Markus 4,26-32

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Mensch aus Gottes Gnade | Sexagesimae | 8. Februar 2026 | Markus 4,2632 | Eva Holmegaard Larsen |

Wachstum und Fruchtbarkeit finden sich in den beiden Bildern, die Jesus uns vor Augen führt: der Bauer, der sein Feld besät. Und während er schläft und aufsteht, Nacht und Tag, keimt das Korn und wächst – ganz von selbst. Ohne dass er weiß wie.

Und das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn, ein winziges Samenkorn, kleiner als alle anderen Samen. Aber wenn es gesät ist, wächst es empor und wird größer als alle anderen Pflanzen. Mit großen, schattigen Zweigen.

Wachstum und Fruchtbarkeit – danach sehnen auch wir uns innig. Die Tage werden länger, der Winter neigt sich dem Ende zu. Wir freuen uns auf Frühling und Sommer und auf all das Gute, das uns erwartet, nun da das Licht im Begriff ist zurückzukehren und die nackten Zweige Knospen treiben werden.

Es ist jedes Jahr ein Wunder, wenn wir aus der grauen Decke heraustreten, die den ganzen Winter über von morgens bis abends auf uns liegt. Es ist ein Wunder, wenn wir die Winterdunkelheit von uns abwerfen. Und treu kehrt er zu uns zurück, der Frühling – wenn die Zeit gekommen ist. Ganz von selbst, unabhängig von allem, was wir tun oder können. Gleichgültig wer wir sind und was wir getan oder nicht getan haben. Gleichgültig wie wir unser Leben leben, und ob wir glücklich oder unglücklich sind. Gleichgültig ob wir böse oder gut sind – gleichgültig wie viel Unfrieden, Krieg und Unglück es in der Welt gibt – so kommt er dennoch. Der Frühling.

Und wir können ihn nicht beschleunigen. Er wächst von selbst. Treu ergrünen Feld und Wiese – ein Zeugnis für die Wachstumskraft, die in der Welt ist und die sich unter den unmöglichsten Bedingungen durchsetzt. Gegenüber der Natur fällt es uns nicht schwer, uns hinzugeben, glücklich ohnmächtig vor ihren starken Kräften. Hier sind wir voller Vertrauen – ein Vertrauen, das trägt und uns durch die langen, dunklen, eiskalten Wintertage bringt und uns vorwärtsschauen lässt und uns in guten Händen fühlen lässt.

Aber wir sind ja offensichtlich nicht nur in Gottes guten Händen, sondern auch in unseren eigenen ungeduldigen und naturstörenden Händen. Vielleicht verfolgen wir gerade deshalb den Gang der Natur noch aufmerksamer und sind glücklich, die Bäume ausschlagen zu sehen und das Korn auf dem Feld wachsen zu sehen – von selbst, ohne dass wir wissen wie.

Es gibt Wachstumskraft im Leben – das ist es, was uns diese schönen „Wachstums- und Fruchtbarkeitsbilder“ sagen wollen. Bilder davon, in Gottes Hand zu sein. Auch wenn wir sterben. Wir möchten einerseits den Gang der Natur steuern. Wenn es jedoch um uns selbst geht, hoffen wir, dass dort unten in der Erde etwas ist, das mit Gottes gutem Willen mehr Leben hervorbringen wird, als das, über das wir selbst Herren sind.

Nicht mehr lange, und wir werden Ostern feiern, mit gelben Osterlilien und Küken, die aus dem Ei schlüpfen, und Christus, der von den Toten aufersteht.

Was ist Ostern im Grunde? Ostern will uns hineinziehen in ein tieferes Vertrauensverhältnis zu der Kraft, die die Dinge wachsen und gedeihen lässt. Ein Vertrauen darauf, dass auch wir Teil von Gottes Schöpfungswerk sind – und dass nicht einmal der Tod das Leben in uns daran hindern kann, wieder hervorzubrechen. Durchströmt wie wir sind von Gott.

Wir sind aus Gottes Kraft hervorgewachsen und wir sollen zu Gott hin wachsen. Wir leben nicht für uns selbst – wie Paulus sagt. Wir leben für Gott. An die Auferstehung der Toten zu glauben bedeutet, an den großen Frühling zu glauben. Im großen Bild. Zu glauben, dass wir im Wachstum begriffen sind und Gottes Wachstumskraft in uns haben – und dass wir immer im Werden sind, auch wenn wir sterben.

