Lukas 3,3-14
Wer nicht fragt, bleibt dumm | Dritter Advent | 14.12.2025 | Lukas 3,3-14 | Andreas Schwarz |
3 Johannes kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, 4 wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, 6 und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.«
7 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8 Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. 9 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 10 Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? 11 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. 12 Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? 13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! 14 Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!
Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?
Wer nicht fragt, bleibt dumm.
So haben sie in der Sesamstraße gesungen und Kindern frühzeitig einen sinnvollen Hinweis gegeben. Fragen zu stellen macht klug, es erweitert den Horizont. Jedenfalls dann, wenn darauf hilfreiche Antworten kommen. Wobei Kinder von sich aus schon gerne Fragen stellen, das muss man ihnen gar nicht empfehlen. Wie auch sonst sollen sie sich in einer für sie neuen und riesengroßen fremden Welt zurechtfinden? Das können sie nur mit Erwachsenen. Mit Leuten also, die eine gewisse Erfahrung haben, die sich schon ein gutes Stück auskennen und Fragen beantworten können. Kinder müssen alles fragen, was sie sehen, hören und erleben. Natürlich bringen uns ihre Fragen manchmal ganz schön in Bedrängnis. Wir wissen ja auch längst nicht alles. Vor allem, wenn die Frage mit ‚warum‘ anfängt. Dann kann es schwierig werden. Das ist der andere Aspekt von Fragen. Für den, der fragt, kann es zu einem Zuwachs an Erkenntnis führen, wenn eine sinnvolle Antwort gegeben wird. Für den, der gefragt wird, kann es aber auch hilfreich sein. Wer gefragt wird, muss nachdenken. Sie muss überlegen, wie sie der Frage entsprechend antwortet. Manchmal ist Wissen gefragt, manchmal aber auch Selbstreflexion. Wer gefragt wird, muss über sich nachdenken, über das, was er denkt, was sie hofft, was er wünscht, was sie fürchtet.
Beide Sorten von Fragen kommen in der Geschichte von Johannes dem Täufer vor. Mal fragt er. Mal wird er gefragt. Auf jeden Fall spielen Fragen eine entscheidende Rolle. Sie eröffnen ein Feld zum Nachdenken und im Grunde auch zum Leben. Vielleicht sogar dazu, das bisherige Leben an entscheidenden Stellen anders zu bewerten und dann anders zu führen.
Genau das war ja der Auftrag, den Johannes erhielt, als er in der Wüste war. Er sollte zu den Menschen gehen und zu ihnen sprechen. Er sollte sie im Auftrag Gottes dazu führen, über ihr Leben nachzudenken und es zu ändern. Und zwar im Sinn Gottes. Ganz in der Tradition der Propheten im Volk Israel. Das kannten die Menschen, die zu Johannes an den Jordan kamen. Immer schon hatte Gott seine Boten gesendet, damit sein Wort lebendig bleibt, damit es gesagt und gehört wird. Johannes macht, wozu er von Gott beauftragt war und er hat Erfolg. Also nach menschlichem Ermessen, sichtbar. Die Menschen kommen in Scharen, sie hören zu und wollen sich taufen lassen. Das war keine Taufe, wie wir sie kennen und empfangen. Es war ein Zeichen der Umkehr. Wer sich taufen ließ, gab zu, dass er Sünder ist und eine Umkehr nötig hat.
Johannes hätte sich freuen können, dass er so großen Zulauf hat. Oder besser: dass Gottes Eingreifen bei so vielen Menschen Interesse geweckt hat. Aber er reagiert gar nicht freundlich, zufrieden und dankbar. Er lobt die Menschen nicht dafür, dass sie zu ihm kommen, um sich taufen lassen. Er stellt ihnen eine Frage. Es ist eine Frage der zweiten Kategorie. Es geht nicht um Wissen, sondern es geht um eine Selbstprüfung, und zwar eine sehr kritische.
Wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?
Jetzt müssten die Menschen aus der Menge nachdenklich werden. Ja, wer uns hat uns das eigentlich gesagt?
