Markus 16,1–8

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Der Stein ist nicht das Ende | Osternacht | 05.04.2026 | Mk 16,1–8 | Thomas Volk

 

Was für ein Morgen, liebe Gemeinde,
Der Tag hat gerade erst begonnen.
mitten in der Nacht sind wir aufgestanden.
Und alle sind wir noch etwas müde.

So beginnt auch die Ostergeschichte.

Früh am Morgen
sind drei Frauen unterwegs zu einem Grab.

Sie sprechen kaum miteinander.
Der Karfreitag liegt noch schwer auf ihnen.

Nur eine Frage bewegt sie:
Wer wird uns den Stein vom Grab wegwälzen?

Der Stein ist groß. Zu groß für sie allein.

Aber als sie zum Grab kommen – so erzählt die Bibel – sehen sie:
Der Stein ist schon weg.

Und mit diesem Stein beginnt etwas Neues.

Denn Ostern erzählt uns:
Der Stein ist nicht das Letzte.

 

1. Die Erstarrung am frühen Ostermorgen

Aber in diesem Moment wissen die Frauen das noch gar nicht.

Sie sehen den weggewälzten Stein –
und trotzdem ist noch nichts leicht geworden.

Der Schmerz sitzt zu tief.
Der Karfreitag liegt noch zu schwer auf ihren Herzen.

Alles in ihnen ist noch wie erstarrt.
Gedanken, Gefühle, Hoffnung – wie festgehalten.

Ostern beginnt nicht mit Jubel.
Ostern beginnt mit Menschen, die kaum noch glauben können, dass sich in ihrem Leben überhaupt noch etwas bewegt.

Vielleicht gibt es solche Momente auch in unserem Leben.

Momente im Leben, die lassen uns innerlich erstarren.
Momente, in denen Worte fehlen.
Momente, in denen die Gedanken bleiben stehen.
Man funktioniert vielleicht noch (Pause) – aber innerlich bewegt sich nichts mehr.

Wer solche Erstarrung erlebt hat, kommt nicht so schnell wieder in Bewegung.

 

2. Die Botschaft von Ostern braucht Zeit

Genau so geht es auch den Frauen am Grab.

Die Botschaft von der Auferstehung braucht Zeit.

Das war damals nicht anders als heute.

Auch die Frauen am Grab verstehen zuerst gar nicht, was sie hören.

Sie sehen den offenen Stein.
Sie hören die Botschaft: „Er ist auferstanden.“

Aber ihr Herz ist noch nicht so weit.

Als erstes ist da dieses Gefühl:
Ich verstehe gerade gar nichts mehr.

Dann sind sie völlig durcheinander.
Wie soll das sein?
Sie haben immer noch Bilder vom Karfreitag vor Augen.
Es tut noch viel zu weh.

Erst viel später beginnt sich etwas zu verändern.
Als sie wieder in ihren Alltag zurückgekehrt sind
und gespürt haben: Das Leben ist stärker als all die Steine,
die uns niederdrücken und uns das Atmen schwer machen wollen.

Die Osterbotschaft braucht Zeit.
Zeit, bis sie vom Ohr ins Herz kommt.

 

3. Ostern ist kein Fluchtwunder

Wir hören heute Morgen die Ostergeschichte
rund 2000 Jahre nachdem sie zum ersten Mal aufgeschrieben wurde:

Man könnte sich heute Ostern immer noch wie ein Fluchtwunder vorstellen.
Als hätte Jesus nur einen Stein gebraucht, der zur Seite gerollt wird –
und dann kommt er heraus.

Aber so erzählt die Bibel die Auferstehung nicht.

Das neue Leben, das von Gott kommt.
braucht keinen Ausgang aus einem Grab.

Es ist größer als unsere Vorstellungen von Leben und Tod.

Die Bibel erzählt an einer anderen Stelle:
Der Auferstandene geht sogar durch verschlossene Türen.

Für die Frauen hat sich erst später etwas verändert.

Als sie wieder in ihren Alltag zurückgekehrt sind und gespürt haben:

Das neue Leben, das mit Ostern beginnt, lässt sich von keinem Stein aufhalten.

 

4. Unsere Osterhoffnung – Steine unseres Lebens können in Bewegung kommen

Manchmal kommt es vor,
dass sich ein Stein ganz leise bewegt.

Vorhin – als es noch dunkel war – haben wir von ihnen gehört.

Von Steinen, die schwer auf uns lasten.
Von Steinen, die uns den Weg versperren.
Von Steinen, die wie Grabsteine über unseren Hoffnungen liegen.
Von Steinen, die sich wie eine Mauer zwischen Menschen auftun.

Ostern erzählt nicht nur von einem Stein vor einem Grab in Jerusalem.
Ostern erzählt davon, dass alle Steine aus unserem Leben
nicht das Letzte sein müssen.

Ostern sagt uns:
Kein Stein ist zu schwer.
Kein Stein ist endgültig.

Manchmal beginnt ein Stein sich zu bewegen,
wenn zwei Menschen nach langer Zeit wieder miteinander reden.

Vielleicht nur ein kurzer Gruß.
Vielleicht ein vorsichtiges Wort.

Und doch merkt man:
Die Mauer ist nicht mehr ganz so hoch wie vorher.