Ein solcher Glaube daran, was Menschsein heißt, spricht unmittelbar in all unsere Sorgen und Erwartungen hinein, dass wir selbst die Verantwortung dafür tragen, alles geschehen zu lassen. Eine Erwartung, dass alles Wachstum und alle Veränderung auf unseren Schultern liegt. Das ist eine Sorge, die uns nachts wach hält. Denn wir haben selbstverständlich viel Verantwortung – wir haben viele Aufgaben, die wir lösen müssen, und Menschen, auf die wir aufpassen müssen.

Wir müssen auch uns selbst tragen, und das kann manchmal das Schwerste sein. Wer kennt es nicht, besorgt um die Ereignisse des Tages zu kreisen und alles durchzugehen, was geschehen ist: haben wir nun die richtigen Entscheidungen getroffen, und haben wir jemandem etwas Falsches gesagt? Haben wir jemanden verletzt, und habe ich etwas übersehen, und warum kann ich mich nicht zusammenreißen? War es ausreichend, was ich geleistet habe – und was ist mit all den schlechten Nachrichten und unserer Zukunft? Der Zukunft der Kinder?

Wir sind so tüchtig und können so viel, aber das hat uns auch einen fast manischen Kontrollzwang beschert, der sowohl Alte als auch Junge plagt. Wir wollen die Kontrolle über alles haben, auch über unsere Gedanken. Deshalb quält es uns durch schlaflose Nächte, wenn das Gedankengewimmel erst einmal in Gang gekommen ist.

Dann können wir Schlaftabletten nehmen, aufstehen und fernsehen, den Kühlschrank leerräumen und essen und trinken, um die Unruhe zu stillen – aber wir können uns auch üben, alles von uns zu legen und alles Gott zu überlassen, während wir für uns selbst beten:

Ich kann an dem Tag, der nun alle seine Stunden verbraucht hat, nichts mehr ändern. Noch ein Tag ist zu Ende gelebt, und morgen ist ein neuer. Nun vertraue ich alles der Liebe Gottes an im Vertrauen darauf: dass das, was ich nicht bewältigt habe und was vielleicht nicht so wurde, wie ich es mir gewünscht oder erhofft hatte – all das kann sich in Gottes Hand in Segen verwandeln.

Es gibt etwas, das von selbst wächst, während ich schlafe und aufstehe. Niederlagen und Ärger können zu Freude und Segen werden. Darüber soll ich also nicht mehr grübeln. Leg es Gott hin. Schlaf ruhig. Alles steht in Gottes Vaterhand.

Es ist gut, sich klein zu machen und sich in Gottes Hand zu legen, bevor man schlafen geht. Es ist gut, die Proportionen zurechtzurücken, bevor man den Kopf aufs Kissen legt – und daran zu glauben, dass auch etwas geschieht, und sogar nicht wenig, ohne dass wir es sind, die es steuern.

In alten Zeiten war man nicht so hart zu sich selbst. Es gab eine Zeit, da nannte man die Widrigkeiten des Lebens Lebensbedingungen. Heute sind es Niederlagen: Du hast versagt – wieder. Du hast die falschen Entscheidungen getroffen. Du hast falsch gelebt. Du warst nicht stark genug. Du hast nicht gut genug auf dich aufgepasst. Du hattest deine Prioritäten nicht in Ordnung. Du hast nicht die richtigen Bücher gelesen, die richtigen Kurse besucht, die richtigen Menschen gekannt, nicht die richtige mentale Kraft gehabt – ja, du warst kein genug tüchtiger Mensch – keine genug gute Mutter oder kein genug guter Vater oder kein genug spannender und inspirierender Ehepartner!

Einst dachte man in Bedingungen. Jetzt denken wir in Niederlagen. Wir nehmen alles persönlich. Wir sind hart zu uns selbst. Könnten wir uns doch ein wenig zurücklehnen und sagen: Gott, ich bin in deinen Händen! Könnten wir uns doch damit begnügen, Menschen aus Gottes Gnade zu sein, ohne zu glauben, wir müssten alles lenken.

