Markus 8,1-9
Gegen den Hunger / Erntedank / 4.10.2026 / Mk 8,1-9 / Nadja Papis
Was für ein schöner Festtag! Am Erntedank überkommt mich Begeisterung: all die Farben, so viel Vielfalt! Allein schon die Dekoration lässt mich schwelgen. Und dann erst der Anblick des reich gedeckten Tisches der Teilete! Wie das alles riecht und schmeckt!
Das weckt viel Dankbarkeit. Dankbarkeit für all das, was blüht, reift und Früchte trägt. Dankbarkeit auch für die Arbeit, die drinsteckt.
Ach, wie schön ist doch der Erntedank!
Und passend dazu haben wir heute auch eine schöne Geschichte aus der Bibel: Lesung oder Erzählung von Mk 8,1-9
Das Wunder der Speisung von tausenden Menschen wird in den vier Evangelien gleich sechsmal erzählt. Mal sind es 4000, mal 5000, die da Brot und Fische teilen und satt werden.
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich stelle mir das immer so als gemütliches Picknick vor. Die sitzen in Gruppen zusammen, reichen das Brot weiter, unterhalten sich friedlich und fühlen sich gestärkt.
Hm, die Szene war wohl ziemlich anders. Das musste ich dieses Jahr in der Predigtvorbereitung erfahren. Die Theologin Luzia Suter Rehmann hat mich in ihrem Buch «Wut im Bauch» mitgenommen auf Entdeckungsreise durch diese Speisungsgeschichten. Thema: Hunger. Wirklicher Hunger.
Nicht dieses leichte Knurren im Bauch, wenn ich aus Zeitgründen eine Mahlzeit verschieben musste.
Nicht das Wasser, das mir beim Anblick des Erntedank-Buffet im Mund zusammenläuft.
Nicht der Kohldampf nach einer langen Wanderung.
Hunger. Wirklicher Hunger.
Hunger, wie ihn hierzulande wohl kaum mehr jemand kennt.
Der Hunger, der Menschen dazu treibt, alles zu tun, um an Essen heranzukommen.
Der Hunger, der über alles Schatten wirft – Todesschatten.
Der Hunger, der zermürbt, aufreibt, aushöhlt.
Ja, der Hunger, der in die Flucht treibt, in Wut und Aggression ausbrechen lässt, oder zum Verstummen bringt. Der Hunger, der unsere Sprachmöglichkeiten übersteigt.
Ich kenne ihn nur aus den Erzählungen von der Kriegszeit in Europa her. Oder aus anderen Ländern dieser Welt. Kenne die Bilder von den Hungerbäuchen, aufgebläht und doch leer. Kenne ihn von den Zahlen, die in den News nüchtern von Hungertoten sprechen.
Und dieser Hunger, über den spreche ich nicht gern. Das weckt Schuldgefühle, vor allem angesichts meines reichhaltig gedeckten Tisches. Ja, auch angesichts der Möglichkeiten, die wir in diesem Land haben. Wenn wegen der Trockenheit das Futter für die Nutztiere fehlt, kaufen wir es in Kanada. Wenn wegen dem Krieg in der Ukraine die Getreidelieferungen ausbleiben, werden andere Lieferanten gefunden. Wenn die gesamte Schweizer Kartoffelernte verfault, kauft unser Staat Kartoffeln ein und ist gleichzeitig um den Schutz unserer Bauern bemüht. Wir leben in einem Land, dessen Regierung für uns sorgt – dafür, dass wir genügend Nahrungsmittel haben, dafür dass wir nicht hungern müssen.
Wie ist es wohl, wenn du dein hungerndes Kind im Schlaf wimmern hörst? Wie ist es, wenn du um ein Stück Brot kämpfen musst, mit Fäusten und absolut leerem Magen? Wie ist es wohl, wenn du arbeitest und doch nicht genügend zusammenbringst, um satt zu werden? Wenn du vor Hunger zusammenbrichst?
Jesus begann seine Arbeit in einem Land der Hungernden. Armut und Gewalt herrschten. Kein nettes Picknick war das damals, sondern eine aufgebrachte Menge, die kreuz und quer herumlief, durcheinander, empört, unberechenbar. Während die Menschen hungerten, wurde nebenan ein schmucker Palast gebaut, feierten die Mächtigen im Überfluss und kümmerten sich nicht um ihre Untertanen.
Die Menschen waren aufgebracht, sie brachen auf.
Die Menschen waren hungrig, nach Brot und nach Gerechtigkeit.
