Markus 12,38-44
Predigt zum 23. Sonntag nach Trinitatis | 8. November 2026 | Markus 12,38-44 | von Anna Jensen
Vorbild gesucht – Fehlerlosigkeit nicht erforderlich
Wie möchtest du dein Leben leben? Wer sollen deine Vorbilder sein? Ein Lehrer kann ein Vorbild sein, eine Freundin, jemand aus der Familie – vielleicht ist dein Ehepartner dein Vorbild. Auf unserem Weg durchs Leben begegnen wir Menschen, zu denen wir aufschauen, vielleicht weil sie eine besondere Tatkraft haben, eine Ausstrahlung oder ein heiteres Gemüt. Manche sind in ihrem Fach tüchtig, manche fleißig. Manche sind Vorbilder, weil sie in Dankbarkeit leben oder immer gastfrei und offen sind; manche reden nie schlecht über andere; und wieder andere sind einfach das, was wir „gute Menschen“ nennen. Würde mir jemand sagen, ich sei sein Vorbild, würde ich sofort nervös. Ich hätte Angst, den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Denn wie alle anderen Menschen bin ich nur zeitweise gut – in Augenblicken.
Paulus dagegen stellt sein Licht nicht unter den Scheffel. „Folgt mir“, sagt Paulus. „Nehmt mich zum Vorbild. Denn es gibt viel zu viele, deren Gott der Bauch ist; sie sind irdisch gesinnt. Ihr Ende ist das Verderben“ (Phil 3,17-19). Als Christen leben wir in einer anderen Wirklichkeit, denn unser Bürgerrecht ist im Himmel.
Gewiss, unser Bürgerrecht ist im Reich Gottes. Aber in mir steckt eine Erdgebundenheit, ein Zweifel, ob Gott sich wirklich meiner annimmt, wenn ich mein Leben ganz und gar in Gottes Hände lege.
Eines Tages saß Jesus im Tempel und lehrte. Große Volksmengen kamen und hörten ihm zu. „Seht euch vor vor den Schriftgelehrten“ (Mk 12,38), sagte er zu ihnen. Sich vorsehen, sich in Acht nehmen – das heißt: aufmerksam sein. Die Schriftgelehrten waren zu Jesu Zeit geachtete Leute, zu denen das Volk gern aufsah. Sie verbrachten ihre Zeit damit, das jüdische Gesetz zu erforschen, sie hielten die Gebote, sie gingen fleißig in die Synagoge. Man grüßte sie, wenn man ihnen auf dem Markt begegnete, wo sie in ihren langen, aber unpraktischen Gewändern umhergingen. In langen Gewändern kann man keine körperliche Arbeit tun. Man kann darin keinen Stall ausmisten und keinen Fußboden wischen. Unpraktische Kleidung wie Anzug oder Talar zieht man an, um zu zeigen: Hier zählt der Kopf, ich arbeite nicht mit dem Körper. In der hierarchischen Gesellschaft war es schon immer feiner, mit dem Kopf zu arbeiten als mit dem Körper. Aber vielleicht ist auch das im Reich Gottes anders? Die Schriftgelehrten pflegten zum Schein lange Gebete im Tempel zu verrichten. Doch Jesus macht das Volk auf sie aufmerksam: Die Schriftgelehrten fressen die Häuser der Witwen. Denen sollt ihr nicht gleichen.
Stattdessen zeigt Jesus auf eine Witwe in der Menge, die uns ein Vorbild sein kann. Sie war in den Tempel gekommen, um ihre Opfergabe zu bringen: zwei Scherflein. In der großen Rechnung des Tempels fiel das kaum ins Gewicht. Und doch hebt Jesus die Witwe hervor: Die Reichen geben von ihrem Überfluss, die Witwe aber gab von dem Wenigen, das sie hatte. Die Witwe wird uns zum Vorbild. Aber ihre Geschichte wird zugleich zu einer Kritik am etablierten Tempelwesen. Welche Institution nimmt den Armen das Brot weg? Zu Jesu Zeit konnten Frauen nicht für sich selbst eintreten. Eine Frau brauchte einen Mann, der sie schützte. Hätten sich nicht die Schriftgelehrten der Witwe annehmen müssen? Doch die Schriftgelehrten waren so sehr mit ihrem eigenen Ansehen beschäftigt, dass sie die Witwe gar nicht wahrnahmen.
