Lukas 5,1–11
„Fahre hinaus, wo es tief ist”| 5. So. n. Trinitatis | 05. Juli 2026 | Lk 5,1–11 | Martina Janßen
Fahre hinaus, wo es tief ist
Als sie sechs Jahre alt war, wurde die lokale Presse auf sie aufmerksam. Der kleinen Flannery war es gelungen, Hühner so zu dressieren, dass sie rückwärts laufen konnten. Hühnerdressieren war nicht das einzige Talent der 1925 in den Südstaaten (Savannah, Georgia) geborenen Flannery O’Connor. Sie zählt heute zu den brillantesten Kurzgeschichtenautor:innen der Welt. Ihre Short Stories sind düster, manchmal grausam und grotesk, bevölkert mit skurril wirkenden Figuren – und sie sind voller Schmerz. Wenn Flannery über Schmerz schreibt, weiß sie, was sie tut und wovon sie schreibt. Als sie als junge Frau am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere stand, wurde bei ihr eine Erbkrankheit (Lupus erythematodes) diagnostiziert, an der sie schon ihren Vater sterben sah. Flannery war gezwungen, ein zurückgezogenes Leben auf der heimatlichen Farm zu führen, das mit ihrem allzu frühen Tod 1964 endete. Doch Flannerys Short Stories leben bis heute. Die Literaturwissenschaft hat ihnen das Etikett Southern Gothic Style angehaftet. Oberflächlich betrachtet stimmt das vielleicht, aber es trifft es nicht wirklich. In Gothic Short Storieserschöpfen sich Flannery Geschichten nicht. Worum es ihr eigentlich geht, offenbart sich erst auf den zweiten Blick. „In all meinen Geschichten“ – sagt Flannery – „geht es darum, wie die Gnade auf eine Figur einwirkt, die ihr nicht gerade aufgeschlossen gegenübersteht, doch die meisten Menschen empfinden diese Geschichten als hart, hoffnungslos und brutal.“[1] Um Gnade geht es, um die frohe Botschaft, die in den bitteren Geschichten aufblitzt. Im Grunde ist Flannery eine moderne Evangelistin. „Lass mich niemals glauben, lieber Gott, dass ich etwas anderes war als das Werkzeug für deine Geschichte – so wie die Schreibmaschine mein Werkzeug war.“[2] Flannery war fromm, eine gläubige Katholikin. Die „Hillbilly-Thomistin“ hat man sie genannt, die morgens zur Messe ging, abends in den Werken des Thomas von Aquin las, auf ihrer Farm Pfauen züchtete und schrieb – mit böser, spitzer Feder schrieb, immer wieder über Gnade schrieb und über die Abgründe, in denen sie sich offenbart, gruselig, gewaltsam und gewaltig. Flannery treibt Theologe, aber sie belehrt nicht und sie lehrt nicht, sondern sie erzählt von Menschen, in deren Leben oder Tod die Erkenntnis der Gnade wie ein Blitz einschlägt, grell, unerwartet und – vor allem schmerzhaft. Ohne Schmerz geht es für Flannery nicht, ohne Schmerz passiert keine Veränderung, ohne Schmerz gibt es für Flannery keine Gnade. „Die menschliche Natur widersetzt sich der Gnade mit aller Kraft, denn die Gnade verändert uns, und diese Veränderung ist schmerzhaft.“[3]Wenn die Gnade aufblitzt, setzt sie etwas in Gang, bringt das Leben durcheinander. Das muss man aushalten: das Grelle des Lichts, das einem in die Augen sticht, das einen blendet und einen scheinbar blind werden lässt, um dann wirklich klar zu sehen. „Gib mir den Mut, den Schmerz zu ertragen, um die Gnade zu erlangen“[4] – so notiert die junge Flannery in ihrem „Prayer Journal“.