Die Menschen waren am Ende, noch einen Schritt und sie brechen zusammen.
Und Jesus sah sie. Er nahm ihre Situation wahr. Und er hatte Erbarmen mit ihnen. Dort beginnt das Wunder – in diesem Erbarmen. Im Wahrnehmen und Berührt-Werden.
Dieses Wahrnehmen bringt etwas in Bewegung. Nicht nur Jesus, sondern auch seine Jünger und Jüngerinnen erkennen: Hier muss etwas geschehen.
Aber was? Wie soll das gehen?
Die Jünger und Jüngerinnen Jesu werden in die Pflicht genommen. Sie beraten, diskutieren, nehmen den Hunger ernst. Wenn wir die Hungrigen dieser Welt wirklich wahrnehmen, verwandelt uns das. Sie sind unsere Geschwister. So schreibt Suter Rehmann. Wir müssen nichts erklären: Ihr Hunger ist nicht recht. Das spüren wir. So wie die Jüngerschaft damals. In dieser Geschichte steht nicht Jesus im Zentrum. Es geht nicht um den Beweis seiner Göttlichkeit, um das Wunder der Brotvermehrung – es geht um die hungernden Menschen. Es geht um das, was sie brauchen, jetzt, sofort.
Jesus fragt nach dem Notvorrat: Wie viele Brote habt ihr?
Sieben.
Gut, ein Anfang, legen wir los.
Setzt euch zusammen!
Betet mit mir – dankt Gott für das, was wir haben.
Teilt das Brot und die paar kleinen Fische!
Und dann: Die Menschen assen und wurden satt.
Satt-Werden.
Satt-Sein.
Und dann bleibt noch übrig!
Der Traum der Hungernden: satt und es hat noch übrig.
Der Schluss der Geschichte wird sehr nüchtern erzählt – mit Zahlen: 4000 waren es, die Jesus heimschickte.
Ich möchte es mir noch ein wenig ausmalen:
4000 waren es, die satt waren.
4000 sassen da zusammen, in Gruppen, gesättigt.
Konnten sie es glauben? Hielten sie sich den für einmal vollen Bauch?
Was ging ihnen wohl durch den Kopf?
Oder fühlten sie einfach ohne nachzudenken?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in Feierlaune waren. Ihre Lebensrealität war ja noch da. Und doch wünsche ich mir, dass ein Hoffnungsfunke angezündet wurde in ihnen. Dass neben dem Brot auch die Zuwendung Jesu etwas bewirkt hat, ihren Rücken gestärkt, sie aufrechter gemacht hat. Seine Wahrnehmung, sein ehrlicher Blick auf ihr Elend, seine Anerkennung ihres Leidens, seine Aufträge ohne Wenn und Aber, ohne Erfolgsbilanz oder Abwägung, sein Wunder des Teilens. Dass sie verstanden haben, dass Gott auf ihrer Seite ist und rettet.
Ja, auch darum freue ich mich über den Erntedank: Erntedank zu feiern heisst, sich bewusst zu werden, dass Satt-Sein nichts Selbstverständliches ist, so wie es auch die Ernte nicht ist. Dass wir etwas zu feiern haben, gerade weil unsere Ernährung gesichert ist. Dass wir dankbar sein können, weil wir dadurch viel Freiraum haben, um unser Leben zu gestalten und zu geniessen.
Für mich ist der Erntedank darum wichtig, weil er eine Erinnerung ist…
… an die Botschaft gegen den Hunger
… an das Wahrnehmen und Zuhören
… an das Erbarmen, das so viel verändern kann
… an die Lösungsansätze, ans Suchen, Diskutieren, Ausprobieren
… an die Notvorräte und ans Teilen
… ans Aufstehen und einander den Rücken stärken
Und nicht zuletzt an den Traum, die Vision aller Hungernden: satt zu sein und es hat noch übrig. Das ist der göttliche Zuspruch: die Hoffnung auf die Fülle des Lebens, die allen zuteil wird. Diese Hoffnung bilden wir in der Erntedank-Dekoration ab, diese Hoffnung erfahren wir am Tisch mit all den feinen Dingen, die zur Teilete gebracht wurden. Diese Hoffnung finden wir auch in den Hungergeschichten der Bibel. Weil die Bibel im Angesicht von Leid nicht verstummt, sondern uns Sprachhilfe und Erfahrungswissen vermittelt.
Amen
—
Pfrn. Nadja Papis
Langnau am Albis/Sihltal
Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich/Schweiz. Seit 2003 tätig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal und seit 2010 Ausbildungspfarrerin.