Lukas 9, 52-56
Sorgenfalten| Predigt über Lukas 9, 52-56 | Friedensdekade 2026 | Drittletzter/Vorl. Sonntag im Kirchenjahr (8.11./15.11.26) | Jochen Riepe
I
Gut gegen Böse. Du oder ich. Wir oder die. Vernichtungswünsche. ‚Herr, willst du, so wollen wir sagen, daß Feuer vom Himmel falle und sie verzehre…? Der Herr: ‚Wißt ihr nicht, welches Geistes Kind ihr seid?‘
O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, / daß ich verbinde, da wo Streit ist, / daß ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht (eg 416).
II
Das große Fest ist noch etwas hin, aber manchem ‚Familienoberhaupt‘ treten schon heute die Sorgenfalten ins Gesicht. Werden wir in Frieden am Tisch versammelt sein? Oder wird es wie im letzten Jahr wieder Streit geben? Politik. Weite Welt. Schier unlösbare Konflikte. Israel und Gaza. Ukraine und Rußland. Ben fühlte sich angesichts der Meinungen und Äußerungen des Vaters so betroffen und beleidigt, daß er aufgesprungen war und den Raum verließ. Drohend: ‚An diesem Tisch seht ihr im nächsten Jahr mich nicht wieder‘. ‚Mit euch habe ich nichts mehr zu schaffen‘.
Statt Weihnachtsfriede – Weihnachtsbeklemmung. Alle Vorbereitungen, alle guten Vorsätze und Erwartungen stürzten wie ein Kartenhaus ein. Daß die Spaltungen in der Gesellschaft auch zu Spaltungen in der Familie führten, damit hatte keiner so gerechnet.
III
Aufgebracht, wütend und beleidigt waren nach dem Abschnitt aus dem sog. Reisebericht des Lukas auch die Jünger. Wir kennen einige von ihnen, besonders Petrus, als mitunter aufbrausende, eifernde, nicht gerade friedensselige Menschen, aber dieser Bericht aus dem ‚Evangelium der Wege‘ gehört doch soz. in eine andere Klasse: Er hat einen apokalyptischen Horizont und träumt einen Wunsch, den viele Unterdrückte und Gewaltopfer aller Zeiten hatten, den vom Untergang der Feinde: ‚Und ihr Rauch steigt auf in Ewigkeit‘ (Apk Joh 19,3).
Jerusalem war das Ziel der Reise Jesu, der Tempel, das Passahfest. Um den Weg abzukürzen, hatte man das Gebiet der Samariter betreten. Man wußte durchaus um den alten Konflikt zwischen Juden und Samaritern, um die möglichen Ärgernisse dieser Route, aber Jesus selbst hatte den ‚geraden‘, den kürzeren Weg gewählt: ‚stracks nach Jerusalem‘. Er schickt einige voraus, unter ihnen die ‚Donnersöhne‘ (Mk 3,17) Jakobus und Johannes, um das Nachtquartier vorzubereiten, und diese Vorhut scheitert. An allen Türen werden sie abgewiesen. Von ‚Jerusalem – Reisenden‘ will man nichts wissen, vielleicht fühlt man sich sogar bedroht.
IV
Schwere Frage: Wie geht man mit Abweisung, Ablehnung, Kränkung im Geist Jesu um, im Geist dessen, der die Friedensstifter glücklich pries? Die Gefühle sind ja erst einmal da und Zorn und Empörung sind berechtigt. Die Samariter, die in diesem Dorf leben, verweigern etwas Elementares: Menschliche Solidarität, Gastlichkeit, Sicherheit für den Reisenden, ‚denn es will Abend werden‘ (24,29). Wer unter uns schon einmal soz. in letzter Minute ein Quartier unterwegs gesucht hat und überall abgewiesen wurde, wird die Straflust und den Vernichtungswunsch der Jünger, ja, nicht unbedingt nachsprechen, aber doch irgendwie verstehen: ‚…daß Feuer vom Himmel falle und sie verzehre…‘.
