Markus 14,3–9

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Die Salbung in Betanien | Palmsonntag | 29.03.2026 | Mk 14,3–9 | J.-Stephan Lorenz |

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag hat seinen Namen von der Lesung aus dem Evangelium des Johannes. Jesus zieht zum Passah-Fest mit seiner Schar nach Jerusalem. Leute hören davon, so erzählt Johannes, und bereiten ihm einen Empfang, wie ihn nur Könige bekommen. Palmzweige werden dort hingelegt, wo er geht. Die Palme, heiliger Baum, Symbol für Gottes Herrlichkeit und Erhabenheit, für ein langes, ja unendliches Leben. In der christlichen Kirche, heute noch in manchen katholischen Gegenden werden geweihte „Palmen“, Büschel aus Stechpalmen, Buchs oder Wacholder mit nach Hause genommen. Aschermittwoch werden sie zurückgebracht, verbrannt, aus der Asche zeichnet man ein Kreuz auf die Stirn.

Menschen rufen: Hosianna! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Ewigen!“  Sie denken, mit diesem Menschen komme ihre Erlösung. Sie geschieht anders, als sie sich das vorstellen. Paulus hat die Erzählungen über den Einzug vielleicht erinnert, als er seinen Brief an die Christen im Philippi schrieb, wie wir in der Epistellesung hörten: „der, obwohl er in Gestalt Gottes war, hielt er seine Gleichheit mit Gott nicht für etwas, dass er durch Gewalt in seinen Besitz nehmen musste. Im Gegenteil, er entäußerte sich selbst insofern, als er die Gestalt eines Sklaven annahm, indem er wurde, wie wir Menschen sind. Und er als ein Mensch erschien, erniedrigte er sich noch mehr, indem er selbst dem Tod gehorsam war- dem Tod am Pfahl, wie ein Verbrecher.“[1]

Das könnte die erste Botschaft dieses Sonntages sein: Gott macht sich selbst klein, damit wir Menschen erlöst werden von dem, was unser Leben zur Hölle macht.

Aber warum? Warum macht Gott sich zu einem Nichts? Warum setzt er sich der Folter und dem schrecklichen Tod am Kreuz aus? Was hat das mit unserer Erlösung zu tun?

Vielleicht finden wir eine Antwort auf diese Frage in unserem Predigttext aus dem Markusevangelium:

Als er in Bethanien im Haus Simons, des Leprakranken, ist und zu Tisch liegt, kommt eine Frau mit einem Alabastergefäß mit echtem, kostbarem Salböl (aus der) Nardenpflanze, und schüttet (das Öl) nachdem sie das Alabastergefäß zerschlagen hat, auf seinen Kopf.  Da werden einige ärgerlich (und sagen) zu einander: ‚Wozu diese Vergeudung des Salböles? Es wäre doch möglich, das Salböl für mehr als dreihundert Denare zu verkaufen und den Armen zu geben.‘ Sie machen ihr heftige Vorwürfe. Jesus aber sagt: ‚Lasst sie! Was macht Ihr sie an? Sie tut ein gutes Werk an mir. Arme habt Ihr nämlich immer bei Euch, und könnt, wann immer Ihr wollt, ihnen Gutes tun. Mich aber habt Ihr nicht immer. Was sie konnte, hat sie getan. Sie hat vorweggenommen, meinen Körper auf das Begräbnis hin zu salben. Amen, ich sage Euch: Wo auch immer das Evangelium in der ganzen Welt verkündigt wird, wird auch, was diese getan hat, zur Erinnerung an sie erzählt werden.‘

Eine Erzählung, die hinführen will zur Antwort auf die Fragen: Warum macht Gott sich zu einem Nichts? Und wie geschieht für uns Menschen Erlösung von dem, was unser Leben zur Hölle macht?

Im 66. Psalm lesen wir:

Das Wasser steht mir bis zum Hals – ich bin im Schlamm, indem alles versinkt – ich finde keinen Grund und Halt – meine Stimme ist vom Schreien über meine Schmerzen ganz wund – und meine Augen furchtbar müde – Wie weit sind Trost und Mitleid fort ….

Ich vermute, jede und jeder kennt solche Situationen, wir verlieren den Boden unter den Füssen, es gibt kein Halten und keinen Grund, wir sind buchstäblich am Ende, keine Hilfe in Sicht, Hoffnung schwindet, das Leben schmeckt nach Essig und Galle.

Jesus befindet sich in einer ausweglosen Situation: die religiösen Machthaber in Jerusalem haben sich entschieden: dieser Mann muss weg, sterben. Sie warten auf eine gute Gelegenheit, um ihr Vorhaben auszuführen. Flucht nicht ratsam, würde den Anklägern recht geben. Die Jüngerinnen und Jünger, auch davon berichtet die Geschichte, verleugnen die Ausweglosigkeit. Illusion ist angenehmer als Realität. „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n, und dann werden tausend Märchen wahr“, sang Zarah Leander 1942.

