Lukas 5,1–11

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Im Sehfernrohr: Fischfangpulk auf Gegenkurs | 5. So. n. Trinitatis | 05.07.2026 | Lukas 5,1–11 | Markus Kreis |

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. 2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Im Sehfernrohr: Fischfangpulk auf Gegenkurs

Was haben die Stadt Bregenz und der Bibeltext gemeinsam? Eine Seebühne. In Bregenz sind das schön stabile Bretter, die die Welt bedeuten. In Galiläa – von wegen Wasser hat keine Balken – am See Genezareth in Galiläa sind das krumme Planken, die bedrohlich auf- und abschwingen. Dann nämlich, wenn man das Fischerboot betritt oder verlässt. Und auch, wenn einer sich zu abrupt und ungelenk auf dem Boot im Wasser bewegt. Ja, so ist Jesu Auftrittsplatz für uns im Leben: Klein, mobil, etwas holzstichig riechend, kommt leicht ins Wanken. Damals gab es ja noch nicht den Petersplatz in Rom. In einer Zeit, in der alle Welt sich hauptsächlich für einen Marsflug oder eine Designyacht mit Meeresghetto interessiert, da können wir uns als Christen mit unserem Auftrittsplatz gut getroffen sehen. Klein, mobil, etwas holzstichig riechend, kommt leicht ins Wanken… – übrigens passt das auch ziemlich gut zu den Balken des Kreuzes.

Eine Sache fällt bei dem Ereignis dann doch etwas aus dem Rahmen. Die Leute am See laufen Jesus in Scharen zu. Als ob es darum ginge, an einem lauen Sommertag für die Bühne in Bregenz noch ein Ticket zu erwerben: Um dann auf den Stegen Schampus zu schlürfen und dabei über die Oper zu schwadronieren wie eine Künstliche Intelligenz. Die Leute am See Genezareth laufen Jesus in Scharen zu. Obwohl am Ufer – in wahrem Sinne uferlos – fühlt Jesus sich doch wegen des großen Andrangs gezwungen, ins Wasser zu gehen. Wegen des gewaltigen Zulaufs sieht er seinen Platz am Ufer schwinden, so sehr haben ihn die Leute zum Fressen gern. Da begibt er sich doch lieber weg ins Wasser. Uferlos erscheint uns heute doch eher eine Ablenkung vom Glauben an Jesus oder Desinteresse an ihm. Fast eine Springflut an Ignoranz, Leugnen, Verfälschung und öfter wieder Nachstellung und Bekämpfung. Uferlos heute auch die Menge der Menschen, die Mitmenschen aus einem Gebiet verdrängen wollen, hinfort zu Not und Tod in allerlei Sog und Strudel: An Staatsgrenzen, in Gruppenchats, in Schulklassen und Sportteams. Aber hier verhält es sich etwas anders. Zulauf ohne Ende an die Grenze, wo Land und Wasser auf ihre Weise enden, und Jesus seine Nachfolge startet. Und sonderbar: Die Leute, uferlos im Guten oder im Bösen, drängen von sich aus zu einer Grenze, an der sich Jesus befindet und mobil agiert.

Denn Jesus kann sehr leicht, was einem Verdrängten sonst schwerfällt. Jesus weiß die Grenze mal schnell zu seinen Gunsten zu verschieben. Das trifft zuerst den Simon Petrus. Jesus begeht einen Fauxpas: Er betritt dessen Eigentum, ein Fischerboot, mit dem jener sein Geld verdient. Und zwar ohne vorher zu fragen oder zu bitten. Was leicht zu tun gewesen wäre, kauerte der Fischer doch nahebei. Dort säuberte er mit den Seinen die Fangnetze, pflückte Tang aus dem Flechtwerk, wertlose Meeresfrüchte, leere Muscheln und Gräten. Diese Ansprechbarkeit kümmert Jesus keinen Deut. Aus den Augen, aus dem Sinn, das könnte man noch nachvollziehen und trotzdem wenig gut finden. Aber in den Augen, und doch aus dem Sinn und einfach übergangen? Da verliert einer doch leicht die Fassung, oder, das übersteigt das Vermögen? Jo mei, da lässt di nieder, sagt man in Bayern, wenn einer sich so unverschämt breit macht. Und sich selbst einlädt, ohne eingeladen worden zu sein. Versuchen Sie das mal, falls Sie sich das trauen, steigen Sie einfach mal so auf die Pritsche eines Handwerker-LKW, dessen Besatzung draußen beim Nachbar GALA Bau macht, und lassen Sie sich da nieder. Oder in deren LKW-Kabine und spielen Sie da an Radio oder Navi rum. Und machen Sie dann den Kapo auf sich aufmerksam und bitten ihn, Sie spazieren zu fahren oder eine gute Playlist für Sie abzuspielen. Mal sehen, was passiert.