Die Geschichte von der Witwe enthält also zwei Pointen: Die Schriftgelehrten hätten einen Blick für die Arme haben sollen, aber sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, ‚gute Menschen‘ zu sein. Die Witwe dagegen kann uns als Vorbild dienen, denn sie gab alles, was sie hatte. Sie lebte das Evangelium – wie die Lilien auf dem Feld und die Vögel unter dem Himmel. Denn das haben sie mit der Witwe gemeinsam: Sie leben von Gottes Gnade. Sie suchen keinen Reichtum und sammeln nicht in die Scheunen; nein, sie leben unmittelbar von dem, was ihnen gereicht wird.
Ist das nun klug, mögen wir fragen. Hätte die Witwe das Geld nicht lieber für ein wenig Brot ausgeben sollen? Das hätten wir wohl getan. Als Menschen kommen wir vom Irdischen nicht los. Wir können nicht frei wie die Vögel leben und darauf hoffen, dass Gott uns die nächste Mahlzeit serviert. Unser irdischer Leib ist an die Erde gebunden. Und doch gibt es eine Hoffnung für uns. Paulus stellt sich uns als Vorbild zur Verfügung. Nicht deshalb, weil Paulus ein guter Mensch war – es ist nicht die Moral des Paulus, die wir nachahmen sollen. Oft stellen wir uns vor, ein wahrer Christ sei ein Mensch, der nie schlecht von anderen denkt und nie versagt. Aber im Christenleben geht es nicht darum, fehlerlos dazustehen. Wir sind nicht dazu berufen, in Fasten oder Zölibat zu leben, und wir sollen uns nicht von Menschen fernhalten, die mit der Sünde ringen. Wie aber können wir dann Paulus gleichen?
Unser Bürgerrecht ist im Himmel, sagt Paulus. Wie Paulus sollen wir unser Vertrauen darauf setzen, dass Jesus Christus uns erretten wird. Unser zerbrechlicher und sterblicher Leib gehört dem irdischen Leben an. Aber Christus wird uns entgegenkommen und uns verwandeln. Gott wird alles neu machen! Christus schenkt uns einen Leib, der nicht vergehen wird.
Was Paulus und die Witwe zum Vorbild macht, ist nicht ein fehlerloses Leben, sondern der Glaube, dass Gottes Vergebung und Gnade auch dir gelten. Die Gemeinschaft der Heiligen, von der wir im Glaubensbekenntnis sprechen, ist keine Versammlung sündloser Christen, sondern eine Versammlung, die hofft und glaubt, dass Gottes Vergebung auch uns gilt. Gottes Liebe zu seinen Menschenkindern ist größer als die Fehler, die wir begehen, und größer als das, was wir unterlassen.
Wir kommen in die Kirche, um gemeinsam zu beten, zu singen und in der Bibel zu lesen – und damit ein neues Licht auf unser Leben fällt. Wir versuchen ständig, uns zu bessern, doch die Bewegung geht von Gott zu uns. Wenn wir erfahren, dass Gott mit milden Augen auf unser Leben schaut, dass er uns trotz unserer Fehler einander zum Vorbild machen kann, dann richten wir uns auf und vermögen einander zum Nächsten zu werden. Gottes Vergebung macht uns nicht sündlos, aber sie macht uns frei, den Blick zu heben und die Armen, die Witwen und die Notleidenden unter uns wahrzunehmen. Wenn wir unsere Kraft nicht länger darauf verwenden, selbst die Leiter hinaufzuklettern – sei es die Karriereleiter, um Geld zu verdienen, oder die moralische Leiter –, dann werden Kräfte frei, die wir im Dienst füreinander einsetzen können.
Durch die Gnade Jesu Christi sind wir in der Taufe Teil der Gemeinschaft der Heiligen geworden; unser Bürgerrecht ist im Reich Gottes. In der Taufe wurde uns zugesprochen: „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“ (Ps 121,8) Wir können über uns selbst jammern, über unsere Doppelmoral und darüber, dass wir so wenig tun. Aber wir haben Vorbilder bekommen, auf die wir schauen und denen wir nacheifern können. Also: Wie möchtest du dein Leben leben? Wer kann dir ein Vorbild sein?
Amen.
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Anna Jensen
Pastorin in Kingos Kirche, Odense
ansj@km.dk
Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten, A.d.Ü.