Fahre hinaus, wo es tief ist. So fordert Jesus Simon Petrus auf. Wo es tief ist, dahin soll er fahren, in die Abgründe. Da geht es nicht um Wassertiefen und Fischbestände. Man muss tiefer eintauchen in die Geschichte, von der Oberfläche einer Fischfangwundergeschichte auf den Grund dessen, was Gott und Mensch ausmacht. Die Berufung des Petrus ist mehr als eine Erzählung darüber, wie Simon Petrus zum Menschenfischer wurde, mehr als eine Wundergeschichte mit unerwartet vollen Booten. Fahre hinaus, wo es tief ist. Bleib nicht bei einer Gothic Story oder einer Fischfangwundergeschichte stehen. Wie Flannery erzählt Lukas Theologie. In seiner Geschichte geht es um die Erkenntnis Gottes und die Selbsterkenntnis. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren. Auf das Wunder der vollen Boote, den Einfall der Gnade, das Geschenk, die Gabe, folgt Schrecken. Das ist bemerkenswert und für mich zunächst verstörend. Keine Begeisterung über den unerwarteten Fang, kein stilles Staunen und Tuscheln, kein Jubel und Dank, sondern einfach Schrecken. Das griechische Wort, das Lukas benutzt, ist dasselbe, mit dem in religiösen Texten die Reaktion des Menschen auf eine Gottesbegegnung zum Ausdruck kommt. Neben der Faszination über die Größe, das Wunder, das Licht, tritt auch etwas Erschreckendes, Schockierendes, ein heiliger Schauer, der einem über den Rücken läuft oder einen tief im Inneren erschüttert. Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto hat dies 1917 in seinem Buch „Das Heilige“ mit zwei Begriffen auf den Punkt gebracht: Das Fascinosum und das Tremendum, die Faszination und die Erschütterung. Es kann weh tun, wenn man Gott sieht und auf einmal klar sieht, auch sich selbst. Ohne Filter, ohne Brille, ohne Lügen. Bei Petrus geht das so: Ich bin ein sündiger Mensch. Damit ist nichts Konkretes gemeint, da es geht um das Menschliche, allzu Menschliche, tief in uns drin. Fahre hinaus, wo es tief ist. „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut“ (Georg Büchner). Petrus sieht und erschrickt. So geht es vielen, wenn sie Gott erkennen, wenn die Gnade einem durch Mark und Bein fährt wie ein Erkenntnisblitz, der keine Lüge auf der anderen lässt. „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ (Jes 6,6). Petrus fällt ein zweites wie Schuppen von den Augen, eine zweiter Erkenntnisblitz fährt in ihn ein: Er sieht, wer Jesus ist. Hell und klar, grell und gewaltsam. Jesus ist der Herr. Das ist neu, man muss genau in den Text des Lukas sehen, jedes Wort ansehen und wägen. Früher, noch zu Beginn der Geschichte, hat Simon Petrus „Meister“ zu Jesus gesagt (Lk 5,5), jetzt erkennt und bekennt er auf dem Boden und auf den Knien: „Herr“. Petrus erkennt in einem Moment zwei Seiten einer Wahrheit – den Sünder in sich und den Herrn vor sich. Und den Abgrund, der beide trennt. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst. Genau in diesem Moment tragen Jesu Worte: Fürchte dich nicht! „In jedem Menschen ist ein Abgrund, den kann man nur mit Gott füllen“ (Blaise Pascal). Es wird gut. Kein Abgrund ist zu tief, als dass Gottes Gnade darin nicht glänzt. Gnade verändert uns, doch diese Veränderung kann schmerzhaft sein. Weil man eben in den eigenen Abgrund blicken und erkennen muss, dass man es nicht wert ist, dass man Gottes nicht würdig ist. Herr, geh weg von mir! Doch Gott bleibt, gerade dann. „Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil (Psalm 73,26 [Tagespsalm]).
Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Flannery traut sich, sie fürchtet sich nicht, sie verschweigt nichts. Ihre verstörenden Geschichten stören enge Grenzen und Herzen und lösen jede Allmachtsfantasie in Nebel auf. Fahre hinaus, wo es tief ist. Flannerys Geschichten sind tief und abgründig. Sie erzählt von dem Menschen, der sich vor der Wahrheit wehrt und sich der Gnade versperrt. Wer will schon wissen, dass alles, was er kann und ist, nur Geschenk und sonst nichts ist? Wer will schon den eigenen Abgrund sehen? Die meisten von uns sind wohl nicht so wie Flannerys Figuren, all die Einbeinigen, die Antihelden, die engherzigen und engstirnigen Provinzler, die Outlaws. Aber das Groteske, mitunter Grausame, das sie in sich tragen, ist auch eine Seite von uns, eine, die man an sich selbst nicht sehen und schon gar nicht einem anderen Menschen zeigen will. Flannery überzeichnet ihre Figuren und treibt ihr Handeln auf die Spitze, um deutlich aufzuzeigen, worum es geht. „Ich setze das Groteske so ein, wie ich es tue, weil die Menschen taub und stumm sind und Hilfe brauchen, um zu sehen und zu hören.“[5] Anders geht es für Flannery nicht. Um Gnade sehen und hören zu können, braucht es den Blick in den Abgrund, die Gewalt. „Ich habe festgestellt, dass Gewalt auf seltsame Weise dazu in der Lage ist, meine Figuren in die Realität zurückzuholen und sie darauf vorzubereiten, ihren Moment der Gnade anzunehmen. Sie sind so stur, dass fast nichts anderes diese Aufgabe erfüllen kann.“[6] Gnade ist ohne Schmerz nicht zu haben, Erkenntnis der eigenen Sünde und der Größe Gottes ist ohne Schrecken nicht zu haben. „Was die Menschen nicht erkennen, ist, wie viel Religion kostet. Sie halten den Glauben für eine große Heizdecke, dabei ist er natürlich das Kreuz.“[7] Wie Medizin bitter schmeckt und Wahrheit weh tut, ist die Wirkung der Gnade ohne Nebenwirkungen nicht zu haben. So ist es ja auch im alltäglichen Leben. Hilfe anzunehmen ist schwer, weil das zeigt, dass man hilflos ist. Wie schwer ist es für viele, das erste Mal einen Rollator zu benutzen? Wie viel Überwindung kostet es, auf eine andere Schulform oder den Ausbildungsplatz zu wechseln, weil man den Anforderungen nicht gewachsen ist? Wie schmerzhaft ist es, Schmerzmedikamente, von denen man abhängig geworden ist, nicht mehr nehmen zu dürfen? Das sind ja im Grunde alles Veränderungen zum Guten: man kommt besser und sicherer voran als nur auf eigenen Füßen, man muss nicht dauernd an seinen Schwächen scheitern und kann neue Stärken an sich entdecken, man kann wieder etwas mehr unabhängig leben. Trotzdem tut es erstmal weh. Weil man die Veränderung nicht von sich aus will, sondern weil man ohne sie nicht mehr kann, weil man sich seine Grenzen erst eingestehen muss, um sie überwinden zu können. Auch Gnade annehmen ist schmerzhaft, weil das zeigt, dass man verloren, abgrundtief verloren ist. In diese Wunde legt Flannery den Finger, wenn sie ihre Figuren agieren lässt, genau das erkennt Petrus angesichts der vollen Boote und der Wundermacht Gottes. Gnade wirkt gewaltig. Lukas spricht vom Schrecken, Flannery vom Schmerz, Paulus vom Kreuz: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.“ (1 Kor 1,18-24 [Epistel]).
Am Ende wird es gut. „Gibt es kein Entkommen aus uns selbst? In etwas Größeres hinein?“[8] – so fragt Flannery in ihrem „Prayer Journal“. Fahre hinaus, wo es tief ist. Fürchte dich nicht. Greif in die Dornen, geh durch den Schmerz, durchlebe den Schrecken an den Rändern der Nacht. Es gibt ein Entkommen aus allen Abgründen in etwas Größeres hinein. Aber nicht aufgrund unserer mitunter grotesken Bemühungen, sondern allein aus Gnade. „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ (Eph 2,8 [Wochenspruch]).
Amen
PD Dr. Martina Janßen
Hildesheim
dr.martina.janssen@evlka.de
Martina Janßen, geb. 1971, Privatdozentin für Neues Testament (Universität Göttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Zitate von Flannery O’Connor im Original
[1] “All my stories are about the action of grace on a character who is not very willing to support it, but most people think of these stories as hard, hopeless and brutal.
[2] “Don’t let me ever think, dear God, that I was anything but the instrument for Your story-just like the typewriter was mine.”
[3] „All human nature vigorously resists grace because grace changes us and the change is painful.“
[4] “Give me the courage to stand the pain to get the grace.”
[5] “I use the grotesque the way I do because people are deaf and dumb and need help to see and hear.”
[6] „I have found that violence is strangely capable of returning my characters to reality and preparing them to accept their moment of grace. Their heads are so hard that almost nothing else will do the work.“
[7] “What people don’t realize is how much religion costs. They think faith is a big electric blanket, when of course it is the cross.”
[8] “Is there no getting around that, dear God? No escape from ourselves? Into something bigger?“