Markus 14,(1-2).3–9

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Smells like teen spirit – oder? | Palmsonntag | 29.03.2026 | Mk 14,(1-2).3–9| Udo Schmitt |

Mit dem heutigen Tag beginnt die Karwoche, es ist der Anfang einer stillen Zeit – für uns. Die letzte Woche im Leben Jesu, an die wir uns erinnern, war ganz anders. Es war eine Woche voll von Spannungen, Widersprüchen und schreiendem Unrecht. Erst schreit die Menge das Hosianna, das Jubelgeschrei zum Einzug, dann schreit sie: „Weg mit ihm, kreuziget ihn!“ Erst Treuschwüre der Jünger beim letzten Abendmahl: „Nie wollen wir von deiner Seite weichen!“ – dann Verrat, Flucht, Verzweiflung und Verleugnung: „Jesus? Kenn ich nich! Nie gehört!“ Aber auch das: Erst die dunkele Stunde auf Golgatha – Schmerzen, Verlassenheit, der Tod, – dann das erste Licht am Ostermorgen, die Überraschung: „Er lebt!“

Und das alles in nur einer Woche! Es ist eine ungeheuer dichte Zeit, in der so viel geschieht, dass man jeden einzelnen Tag bedenken und be-predigen möchte. Luther sagt deshalb, dass diese Woche mindestens ebenso bedeutsam war wie die Schöpfungswoche zu Beginn der Zeiten. Im heutigen Predigttext berichtet der Evangelist Markus vom Mittwoch dieser Woche, es waren noch zwei Tage bis zum Fest, schreibt er – nur noch zwei Tage. Und wir finden uns wieder inmitten von Feindschaft, Falschheit und Verrat.

Die Feindschaft eröffnet diesen Tag: die Amtsinhaber und Würdenträger sind sich einig: „Jetzt reicht’s! Weg mit ihm“. Verrat beschließt den Tag: Ein Jünger, einer von den Zwölfen, erklärt sich bereit, ihn den Feinden auszuliefern. Er tut es von sich aus, doch warum und wozu, das wird hier nicht gesagt. Dunkel sind die Beweggründe, dunkel die Aussichten. Das Dunkel breitet sich aus. Die Falle ist gestellt, der Lohn ist in Aussicht gestellt, das Ende ist in Sicht, die Schlinge zieht sich zu. Inmitten der sich verdichtenden Dunkelheit nun ein Lichtblick: die Begegnung zwischen Jesus und einer Frau.

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch,
da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl,
und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.

Etwas Überraschendes, ja Erstaunliches geschieht. Als alter Orientale ist man ja so Einiges gewohnt, auch Dinge, die uns heute vielleicht fremd erscheinen. In heißen und trockenen Ländern gehören Salben und Öle ganz natürlich zur Körperpflege. Und es war im Rahmen der Gastfreundschaft durchaus üblich, einem Gast ein Fußbad anzubieten, eventuell auch neue Kleider anzulegen, und auch einige Tropfen gut riechenden Öls aufs Haar zu träufeln. So was kannte man damals und empfand es als normal – vor einem Gastmahl.

Aber, dass eine Frau hereinplatzt, als die Gesellschaft schon Platz genommen hat, und sie geht auf Jesus zu und zerbricht eine Flasche und gießt sie über seinen Kopf, verreibt es vielleicht noch in sein Haar und massiert die Kopfhaut und die Schläfen… Das gehört sich nicht. Und wer es sieht, der denkt bei sich: „Ja, was geht denn hier ab? Was nimmt die sich heraus und was kommt sie ihm so nah? Was fummelt die an ihm herum und was will sie überhaupt von ihm?“