Könnten wir doch unser Leben mit mehr Vertrauen darauf leben, dass es etwas gibt, das von selbst kommt. Dass es etwas gibt, das wächst, während wir schlafen und aufstehen, Nacht und Tag.

Denn vielleicht ist es gerade unsere Ungeduld, wo wir das gute Leben bis ins kleinste Detail und nach einer festen Schablone planen wollen – vielleicht ist es diese Kontrollmanie, die unsere Träume zerstört.

Wir müssen uns in mehr Geduld üben – sowohl mit uns selbst als auch mit unseren Kindern und Ehepartnern und guten Freunden. Uns darin üben zu warten. Mit derselben geduldigen Zuversicht zu warten, mit der wir auf den Frühling warten und wissen, dass alles Gute zu dem kommt, der wartet.

Das Leben braucht Zeit. Die Liebe braucht Zeit. Die Kinder sollen wir mit Freude begleiten und nicht mit Erwartungen verfolgen. Das moderne Leben hat etwas „Überreifes“ an sich. Etwas Ungeduldiges, als ob wir uns beeilen müssten zu leben und eine ganze Menge zu erreichen – bevor es zu spät wird. Aber das Leben kann zu überdüngt werden, als dass es Frucht tragen könnte. Zu überstimuliert, als dass wir es spüren könnten.

Gib Zeit! Das Leben erfordert Geduld. Es kann lange dauern herauszufinden, der zu sein, der man ist. Es dauert lange, man selbst zu werden. Es braucht Zeit, Fuß zu fassen.

Liebe braucht auch Zeit. Es erfordert Geduld, die Liebe kennenzulernen. Wenn man einander begegnet, wird der Same in die Erde gelegt. Man weiß noch nicht, was Liebe ist – langsam wächst sie. Und vielleicht ist es erst, wenn der eine nach vielen Jahren den anderen ins Grab legt, dass wir wirklich wissen, was es heißt, dass wir einander liebten.

Sowohl die Natur als auch die Liebe können durch Kunstdünger und wachstumsfördernde Stoffe verwelken und sterben.

Glaube braucht auch Zeit. Vielleicht ein ganzes Leben. Was heißt es, gläubig zu sein? Es bedeutet auch, es in sich wachsen zu lassen. Ganz langsam, ganz von selbst. Man wird nicht gläubig von einem Augenblick zum anderen – wie etwas, das man messen oder dessen Temperatur man nehmen könnte.

Andererseits braucht es nicht viel. Es ist wie ein winziges Samenkorn, das in die Erde gelegt wird und größer wächst als alle anderen Bäume. So ist Gottes Wort von Jesus in die Welt gesät – es klingt nicht nach viel. Im Gegenteil kann es nach sehr wenig klingen.

Es klingt jedenfalls nicht immer gleich überzeugend. Es war ja nur ein Mensch, der vor vielen Jahren umherging. Er sah nicht nach viel aus. Er lebte kein großes Leben, und er starb einen traurigen, demütigenden Tod am Kreuz. Aber in diesem gewöhnlichen Leben lag etwas verborgen. Die Worte wurden gesät – Worte über Vergebung, Hoffnung und Versöhnung. Es ist groß, was solche Worte bewirken können. Sie können wachsen – und in uns wachsen. Und alles neu machen.

Aber es braucht Zeit. Wir möchten so gerne, dass wir den Sinn des Ganzen sofort sehen können. Dass wir in die Kirche kommen können, und dann geht uns alles in einem Augenblick auf.

Aber Glaube braucht Zeit zum Wachsen und um seine Wirkung zu tun. Zeit, Wurzeln zu schlagen.

Ein winziges Samenkorn kann zu einem großen Baum werden. Das, was nicht nach viel aussieht, kann den Keim zu etwas Großem in sich tragen. Das gilt auch für uns Menschen. Keiner von uns ist nur das, wonach wir aussehen. Das ist es, was wir von hier an diesem Sonntag mitnehmen sollen.

Amen.


Eva Holmegaard Larsen
Pastorin in Nødebo/Gadevang
ehl(a)km.dk