Niemand ehrlicherweise. Vielleicht reden wir es uns selbst bloß ein. Vielleicht hoffen wir es. Vielleicht vergleichen wir uns mit anderen und finden dann, dass wir so schlecht eigentlich gar nicht sind. Johannes ahnt schon, was die Leute so denken und sagt es sehr entwaffnend: Nehmt euch nicht vor zu sagen, wir haben Abraham zum Vater.
Wir gehören doch dazu, von Geburt an, wir sind Teil des Volkes Gottes – da spielt es doch sicher keine Rolle, wie wir unser Leben gestalten. Das ist eine Sicherheit, die falsch ist, denn sie trägt nicht. Die angefragte Selbstreflexion muss in eine andere Richtung gehen. Die Herkunft und die Zugehörigkeit zur Gemeinde helfen nicht. Es geht um das Leben, das eigene, das persönliche, wie es gestaltet wird, was der Maßstab dafür ist. Die Liebe zu Gott nämlich und zum Nächsten. Darum geht es.
Und wer könnte dann sagen: Mit meinem Leben ist alles in Ordnung, Gottes Zorn wird mich nicht treffen, mit mir ist er zufrieden und wird es auch am Ende sein? Niemand.
Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte.
Wo auch immer die Menschen gerade mit ihren Gedanken über ihr eigenes Leben hängen geblieben sind, Johannes beantwortet seine Frage selbst.
Er tut das deutlich, mit einer Handlungsanweisung. Er stellt keine Frage, sondern äußert eine Aufforderung.
Was ich glaube soll mit dem zusammenpassen, was ich tue. Ich vertraue auf Gott, den Herrn, der mich geschaffen, mir mein Leben geschenkt hat. Darum danke ich ihm dafür, gehe verantwortungsvoll mit meinem Leben um und vergesse nicht, woher ich komme.
Er hat mich in eine Gemeinschaft gestellt. Da habe ich meinen Platz und meine Aufgabe. Ich respektiere die Menschen neben mir, gehe achtsam und liebevoll mit ihnen um. Ich bringe mich ein, wie ich kann und helfe, wo ich gebraucht werde. Es ist nicht egal, wie ich lebe, wenn ich an Gott glaube. Ihm zu vertrauen bestimmt auch, wie ich mit ihm, mit mir selbst und mit meinem Mitmenschen umgehe. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Aussicht auf die Zukunft, ob Gottes Zorn mich trifft oder ob ich ihm entrinne.
Bildreich redet Johannes und damit eindrücklich. Von der Axt ist die Rede, da wird es schmerzhaft. Vom Feuer ist die Rede, das ist ein vernichtendes Element. Spätestens jetzt werden die Menschen nachdenklich und besorgt. Sie spüren, dass es eng wird mir ihrer Sicherheit, die sie sich eingebildet und eingeredet haben. Sie wissen nicht weiter. Also fragen sie.
Was sollen wir tun?
Wenn ich nicht sicher sein kann, wenn mein bisheriges Leben dem Willen Gottes nicht entspricht, wenn darum die ewige Zukunft offen ist.
Ich möchte etwas ändern.
Ich möchte dem Willen Gottes entsprechen.
Aber wie?
Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso.
Der erste Blick richtet sich auf den Fragesteller zurück. Auf die Menschen in der Menge, auf dich und mich. Was wir haben, was wir besitzen, wie es uns geht, wie gesichert unser Leben ist, wie reich wir beschenkt sind, so dass wir mehr haben als wir brauchen, unverdient. Dieser Blick hat die Kraft, dankbar zu machen. Er weitet sich auf die Menschen, die weit weniger reich beschenkt wurden, die Mangel leiden und Not haben. Das Feld ist weit und offen, es kann Menschen in ganz direkter Nähe betreffen, am gleichen Ort. Es kann auch der Blick in die Weite dieser Welt sein, der gerade in der Weihnachtszeit wieder deutlich geschärft wird. Da sind wir Christen, als Menschen, die von Gott kommen und zu ihm gehören, gerade ganz besonders wichtig und nötig. Politisch wendet sich der Blick gerade deutlich von den Menschen in Not ab. Mit dem Hinweis auf eine schwierige Finanzlage wird bei den Ärmsten und Schwächsten zuerst gespart.