Die Runde war gestört – man reagiert verstört. Eben saß man noch so nett beisammen und hielt einen ordentlichen Männerschwatz – lecker Essen und auch ein guter Wein dazu – und alles war ganz locker und ungezwungen, da betritt dieses… dieses Weib den Raum und stört, sorgt für Aufregung, Unordnung, und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Und dann dieser Geruch. Der ganze Raum ist voll davon. Es ist kein einfaches Salböl, das diese Frau verwendet hat, keine Nivea oder so, und auch sonst nichts Handelsübliches, sondern echtes Nardenöl. Eine Kostbarkeit! Indische Narde, gewonnen aus einer stark duftenden und sehr wertvollen Pflanze aus den Bergen des Himalajas. Allein der Transport nach Israel über tausende Kilometer, mühsam mit Karawanen, muss ein Vermögen gekostet haben. Echtes Nardenöl war nahezu unbezahlbar, allein Königen und Kaisern vorbehalten, und nur die Reichsten der Reichen konnten sich so etwas leisten. Und diese Frau hat nicht nur ein paar Tropfen dieser Kostbarkeit genommen, sie hat gleich die ganze Flasche ausgeleert. Sie sollte sich schämen.

War es heilige Verschwendung? Oder roch das ganze vielleicht doch nach einem Skandal? Liebt sie ihn so sehr, dass sie das Wertvollste nahm, was sie kriegen konnte, um damit zu zeigen, wie sehr sie ihn liebt und verehrt? Nun ja – stimmt schon, Liebe fragt nicht nach den Kosten… Aber, bei aller Liebe, echtes Nardenöl und dann auch noch eine ganze Flasche, ich bitte dich, da ist doch was faul. Das riecht nach mehr. Hier geht noch was ganz anderes ab. Das sagt mir meine Nase. Hat man nicht in alter Zeit so die Könige geweiht?

Samuel, der Prophet, ging mit seinem Ölhorn zum Hirtenjungen David und salbte ihn zum König. Und auch danach noch wurden Könige durch das feierliche Übergießen mit heiligem Öl in ihr Amt eingeführt. Zur Zeit Jesu wartete man sehnsüchtig darauf, dass er endlich kommt, der verheißene König aus dem Haus Davids. Wenn sie von ihm sprachen, nannten sie ihn nicht Herrscher und auch nicht König, sondern einfach nur „den Gesalbten“, was auf Hebräisch „Messias“ und auf Griechisch „Christus“ heißt. Wenn wir also heute „Jesus Christus“ sagen, ist das genau genommen kein Name, sondern ein Bekenntnis, das besagt: „Ich glaube, dass Jesus der Christus ist, der Gesalbte Gottes, er ist der verheißene König“.

War es das, was die Frau sagen wollte? Jesus mein König. Vielleicht meinte sie es ja auch nur so ganz privat, so nach dem Motto: „Du bist mein Prinz. Für dich ist mir nichts zu kostbar. Du bist der König meines Herzens.“ Allein das wäre schon ein wenig anrüchig und ein bisschen ein Skandal. Oder wollte sie vielleicht noch mehr? Wollte sie ihn etwa wirklich zum König salben? Das wäre ein Skandal im Skandal. Wenn das ruchbar wird. Denn wer salbt eigentlich einen König in Israel? Wer darf das überhaupt? Ganz klar: Entweder ein Prophet oder ein Hohepriester, so oder so im Auftrag Gottes und in jedem Fall ein Gottesmann und keine Frau. Jesus von einer Frau zum König gesalbt? – undenkbar! So undenkbar und gegen alle Regeln wäre das, dass es bis heute noch von den meisten Bibelforschern – übrigens auch fast alle Männer – entrüstet abgelehnt wird. Wo kämen wir da hin! Allein der Gedanke schon gehört zurückgewiesen!

Was immer sich die Frau auch gedacht haben mag, Jesus lässt es geschehen.

Er, der anderen so viel Gutes getan hat, kann auch selbst empfangen. Er weist sie nicht zurück, sagt nicht: „Das wäre doch nicht nötig gewesen“, sondern er lässt sich mit der Liebe dieser Frau beschenken. Er spürt, dass Gott selbst ihm durch diese Frau Gutes tun will. Es ist für ihn ein letzter Lichtblick in der Dunkelheit der Leidenszeit. Ein Mensch, der ihm Gutes tut, nachdem andere bereits seinen Tod beschlossen haben; eine liebevolle Begegnung, die ihn stärkt, kurz bevor sein Freund sich aufmacht, um ihn zu verraten. Es sind wertvolle Sekunden einer innigen Liebe zwischen Jesus und dieser Frau.

Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander:
Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl
für mehr als 300 Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an
.

