Markus 14,3–9
Der leere Korb | Palmsonntag | 29.03.2026 | Mk 14,3–9 | Elof Westergaard |
Der leere Korb
Am Palmsonntag werde ich in der Bedsted Kirke predigen dürfen, nahe bei Løgumkloster. Die Kirche wird nach längerer Schließungszeit wieder eingeweiht – und das ist für sich genommen schon ein besonderer Anlass.
Der mittelalterliche Flügelaltar in der Bedsted Kirke ist etwas ganz Besonderes. Im Mittelfeld sieht man eine detailreiche Darstellung der Kreuzigung Jesu. Sie sind alle da – all jene, von denen wir in der kommenden Woche nach Jesu Einzug in Jerusalem hören werden: die beiden Räuber, die mit Jesus gemeinsam gekreuzigt wurden, Maria, die Mutter Jesu, Maria Magdalena und Johannes, der Jünger sowie die Soldaten, die das Los um Jesu Kleider werfen, der römische Hauptmann und viele andere mehr.
Doch was mich vor allem begleitet hat, seit ich den Altar zum ersten Mal sah, ist etwas ganz Kleines: ein Korb unter dem Kreuz Jesu. Ein geflochtener Korb – leer, aber offensichtlich dazu bestimmt, etwas aufzunehmen. In der Kirche kann man etwas hineinlegen: Narzissen, Eier, Zeichen des Lebens und der Auferstehung.
Die Symbolik ist doppelt. Sie erzählt zugleich von dem, was uns am Kreuz geschenkt wird, und von dem, womit wir antworten – in Dankbarkeit. Und genau dieser Gedanke führt mich zum heutigen Evangelium des Evangelisten Markus. Der Bericht vom Einzug am Palmsonntag wird hier ergänzt durch die Erzählung von der Frau, die in das Haus Simons des Aussätzigen in Betanien hineintritt. Dort ist Jesus zu Gast. Sie kommt mit ihrem Alabastergefäß voll kostbaren Öls. Sie zerbricht das Gefäß und salbt Jesus. Ist es eine Krönung? Oder eine Vorbereitung auf seine Grablegung? Das Öl gehört zu beidem. Und Jesus selbst deutet ihre Handlung als Vorzeichen seines bevorstehenden Todes.
Doch sofort meldet sich die Frage: Hätte man das Geld nicht besser verwenden können? Ist es nicht Verschwendung, kostbares Öl so auszugießen? So reagieren die Anwesenden in jenem Haus an jenem Tag. Eine so vertraute, so menschliche Logik.
Und doch liegt das Entscheidende vielleicht nicht dort. Denn das Zentrale ist das Geschenk. Und die Dankbarkeit in dem, was sie tut. Und vielleicht begegnen sich genau hier die beiden Bilder: der Korb unter dem Kreuz und die Frau mit dem Öl.
Der leere Korb steht dort wie eine stille Frage: Was wollen wir hineinlegen? Was geben wir zurück für das, was wir empfangen haben?
Und die Frau gibt ihre Antwort – ohne Kalkulation, ohne Vorbehalt. Sie gibt das Kostbarste, was sie hat. Sie gibt, weil sie etwas davon verstanden hat, wer Jesus ist. Sie bringt zum Ausdruck: eine Liebe und eine Dankbarkeit, die sich nicht in Nutzen und Vernunft aufwiegen lässt.
Der Palmsonntag eröffnet eine Woche, in der wir Jesus bis ans Kreuz begleiten. Bis zu dem Ort, wo alles gegeben wird. Wo nichts zurückgehalten wird. Und vielleicht ist es genau deshalb, dass der Korb unter dem Kreuz leer ist. Nicht weil etwas fehlt. Sondern weil er wartet. Er wartet darafu, wie wir mit unserem Leben antworten. In Worten und Stimmen. Nicht als Pflicht. Nicht aus Überlegung. Sondern als Geschenk.
Amen.
Elof Westergaard
Bischof in Ribe
ele@km.dk