Markus 10,13-16
Die Tür der Taufe | 1. Sonntag nach Epiphanias | 11. Januar 2026 | Mk 10,13-16 | Leise Christensen |
Ich habe regelmäßig die große Freude, Konfirmanden und Erwachsene zu taufen. Es ist immer ein besonderer Anlass, auf den ich mich zunächst freue und an den ich später mit Freude zurückdenke. Die Taufe ist eines der wenigen Ereignisse im Leben, wo die Freude der Erwartung tatsächlich erfüllt wird! Ich habe auch oft – wie heute – die Freude, ein Kleinkind zu taufen. Beides sind große Ereignisse. Jedes einzelne Mal, wenn eine Taufe stattfindet, ob von Groß oder Klein, wird das Evangelium dieses Sonntags gelesen. Das ist eine wunderbare Sache, denn wir sind ganz nah am Kern des christlichen Glaubens: der Taufe. Über sie lassen sich allerlei kluge, dogmatische Sätze sagen, die die Kirche und die Theologie in den letzten 2000 Jahren entwickelt haben. Das ist alles durchaus gut, aber das werde ich heute nicht verfolgen. Ich möchte auf das Leben in der Taufe schauen, auf die Freude, ja, geradezu den Jubel, die Größe, die Nachhaltigkeit, auf das, was als Innerstes und Wichtigstes im Leben gilt.
Die Forderung, wir müssen wieder wie Kinder werden, um dem Reich Gottes zu begegnen, erscheint zunächst etwas unheilvoll. Denn das können wir ja nicht. Wir können nicht wieder wie Kinder werden – wir sind zu erwachsen, zu erfahren, zu enttäuscht in unseren Erwartungen. Das weiß Jesus natürlich, er ist ja kein Narr. Aber dort, wo wir den kleinen Kindern gleichen sollen, ist genau dort, wo es auch am schwersten ist. Denn für Babys ist es natürlich, Liebe anzunehmen, sich lieben zu lassen. Das Neugeborene weiß sehr wohl, dass es nicht überleben kann, ganz einfach, wenn es die Liebe, die Fürsorge und die Treue der Eltern nicht annimmt. Das Kind wird von seinen Eltern und ihrer Liebe empfangen. Erwachsene haben es anders. Wir tragen stets eine gewisse Verbitterung in uns. Wir möchten gerne Ausgleich in der Rechnung haben – selbst in der Rechnung der Liebe (obwohl „Rechnung“ und „Liebe“ eigentlich nicht im selben Satz genannt werden sollten) streben wir nach einem gewissen Gleichgewicht. Es mag durchaus in Ordnung sein, dass der eine mehr liebt als der andere. Für eine Zeit. Aber ansonsten legen wir großen Wert auf Gleichgewicht, jedenfalls auf längere Sicht. So ist es nicht bei Neugeborenen. Sie nehmen als Natürlichstes auf der Welt jede Liebe an, ohne eigentlich Gegenleistung zu erbringen.
So soll unsere Beziehung zu Gott sein. Dort sollen wir den Kleinen gleichen. Wir sollen Liebe annehmen, das Reich Gottes, und eigentlich nicht damit rechnen, dass es Gleichgewicht gibt. Gott liebt uns zuerst, und wir sollen nicht früh und spät überlegen, was wir als Gegenleistung tun können. Wir sind im Voraus geliebt. Das Ungleichgewicht der Liebe, die Asymmetrie zwischen Gottes Liebe und unserer, ist das Tragende, das Schöne. Darin liegt ein unerschöpflicher Trost, wenn es an anderen Stellen im Dasein brennt.
Manchmal werde ich gefragt, was die Taufe für mich ist. Zurzeit antworte ich, und das tue ich schon seit geraumer Zeit, dass die Taufe eine Tür ist. Irgendwo bei Johannes wird das Bild der Tür für Jesus verwendet. „Ich bin die Tür“, steht dort über Jesus, „wer durch mich hindurchgeht, wird neue Weiden finden“, sagt er. Deshalb las ich auch besonders aufmerksam mit, als ich vor ein paar Jahren auf einen Artikel über eine Ausstellung von Türen in einer Galerie stieß.