Es tut richtig weh mitanzusehen, wie die liebevolle Szene nun zerstört wird. Nur ein kurzer Augenblick der Entspannung ist es, der Jesus vergönnt ist, schon stehen wieder die Kritiker auf dem Plan. Sie haben den Wert des Öls schnell hochgerechnet: mindestens 300 Denare könnte man auf dem Basar dafür erzielen, eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass ein Tagelöhner nur einen Denar am Tag verdient und davon mit seiner ganzen Familie leben muss. Auch wir rechnen einmal schnell nach, was mag das heute wohl sein – 10.000 vielleicht 15.000 Euro? – und das ist noch vorsichtig geschätzt. Meine Güte: Was für ein Betrag! Was für ein Geld!

Die umsitzenden Männer fahren die Frau an, wollen sie zurechtweisen, zurückweisen, vertreiben. „Was soll die Verschwendung?!“, herrschen sie sie an. Eigentlich bräuchten sie sich ja nicht den Kopf zu zerbrechen über andrer Leute Sachen. Das Salböl, es gehört ja wohl der Frau. Wenn sie es ausschütten will – bitteschön – ihr Problem. Doch der Vorwurf richtet sich nur formal an die Frau, in Wirklichkeit gilt er Jesus: „Meister, du hast doch immer gesagt, wir sollen den Armen Gutes tun, und nun stimmst du solch einer Verschwendung zu? Wie kannst du nur!“
Die Kritiker haben von Jesus gelernt. Sie haben inzwischen so viel gelernt, dass sie sogar meinen, ihn, den großen Lehrer, schlagen zu können, mit eigenen Worten, mit eigenen Werten – mit der Keule der Moral und gespielter Entrüstung: „Meister, wie kannst du nur…“

Der jüngst verstorbene Jürgen Habermas hätte ihnen drei Fragen gestellt: Ist es wahr, was ihr sagt, ist es richtig und ist es wahrhaftig. Letzteres wohl nicht. Ihre Entrüstung mag vielleicht auch echt sein – doch ihre Worte sind es nicht. Unangenehm sind sie berührt, ja – aber nicht von der Verschwendung, sondern von der Nähe, die auf einmal entstanden ist zwischen Jesus und dieser Frau. Es ist ihnen unangenehm, es ist ihnen peinlich, sie rutschen auf ihrem Sitzplatz hin und her, und sie wittern ängstlich und aufgeregt den Skandal, der in der Luft liegt, schwer wie Parfüm. Doch sie wagen es nicht auszusprechen, was sie denken. Da gibt es Tabus – Dinge, die man nicht ansprechen darf, ja, nicht einmal andenken darf: „Jesus und diese Frau? Jesus von einer Frau gesalbt? Das kann, das darf nicht sein!“ Und deshalb sagen sie es selbst, was sie lieber von Jesus gehört hätten: „Nein, Frau, lass sein, das wär doch nicht nötig gewesen!“ Man hätte ja mit dem schönen Geld viel Gutes und Nützliches tun können.

Stimmt. – Nimmt man nur die Worte, so stehen die Kritiker als die Saubermänner und als die moralisch Besseren da. Gegen ihre Argumente lässt sich scheinbar nicht viel sagen, denn natürlich sollen wir uns um die Armen kümmern, das hat Jesus mehr als einmal gesagt. Aber wenn sie jetzt die Nächstenliebe als argumentativen Hebel benutzen, dann geht es ihnen gar nicht um die Armen. Etwas ganz anderes stört sie und erregt sie.

Was sie sagen ist richtig, aber sie – sie sind nicht aufrichtig. Und so tritt die Falschheit auf den Plan, angetan mit dem Mäntelchen des Rechthabens, sich selbst siegessicher bestärkend in der vermeintlichen Überlegenheit und trügerischen Gewissheit, nun christlicher sein zu können als Christus selbst. Zu der Feindschaft und dem Verrat kommt nun auch noch die Falschheit: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde die Dritte“ – was für ein Tag!

Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk
an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr
ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

Jesus verteidigt die Frau – er weist die Kritik zurück in dreifacher Weise: Er widerlegt die Besserwisser zunächst mit eigenen Argumenten: Wenn es euch wirklich um die Armen geht, dann seid unbesorgt. An Armen wird es nicht mangeln, zu keiner Zeit. Und wann immer es euch danach ist, könnt ihr ihnen helfen. Menschenliebe ist gut, ja. Nichts spricht dagegen den Armen zu helfen, jederzeit. Mich aber habt ihr nicht alle Zeit.

„Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen,
und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze“, schreibt Paulus.

Deshalb ist jetzt die Zeit zur Gottesliebe, es ist eine besondere Zeit, denn noch ist er da, Jesus, zwei Tage noch, und sein Tod ist schon beschlossene Sache; und ihm etwas Besonderes, etwas Gutes zu tun, auch das ist gut. Sie hat ein gutes Werk an Jesus getan. Jesus sagt es selbst:

Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.

Das ist die zweite Antwort. Was diese Frau an Jesus vollzogen hat, ja, das ist eine ganz besondere Handlung, und ja, es ist ein Zeichen, aber keine Königskrönung, nicht die Einsetzung eines Herrschers im üblichen Sinne. Jesus deutet die Salbung als Hinweis auf sein Sterben. Einem Sterbenden zu helfen, einen Todgeweihten zu pflegen, den Leichnam eines Verstorbenen zu versorgen – auch das ist ein gutes Werk. Wer will das eine gute Werk, nämlich die Versorgung der Armen, gegen das andere gute Werk, die Versorgung der Sterbenden, aufrechnen?

Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt,
da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Ihre Liebe wird nicht vergessen werden. Das ist die dritte Antwort. Gute Werke haben keinen Namen, hat Luther einmal gesagt. Und tatsächlich, wir wissen von dieser Frau so gut wie nichts, wir kennen noch nicht einmal ihren Namen. Doch das eine wissen wir, sie hat sich zu Jesus bekannt, sie hat ihre Liebe vor aller Welt gezeigt.

Und ihre Liebe wird nicht vergessen werden. Gott sieht die Liebe, die wir einander erweisen. Keine Träne fällt umsonst, kein gutes Werk bleibt unbemerkt und ihm verborgen. Kein Tropfen Öl, der in Liebe ausgeschüttet wird, ist verschwendet und verloren. Jeder einzelne Tropfen fällt genau auf die Stelle, auf die er fallen soll, so wie eine Kirschblüte fällt und eine Schneeflocke sanft vom Himmel sinkt, als trage sie in sich schon das Wissen darum, dass sie vergehen muss, und doch fällt sie nicht vergebens.

Wenn ich etwas Gutes tue, aus Liebe, dann geschieht es nicht vergebens. Ganz egal, ob ich es fast unbemerkt tue wie die arme Witwe, die ihr Scherflein gibt, und keiner kriegt es mit, oder ob ich es vor allen anderen tue wie diese Frau hier, die Jesus salbt, zur Erregung des öffentlichen Ärgernisses, so dass sie sie beschimpfen als Störenfriedin und Verschwenderin, ganz egal, was sie sagen – lass sie reden! Dem Reinen ist alles rein und dem Schwein ist alles schwein. Wirklich wichtig ist nur das eine: Gott sieht es, bemerkt es und weiß es zu schätzen. Und wo das Evangelium, die frohe Kunde von der Liebe Gottes, gepredigt wird, da wird es nicht vergessen, was aus Liebe getan wird.

Denn auch Gott hat sich verschwendet in seiner Liebe an uns. Er schickte seinen einzigen Sohn zu uns, er war unter uns, er war uns ausgeliefert, er war mitten unter uns und zugleich inmitten von Feindschaft, Falschheit und Verrat. Sein Blut wurde vergossen, doch es war keine Verschwendung und es geschah nicht vergebens. Es zeigt uns nur, wie groß seine Liebe zu uns ist, eine Liebe die größer ist als alles, was wir bewirken können durch unser Tun und Lassen. Diese Liebe ist größer als der Tod.

Liedvorschläge:
EG 11 Wie soll ich dich empfangen
EG 98 Korn, das in die Erde
EG.E 3 Wir gehen hinauf nach Jerusalem
EG 558 Nun ziehen wir die Straße


Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.
Dorfstr. 19 – 42489 Wülfrath (Düssel)
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