in sie hineingelegt worden.

Dass wir von Begegnungen leben, trägt auch die Geschichte vom Kleinen Prinzen. {Antoine de Saint-Exupéry 1943, A.d.Ü.}. Der Kleine Prinz begegnet einem Fuchs, der sagt, er müsse „gezähmt“ werden, nicht um unfrei zu werden, sondern um bedeutsam zu werden. Wenn das geschieht, ist die Welt nicht länger austauschbar. Etwas wird einzigartig. Aber der Fuchs weiß auch, was das kostet. Denn was bedeutsam wird, kann auch verloren gehen. Und dennoch sagt er Ja. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, sagt er. „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Und wenn sie sich trennen: Wenn du ein Weizenfeld siehst, wirst du an mich denken. Der Weizen ist derselbe – und doch nicht derselbe. Denn er trägt nun eine Gegenwart in sich, die war und ist. So ist es auch mit den Jüngern. Sie müssen Jesus loslassen. Und doch bleibt er bei ihnen – nicht als sichtbare Gegenwart, sondern als etwas, das in sie hineingelegt wurde: Worte, die sie gehört haben, eine Art, begegnet zu werden, ein Leben, das sie geteilt haben.

Wir leben von Begegnungen. Und wir leben von der Erfahrung, dass Verlorenes nicht für immer fort ist. Es kann sich in Gegenwart auf andere Weise verwandeln. Darum ist Christi Himmelfahrt keine Abwesenheit, sondern eine andere Form der Nähe. Jesus ist nicht fort, sondern lebt und wirkt, nicht länger begrenzt durch das Sichtbare, sondern uns im Segen zugewandt. Und dort begegnet er uns auch heute.

Denn was ist ein Segen eigentlich? Wir verwenden das Wort oft in der Kirche. Wir sagen: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Wir beenden den Gottesdienst mit dem Segen und mit dem Zeichen des Kreuzes. Aber was geschieht dabei? Ein Segen ist kein frommer Wunsch und kein schöner Abschluss. Er ist Gottes Handeln am Menschen. Und hier begegnet Gott uns jeden Sonntag, einem jeden von uns. Das Wort „segnen“ bedeutet „Gutes sagen über“ {Dänisch wurzelt „velsigne“ volksethymologisch in „sige vel“, Deutsch jedoch (korrekter?) eher im lateinischen „signare“, also „zeichnen“, A.d.Ü.}, aber in der Bibel ist es mehr als Worte. Wenn Gott segnet, schafft Gott Leben, öffnet Wege, trägt, schützt und gibt Richtung. Es ist Gottes Weise zu sagen: Du bist nicht dir selbst überlassen. Ich bin bei dir – auch wenn du von hier gehst.

Gott wendet sein Angesicht dir zu. Nicht ab. Nicht verborgen. Sondern in Gegenwart. Und der Höhepunkt ist Friede – Schalom: Ganzheit, Zusammenhang, Leben, das zusammenhängt. In seiner tiefsten Bedeutung ist Schalom genau dies: dass alles so ist, wie es sein soll. Dass Beziehungen heil sind, dass das Leben verbunden ist, und dass der Mensch in der rechten Verbindung zu Gott, zu anderen und zu sich selbst steht. Deshalb ist Schalom nicht nur ein Zustand, sondern auch eine Bewegung. Eine Wiederherstellung, bei der das Zerbrochene in den Zusammenhang zurückgeführt wird, so dass das Leben wieder in einer neuen und heilen Gestalt gelebt werden kann. Das Schiefe wird nicht nur geradegerückt, sondern in etwas Fruchtbares verwandelt wird, damit das Leben wieder in einer neuen und ganzen Ganzheit gelebt werden kann.

Darum gehen die Jünger nicht in Leere von dort weg, sondern in Freude.

Wir leben von Begegnungen. Auch wenn wir das einmal Begegnete nicht mehr festhalten können. Denn ein Segen ist kein frommer Wunsch, sondern Gottes Handeln: ein Versprechen, dass Gott uns nicht loslässt, wenn wir einander loslassen. Wenn wir die Kirche verlassen, gehen wir mit Gottes Segen im Rücken, in der Zuversicht, dass die Welt auf dem Wege ist, so zu werden, wie sie sein soll, und dass wir darum den Mut haben, der Welt da draußen in der Wirklichkeit zu begegnen. Die Welt ist dieselbe – und doch nicht mehr dieselbe. Denn etwas ist in sie hineingelegt worden. Und etwas ist in uns hineingelegt worden. Segen ist Gottes Weise, uns zu entlassen, ohne uns loszulassen. Gott verschwindet nicht, sondern wird Gegenwart als Segen. Und darum wird Verlust nicht endgültig, sondern verwandelt.

Wir leben davon, begegnet zu werden.

Amen.


Lasse Lauesen
Pastor in Paarup
lrl@km.dk

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