Ich weiß nicht, wie die Jünger ihre Phantasie, ihren martialischen Größenwahn, hätten realisieren wollen – ‚Feuer vom Himmel‘ das kann ja nur von Gott selbst kommen (1. Kön.18, 38) – , aber wer die Medienbilder aus Paris vom 17. Oktober und jüngst vom ‚Gewalt-Halloween‘ in unseren Städten gesehen hat, wird sich die Energie solcher Wünsche, den Hass und die Zerstörungslust erschreckend vor Augen führen: Brennende Autos, geplünderte Geschäfte, zerstörte Gebäude, verletzte, brennende Menschen.
V
Ja, die Sorgenfalten unserer ‚Familienoberhäupter‘, seien sie weiblich oder männlich. Warum waren die Erinnerungen an das Fest im letzten Jahr so belastend, ja geradezu traumatisierend? Sie hatten erlebt, daß es auch unter Nächsten, Angehörigen und Freunden, Diskussionen gibt, die Wunden reißen, bleibende Wunden. Ben und seine Widersacher am Tisch, der Vater als Ältester allen voran und Onkel Werner an seiner Seite, sie hatten einander in die Enge getrieben. Das ging tief. Die Schwester suchte zu beruhigen und zu vermitteln. Schlagwort fiel auf Schlagwort, und die zunächst bemüht sachhaltige Auseinandersetzung schlug in Geschrei, ständige Unterbrechungen und moralische Abwertungen um. Und das bei Kerzenlicht über dem gediegenen Mahl und der eleganten Tischdekoration.
Das war mehr als bloß ein Streit unter Freunden oder Verwandten. Hier stand man plötzlich vor einem Abgrund der Feindseligkeit: ‚Ihr seht mich im nächsten Jahr an diesem Tisch nicht wieder‘. Beklemmend das alles. Man mag fast an das auch von Lukas überlieferte Wort Jesu denken: ‚… von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei gegen zwei, zwei gegen drei‘ (12,52). Inzwischen gibt es für junge Leute Ratgeber, wie sie sich auf solche Anlässe am besten vorbereiten und dem ‚rechten Onkel‘ Paroli bieten können.
VI
Gut und Böse. Du oder Ich. Wir oder sie. ‚Couragiert. Widerständig‘, so heißt das Motto der Friedensdekade 2026. Es ruft dazu auf, in festgefahrenen, starren Gewaltlagen endlich ‚gewaltfreie Konfliktbearbeitungen‘ einzuüben. Unsere Familienerfahrung weist ja von selbst in größere Dimensionen. Die Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn spiegeln die zwischen Parteien und Staaten wider und haben an ihnen teil. Gegner oder eben Andersdenkende werden dämonisiert und moralisch abgewertet.
Aber auch hier gilt: Wir müssen auch morgen miteinander leben. Mir sind darum Stimmen wichtig, die im langjährigen, so bedrückenden Ukraine-Rußland-Konflikt diplomatische Initiativen aus ‚Pflicht und Stärke‘( K. v. Dohnanyi, E. Vad ) fordern. Stimmen, die seriöse geopolitische Bedrohungsanalysen vorlegen und Konzepten der ‚Kriegstüchtigkeit‘ und Aufrüstung entgegentreten, weil sie ‚unverhältnismäßige Ressourcen‘ beanspruchen, Geld, das an vielen Stellen fehlt (J. Varwick).
Jeder von uns hat seine Sicht der Lage. Die kurze Episode aus dem Reisebericht des Lukas hält aber für uns Christen fest: Statt einer eindimensionalen oder von Gefühlen der Angst und Empörung bestimmten Schwarz-Weiß-Sicht, statt uns mit Schlagwörtern zu beschimpfen, sollten wir genau den komplexen ‚Graubereich‘ eines Konfliktes erkunden. Ja, auch in der Familie und der Gemeinde. Statt weiterhin ‚Feuer vom Himmel‘ fallen zu lassen, das in beiden Ländern unglaublich viele Menschenleben gekostet hat und weiterhin kostet, müssen sich die politisch Verantwortlichen die Grundfragen des Miteinanders, der Koexistenz, buchstäblich wieder erarbeiten: Wie weit kann ich dem anderen entgegenkommen? Wie steht es um seine Interessen und welche Kompromisse sind möglich? Wo sind meine roten Linien und wie kommuniziere und begründe ich sie? Vor allem aber: Wie können wir Menschenleben retten?