Im Lukastext geschieht das nächste Wunder, es passiert nämlich: nichts. Simon P. folgt einfach dem Ansinnen Jesu. Er lässt es sich gefallen, was befremdlich ist. War er etwa ein Typ, der gerne gehorcht und sich unterordnet? Das ist nämlich bäh, das passt uns ganz und gar nicht, wir wollen frei und souverän sein. Wir wollen gefälligst Einladungen abschlagen können. Oder selber ausrichten und aussprechen, damit uns Menschen nachfolgen. So mag uns eine andere Erklärung vielleicht besser gefallen: Wollte Simon P. einfach den Coolen spielen, der souverän mit Frechheiten umgeht? Oder war er nur gelangweilt und freute sich auf einen kleinen Schwatz mit dem Unbekannten? Oder war er schlichtweg zu erschöpft von der Nachtarbeit, die ohne Fang und Fisch ausging? Oder heißt es etwas ganz anderes? Heißt es, dass wenn der Heilige Geist zu uns kommt, er uns einfach bekommt? Und zwar so, dass es unsereins sogar entgeht statt es mitzukriegen. Der Mensch verliert die Fassung und kriegt gleich ohne Umstand eine neue, bessere dafür: Es ist also egal, ob wir schwer gefrustet und gebeutelt sind, oder trotzig und rebellisch, oder gelangweilt und sensationsgeil. Jesus und sein Geist, der nimmt uns und unsere Gefühle, wie sie sind, und macht damit, was gerade zu seinem Kurs passt: rebellisch wie David, gefrustet wie Elia, neugierig wie Zachäus, folgsam wie die Ehebrecherin. Oder wie eben halt Simon Petrus. Und wie war der da so in der Geschichte?

Jesus hieß ihn, dahin zu fahren, wo das Wasser am höchsten über dem Grund steht – was umgekehrt bedeutet: zu der Stelle, wo der See am tiefsten ist. Und so viel ist klar, der Fischer hat das als Himmelfahrtskommando verstanden. Aber uns entgeht, in welchem Sinn. Das kann zum einen bedeuten, dass Petrus das als eine Höllenfahrt verstanden hat, bei der dann mindestens nur eine Leerfahrt rauskommt. Vielleicht aber auch, dass das Boot mit Mann und Maus untergeht und im Schlamm des Grundes versinkt. Oder als echte Ausfahrt ins Himmelreich, dahin, wo Milch und Honig und Kaviar fließen, also im Auftrag des Herrn unterwegs. Obwohl Jesus zu der Zeit noch ein gutes Stück von seiner Himmelfahrt entfernt war und seine Nachfolge hier erst zu starten im Begriff stand. Was hat sich Simon Petrus also dabei gedacht? Himmel oder Hölle? Hören wir noch mal, was er auf das Geheiß Jesu antwortet. Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Er ist also als Fischer gegen den Strom der Schwärme getriftet. Auf modern heißt das so was wie: Er hat sich antizyklisch verhalten. Er hat einen Kopfstand zuerst gedacht und dann gemacht. Und schließlich also das Gegenteil von dem, was er sonst getan hat, gegen alle Faustregeln, wider besseres Wissen und Mindset, against all odds und den gelernten Kreislauf der Dinge. Ein Fangrundfahrt nach den neuen Regeln eines Fremden, der kaum wie ein echter Seebär daherkam. Ohne zu wissen, ob Mensch und Natur da mitspielen oder ob das scheitert. Wieder ist nichts eindeutig über Gefühle und Motive von Simon P. zu erschließen. Offensichtlich gilt auch hier wieder: Jesus und sein Geist, der nimmt uns und unsere Gefühle, wie sie sind, und macht mit ihnen, was gerade zu seinem Kurs passt: rebellisch wie David, gefrustet wie Elia, neugierig wie Zachäus, folgsam wie die Ehebrecherin. Oder hin und her dümpeln wie Simon P. Und dann doch verbindlich die Anker hoch und losgelegt!

Wenn der Simon P. geahnt hätte, dass der vom Ufer aufs Wasser verdrängte in ihn dringt. Und ihn vom See aus weg auf den Boden der Nachfolge drängt… zu spät, zu spät, hätte, hätte, Fahrradkette…, die Würfel sind mit den Netzen gefallen in die Tiefe. Das Boot ist voll! Das Boot ist voll! Statt dass der Ruf den Matrosen und blinden Passagieren droht und gilt, verheißt und frohlockt das Boot ist voll! jetzt fette Ausbeute für jeden, der dabei war und mitgefischt hat, im Trüben oder offen und klar. Mitgefangen, mitgehangen. Petrus im Netz und Bann von Jesu Anrede, die sich stumm in ihm und seinem Boot- und Brotberuf breit gemacht hatte. Lange bevor er überhaupt die Chance hatte es zu bemerken. Jo mei, da legst di nieder! Simon P. fällt Jesus zu Füßen. Großes Drama auf der Bühne! War das sein letzter Versuch, sich aus dem Staub zu machen, Land zu gewinnen, um dem Netzwerk Jesu zu entfliehen? Oder wollte er um Gnade winseln angesichts seiner Blindheit und Dummheit für Jesu Reden, Schweigen und Tun? Oder erwartete er mitten auf dem Wasser einen Ritterschlag als Fels der Kirche? Woas woas i scho!? Sicher ist nur, dass er sich auf die Höhe Jesu begab. Der saß nämlich bereits und hatte sich in ein kleines Eckchen der Dschunke gekauert, die mit Fischleibern voll verrammelt war. Herz und Herz vereint zusammen. Heiliger Geist und Mindset – voll eng miteinander. Simon Petrus kam sich ein bisschen wie der Prophet Jona vor, und zwar, nachdem der Wal jenen aus dem Wasser und an Land gespuckt hatte. Nur mit dem Unterschied und mehr noch: Ihm war hier und jetzt all der Fisch zur Beute geworden statt er zur Beute des Fisches. Wie es sich zugetragen hätte, wäre Jesus ausgeblieben? Statt aufzukreuzen und es mit der Natur und dem leeren Fang noch mal zu versuchen und auf zu nehmen! Da wäre er wie der arme Fischer im Märchen nach Hause gekommen mit null und nix. Nach Hause kommt er jetzt auch wieder, aber nur kurz und mit viel Fisch und voller Pläne und Ideen. Und dann reiste er ganz schön rum in der weiten Welt und kriegte da so einiges zu erleben und eine sehr große eigene Bühne in Rom. Amen.


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