Kennen wir von uns, Schwieriges, Bedrohliches zu verleugnen. Eindrücklich bleibt mir ein Patient in der Neurologischen Klinik. Er hatte einen schweren Unfall, konnte nicht mehr laufen, seinen Beruf nicht mehr ausüben, allein gelassen von seinen Eltern, seiner Freundin.  Er bestand darauf, sich in einem (Alb-)Traum zu befinden. Was ja verständlich ist. Aber wenn er aufwache, sei alles vorbei…. Keiner und keinem von uns wünsche ich solche Situation.

Gibt es „Erlösung“? Was können wir tun, wenn wir nichts mehr tun können? Wie kann es geschehen, dass wir weder in unserer Angst verlieren, noch alles verleugnen müssen?

Die Geschichte erzählt von einer Frau, die in das Gastmahl hineinplatzt, eine Flasche mit dem teuersten Öl, das es damals gab, zerbricht, und Jesus salbt. Die Jünger zeigen kein Verständnis. Regen sich auf, machen Vorwürfe. Jesus versteht sie. Er versteht die Salbung als Akt der Liebe.

Das könnte die Antwort auf die Fragen nach dem Warum und dem Wie der Erlösung liegen.  Wir können die Salbung mit Jesu als ein Akt der Liebe verstehen. Die Liebe behält das letzte Wort.

Der Prophet Jesaja spricht uns an: „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen; und wenn du durchs Feuer gehen musst, sollst du nicht brennen und die Flamme dich nicht versengen, … weil du in meinen Augen so unermeßlich viel wert bist und so herrlich gemacht, und weil ich dich über alle Massen lieb habe…“[2]

 Das setzt die Frau mit ihrer Handlung in Szene. Der Grund dafür, dass Gott sich für uns zu einem Nichts macht, liegt in unserer Erlösung.

Wie kann das sein? Finden wir das heute?

Die Geschichte erzählt von einer unbekannten Frau. Immer wenn biblische Geschichten keine Namen nennen, heißt das: jede (jeder) ist gemeint – jede, jeder von uns trägt diese Liebe in sich; sie hält in ausweglosen Situationen stand; jede, jeder kann sie weitergeben.

Es gibt zwei tiefe Emotionen und Gefühlszustände, die uns Menschen befähigen, außergewöhnliches und auswegloses Erleben zu bewältigen: die eine ist Hass – das erleben wir gerade zwischen Trump und den iranischen Führern, zwischen Putin und den Ukrainern, in allen Ländern wo Krieg geführt wird. Hass macht blind, lässt wochenlang Bomben werfen und Bombardement aushalten, bringt Leiden und Tod. Erniedrigt Unschuldige zu wehrlosen Opfern.

Die andere ist die Liebe. Sie ist in ausweglosen Situationen tragfähiger als alle andere, zu dem wir Menschen fähig sind.

Mir fiel, als ich die Geschichte von der Salbung in Bethanien las, wieder eine Frau ein, die ich während meiner Tätigkeit in den USA kennengelernt hatte. Sie lebt in einem staatlichen Altersheim, am Rande des Existenzminimums, von Sozialhilfe, was in den USA wirklich nicht viel ist. Als ich sie kennenlernte, ging es ihr schlecht. Trotzdem ging von ihr eine Zufriedenheit, Ruhe und Gelassenheit aus, die mich und viele andere immer noch beeindruckt. Als sie sich mit ihrem Mann nach einem zwar anstrengenden, aber erfolgreichen Geschäftsleben zur Ruhe setzte, waren sie reich. Hatten über eine Million Dollar auf ihrem Konto oder in Aktien angelegt. Sie brauchten sich keine Sorgen zu machen, hatten ein Haus in Florida und in den Rocky Mountains. Bis ihr Mann schwer an Krebs erkrankt. Für seine Behandlung gingen in zwei Jahren alle ihre Ersparnisse drauf und sie selbst hat sich bei der Pflege ihres Mannes körperlich und seelisch ziemlich verausgabt. Hat alles gegeben, was sie konnte. Sie sagt zu mir: „Weißt du, ich habe diesen Mann geliebt und ich würde es immer wieder tun! Ich bin arm und doch sehr reich, ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden!“

„Sie hat getan, was sie konnte.“ – sagt Jesus. Das gilt auch für die, die gerade jetzt Angehörige liebevoll pflegen und auf ihren schweren Wegen begleiten. Sie lieben, ihre Liebe macht sie fähig, sich für andere zu verausgaben. In diesen Menschen sehe ich Gottes Liebe zu allen Menschen. Er erniedrigt sich für uns, will unsere Erlösung von dem, was unser Leben zur Hölle macht. Wir können wir es der unbekannten Frau gleichtun.

weil du in meinen Augen so unermeßlich viel wert bist und so herrlich gemacht, und weil ich dich über alle Massen lieb habe…

Und wenn wir unser Leben betrachten, was darin wirklich wichtig ist, schreibt Paulus in einem anderen Brief, dann ist es doch so:

„Am Ende bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen…“  sie rechnet nicht und das rechnet sich!

Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag selbst erfahrt, auf dass euer Vertrauen in den Ewigen zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen

 

Confiteor:

Gleich beten wir: „Verbirg dein Angesicht nicht vor mir, denn mir ist angst…komm meiner Seele zu Hilfe und erlöse sie.“ Vielleicht haben auch wir schon so gebetet. Wir kommen hier zusammen um uns daran zu erinnern, dass Gottes Wort uns trösten will, wenn wir denken, in der Angst unterzugehen. Wir wissen, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Angst zu ziehen, ist schwer. So bitten wir: Gott, verbirg dein Angesicht nicht vor uns, wenn uns die Angst uns packt…komm uns zu Hilfe und erlöse unsere Seele. Und wir erhalten die Antwort, die sich durch diesen ganzen Gottesdienst bestätigen möge: Gott erbarmt sich. Er ist uns in Jesus, der am Kreuz starb, ganz nah. Gott vergibt. Deshalb sind wir Gottes Kinder, und sein Heiliger Geist wird mit uns sein. Wer darauf vertraut, wird selig. Das verleihe Gott uns allen. Amen.

 

Kollektengebet

Gott, tröste uns, wenn uns angst und bange wird, sei uns gnädig und erhöre unser Gebet. So ist das mit uns, himmelhochjauchzend begrüßen wir deine Ankunft, aber wenn es nicht so läuft, wie wir das wollen, schreien wir: Kreuzige ihn! Du hältst trotzdem an uns fest, ja gibst dich für uns hin, damit wir leben können. Räumst deinen Platz in der Welt, damit wir Platz haben, am Ende das ewige Leben. Gib, dass wir Dir immer ein wenig mehr vertrauen, als zweifeln. Lass uns deine Verheißungen in unser Herz aufnehmen. Das bitten wir durch Jesus, den Christus, der uns durch den Heiligen Geist Kraft gibt heute und für immer. Amen

 

Fürbitte

P: Gott, mit Jesus, dem Messias willst du Frieden und Gerechtigkeit bringen. Menschen aber bomben, foltern und morden. So sind  Menschen. Wir bitten dich: Kyrie eleison

A: Gott, mit Jesus, dem Messias willst du Frieden und Gerechtigkeit bringen. Gib uns Kraft, denen zu helfen, die für ihr Land kämpfen. Gib uns Mut, alle bei uns aufzunehmen, die fliehen müssen, um ihr Leben zu retten. Wir rufen: Kyrie eleison

B: Gott, mit Jesus, dem Messias willst du Frieden und Gerechtigkeit bringen. Lass uns demütig werden, denn wir könnten in Frieden leben: verwandle die Herzen der Kriegstreiber, der Profiteure, der Lügner. Mutig wollen wir an der Seite derer stehen, die Brücken bauen, Politikern und allen, die den Frieden suchen, und denen, die selbstlos helfen. Wir rufen: Kyrie eleison
C: Gott, mit Jesus, dem Messias willst du Frieden und Gerechtigkeit bringen. Deine Barmherzigkeit sporne uns an, die in die Arme zu schließen, die krank sind, ratlos, mit Ängsten belastet, ausgebrannt und verzweifelt. Lass uns die Armen in unserem Land nicht vergessen. Wir rufen: Kyrie eleison
P: Gott, mit Jesus, dem Messias willst du Frieden und Gerechtigkeit bringen. Möge dein Leiden und Tod uns stärken, gegen Krieg, Folter und Tod in unserer Welt einzustehen. Wir sehnen uns nach dem Frieden, den allein Du uns geben kannst. Wir hoffen auf dich, wir vertrauen Dir heute und alle Tage. Amen. Laudate omnes gentes

 

Lieder:
EG 452 Er weckt mich alle Morgen
EG 87 Du großer Schmerzensmann
EG 14 Dein König kommt
EG 93 Nun gehören unsre Herzen
EG 75 Ehre sei dir Christe
EG 86 Jesu meines Lebens Leben


Pastor i.R. J.-Stephan Lorenz
Stephan.lorenz@evlka.de

Fussnoten:
[1] Übersetzung nach David H. Stern, Das jüdische Neue Testament
[2] Jesaja 43,1ff