In New York gibt es das Chelsea Hotel. Es ist eigentlich kein besonders feines Hotel wie das Waldorf, welches immer in amerikanischen Filmen vorkommt. Es ist auch nicht besonders groß. Aber es ist dennoch etwas ganz Besonderes, dieses Hotel. Viele Berühmtheiten haben nämlich dort gewohnt. Das Hotel wurde unsterblich gemacht, als Leonard Cohen 1974 ein Lied darüberschrieb. Er blickte zurück auf seine Zeit im Hotel mit einem anderen großen Star, nämlich Janis Joplin. Bekannte Dichter, Filmleute und bildende Künstler haben dort gewohnt, und vor ein paar Jahren wurde beschlossen, dass das Hotel renoviert und auf den neuesten Stand gebracht werden sollte. Das bedeutete, dass man die Zimmertüren aus den Angeln hob. Man warf sie nicht weg, man stellte sie aus. All diese abgenutzten Türen aus den gekrönten Tagen der Rockmusik und Popkunst wurden also aus den Angeln gehoben und in eine Galerie geschickt. Man konnte dann in eine elegante Galerie in New York gehen und all diese Türen sehen, durch die schöpferische Menschen ein Menschenalter lang ein- und ausgingen. Man konnte sogar für viel Geld eine Tür kaufen! Ich habe keine teure Kunst zu Hause, aber ich könnte mir so eine Tür vom Chelsea Hotel gut vorstellen. Ja, es müsste nicht einmal eine so schicke Tür sein, vielleicht sollte ich einfach eine alte Tür finden und sie in meinem Büro im Pfarrhaus betrachten und über die Tür der Taufe nachdenken.
Es ist nämlich so mit Türen, dass sie eben eine neue Perspektive auf das Dasein geben. Man kann durch Türen ein- und ausgehen, und die Perspektive ändert sich. Wo eine Tür ist, gibt es ein Spannungsfeld zwischen draußen und drinnen, und eine Tür birgt immer die Möglichkeit der Veränderung. Etwas passiert, wenn man durch eine Tür geht. Deshalb waren wohl auch die Türen auf der Galerie vom Hotel so begehrt. Möglichkeiten liegen in ihnen.
Das, was die Tür zu einem so einleuchtenden Symbol sowohl für Jesus als auch für die Taufe macht, ist eben, dass die Tür Ausdruck einer Öffnung ist, einer Öffnung, die das Leben größer und reicher macht. Eine Öffnung ist das, was Jesus uns im heutigen Evangelium anweist, eine Tür, durch die wir in sein Reich gehen können. Die Taufe ist eine Tür. Auf der anderen Seite der Tür ist die Aussicht anders, das Bewusstsein anders. Wenn ich anderes Bewusstsein sage, dann ist es das Bewusstsein davon, dass man nun und für immer zum Reich Gottes gehört, ungeachtet dessen, wie heimatlos man sich zuweilen in seinem Leben und seinem Dasein fühlen mag, ungeachtet dessen, wie grell das Ganze aussehen kann. Wie schief die Liebe auch aussehen mag. Es gibt eine Tür, durch die man hineingehen und spüren kann, dass man doch dazugehört; dass es einen Platz für einen gibt, obwohl man dachte, man sei verloren. Die Tür ist Nachhaltigkeit für das Leben, man ist auf dem grünen Zweig, man findet neue Weiden.
Bei der Taufe öffnet Jesus nicht nur die Tür für uns. Er öffnet ein ganzes Scheunentor, wo er sein Licht und sein Leben hineinscheinen lässt, damit wir den Weg hinaus zu ihm und zueinander finden können. Das Evangelium davon, dass das Reich Gottes unser ist, bedeutet neue Lebensmöglichkeiten; es ist die Möglichkeit zur Veränderung und Neuschöpfung, wenn man festgefahren ist. Es ist das Fest der offenen Türen. Deshalb wird dieses Evangelium bei jeder Taufe gelesen, und deshalb sollen wir auch in einer Predigt davon hören.
Jeder, der etwas mehr als nur wenige Jahre gelebt hat, weiß sehr wohl, dass das Leben nicht ohne Mühe ist, auch wenn wir noch so sehr getauft sind. In dieser Weise sind die Taufe und der Glaube keine Impfung gegen Mutlosigkeit, Furcht und Resignation, aber es ist ein Versprechen Gottes an uns, dass wir trotz all der Dinge, die in unserem Leben schief gegangen sind oder schief gehen werden, immer noch Zugang zum Reich Gottes haben so wie das kleine Kind. Die Tür steht uns immer noch offen, um hindurchzugehen und die Ewigkeit zu schauen. Wir sind immer noch Gottes Kinder, und die Tür wird uns nie vor der Nase zugeschlagen.
Öffne auch die Tür deines Herzens und glaube es – du, der du durch die große Tür in diese Kirche hereingekommen bist. Öffne diese Tür und finde neue Weiden zu Leben und Wachstum, zu Offenheit und Licht.
Amen.
Leise Christensen
Pastorin i Aarhus
lec(a)km.dk