VII
Sorgenfalten allüberall. Ich denke, der Reisende Jesus wird sie teilen. Wohl auch selbstkritisch. Vielleicht hatte er selbst zu sehr zur Eile gedrängt. Die Stimmung in der Gruppe, die Vernichtungsphantasie der Jünger wird ihn erschreckt haben. Wie geht man mit Gegnerschaft, mit Widerspruch und Abweisung um? Wie kann man seine Empörung und seine Wut beherrschen lernen? Im Text heißt es: ‚Er wies sie zurecht‘, und da dieser kurze Hinweis Späteren nicht genügte, setzten sie hinzu: ‚Wißt ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Der Menschensohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten, sondern zu erhalten‘.
Die alte, oft verlachte Regel hat ja ihr Recht: Welches Geistes Kind bist du? Friede beginnt in jedem einzelnen und macht Arbeit, und dieser ‚innere Friede‘ ist die Voraussetzung für ein friedfertiges Verhalten, das jenseits von Harmoniesucht und Meinungsangst dem anderen offen begegnet. Natürlich wird Ben in diesem Jahr wieder am Tisch der Familie sitzen und der Vater, so Gott will, auch. Auch der Onkel Werner. Aber alle drei tun gut daran, aus der Erfahrung des letzten Jahres zu lernen. Betend und lesend zu lernen, welches Verhalten am Festtagstisch angemessen ist und allen gut tut.
Denn der Geist Jesu, jenes Feuer, das wir den Heiligen Geist nennen, wird nur den erreichen, der das ‚Kreuz‘ seiner Gefühle im Namen Jesu ‚auf sich nimmt‘ (9,23), und ihm, dessen ‚Joch sanft‘ (Mt 11,30) ist, nachfolgt. In dieser Nachfolge wird er sensibel für die Verletzlichkeit des anderen und seine Argumente offener und zurückhaltender vortragen: ‚Auch du könntest ja Recht haben‘.
VIII
Der letzte Satz bei Lukas gefällt mir am besten: ‚und sie gingen in ein anderes Dorf‘. Friedensfähigkeit Familie und Politik erwächst aus dem Bitten um den Geist Jesu. Sie hat aber schließlich auch mit der Fähigkeit zu tun, abzuwarten, sich Zeit zu lassen, einander aus dem Weg zu gehen und unmittelbare verbale oder körperliche oder martialische Konfrontationen –‚stracks‘!- zu meiden. Das ‚Evangelium der Wege‘ bleibt sich auch hier -auf paradoxe Weise- treu: Man geht einander – aus dem Weg und trifft sich ‚im anderen Dorf‘.
Der von allen ersehnte (Festtags-)Frieden – im Geiste Jesu wäre es der Geist der ‚freien Selbstzurücknahme‘ (M. Welker).
(Gebet nach der Predigt:) Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens, daß ich Liebe übe, wo man sich haßt, daß ich verzeihe, wo sich beleidigt, daß ich verbinde, da, wo Streit ist, daß ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht. (eg 416)
Lieder: eg 416 / eg 421 Verleih uns Frieden gnädiglich/ eg 428 Komm in unsre stolze Welt / G.F. Händel, Sein Joch ist sanft (Der Messias, HWV 56 , Pt.1, Nr. 21) https://www.youtube.com/watch?v=ZYDgGXker10
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Lit.: J. Varwick, Stark für den Frieden. Was jetzt für eine rationale Sicherheitspolitik zu tun ist. 2026, Vorwort / K. von Dohnanyi, E. Vad, Frieden – wie geht das?, 2026 / H. Raguse, Der Jubel der Erlösten über die Vernichtung der Ungläubigen WzM 42 (1990), S. 449ff / M. Welker, Gottes Geist. Theologie des Heiligen Geistes, 3. Auflage 2005, S. 239