Manchmal beginnt ein Stein sich zu bewegen,
wenn jemand nach einer schweren Zeit
wieder einen kleinen Schritt ins Leben wagt.

Vielleicht steht er morgens wieder auf
und merkt:
Heute geht es ein wenig besser als gestern.

Wir werden das erleben:
Manchmal wird ein Stein tatsächlich weggerollt.
Eine Sorge verliert ihre Macht.
Oder: Ein neuer Weg wird auf einmal sichtbar.

Manchmal lernen wir, über einen Stein hinwegzugehen,
der uns lange im Weg lag.

Manchmal bleibt ein Stein –
aber er wird leichter,
weil wir ihn nicht mehr allein tragen müssen.

Und manchmal merken wir erst im Rückblick:
Da hat sich etwas bewegt.
Ganz leise.
Ganz vorsichtig.

Und dann verstehen wir vielleicht:
Wir sind diesen Weg gar nicht allein gegangen.

Christus ist uns vorausgegangen. (Dieser Satz muss nicht erklärt werden!)

5. Auferstehung der Hoffnung

Ein Dichter hat diese Hoffnung einmal in sehr einfache Worte gefasst.

Mir ist ein Stein
vom Herzen genommen:
meine Hoffnung
die ich begrub
ist auferstanden
wie er gesagt hat
er lebt
er lebt
er geht mir voraus.

(„Mir ist ein Stein vom Herzen genommen“, Lothar Zenetti)

 

Liebe Gemeinde,

Ostern sagt uns:

Nicht der Stein ist das Letzte.
Das Letzte ist das Leben.

Christus lebt.
Und er geht uns voraus.

Amen.


Thomas Volk, geb. 1962, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern. Seit 2021 Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Kissingen mit dem Schwerpunkt „Konfirmanden- und Jugendarbeit“.

Mail: thomas.volk@elkb.de
Instagram: thomas.volk.15
Facebook: Thomas Volk BK


Liedvorschläge:

Zu Beginn der Osternacht: „Bleibet hier und wachet mit mir“ (EG 700)
„Herr, erbarme dich“ (EG 178,9)
Lied beim Entzünden der Osterkerze: „Christ ist erstanden“ (EG 99)
Lied vor der Predigt: „Ein Licht geht uns auf in der Dunkelheit“ (KAA 057)
Lied: nach der Predigt  „Die Sonne geht auf, Christ ist erstanden“ (EG 556,1-2+4)
Nach der Tauferinnerung: Lied: „Ich glaube fest, dass alles anders wird“ (KAA 079)
Sanctus: „Du bist heilig“ (KAA 0102)
Danklied: Meine Hoffnung und meine Freude“ (EG 697)
Schlusslied: „Wir wollen alle fröhlich sein“ (EG 100,1-2+5)


Vorbereitungsgebet in der Osternacht – Steine in unserem leben

  • Sprecher – Steine als Last
    Steine können zur Last werden. Sie liegen schwer auf unseren Schultern – die Sorgen des Alltags, unerfüllte Erwartungen, die Angst vor der Zukunft. Mancher Stein drückt uns zu Boden, nimmt uns die Kraft zum Aufstehen. Wir schleppen sie mit uns, Tag für Tag, und denken, sie bleiben für immer.
  • Sprecher – Steine als Hindernis
    Steine verschließen. Sie versperren den Zugang zu dem, was lebendig werden möchte. Wir riegeln uns ab – aus Verletzung, aus Scham, aus Angst. Gefühle bleiben unausgesprochen, Versöhnung bleibt aus, Hoffnung findet keinen Weg nach draußen. Der Stein vor unserem Herzen hält das Licht fern und lässt uns im Dunkeln zurück.
  • Sprecher – Grabsteine
    Steine markieren das Ende. Sie stehen auf Gräbern und erinnern an Abschied und Verlust. Manches in unserem Leben ist gestorben – Beziehungen, Träume, Vertrauen. Diese Grabsteine tragen wir in uns, stumme Zeugen dessen, was nicht mehr ist. Sie halten uns fest in der Trauer und lassen uns zweifeln, ob je wieder etwas Neues wachsen kann.
  • Sprecher – Steine als Mauern zwischen Menschen
    Steine werden zu Mauern. Sie trennen, wo Begegnung sein sollte. Vorurteile, Stolz, alte Verletzungen – Stein auf Stein bauen wir Distanz zu anderen auf. Diese Mauern schützen uns vielleicht, aber sie isolieren uns auch. Sie verhindern Nähe und Verständnis. Doch der Stein ist nicht das Letzte.
  • Diese Steine kennen wir. Doch die Botschaft der Osternacht lautet: Kein Stein ist zu schwer, um weggerollt zu werden.

 

Eingangsgebet

Jesus,
du kennst die Last, die Menschen tragen.
Du weißt, wie dunkel das Leben werden kann.

Wir bitten dich:
Bleib uns nah,
wenn wir keinen Ausweg sehen.
Wenn Worte fehlen
und die Kraft knapp wird.

Mit dir kommen Steine in Bewegung,
nicht nur damals am Grab,
sondern auch heute in unserem Leben.
Du machst Raum, wo wir feststecken.
Du bringst Bewegung, wo alles blockiert ist.

Darauf vertrauen wir.
Nicht auf unsere Stärke,
sondern auf deine Nähe.
Heute.
Und weiter mit uns.
Amen.