Christlicher Glaube wird praktisch und konkret, genau für sie die Stimme zu erheben, sie zu sehen, mit ihnen zu teilen, ihnen zu helfen.
Was sollen wir tun? Fragen die Zöllner.
Der Blick geht auf die Macht, die jemandem verliehen wurde. Die kann er anwenden in dem Rahmen, in dem sie gedacht ist. Er kann sie ausnutzen und missbrauchen. Er kann Menschen unter Druck setzen, sie ausbeuten, weil er die Macht hat und andere auf sein Verhalten angewiesen sind. Die Leute haben unter dem skrupellosen Verhalten der Zöllner sehr gelitten und hatten keine Chance, sich zu wahren. Der Hinweis ist, anderen zu helfen, sie zu unterstützen, sie fair zu behandeln, Macht nicht auszunutzen.
Was sollen wir tun? Fragen die Soldaten.
Das ist eine heikle Situation. Wie soll ein Soldat ohne Gewalt auskommen? Das ist ja das Wesen seines Berufs. Darum sind viele Menschen da grundsätzlich kritisch. Die Debatte um die Wehrpflicht zeigt das gerade. Viele junge Menschen wollen den Umgang mit einer Waffe, mit Panzern, mit Bomben nicht lernen, weil sie tödliche Gewalt überhaupt ablehnen. Diese Spannung wird es immer geben. Aber die Beobachtung darüber hinaus ist, dass es Soldaten gibt, die alle Grenzen sprengen, die vergewaltigen, demütigen, foltern, außerhalb aller Aufträge. Selbst wenn jemand als Christ akzeptiert, Soldat zu sein, das ist mit dem Glauben nicht vereinbar.
Zufrieden zu sein mit seinem Verdienst, der zum Leben reicht, trifft Soldaten wie sicher alle Menschen.
Johannes gibt konkrete Hinweise auf persönlich konkrete Fragen. Menschen mit ehrlichem Interesse sollen einen Gewinn an Erkenntnis bekommen und die Chance bekommen, ihr Leben zu ändern, es am Willen Gottes zu orientieren.
Was sollen denn wir tun?
Das ist die jetzt spannende Frage, die wir nicht mehr Johannes stellen, der kurz später verhaftet und dann auch getötet wurde. Er hatte selbst darauf hingewiesen, dass der Größere nach ihm kommt. Fragen wir Christus, wird der Blick neu ausgerichtet.
Es ist immer noch nicht egal, wie wir leben. Es bleibt wichtig, dass das, was wir glauben und das, was wir tun, zusammenpassen muss. Der Dank an Gott für unser Leben, die Verantwortung für unser Leben und das unserer Mitmenschen bleibt auch ein christliches Thema. Aber wir werden nicht getauft, nachdem wir eingesehen haben, auf dem falschen Weg zu sein und den Vorsatz hegen, es künftig besser zu machen.
Wir werden vorweg getauft. Gott kommt in Christus zuerst zu uns. Er zieht in uns ein und prägt unser Leben. Er begleitet uns.
Er schenkt Liebe und Dankbarkeit. Er macht uns frei, um das Gelingen unseres Lebens nicht mehr kämpfen zu müssen. Weil er das Leben für uns geklärt hat, weil er uns alle unsere Sünden vergibt, sind wir frei füreinander.
Es ist auch für unsere konkreten Fragen gut, auf Johannes zu hören. Der hat Menschen darauf vorbereitet, dass Jesus Christus kommt. Und wir haben unser Leben Jesus Christus anvertraut. Da ist es in den besten Händen; in denen nämlich, die uns ins Leben führen. Darin hat er selbst uns gewiss gemacht. Wer danach gefragt hat, wird klug in Ewigkeit. Amen.
Pfarrer in Ruhe Andreas Schwarz
Lutherkirche Pforzheim